Sowie Ben Gunn die Fahne sah blieb er stehen, hielt mich am Arm fest
und setzte sich dann auf den Boden.
„Na,“ sagte er, „das sind doch ganz sicher Eure Freunde.“
„Viel wahrscheinlicher sind es die Meuterer!“ antwortete ich.
„Das!“ rief er aus. „Nein, an einem solchen Ort, wo niemand anderes
hinkommt als ‚Glücksritter‘, da würde Silver die Freibeuterflagge
hissen, das ist doch ganz sicher. Nein! Das sind Eure Freunde. Es ist
auch zu Schlägen gekommen und ich denke Eure Freunde sind die stärkeren
geblieben und nun sind sie hier in der alten Umzäunung, die Flint vor
vielen Jahren errichtet hat. Oh! das war ein gescheiter Kerl, dieser
Flint; bis auf den Rum war keiner ihm gleich. Und fürchtete sich vor
niemandem. Nur Silver -- Silver war so aalglatt.“
„Nun,“ sagte ich, „das mag schon so sein, um so mehr muß ich eilen und
zu meinen Freunden hin.“
„Nein Kamerad,“ erwiderte Ben, „das werdet Ihr nicht tun, Ihr seid
ein guter Junge, wenn ich nicht sehr irre, aber doch seid Ihr nur ein
Junge alles in allem. Nun, Ben Gunn ist pfiffig; nicht einmal Rum würde
mich hinbringen, dorthin, wo Ihr hingeht -- nein, nicht einmal Rum,
bis ich Euren wohlgebornen Gentleman sehe und sein Ehrenwort habe. Und
Ihr werdet meine Worte nicht vergessen -- bedeutend mehr Vertrauen (so
werdet Ihr es sagen) ist nötig -- und dann werdet Ihr ihn so kneifen.“
Und er zwickte mich zum drittenmal, immer mit der gleichen Miene von
Schlauheit.
„Und wenn man Ben Gunn braucht, so wißt Ihr, wo er zu finden ist, Jim.
Genau dort, wo Ihr ihn heute gefunden habt. Und der, der kommt, muß
etwas Weißes in der Hand tragen und allein kommen.
Oh, und dann müßt Ihr es so sagen: ‚Ben Gunn‘, sagt Ihr, ‚hat schon
seine eigenen Gründe.‘“
„Nun,“ sagte ich, „ich glaube zu verstehen: Ihr habt etwas
vorzuschlagen und wünscht den Squire und den Doktor zu sehen und seid
dort zu finden, wo ich Euch gefunden habe. Ist das alles?“
„Und wann? müßt Ihr sagen“, fügte er hinzu. „Nun etwa von Mittag bis
sechs Uhr.“
„Gut,“ sagte ich, „kann ich jetzt gehen?“
„Ihr werdet nicht vergessen?“ erkundigte er sich besorgt. „Bedeutend
mehr Vertrauen“ und „seine eigenen Gründe“, sagt Ihr. Seine eigenen
Gründe, das ist die Hauptsache. Zwischen Mann und Mann. Nun also“, und
dabei hielt er mich noch fest --
„Ich denke jetzt könnt Ihr gehen, Jim. Und Jim, wenn Ihr Silver seht,
werdet Ihr Ben Gunn nicht verraten? Nicht einmal wilde Rosse würden
es Euch herauslocken. Ihr sagt nein? Und wenn diese Piraten ans Land
kommen, Jim, was würdet Ihr sagen als --“
Er wurde durch einen lauten Knall unterbrochen, eine Kanonenkugel brach
durch die Bäume und flog keine hundert Schritte von uns in den Sand. Im
nächsten Augenblick rannten wir schon jeder nach einer anderen Richtung.
Gut eine Stunde lang erschütterten häufige Schüsse die Insel und
immer wieder flogen Kugeln krachend durch die Wälder. Ich schlüpfte
von Versteck zu Versteck, immer verfolgt -- oder schien es mir so --
von diesen schrecklichen Geschossen. Doch noch ehe das Bombardement
zu Ende ging hatte ich, obwohl ich mich noch nicht in die Richtung
des Blockhauses wagte, wo die Kugeln am häufigsten fielen, wieder Mut
gefaßt.
Und nach einem weiten Umweg gegen Osten kroch ich zwischen den
Uferbäumen hinunter.
Die Sonne war eben untergegangen, der Seewind rauschte und polterte
in den Wäldern und kräuselte die graue Wasserfläche des Ankerplatzes.
Die Flut lag weit draußen und große Strecken Sandes lagen unbedeckt.
Die Luft war nach der Hitze des Tages so abgekühlt, daß es mich trotz
meiner Jacke fröstelte.
Die Hispaniola lag noch dort, wo sie Anker geworfen hatte, doch
wirklich wehte der Jolly Roger, die schwarze Flagge der Freibeuter, von
ihrer Spitze. Gerade als ich hinschaute, sah ich wieder einen roten
Blitz und hörte einen Knall, dann ringsum knatterndes Echo, und noch
ein Kanonenschuß pfiff durch die Luft. Das war der Schluß der Kanonade.
Ich lag noch eine Weile ruhig und lauschte einem Geräusch, das dem
Angriff folgte. Irgend etwas wurde am Ufer nahe der Umzäunung mit Äxten
zertrümmert. Es war, wie ich später entdeckte, die arme Jolle. Weiter
seitwärts, nahe der Flußmündung, war ein großes Feuer unter den Bäumen
angezündet und zwischen diesem Punkte und dem Schiff gingen fortwährend
Ruderboote hin und her, und die Matrosen, die ich nur so düster kannte,
lärmten beim Rudern wie die Kinder. Doch lag etwas im Klang ihrer
Stimmen, was an Rum erinnerte.
Schließlich glaubte ich zur Umzäunung zurückkehren zu können. Ich
befand mich ziemlich weit unten auf der niedrigen sandigen Landzunge,
welche den Ankerplatz nach Osten umschließt und mit der Skelettinsel
verbunden ist. Als ich mich jetzt erhob, sah ich in einiger Entfernung
unterhalb der Landzunge einen einzelnen, ziemlich hohen und merkwürdig
weißen Felsen, der sich aus dem niedrigen Gehölz erhob. Es fiel mir
ein, daß dies der weiße Felsen sein könnte, von welchem Ben Gunn
gesprochen hatte, und daß man eines Tages vielleicht ein Boot brauchen
würde und ich dann wissen würde, wo eines zu finden sei.
Dann strich ich durch die Wälder, bis ich die rückwärtige, dem Ufer
zugewandte Seite der Umzäunung erreicht hatte und wurde bald von der
treuen Gesellschaft warm bewillkommt. Meine Geschichte war bald erzählt
und ich begann mich umzuschauen. Das Blockhaus war aus unbehauenen
Fichtenstämmen errichtet -- Dach, Wände und Boden --. Die Diele stand
fußhoch über der Sandfläche. Bei der Tür war ein Dachvorsprung und
darunter floß die kleine Quelle in ein künstliches Becken von ziemlich
merkwürdiger Art -- nämlich in einen großen, eisernen Schiffskessel,
dem man den Boden ausgeschlagen hatte und der in den Sand festgerammt
worden war.
Außer dem Fachwerk des Hauses war wenig übriggeblieben. In einem Winkel
stand eine Steinplatte über einem alten, rostigen Eisenkorb, was eine
Art Herd darstellte. Das ganze Innere der Umzäunung und die Anhänge des
Hügels waren zum Zwecke der Erbauung des Hauses ausgerodet worden und
man konnte an den Stümpfen sehen, was für ein schönes und stattliches
Wäldchen da zerstört worden war.
Der Waldboden war, nachdem man die Bäume niedergehauen hatte, zum
großen Teil weggewaschen und von der Flut abgetrieben worden, und nur
dort wo die Quelle aus dem Kessel hineinsickerte, wuchsen noch ein
paar Farnkräuter, Moos und kleines Zwerggebüsch im Sand. Ganz eng um
die Umzäunung herum -- zu eng zur Verteidigung -- war der Wald noch
hoch und dicht, auf der Landseite gab’s nur Nadelholz, zur See zu mit
Lebensbäumen stark untermischt.
Der kalte Abendwind, von dem ich schon gesprochen habe, pfiff durch
jede Ritze des primitiven Gebäudes und besprenkelte den Boden mit einem
ununterbrochenen Sprühregen feinen Sandes. In unseren Augen, in unseren
Zähnen, in unserem Essen war Sand, Sand tanzte in der Quelle, am Boden
des Kessels wie Hafergrütze, die zu kochen beginnt. Unser Rauchfang
war ein viereckiges Loch im Dache, doch nur ein kleiner Teil des
Rauches fand den Weg ins Freie und der übrige wirbelte im Haus herum
und brachte uns zum Husten und unsere Augen zum Tränen. Dazu kommt,
daß Gray, unser neuer Mann, das Gesicht verbunden trug, wegen eines
Schnittes, den ihm die Meuterer, als er ihnen durchging, beigebracht
hatten, und daß der arme, alte Tom Redruth noch unbegraben steif und
starr unter der Flagge an der Wand lag.
Wenn man uns hätte faul herumsitzen lassen, wären wir alle trübsinnig
geworden, doch dazu war Kapitän Smollett nicht der Mann. Er beschied
alle zu sich und teilte uns in Patrouillen ein. Der Doktor, Gray und
ich waren die eine, der Squire, Hunter und Joyce gehörten zur anderen.
Trotzdem wir alle müde waren, wurden zwei um Brennholz hinausgeschickt;
zwei hatten für Redruth ein Grab zu graben, der Doktor wurde zum Koch
ernannt, ich wurde als Schildwache an die Tür gestellt und der Kapitän
selbst ging von einem zum anderen, hielt uns in guter Stimmung und
griff zu wo es notwendig war.
Von Zeit zu Zeit kam der Doktor zur Tür, um ein wenig Luft zu schöpfen
und seine Augen auszuruhen, die fast ausgeräuchert waren. Und jedesmal
hatte er ein paar Worte für mich.
„Dieser Smollett“, sagte er einmal, „taugt mehr als ich selber. Und
wenn ich so etwas sage, so bedeutet das schon etwas, Jim.“
Ein anderes Mal kam er und blieb eine Weile stumm. Dann neigte er den
Kopf zur Seite und schaute mich an.
„Ist dieser Ben Gunn ein Mensch?“ fragte er.
„Ich weiß nicht, Herr,“ sagte ich, „ich bin nicht ganz sicher, ob er
bei Verstand ist.“
„Wenn darüber ein Zweifel sein kann, dann ist er bei Verstand“,
erwiderte der Doktor. „Ein Mann, der drei Jahre auf einer verlassenen
Insel sich die Nägel gebissen hat, Jim, kann nicht so normal scheinen
wie du oder ich. Für Käse, sagst du, hat er so eine Vorliebe?“
„Ja Herr, für Käse“, antwortete ich.
„Nun, Jim,“ sagte er, „da sieht man, wie gut es sein kann, wenn man im
Essen wählerisch ist. Du hast meine Schnupftabaksdose gesehen, nicht
wahr? Und hast mich doch niemals schnupfen gesehen. Die Sache ist die,
daß ich in meiner Schnupftabaksdose ein Stück Parmesankäse bei mir
trage -- einen italienischen, aber nahrhaften Käse. Nun, den kriegt Ben
Gunn!“
Ehe wir zum Abendbrot gingen begruben wir den alten Tom im Sande und
standen eine Weile barhäuptig im Winde um sein Grab. Eine tüchtige
Menge Brennholz hatten wir hereingebracht, doch nicht genug nach der
Ansicht des Kapitäns, der den Kopf schüttelte und sagte, daß wir
„die Sache morgen etwas lebhafter angehen müßten“. Nachdem wir unser
Schweinefleisch gegessen und jeder sein tüchtiges Glas steifen Grogs
getrunken hatte, zogen sich die drei Herren zusammen in einen Winkel
zurück, um unsere Aussichten zu besprechen.
Es scheint, daß sie nicht mehr recht aus und ein wußten, denn unsere
Vorräte waren so klein, daß wir uns vor Hunger hätten längst übergeben
müssen ehe Hilfe kam. Unsere beste Hoffnung bestand darin, so wurde es
beschlossen, die Freibeuter abzuschießen, bis sie endlich ihre Fahne
herunterholten oder mit der Hispaniola flohen. Von neunzehn war ihre
Zahl schon auf fünfzehn gesunken, zwei weitere waren verwundet und
zumindest einer davon -- der Mann, der neben der Kanone angeschossen
worden war -- schwer verwundet, wenn nicht schon tot. Jedesmal wenn
wir sie angriffen mußten wir mit der äußersten Vorsicht vorgehen, um
uns selbst nicht zu gefährden. Und außerdem hatten wir zwei tüchtige
Verbündete -- den Rum und das Klima.
Was den Rum anlangt so konnten wir sie, trotzdem wir ungefähr eine
halbe Meile entfernt waren, bis spät in die Nacht hinein singen und
brüllen hören. Und was das Klima betrifft, verpfändete der Doktor
seine Perücke dafür, daß so, wie sie im Sumpf kampierten und mit
Fiebermitteln nicht versehen, die Hälfte von ihnen noch vor einer Woche
auf dem Rücken liegen würde.
„So werden sie,“ fügte er hinzu, „wenn wir nicht doch vorher alle
niedergeschossen werden, noch ganz froh sein den Schooner zu haben.
Es ist immerhin ein Schiff und ich denke sie können damit wieder auf
Freibeuterei gehen.“
„Das erste Schiff, das ich jemals verlor“, sagte Kapitän Smollett.
Ich war todmüde, wie man sich vorstellen kann, und kaum hatte ich mich
niedergelegt, schlief ich schon wie ein Stück Holz.
Die übrigen waren schon lange auf und hatten bereits gefrühstückt und
den Stoß Brennholz um die Hälfte vergrößert, als ich durch Lärm und
den Klang von Stimmen geweckt wurde. „Weiße Fahne!“ hörte ich jemanden
sagen und sofort darauf mit einem Ruf der Überraschung: „Silver
selbst!“ Als ich das hörte, sprang ich auf und lief, mir die Augen
reibend, zu einem der Gucklöcher in der Wand.
[Illustration]