Die letzte Ausfahrt der Jolle

Diese fünfte Ausfahrt verlief ganz verschieden von allen früheren.

Vor allem war das Spielzeug von einem Boot schwer überlastet. Fünf

erwachsene Männer, davon drei -- Trelawney, Redruth und der Kapitän

-- über sechs Fuß hoch, das war mehr als ihm zuzumuten war. Dazu das

Pulver, das Schweinefleisch und die Brotsäcke. Das Schandeck hing tief

ins Wasser. Wiederholt bekamen wir Wasser herein und meine Hosen und

Rockschöße waren triefnaß, ehe wir hundert Meter weit gekommen waren.

Der Kapitän ließ uns das Gewicht des Bootes ausbalancieren und wir

brachten es schließlich dazu, daß es glatter lag. Trotzdem wagten wir

kaum zu atmen. Außerdem erzeugte jetzt die Ebbe eine starke Strömung,

die durch das Becken westlich lief und dann südlich und seewärts die

Durchfahrt hinunter, durch welche wir am Morgen gekommen waren. Selbst

die Wellen bildeten für unser überladenes Fahrzeug eine Gefahr; doch

das ärgste war, daß wir von unserem richtigen Kurs und von unserem

eigentlichen Landungsplatz hinter der Spitze weggeschwemmt wurden. Wenn

wir der Strömung keinen Widerstand geleistet hätten, hätten wir neben

den Booten, wo die Seeräuber jeden Augenblick erscheinen konnten, ans

Land gehen müssen.

„Ich kann die Spitze nicht nach den Palisaden zu kriegen, Herr“, sagte

ich zum Kapitän. Ich steuerte, während er und Redruth, beide frische

Männer, die noch nicht ermüdet waren, die Ruder bedienten. „Die Flut

schwemmt es hinunter, könnt Ihr nicht etwas besser antauchen?“

„Nein -- wenn wir das Boot nicht versenken wollen“, sagte er.

„Ihr müßt aushalten Herr, unbedingt bitte, aushalten bis Ihr seht, daß

es geht.“

Ich versuchte und fand heraus, daß die Flut uns auch weiterhin nach

Westen schwemmte, außer wenn ich die Spitze gerade nach Osten hielt

oder im rechten Winkel zu unserem Ziel zusteuerte.

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„In diesem Tempo werden wir aber niemals ans Ufer gelangen“, sagte ich.

„Wenn es der einzige Kurs ist, den wir nehmen können, Herr, so müssen

wir ihn nehmen“, erwiderte der Kapitän. „Wir müssen uns stromaufwärts

halten. Ihr seht,“ fuhr er fort, „wenn wir erst leewärts vom

Landungsplatz abfallen, wäre es schwer zu sagen wo wir überhaupt landen

würden und außerdem könnten wir noch von den Schifferbooten gekapert

werden; während auf unserem Wege die Strömung nachlassen muß und dann

können wir dem Ufer entlang ausweichen.“

„Die Strömung wird schon schwächer, Herr,“ sagte Gray, der vorne saß,

„Ihr könnt ein wenig nachlassen.“

„Ich danke Euch“, sagte ich in ganz unbefangenem Tone, denn wir hatten

alle stillschweigend beschlossen ihn als einen der unseren zu behandeln.

Plötzlich nahm der Kapitän das Wort und es schien mir als wäre seine

Stimme leicht verändert.

„Die Kanone!“ sagte er.

„Daran habe ich gedacht“, sagte ich, denn ich glaubte er spreche

von einer Bombardierung der Festung. „Sie würden die Kanone nie ans

Ufer bekommen und wenn auch, könnten sie sie nicht durch die Wälder

schleppen.“

„Schaut rückwärts Doktor“, erwiderte der Kapitän.

Wir hatten den langen Neunpfünder ganz vergessen und nun sahen wir

zu unserem Entsetzen wie die fünf Schurken sich um ihn bemühten

und ihm die Jacke abnahmen, wie sie die starke Decke aus geteertem

Segeltuch nannten, mit der er zugedeckt war. Nicht nur das, sondern im

selben Augenblick fiel mir ein, daß das Pulver und die Kanonenkugeln

zurückgeblieben waren und daß ein Axthieb alles in den Besitz der

Schurken an Bord bringen würde.

„Israel war Flints Kanonier“, sagte Gray mit heiserer Stimme.

Jeder Gefahr zum Trotz steuerten wir das Boot gerade auf den

Landungsplatz hin. Wir waren nun schon so weit aus der Strömung

draußen, daß wir bei unserem notwendig langsamen Rudertempo gerade auf

unser Ziel lossteuern konnten. Doch das arge daran war, daß wir bei

dem Kurs, den ich jetzt hielt, unsere volle Breitseite der Hispaniola

zukehrten und ein Ziel boten so groß wie ein Scheunentor.

Ich konnte jenen branntweinnasigen Schuft, den Israel Hands, sehen --

und hören konnte ich es auch, wie er eine Kanonenkugel aufs Deck fallen

ließ.

„Wer ist der beste Schütze?“ fragte der Kapitän. „Herr Trelawney

zweifellos“, sagte ich.

„Herr Trelawney, möchten Sie mir bitte einen dieser Leute

herunterholen? Hands, wenn möglich“, sagte der Kapitän.

Trelawney blieb kalt wie Stahl und prüfte die Zündung seines Gewehres.

„Nun,“ rief der Kapitän, „vorsichtig mit dem Gewehr, Herr, oder Ihr

versenkt das Boot. Alle halten die Balance während er zielt.“

Der Squire erhob sein Gewehr, wir hörten auf zu rudern und lehnten uns

nach der Gegenrichtung, um das Gleichgewicht zu halten. Und alles wurde

so gut gemacht, daß wir nicht einen Tropfen Wasser ins Boot bekamen.

Inzwischen hatten sie die Kanone um die Drehbrasse herumgedreht und

Hands, der mit dem Ladestock an der Mündung stand, war infolgedessen

am meisten exponiert. Trotzdem hatten wir kein Glück, denn gerade als

Trelawney feuerte, bückte er sich, die Kugel pfiff über ihn hin und

einer von den anderen vier fiel.

Der Schrei, den er ausstieß, fand nicht nur Widerhall an Bord, es

erhoben sich auch eine Menge Stimmen vom Ufer her und als wir in

jene Richtung blickten, sah ich die anderen Seeräuber aus dem Walde

hervorkommen und an ihre Plätze in den Booten stürzen.

„Die Boote kommen“, sagte ich.

„Also ans Land!“ schrie der Kapitän. „Jetzt nicht mehr darauf achten,

ob wir Wasser hereinbekommen. Wenn wir nicht ans Ufer können, ist alles

aus.“

„Nur eins von den Ruderbooten wird bemannt, Herr,“ fügte ich hinzu,

„die Mannschaft des anderen läuft wahrscheinlich am Ufer herüber, um

uns abzuschneiden.“

„Die werden tüchtig zu laufen haben, Herr“, erwiderte der Kapitän. „Der

Matrose auf dem Lande, Ihr kennt das! Die fürchte ich am wenigsten. Nur

die Kanone; Zimmercroquet! kein Stubenmädchen könnte uns verfehlen!

Sagt uns Squire, wenn das Spiel beginnt!“

Inzwischen waren wir in einem Tempo, das für ein so schwerbeladenes

Boot ganz tüchtig zu nennen war, vorwärtsgekommen und hatten dabei

nur wenig Wasser ins Boot bekommen. Jetzt galt es nur mehr dreißig

oder vierzig Ruderschläge und wir konnten landen, denn die Ebbe hatte

bereits einen schmalen Sandgürtel unter den Bäumen freigelassen. Das

Ruderboot war nicht mehr zu fürchten, denn es war schon durch die

kleine Krümmung unseren Blicken entzogen. Die Ebbe, die uns so grausam

aufgehalten hatte, machte das nun gut, indem sie unsere Angreifer

aufhielt. Die einzige Quelle der Gefahr war die Kanone.

„Wenn ich es wagen würde,“ sagte der Kapitän, „möchte ich mir gern noch

einen Mann heraussuchen.“

Aber es war klar, daß nichts sie mehr abhalten konnte ihren Schuß

abzufeuern. Sie kümmerten sich nicht einmal um ihren gefallenen

Genossen, obwohl er nicht tot war und ich sehen konnte, wie er sich

bemühte wegzukriechen.

„Jetzt!“ rief der Squire.

„Halt!“ rief der Kapitän zurück.

Und er und Redruth neigten sich mit ihrem ganzen Gewicht, so daß das

Hinterschiff unter Wasser geriet. Im selben Augenblick fiel der Schuß.

Das war der erste, den Jim hörte, denn der des Squire, war nicht bis zu

ihm gedrungen. Wohin die Kugel traf wußte niemand von uns genau, aber

ich denke, sie muß über unsere Köpfe hinweggeflogen sein und der Wind,

den sie erzeugte, mag zu unserem Mißgeschick beigetragen haben.

Jedenfalls sank das Boot mit der Hinterseite ganz langsam drei Fuß

unter Wasser. Der Kapitän und ich, einander gegenüber, blieben trocken.

Die anderen drei machten vollständige Kopfsprünge und kamen durchnäßt

und zappelnd wieder herauf.

Soweit war kein großes Unglück geschehen, wir waren am Leben und

konnten bequem ans Ufer waten, doch da lagen unsere Vorräte auf dem

Grunde, und was noch ärger war, nur zwei von unseren fünf Gewehren

blieben in gebrauchsfähigem Zustande. Ich hatte das meinige förmlich

instinktiv über meinen Kopf gehalten, und der Kapitän, der seines an

einem Riemen um die Schulter trug, und zwar wie ein vernünftiger Mann,

mit dem Schloß nach oben, hatte es ebenfalls gerettet. Die anderen drei

Gewehre waren mit dem Boot gesunken.

Unsere Bestürzung wurde noch dadurch vermehrt, daß wir Stimmen durch

das Gehölz am Ufer näherkommen hörten, so daß wir nicht nur in Gefahr

waren in unserem halb wehrlosen Zustande vom Blockhaus abgeschnitten

zu bleiben, sondern auch noch fürchten mußten, daß Hunter und Joyce,

wenn sie von einem halben Dutzend angegriffen würden, nicht standhalten

könnten. Hunter war ein sicherer Mann, das wußten wir, doch Joyce war

ein zweifelhafter Fall -- ein freundlicher, höflicher Mensch, zum

Kammerdiener, der die Kleider bürsten sollte, sehr geeignet, aber nicht

gerade zum Krieger geboren.

Mit solchen Gedanken im Kopf wateten wir so rasch wir konnten ans Ufer

und ließen unsere arme Jolle und gut die Hälfte unseres Pulvers und

unserer Vorräte zurück.

Die Schatzinsel: Roman · 第 46 / 80 题