Man kann sich die Aufregung vorstellen, in die mich dieser Brief
versetzte. Ich war außer mir vor Entzücken und verachtete maßlos den
alten Tom Redruth, der nicht zu klagen und zu brummen aufhörte. Jeder
der anderen Wildhüter wäre mit Freuden an seiner Statt gegangen, aber
das war nicht der Wille des Gutsherrn, und der Wille des Gutsherrn war
Gesetz für sie alle. Keiner außer dem alten Redruth hätte auch nur zu
murren gewagt.
Der nächste Morgen fand uns beide im „Admiral Benbow“, und dort sah ich
meine Mutter bei bester Gesundheit und Laune wieder. Der Kapitän, der
die Ursache von so viel Verdruß gewesen, war dorthin gegangen, wo auch
die Bösen nicht mehr schaden können. Der Squire hatte alles richten
lassen, die Gaststube war neu gemalt und das Schild repariert worden,
er hatte auch noch einige Möbelstücke geschickt -- vor allem einen
herrlichen Lehnstuhl für die Mutter. Er hatte ihr auch einen Lehrjungen
verschafft, damit sie eine Hilfe hätte, wenn ich fort wäre.
Erst als ich diesen Jungen sah, begriff ich zum ersten Male den Ernst
des Augenblicks. Bis dahin hatte ich nur an die Abenteuer, die vor mir
lagen, und keinen Moment an die Heimat gedacht, die ich nun verließ.
Und erst beim Anblick dieses ungeschickten, fremden Jungen, der hier
an meiner Stelle mit meiner Mutter leben sollte, kamen mir die ersten
Tränen. Ich fürchte, ich habe diesen Burschen sehr gequält, denn da ihm
die Arbeit neu war, hatte ich hundert Gelegenheiten ihm etwas am Zeug
zu flicken und ihn zu demütigen, und ich nützte sie weidlich aus.
Die Nacht verging und am nächsten Tag nach dem Mittagessen waren
wir beide auf den Beinen, Redruth und ich. Ich sagte meiner Mutter
Lebewohl und auch der Bucht, in der ich geboren war, und dem lieben,
alten „Admiral Benbow“, der, seitdem er neu gemalt war, mir nicht mehr
so vertraut erschien. Einer meiner letzten Gedanken war der an den
Kapitän, der so oft mit seinem federngeschmückten Hut, seiner Hiebnarbe
und mit seinem alten Messingfernrohr die Bucht entlang spaziert war. Im
nächsten Augenblick bogen wir um die Ecke und meine Heimat war nicht
mehr zu sehen. --
Die Post nahm uns um die Dämmerstunde beim „König Georg“ auf der Heide
auf. Ich war zwischen Redruth und einem alten, dicken Herrn eingekeilt
und muß trotz der raschen Bewegung und der kalten Nachtluft von Beginn
der Fahrt an meist geduselt haben. Und dann schlief ich wie ein Stück
Holz, bergauf, bergab, durch alle Stationen durch, denn ich erwachte
von einem Rippenstoß, und als ich die Augen öffnete, hielten wir vor
einem großen Gebäude in einer städtischen Straße und es war längst Tag
geworden.
„Wo sind wir?“ fragte ich.
„Bristol!“ sagte Tom. „Aussteigen!“
Herr Trelawney hatte seinen Wohnsitz in einem Gasthof weit draußen
bei den Docks aufgeschlagen, um die Arbeiten auf dem Schooner leicht
beaufsichtigen zu können. Dorthin mußten wir nun gehen und zu meinem
Entzücken führte unser Weg die Kais entlang und vorbei an einer Unzahl
von Schiffen aller Größen, Arten und Nationen. Auf dem einen sangen
Matrosen bei der Arbeit, auf einem andern hingen Leute hoch über meinem
Kopf an Strickleitern, die nicht dicker aussahen als Spinnweben. Obwohl
ich am Meeresstrande gelebt hatte, schien es mir als hätte ich das
Meer nie gekannt. Der Teer- und Salzgeruch waren mir neu. Ich sah die
seltsamsten Gallionfiguren auf fremdländischen Schiffen und viele,
alte Seeleute mit Ohrgehängen und gelockten Backenbärten und geteerten
Zöpfen, mit ihrem schwankenden, schwerfälligen Seemannsgang. Wenn mir
ebensoviele Könige oder Erzbischöfe begegnet wären, ich hätte nicht
begeisterter sein können.
Und ich selbst wollte aufs Meer hinaus! Auf einem Schooner, mit einem
pfeifenden Bootsmann und bezopften, singenden Matrosen, zur See, nach
einer unbekannten Insel, vergrabene Schätze zu suchen!
Während ich noch in diesen herrlichen Träumen schwelgte, kamen wir
plötzlich vor ein großes Gasthaus und trafen Herrn Trelawney, der ganz
wie ein Seeoffizier ausstaffiert war und mit einem Lächeln auf den
Lippen in einer ausgezeichneten Nachahmung des breitbeinigen Ganges der
Seeleute aus der Türe trat.
„Da seid Ihr,“ rief er, „und der Doktor ist heute Nacht aus London
eingetroffen! Bravo! Die Schiffsgesellschaft ist beisammen!“
„O Herr!“ rief ich, „wann segeln wir?“
„Segeln!“ sagte er, „wir segeln morgen!“