Mein Vater sagte: „Nein, leider sehr wenig.“

„Also gut,“ meinte er darauf, „das ist mein Ankerplatz. Heda!

Freundchen!“ schrie er den Mann an, der den Karren mit seinem Koffer

schob; „komm herüber und trag den Koffer hinauf. Hier will ich eine

Weile bleiben“, fuhr er fort. „Ich bin ein einfacher Mann. Ich brauche

nichts als Rum, Speck und Eier und die Anhöhe dort, von wo aus ich

die abfahrenden Schiffe beobachten kann. -- Wie Ihr mich titulieren

sollt? Na, nennt mich Kapitän. -- -- Ja so, ich weiß schon, was Ihr

noch wollt. Da!“ -- -- -- Und damit warf er drei oder vier Goldstücke

hin. „Ihr könnt mir’s sagen, wenn ich damit fertig bin“, sagte er und

schaute stolz und befehlend herum.

Wirklich sah er trotz seiner abgetragenen Kleider und trotzdem seine

Sprechweise grob war, nicht wie ein Matrose aus, sondern wie der

Kapitän eines kleinen Kauffahrers, der gewöhnt ist, daß man ihm

gehorcht. -- Der Mann mit dem Schubkarren sagte aus, daß ihn die Post

tags vorher beim Gasthof „König Georg“ abgesetzt habe, wo er sich nach

den Gasthäusern der Umgegend erkundigt hätte. Da man ihm das unsere

als anständig geführt und einsam gelegen geschildert haben mag, wählte

er es als Aufenthaltsort. Das war alles, was wir über unsern Gast in

Erfahrung bringen konnten.

Er war für gewöhnlich ein sehr ruhiger Gast. Tagsüber trieb er sich

mit seinem Messingfernrohr in der Bucht und auf den Klippen herum,

und den ganzen Abend saß er beim Feuer in der Gaststube und trank

sehr starken Grog. Meist antwortete er nicht, wenn er angesprochen

wurde, sondern schaute nur böse und wild drein und schnaubte dröhnend

wie ein Nebelhorn durch die Nase. Und wir und die Leute, die ins

Haus kamen, ließen ihn dann schon in Ruhe. Jeden Tag, wenn er von

seinen Streifungen zurückkehrte, fragte er, ob nicht auf der Straße

ein Seefahrer vorbeigekommen sei. Zuerst glaubten wir, er sehne sich

nach Gesellschaft seiner eigenen Art, aber später begriffen wir,

daß er nur deshalb so eifrig frage, um ausweichen zu können. Wenn

ein Seemann im „Admiral Benbow“ einkehrte, was hie und da vorkam,

da er auf dem Küstenweg nach Bristol lag, pflegte er sich ihn durch

den Türvorhang anzuschauen, ehe er in die Gaststube eintrat, und

war mäuschenstill, solange der Fremde dasaß. Ich wußte, was für ein

Geheimnis dahintersteckte. Denn ich mußte gewissermaßen seine Sorgen

teilen. Er hatte mich eines Tages beiseite genommen und mir ein

silbernes Vierpennystück am Ersten jedes Monats versprochen, wenn

ich nur sorgfältig Ausschau hielte nach „einem Seefahrer mit einem

Bein“ und es ihm sofort meldete, sowie ein solcher auftauche. Wenn

dann der Erste des Monats vorüber war und ich ihn an sein Versprechen

mahnte, schnaubte er mich an und jagte mich mit drohenden Blicken in

die Flucht. Aber ehe die Woche zu Ende ging, besann er sich immer

eines Bessern, brachte mir mein Vierpennystück und wiederholte seinen

Auftrag, nach einem „Seefahrer mit einem Bein“ Ausschau zu halten.

Ich kann gar nicht sagen, wie dieser geheimnisvolle Mensch mich in

meine Träume hinein verfolgte. In stürmischen Nächten, wenn der

Wind das Haus erschütterte und die Brandung gegen Bucht und Klippen

brauste, erblickte ich ihn in tausend Gestalten und in tausendfältigen,

teuflischen Formen. Einmal war das Bein am Knie abgeschnitten, einmal

an der Hüfte, dann wieder erschien er mir als ein Fabelwesen, das immer

nur ein Bein gehabt hatte, und zwar in der Mitte des Körpers. Ihn

hüpfen und springen zu sehen und von ihm über Stock und Stein verfolgt

zu werden, war mein entsetzlichster Angsttraum. Und das Vierpennystück

war teuer genug erkauft mit diesen Gesichten.

Aber trotzdem mich das Bild des Seemannes mit dem einen Bein so sehr in

Schrecken versetzte, fürchtete ich mich vor dem Kapitän selbst weniger

als alle anderen. An manchen Abenden pflegte er mehr Grog zu trinken

als er vertrug, und dann begann er seine schlimmen, alten, wilden

Seemannslieder zu brüllen, ohne Rücksicht auf die anderen Anwesenden.

Oder er verlangte Gläser für die Runde und zwang die zitternde

Gesellschaft, seine Räubergeschichten anzuhören oder auch im Chor

mitzusingen. Oft erdröhnte das Haus von „Jo-ho-ho und ein Fläschchen

Rum“, und alle Nachbarn stimmten aus Angst mit ein, einer lauter als

der andere, um nicht sein Mißfallen zu erregen. Denn während dieser

Anfälle war er der wildeste Geselle, den man sich denken kann. Er haute

auf den Tisch, um Ruhe zu erzwingen, er sprang auf wie ein Rasender,

einer Frage wegen, oder weil man keine gestellt hatte, und er daraus

schloß, daß man seiner Geschichte nicht mit gebührender Aufmerksamkeit

folgte, und er erlaubte niemandem, den Gasthof zu verlassen, ehe er

sich nicht selbst schläfrig getrunken hatte und ins Bett wankte.

Seine Erzählungen ängstigten die Leute am meisten. Es waren gräßliche

Geschichten von Galgen und Aufhängen und Seestürmen und Missetaten

und Mord und Brand. Nach seinen eigenen Berichten mußte er sein

Leben unter den bösesten Menschen zugebracht haben, die Gott je auf

die See gelassen hatte; und die Sprache, in der er diese Missetaten

erzählte, entsetzte unsere einfachen Landleute fast ebensosehr wie die

Verbrechen, die er schilderte. Mein Vater sagte immer, der Gasthof

würde ruiniert, denn die Leute würden bald nicht mehr kommen, sich

tyrannisieren und niederschreien und schließlich sich schaudernd nach

Hause schicken zu lassen. Aber ich glaube wirklich, das alles nützte

eher dem Geschäft. Die Leute hatten zwar Angst, aber in der Erinnerung

gefiel ihnen das ganz gut, und es war eine interessante Abwechslung

in ihrem ruhigen Landleben. Und es gab sogar eine Gesellschaft junger

Leute, die ihn bewunderte, ihn einen „richtigen Seebären“ und „echtes

gutes Seesalz“ nannte und behauptete, gerade dieser Schlag habe

„England gefürchtet gemacht zur See“.

Andererseits war er entschieden ein ruinöser Gast, denn er blieb

Woche um Woche, und dann einen Monat nach dem andern, so daß sein

Geld längst verbraucht war, aber mein Vater brachte nie den Mut auf,

energisch weitere Zahlung zu fordern. Wenn er davon anfing, so schnob

der Kapitän so heftig durch die Nase, daß es wie ein Gebrüll klang, und

jagte meinen armen Vater mit fürchterlichen Blicken aus dem Zimmer.

Ich sah ihn nach einem solchen vergeblichen Versuch die Hände ringend

hinauseilen, und bin überzeugt, daß der Ärger und Schrecken, die er

auszustehen hatte, sein frühes und unglückliches Ende sehr beschleunigt

haben.

Solange der Kapitän bei uns lebte, wechselte er nie seine Kleidung, bis

auf die Strümpfe, die er bei einer vorüberkommenden Hökerin kaufte. Als

einmal ein Windstoß eine seiner Hutfedern knickte, ließ er sie in der

Folge herunterhängen, obwohl das sehr unbequem war, wenn es blies. Ich

erinnere mich noch genau an seinen Rock, den er oben auf seinem Zimmer

selbst flickte und der zuletzt nur noch aus Flecken bestand. Er schrieb

weder, noch bekam er je einen Brief, und sprach selbst mit den Nachbarn

fast nur dann, wenn er betrunken war. Niemand von uns sah jemals den

großen Kajütenkoffer geöffnet.

Nur ein einziges Mal stieß er auf Widerspruch, und das war ganz am

Schluß, als mein armer Vater schon gänzlich darniederlag. Dr. Livesay

kam einmal spät am Nachmittag, den Kranken zu besuchen, meine Mutter

trug ihm etwas Essen auf und er trat in die Gaststube, um seine Pfeife

zu rauchen, bis man sein Pferd aus dem Dorfe geholt hatte, denn wir

hatten im „Admiral Benbow“ keine Stallungen. Ich ging mit ihm hinein

und erinnere mich, daß mir der Gegensatz auffiel, der zwischen dem

nett gekleideten, heiteren Doktor mit seinem schneeweißgepuderten

Haar, den lebhaften schwarzen Augen und dem liebenswürdigen Wesen

und den derben, plumpen Landleuten herrschte, vor allem aber zu der

schmierigen, häßlichen Vogelscheuche von einem Piraten, der in ziemlich

vorgeschrittener Rumstimmung, mit den Ellenbogen auf dem Tisch,

breitspurig dasaß. Da begann er plötzlich -- der Kapitän, meine ich --

sein Lied zu gröhlen:

Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste

Jo-ho-ho und ein Fläschchen Rum,

Schnaps stand stets auf der Höllenfahrtsliste

Jo-ho-ho und ein Fläschchen Rum.

Anfangs dachte ich immer, „des toten Manns Kiste“ müsse derselbe große

Koffer sein, oben im vorderen Zimmer, und in meinen Angstträumen

hatte ich diesen Gedanken mit dem einbeinigen Seemann in Zusammenhang

gebracht. Aber inzwischen hatten wir längst aufgehört, den Text des

Liedes irgendwie zu beachten, und an diesem Abend war er nur für Dr.

Livesay neu, und auf den schien er keinen guten Eindruck zu machen,

denn er blickte ganz ärgerlich auf, ehe er sein Gespräch mit dem alten

Gärtner Taylor über eine neue Rheumatismuskur fortsetzte. Indessen

erheiterte sich der Kapitän allmählich an seiner eigenen Musik und

schließlich schlug er heftig mit der Faust auf den Tisch. Alle wußten,

das hieß: Ruhe! Alle Stimmen schwiegen sofort bis auf die des Dr.

Livesay, der in seiner klaren, liebenswürdigen Art zu sprechen fortfuhr

und dabei ruhig weiterrauchte. Der Kapitän starrte ihn eine Weile an,

dann schlug er wieder mit der Faust auf den Tisch, starrte schärfer,

und schließlich brach er mit einem scheußlichen, gemeinen Fluch in die

Worte aus: „Ruhe, Ihr da drüben.“

„Habt Ihr mit mir gesprochen, Herr?“ sagte der Doktor. Und als der

brutale Kerl das mit einem neuerlichen Fluch bejahte, antwortete er:

„Ich habe Euch nur eines zu sagen, Herr! Wenn Ihr so weiter Rum sauft,

wird die Welt bald einen sehr dreckigen Lumpen los sein!“

[Illustration]

Der Alte geriet in entsetzliche Wut. Er sprang auf, öffnete sein

Matrosenschnappmesser, wog es auf der flachen Hand und drohte, den

Doktor damit an die Wand zu spießen.

Der Doktor rührte sich nicht einmal. Wie früher sprach er mit

unbewegter Stimme über die Achsel hin zu ihm, ziemlich laut, so daß der

ganze Raum es hören konnte, aber durchaus ruhig und fest:

„Wenn Ihr das Messer nicht augenblicklich in die Tasche steckt,

so verspreche ich Euch bei meiner Ehre, daß Ihr bei der nächsten

Gerichtssession hängen werdet.“

Dann kreuzten sich lange ihre Blicke, aber der Kapitän wich bald,

setzte sich wieder auf seinen Platz, steckte sein Messer ein und

knurrte dazu wie ein geschlagener Hund.

„Und nun, Herr,“ begann der Doktor abermals, „da ich nun weiß, daß

sich ein solcher Kerl in meinem Kirchspiel aufhält, könnt Ihr darauf

rechnen, daß Ihr stets gut beobachtet bleiben werdet. Denn ich bin

nicht bloß Arzt, ich bin auch Amtsperson. Und wenn mir auch nur eine

_einzige_ Klage über Euch zu Ohren kommt, und sei es auch nur wegen

einer Unhöflichkeit wie die heute Abend, so werde ich wirksame Mittel

finden, Euch zu packen und davonzujagen. Das genügt vorläufig.“

Da wurde auch schon Doktor Livesays Pferd gebracht und er ritt nach

Hause. Aber der Kapitän hielt an diesem Abend und noch an manch

fernerem Ruhe.

Die Schatzinsel: Roman · 第 11 / 80 题