Zehnte Szene

Der Herold des Reichs tritt mit Gefolge auf, das Banner wird vor ihm

hergetragen.

Der Herold (schwingt nach allen Weltgegenden sein Schwert). Bei Acht

und Bann, kein blankes Schwert, als dies!

Alle Ritter (bis auf Albrecht stecken die Schwerter ein).

Der Herold. Albrecht von Wittelsbach, Herzog von Bayern, erscheint

vor Kaiser und Reich!

Albrecht (tritt zögernd heran und steckt langsam sein Schwert ein).

Ist hier die Schranke?

Der Herold. Sie ist überall, wo die Acht verkündet werden soll!

Nothhafft von Wernberg und Frauenhoven. Die Acht! Ist's schon so

weit!

(Posaunenstöße.)

Preising (zu Ernst). Was ist das noch?

Ernst. Mehr, als ich verlangte, fürcht ich!

Stimmen. Ein Legat! Ein Legat des Heiligen Stuhls!

Der Herold. Und mit ihm der Bann der Kirche!

Viele Stimmen (von Rittern und Reisigen). Acht und Bann zugleich!

Da ist's Zeit! (Sie werfen die Waffen von sich.)

Der Legat (tritt mit Gefolge auf, eine brennende Kerze wird vor ihm

hergetragen, er stellt sich zur rechten Hand des Herolds).

Der Herold (entfaltet die Achterklärung). Wir Sigismund, von Gottes

Gnaden erwählter römischer Kaiser, König von Ungarn, Böheim,

Dalmatien, Slawonien und Bosnien, Markgraf von Mähren und Schlesien,

Kurfürst von Brandenburg usw., Schirmvogt der Kirche, höchster

Schiedsrichter auf Erden, tun kund hiemit: Nachdem Du, Albrecht von

Wittelsbach, allbereits vor dritthalb Jahren zu Regensburg in offenem

Aufstand den Frieden des Reichs gebrochen und schwere Acht auf Dein

Haupt herabgezogen hast, die Wir damals, obgleich schon verhängt, auf

Fürbitte Deines fürstlichen Herrn und Vaters noch zurückhielten;

nachdem Du weiter, unwürdig solcher Fürbitte und Unserer Gnade, in

Deinem Trotz wider menschliche und göttliche Ordnung beharrtest,

anstatt, Unserer gerechten Erwartung gemäß, in reuiger

Unterwürfigkeit Versöhnung und Vergebung zu suchen; nachdem Du

endlich, um das Maß Deiner Frevel zu häufen, Unsere Langmut aber bis

auf den Grund zu erschöpfen, zum zweiten Mal mit blanker Waffe

rebellisch im Felde erschienen bist: So gebieten Wir Dir durch diesen

Unseren offenen Brief, daß Du angesichts desselben Dein Schwert auf

der Stelle zu den Füßen Deines Herrn und Vaters niederlegen und als

sein freiwilliger Gefangener Unseren letzten Spruch in Demut abwarten

sollst.--(Er setzt ab und sieht Albrecht an.)

Albrecht (bohrt sein Schwert in die Erde und stützt sich darauf).

Der Herold (fährt fort). Widrigenfalls setzen Wir Dich nunmehr aus

Kaiserlicher Machtvollkommenheit aus dem Frieden in den Unfrieden,

weisen Dich hinaus auf die vier Straßen der Welt und erklären Dich

für vogelfrei-

Ernst. Willst du noch mehr hören, mein Sohn? Sag nein, und ich

erhebe meinen Herzogsstab!

Frauenhoven. Jetzt kommt das von den Tieren des Waldes und den

Vögeln unter dem Himmel und den Fischen im Wasser!

Nothhafft von Wernberg. Schau dich um! Sie gehen alle hinter sich!

Keiner wird's mit dir tragen, als wir!

Albrecht. Wie sollten sie auch! Fangen doch die Berge zu wandeln an,

um mich zu bedecken!

Ernst. Soll auch die Kirche den Mund noch öffnen? Soll die Kerze

ausgelöscht, soll deine Seele dem ewigen Fluch übergeben, dein Name

im Buch des Lebens getilgt werden?

Albrecht (zu Nothhafft von Wernberg und Frauenhoven). Geht von mir,

daß ich antworten kann!

Frauenhoven. Haben wir das um Euch verdient? Teufel, es brennt!

Albrecht. Soll ich mich vor der Gewalt demütigen, weil ihr neben mir

steht? Mich mag sie noch heute zermalmen!

Ernst. Gewalt? Wenn das Gewalt ist, was du erleidest, so ist es

eine Gewalt, die alle deine Väter dir antun, eine Gewalt, die sie

selbst sich aufgeladen und ein halbes Jahrtausend lang ohne Murren

ertragen haben, und das ist die Gewalt des Rechts! Weh dem, der

einen Stein wider sie schleudert, er zerschmettert nicht sie, sondern

sich selbst, denn der prallt ab und auf ihn zurück. Oder bin ich's,

der zu dir redet, ist's nicht das ganze deutsche Reich?

Albrecht. Sei's so! Ich wußte nicht, daß der Tod darauf steht, eine

Perle aufzuheben, statt sie zu zertreten, aber ich hab's getan und

will's büßen. Heran, Bär und Wolf, schießt auf mich herab, Adler und

Geier, und zerfleischt mich! Nicht mit der Hand will ich mich wehren,

wenn ihr tut nach des Kaisers Gebot!

Ernst. Hast du solche Eil, vor deinem Richter zu erscheinen? Noch

hat er diese Toten und ihre Wunden nicht gezählt, und du weißt so

gewiß, wie er dich empfangen wird?

Albrecht. Oh, ihn fürcht ich nicht, er wird's schon vergeben, daß

ich sein liebstes Kind bei der Hand gefaßt habe, er weiß ja, wie

schön und edel er's gemacht hatte!

Ernst. Mein Sohn, geh in dich! Es ist wahr, du kannst deine Schuld

vergrößern, du kannst dir den Tod ertrotzen, oder dich, wer will's

hindern, hinterrücks aus der Welt wegstehlen, du kannst aber auch

alles wiedergutmachen! Tu's, o tu's, fasse einen Entschluß, daß du

vor deinen Ahnen nicht zu erröten brauchst, füge dich! Dies

Schlachtfeld wird einst furchtbar wider dich zeugen, sie alle, die

hier blutig und zerfetzt herumliegen, werden dich verklagen und

sprechen: wir fielen, weil Herzog Albrecht raste! Weh Dir, wenn sich

dann nicht eine viel größere Schar für dich erhebt und deine Ankläger

zum Verstummen bringt, wenn nicht Millionen ausrufen: aber wir

starben in Frieden, weil er sich selbst überwand! Denn das hängt

davon ab, daß du lebst, davon ganz allein!

Albrecht. Die Unschuldige sollte modern, und ich--Welch ein Schurke

wär' ich, wenn ich auf Euch hörte!

Ernst. Du bist nicht, wie ein anderer, der die Gerechtigkeit dadurch

versöhnen kann, daß er ihrem Schwert reuig den Hals darbietet, von

dir verlangt sie das Gegenteil! Schau dies Banner an, es ist dein

Bild und kann dich's lehren! Es ward aus demselben Faden gesponnen,

woraus der letzte Reiter, der ihm folgt, sein Wams trägt, es wird

einst zerfallen und im Wind zerstäuben, wie dies! Aber das deutsche

Volk hat in tausend Schlachten unter ihm gesiegt, und wird noch in

tausend Schlachten unter ihm siegen, darum kann nur ein Bube es

zerzupfen, nur ein Narr es flicken wollen, statt sein Blut dafür zu

verspritzen und jeden Fetzen heiligzuhalten! So ist's auch mit dem

Fürsten, der es trägt. Wir Menschen in unsrer Bedürftigkeit können

keinen Stern vom Himmel herunterreißen, um ihn auf die Standarte zu

nageln, und der Cherub mit dem Flammenschwert, der uns aus dem

Paradies in die Wüste hinausstieß, ist nicht bei uns geblieben, um

über uns zu richten. Wir müssen das an sich Wertlose stempeln und

ihm einen Wert beilegen, wir müssen den Staub über den Staub erhöhen,

bis wir wieder vor dem stehen, der nicht Könige und Bettler, nur Gute

und Böse kennt, und der seine Stellvertreter am strengsten zur

Rechenschaft zieht. Weh dem, der diese übereinkunft der Völker nicht

versteht, Fluch dem, der sie nicht ehrt! So greife dann endlich auch

in deine Brust, sprich: Vater, ich habe gesündigt im Himmel und vor

dir, aber ich will's büßen, ich will leben!

Albrecht. Hängt das von mir ab?

Ernst. Dies Wort ist mir genug! Gott wird dich stärken, und deine

Witwe selbst wird für dich beten!

Albrecht. Meine Witwe!?

Ernst. Was ich ihr im Leben versagen mußte, kann ich ihr im Tode

gewähren, und ich tu es gern, denn ich weiß, daß sie's verdient!

Deine Gemahlin konnte ich nicht anerkennen, deine Witwe will ich

selbst bestatten und für ewige Zeiten an ihrem Grabe einen

feierlichen Totendienst stiften, damit das reinste Opfer, das der

Notwendigkeit im Lauf aller Jahrhunderte gefallen ist, nie im

Andenken der Menschen erlösche!

Albrecht. Ich will--Ich will, was ich noch kann! (Gegen den Herold.)

Kaiserlicher Majestät meinen Respekt! (Zu Ernst.) Euch, mein Herr

und Vater--(Er will ihm das Schwert überreichen.) Euch-

Ernst (öffnet die Arme und streitet ihm entgegen).

Albrecht (weicht zurück, und zieht). Nein, nein! Die Hölle über

mich, aber Blut für Blut!

Ernst. Halt! Erst nimm den da! (Er reicht ihm den Herzogsstab, den

Albrecht unwillkürlich faßt.) Der macht dich zum Richter deines

Vaters! Warum willst du sein Mörder werden!

Preising. Herzog!

Ernst. So war's beschlossen! Und nicht bloß des Feierabends wegen!

Ich brauch sein Ja! Kann er's mir in seinem Gewissen weigern, so

steht's schlimm um mich!

Albrecht. Mich schwindelt! Nimm ihn zurück! Er brennt mir in der

Hand.

Ernst. Trag ihn ein Jahr in der Furcht des Herrn, wie ich! Kannst

du mich dann nicht lossprechen, so ruf mich, und ich selbst will mich

strafen, wie du's gebeutst! Im Kloster zu Andechs bin ich zu finden!

Albrecht (will niederknien). Vater, nicht vor Kaiser und Reich, aber

vor dir!

Ernst. Wart! wart! Mein Tagewerk war schwer, aber vielleicht leb

ich noch übers Jahr! (Geht; zu Preising, als er folgen will.) Bleibt!

An einem Mönch ist's genug!

Agnes Bernauer · 第 108 / 108 题