Preising (tritt ein).
Agnes (ihm entgegen). Was bringt Ihr mir?
Preising. Was Ihr selbst wollt!
Agnes. Was ich selbst will? Oh, spottet meiner nicht! Ihr werdet
mir die düstre Pforte nicht wieder öffnen, die man so fest hinter mir
verriegelt hat!
Preising. Ich werde, wenn Ihr Euch fügt!
Agnes. Und was verlangt Ihr von mir?
Preising. Ich stehe hier für den Herzog von Bayern.
Agnes (macht eine zurückweichende Bewegung).
Preising. Aber ich meine es redlich mit Euch, und auch mein
erlauchter Gebieter ist nicht Euer Feind!
Agnes. Nicht mein Feind? Wie komm ich denn hieher?
Preising. Ihr wißt, wie's steht! Herzog Ernst ist alt, und sein
Thron bleibt unbesetzt, wenn Gott ihn abruft, oder sein einziger Sohn
muß ihn besteigen. Nun, Albrecht kann Euch nimmermehr mit
hinaufnehmen, und da er sich von Euch nicht trennen will, so müßt Ihr
Euch von ihm trennen!
Agnes. Ich mich von ihm! Eher von mir selbst!
Preising. Ihr müßt! Glaubt's mir, glaubt's einem Mann, der Euer
Schicksal schon kennt, wie Gott, und es gern noch wenden möchte! Ihr
könnt kein Mißtrauen in mich setzen; warum wär' ich gekommen, wenn
Euer Los mir nicht am Herzen läge? Meines Arms bedurfte es doch
gewiß nicht; Ihr habt's ja gesehen, wie überflüssig ich war, und
welchen Gebrauch ich von meinem Schwert machte. Ich zog mit, weil
Ihr mich erbarmtet; ich suche Euch jetzt im Kerker, im Vorhof des
Todes, auf, weil ich allein noch helfen kann, doch ich wiederhol's
Euch: Ihr müßt!
Agnes. Ihr habt den armen Menschen gerettet, der vorhin sein Leben
für mich wagte, ich muß glauben, daß Ihr's aufrichtig meint, aber Ihr
seid ein Mann und wißt nicht, was Ihr fordert! Nein, nein! Das in
Ewigkeit nicht!
Preising. Nicht zu rasch, ich beschwör Euch! Wohl mag's ein
schweres Opfer für Euch sein, doch wenn Ihr's verweigert, so wird
man--könnt Ihr noch zweifeln nach allem, was heute geschah?--aus Euch
selbst ein Opfer machen! Ja, ich gehe vielleicht schon weiter, als
ich darf, indem ich Euch überhaupt noch eine Bedingung stelle, und
tu's auf meine eigne Gefahr!
Agnes. Ihr wollt mich erschrecken, aber es wird Euch nicht gelingen!
(Sie hält sich an einem Tisch.) So leicht fürchte ich mich nicht,
dies Zittern meiner Knie kommt noch von dem überfall! Mein Gott,
erst die Trompeten, dann die blutigen Schwerter und die Toten! Aber
für mich besorg ich nichts, ich bin ja nicht in Räuberhänden, und
Herzog Ernst ist ebenso gerecht, als streng! (Sie setzt sich.) Seht
mich nicht so an, mir ward jetzt so wunderlich, weil der tote Törring
mir auf einmal vor die Seele trat, es ist schon wieder vorüber. (Sie
erhebt sich wieder.) Was könnte mir auch wohl widerfahren! Ist doch
selbst ein Missetäter, solange der Richter ihn noch nicht verurteilt
hat, in seinem Kerker so sicher, als ob die Engel Gottes ihn
bewachten, und ich habe den meinigen noch nicht einmal erblickt!
Nein, nein, so hat mein Gemahl nicht von seinem Vater gesprochen, daß
ich dies glauben dürfte! Doch, wenn's auch so wäre, wenn der Tod--es
ist unmöglich, ich weiß es, ganz unmöglich--aber wenn er wirklich
schon vor der Tür stände und meine Worte zählte: ich könnte
nimmermehr anders!
Preising. Der Tod steht vor der Tür, er kommt, wenn ich gehe, ja er
wird anklopfen, wenn ich zu lange säume! Schaut einmal durchs Gitter
zur Brücke hinüber! Was seht Ihr?
Agnes. Das Volk drängt sich, einige heben die Hände zum Himmel empor,
andere starren in die Donau hinab, es liegt doch keiner darin?
Preising (mit einem Blick auf sie). Noch nicht!
Agnes. Allmächtiger Gott! Versteh ich Euch?
Preising (nickt).
Agnes. Und was hab ich verbrochen?
Preising (hebt das Todesurteil in die Höhe). Die Ordnung der Welt
gestört, Vater und Sohn entzweit, dem Volk seinen Fürsten entfremdet,
einen Zustand herbeigeführt, in dem nicht mehr nach Schuld und
Unschuld, nur noch nach Ursach' und Wirkung gefragt werden kann! So
sprechen Eure Richter, denn das Schicksal, das Euch bevorsteht, wurde
schon vor Jahren von Männern ohne Furcht und ohne Tadel über Euch
verhängt, und Gott selbst hat den harten Spruch bestätigt, da er den
jungen Prinzen zu sich rief, der die Vollziehung allein aufhielt.
Ihr schaudert, sucht Euch nicht länger zu täuschen, so ist's! Und
wenn's einen Edelstein gäbe, kostbarer, wie sie alle zusammen, die in
den Kronen der Könige funkeln und in den Schachten der Berge ruhen,
aber ebendarum auch ringsum die wildesten Leidenschaften entzündend
und Gute, wie Böse, zu Raub, Mord und Totschlag verlockend: dürfte
der einzige, der noch ungeblendet blieb, ihn nicht mit fester Hand
ergreifen und ins Meer hinunterschleudern, um den allgemeinen
Untergang abzuwenden? Das ist Euer Fall, erwägt's und bedenkt Euch,
ich frage zum letzten Mal!
Agnes. Erwägt auch Ihr, ob Ihr nicht verlangt, was mehr als Tod ist!
Ich entsage meinem Gemahl nicht, ich kann's und darf's nicht. Bin
ich denn selbst noch, die ich war? Hab ich bloß empfangen? Hab ich
nicht auch gegeben? Sind wir nicht eins, unzertrennlich eins durch
Geben und Nehmen, wie Leib und Seele? Aber ich verbürge mich für ihn,
daß er dem Thron entsagt! Fürchtet nicht, daß ich verspreche, was
er nicht halten wird! Ich hab's aus seinem eignen Munde, wie ein
Zauberwort für die höchste Gefahr! Zwar glaubte ich längst nicht
mehr, daß ich's noch brauchen würde, aber diese Stunde hat's mir
entrissen, und nun braucht's, wie Ihr wollt!
Preising. Das rettet Euch nicht mehr! Herzog Albrecht kann die
angestammte Majestät sowenig ablegen, als Euch damit bekleiden, sie
ist unzertrennlich mit ihm verbunden, wie die Schönheit, die ihn
fesselt, mit Euch. Will er's nicht seinen Segen nennen, so nenne
er's seinen Fluch, aber er gehört seinem Volk und muß auf den Thron
steigen, wie Ihr ins Grab. Euch rettet's nur noch, wenn Ihr Eure Ehe
für eine sündliche erklärt und augenblicklich den Schleier nehmt.
Agnes. Wie mild ist Herzog Ernst! Der will doch nur mein Leben!
Ihr wollt mehr! Ja, ja, das braucht' ich bloß zu tun, so wär' ich
für ihn, wie nie dagewesen; ich selbst hätte mein Andenken in seiner
Seele ausgelöscht, und er müßte erröten, mich je geliebt zu haben!
Mein Albrecht, deine Agnes dich abschwören! O Gott, wie reich komm
ich mir in meiner Armut jetzt auf einmal wieder vor, wie stark in
meiner Ohnmacht! Diesen Schmerz kann ich doch noch von ihm abwenden!
Das kann mir doch kein Herzog gebieten! Nun zittre ich wirklich
nicht mehr!
Preising. Oh, daß Euer alter Vater neben mir stände und mich
unterstützte! Daß er spräche: mein Kind, warum willst du einen Platz
nicht freiwillig wiederaufgeben, den du doch nur gezwungen einnahmst?
Denn ich weiß ja, daß dies Euer Fall war!
Agnes. Gezwungen? So also wird meine Angst, mein Zittern und Zagen
ausgelegt? Oh, wenn Ihr mir Euer Mitleid geschenkt habt, weil Ihr
das glaubt, so nehmt's zurück und quält mich nicht länger, ich habe
keinen Anspruch darauf. Nein, nein, ich wurde nicht gezwungen! So
gewiß ich ihn eher erblickt habe, als er mich, so gewiß habe ich ihn
auch eher geliebt, und das war gleich, als ob's immer gewesen wäre
und in alle Ewigkeit nicht wiederaufhören könne. Darum keine Anklage
gegen ihn, ich war früher schuldig, als er! Nie zwar hätt' ich's
verraten, ich hätte vielleicht nicht zum zweiten Mal zu ihm
hinübergeschaut, sondern im stillen mein Herz zerdrückt und unter
Lachen und Weinen ein Gelübde getan. Ach, ich schämte mich vor Gott
und vor mir selbst, mir war, als ob mein eignes Blut mir über den
Kopf liefe, ich erwiderte ein Lächeln des armen Theobald, um mir
recht weh zu tun. Doch, als er nun am Abend zu mir herantrat, da
wandte ich mich zuerst freilich auch noch ab, aber nur, wie ein
Mensch, der in den Himmel eintreten soll und weiß, daß er dem Tode
die Schuld noch nicht bezahlt hat! Wenn ein Engel den mit sanfter
Gewalt über die Schwelle nötigt: hat er ihn gezwungen?
Preising. So ist es Euer letztes Wort?