Zweite Szene

Preising (tritt ein).

Agnes (ihm entgegen). Was bringt Ihr mir?

Preising. Was Ihr selbst wollt!

Agnes. Was ich selbst will? Oh, spottet meiner nicht! Ihr werdet

mir die düstre Pforte nicht wieder öffnen, die man so fest hinter mir

verriegelt hat!

Preising. Ich werde, wenn Ihr Euch fügt!

Agnes. Und was verlangt Ihr von mir?

Preising. Ich stehe hier für den Herzog von Bayern.

Agnes (macht eine zurückweichende Bewegung).

Preising. Aber ich meine es redlich mit Euch, und auch mein

erlauchter Gebieter ist nicht Euer Feind!

Agnes. Nicht mein Feind? Wie komm ich denn hieher?

Preising. Ihr wißt, wie's steht! Herzog Ernst ist alt, und sein

Thron bleibt unbesetzt, wenn Gott ihn abruft, oder sein einziger Sohn

muß ihn besteigen. Nun, Albrecht kann Euch nimmermehr mit

hinaufnehmen, und da er sich von Euch nicht trennen will, so müßt Ihr

Euch von ihm trennen!

Agnes. Ich mich von ihm! Eher von mir selbst!

Preising. Ihr müßt! Glaubt's mir, glaubt's einem Mann, der Euer

Schicksal schon kennt, wie Gott, und es gern noch wenden möchte! Ihr

könnt kein Mißtrauen in mich setzen; warum wär' ich gekommen, wenn

Euer Los mir nicht am Herzen läge? Meines Arms bedurfte es doch

gewiß nicht; Ihr habt's ja gesehen, wie überflüssig ich war, und

welchen Gebrauch ich von meinem Schwert machte. Ich zog mit, weil

Ihr mich erbarmtet; ich suche Euch jetzt im Kerker, im Vorhof des

Todes, auf, weil ich allein noch helfen kann, doch ich wiederhol's

Euch: Ihr müßt!

Agnes. Ihr habt den armen Menschen gerettet, der vorhin sein Leben

für mich wagte, ich muß glauben, daß Ihr's aufrichtig meint, aber Ihr

seid ein Mann und wißt nicht, was Ihr fordert! Nein, nein! Das in

Ewigkeit nicht!

Preising. Nicht zu rasch, ich beschwör Euch! Wohl mag's ein

schweres Opfer für Euch sein, doch wenn Ihr's verweigert, so wird

man--könnt Ihr noch zweifeln nach allem, was heute geschah?--aus Euch

selbst ein Opfer machen! Ja, ich gehe vielleicht schon weiter, als

ich darf, indem ich Euch überhaupt noch eine Bedingung stelle, und

tu's auf meine eigne Gefahr!

Agnes. Ihr wollt mich erschrecken, aber es wird Euch nicht gelingen!

(Sie hält sich an einem Tisch.) So leicht fürchte ich mich nicht,

dies Zittern meiner Knie kommt noch von dem überfall! Mein Gott,

erst die Trompeten, dann die blutigen Schwerter und die Toten! Aber

für mich besorg ich nichts, ich bin ja nicht in Räuberhänden, und

Herzog Ernst ist ebenso gerecht, als streng! (Sie setzt sich.) Seht

mich nicht so an, mir ward jetzt so wunderlich, weil der tote Törring

mir auf einmal vor die Seele trat, es ist schon wieder vorüber. (Sie

erhebt sich wieder.) Was könnte mir auch wohl widerfahren! Ist doch

selbst ein Missetäter, solange der Richter ihn noch nicht verurteilt

hat, in seinem Kerker so sicher, als ob die Engel Gottes ihn

bewachten, und ich habe den meinigen noch nicht einmal erblickt!

Nein, nein, so hat mein Gemahl nicht von seinem Vater gesprochen, daß

ich dies glauben dürfte! Doch, wenn's auch so wäre, wenn der Tod--es

ist unmöglich, ich weiß es, ganz unmöglich--aber wenn er wirklich

schon vor der Tür stände und meine Worte zählte: ich könnte

nimmermehr anders!

Preising. Der Tod steht vor der Tür, er kommt, wenn ich gehe, ja er

wird anklopfen, wenn ich zu lange säume! Schaut einmal durchs Gitter

zur Brücke hinüber! Was seht Ihr?

Agnes. Das Volk drängt sich, einige heben die Hände zum Himmel empor,

andere starren in die Donau hinab, es liegt doch keiner darin?

Preising (mit einem Blick auf sie). Noch nicht!

Agnes. Allmächtiger Gott! Versteh ich Euch?

Preising (nickt).

Agnes. Und was hab ich verbrochen?

Preising (hebt das Todesurteil in die Höhe). Die Ordnung der Welt

gestört, Vater und Sohn entzweit, dem Volk seinen Fürsten entfremdet,

einen Zustand herbeigeführt, in dem nicht mehr nach Schuld und

Unschuld, nur noch nach Ursach' und Wirkung gefragt werden kann! So

sprechen Eure Richter, denn das Schicksal, das Euch bevorsteht, wurde

schon vor Jahren von Männern ohne Furcht und ohne Tadel über Euch

verhängt, und Gott selbst hat den harten Spruch bestätigt, da er den

jungen Prinzen zu sich rief, der die Vollziehung allein aufhielt.

Ihr schaudert, sucht Euch nicht länger zu täuschen, so ist's! Und

wenn's einen Edelstein gäbe, kostbarer, wie sie alle zusammen, die in

den Kronen der Könige funkeln und in den Schachten der Berge ruhen,

aber ebendarum auch ringsum die wildesten Leidenschaften entzündend

und Gute, wie Böse, zu Raub, Mord und Totschlag verlockend: dürfte

der einzige, der noch ungeblendet blieb, ihn nicht mit fester Hand

ergreifen und ins Meer hinunterschleudern, um den allgemeinen

Untergang abzuwenden? Das ist Euer Fall, erwägt's und bedenkt Euch,

ich frage zum letzten Mal!

Agnes. Erwägt auch Ihr, ob Ihr nicht verlangt, was mehr als Tod ist!

Ich entsage meinem Gemahl nicht, ich kann's und darf's nicht. Bin

ich denn selbst noch, die ich war? Hab ich bloß empfangen? Hab ich

nicht auch gegeben? Sind wir nicht eins, unzertrennlich eins durch

Geben und Nehmen, wie Leib und Seele? Aber ich verbürge mich für ihn,

daß er dem Thron entsagt! Fürchtet nicht, daß ich verspreche, was

er nicht halten wird! Ich hab's aus seinem eignen Munde, wie ein

Zauberwort für die höchste Gefahr! Zwar glaubte ich längst nicht

mehr, daß ich's noch brauchen würde, aber diese Stunde hat's mir

entrissen, und nun braucht's, wie Ihr wollt!

Preising. Das rettet Euch nicht mehr! Herzog Albrecht kann die

angestammte Majestät sowenig ablegen, als Euch damit bekleiden, sie

ist unzertrennlich mit ihm verbunden, wie die Schönheit, die ihn

fesselt, mit Euch. Will er's nicht seinen Segen nennen, so nenne

er's seinen Fluch, aber er gehört seinem Volk und muß auf den Thron

steigen, wie Ihr ins Grab. Euch rettet's nur noch, wenn Ihr Eure Ehe

für eine sündliche erklärt und augenblicklich den Schleier nehmt.

Agnes. Wie mild ist Herzog Ernst! Der will doch nur mein Leben!

Ihr wollt mehr! Ja, ja, das braucht' ich bloß zu tun, so wär' ich

für ihn, wie nie dagewesen; ich selbst hätte mein Andenken in seiner

Seele ausgelöscht, und er müßte erröten, mich je geliebt zu haben!

Mein Albrecht, deine Agnes dich abschwören! O Gott, wie reich komm

ich mir in meiner Armut jetzt auf einmal wieder vor, wie stark in

meiner Ohnmacht! Diesen Schmerz kann ich doch noch von ihm abwenden!

Das kann mir doch kein Herzog gebieten! Nun zittre ich wirklich

nicht mehr!

Preising. Oh, daß Euer alter Vater neben mir stände und mich

unterstützte! Daß er spräche: mein Kind, warum willst du einen Platz

nicht freiwillig wiederaufgeben, den du doch nur gezwungen einnahmst?

Denn ich weiß ja, daß dies Euer Fall war!

Agnes. Gezwungen? So also wird meine Angst, mein Zittern und Zagen

ausgelegt? Oh, wenn Ihr mir Euer Mitleid geschenkt habt, weil Ihr

das glaubt, so nehmt's zurück und quält mich nicht länger, ich habe

keinen Anspruch darauf. Nein, nein, ich wurde nicht gezwungen! So

gewiß ich ihn eher erblickt habe, als er mich, so gewiß habe ich ihn

auch eher geliebt, und das war gleich, als ob's immer gewesen wäre

und in alle Ewigkeit nicht wiederaufhören könne. Darum keine Anklage

gegen ihn, ich war früher schuldig, als er! Nie zwar hätt' ich's

verraten, ich hätte vielleicht nicht zum zweiten Mal zu ihm

hinübergeschaut, sondern im stillen mein Herz zerdrückt und unter

Lachen und Weinen ein Gelübde getan. Ach, ich schämte mich vor Gott

und vor mir selbst, mir war, als ob mein eignes Blut mir über den

Kopf liefe, ich erwiderte ein Lächeln des armen Theobald, um mir

recht weh zu tun. Doch, als er nun am Abend zu mir herantrat, da

wandte ich mich zuerst freilich auch noch ab, aber nur, wie ein

Mensch, der in den Himmel eintreten soll und weiß, daß er dem Tode

die Schuld noch nicht bezahlt hat! Wenn ein Engel den mit sanfter

Gewalt über die Schwelle nötigt: hat er ihn gezwungen?

Preising. So ist es Euer letztes Wort?

Agnes Bernauer · 第 100 / 108 题