Zweite Szene

Albrecht (tritt ein). Nun, Freunde? Was sagt ihr zu diesem Morgen,

der die ganze Welt vergoldet? Nicht wahr, den hätt' man nicht

schöner bestellen können? Aber, wie steht ihr denn da? Als ob ihr

augenblicklich ins Gefecht solltet und euern Letzten Willen noch

überdächtet!

Nothhafft von Wernberg. Da hoff ich anders auszusehen, obgleich ich

keinen Vater mehr habe, der mich wieder heraushaut, wenn's zu arg

wird, wie Ihr!

Albrecht. Ja, das ist wahr, da hab ich einen Vorzug vor euch. Ich

darf dem Tode keck in den Rachen springen, wie die Maus dem Löwen.

Noch zwischen Kauen und Schlucken reißt mich der wieder heraus, der

mich gemacht hat.

Nothhafft von Wernberg. Das habt Ihr bei Alling erfahren! Wäre er

nicht gewesen-

Albrecht. So würde mein erster Kampf auch mein letzter geblieben

sein, und ich hätte nie gehört, wie süß die Siegstrompete tönt; was

red ich, ich hätte Agnes nie erblickt!

Nothhafft von Wernberg. Agnes!

Albrecht. Oh, ich bin ihm Dank schuldig, unendlichen Dank, mehr Dank,

wie irgendein anderer Sohn dem seinigen!

Nothhafft von Wernberg. Fühlt Ihr's?

Albrecht. Erst seit gestern ganz! Dies Auge, das ich jetzt

freiwillig schließen möchte, wie den Mund, wenn er seine Kirsche

hat--gebrochen und mit Sand verschüttet würde es ohne ihn ja längst

daliegen, ein Spiegel, der zerschlagen ward, bevor er das Bild noch

auffangen konnte, das er festhalten sollte, und dies Herz--die Stunde

wird kommen, wo ihr mich verstehen könnt, dann mehr! Seht, wenn euch

auch einmal wird, als ob sich Millionen Lippen in euch auftäten, und

alle saugen wollten--wenn ihr nicht mehr wißt, ob's Lust oder Schmerz

ist, was euch die Seele im Wirbel herumjagt--wenn euch die Brust

zerspringen will und ihr, von Frost und Hitze zugleich geschüttelt,

zweifelnd ausruft: doch wohl Lust, ja, wohl Lust, Wollust! und dies

dunkle Wort, wie ich, nun auf einmal begreift, indem ihr's,

schwindelnd zwischen Leben und Tod, mit eurem letzten Atemzug

nachschafft--dann--dann! Eher nicht!

Nothhafft von Wernberg. Gnädiger Herr--eine Bitte!

Albrecht. Was ist's?

Nothhafft von Wernberg. Stellt Euch Euren Vater einmal vor!

Albrecht. Nun?

Nothhafft von Wernberg. Aber recht deutlich, mit dem Gesicht, das er

hat, wenn er einem einen Wunsch nicht bloß abschlagen, sondern in den

Hals zurückjagen will, so daß man ihn, wenn man um Honigbirnen

gekommen ist, um Stockprügel anspricht!

Albrecht. Gut!

Nothhafft von Wernberg. Seht Ihr ihn? So fragt Euch, ob Ihr das vom

Spiegel und vom Wirbel und von Lust und Schmerz, und von Leben und

Tod vor ihm wiederholen möchtet!

Albrecht. Vor ihm? Ja! Ich habe eine Mutter gehabt! Vor euch?

Nicht um die Welt!

Nothhafft von Wernberg. Eure Mutter war eine Prinzessin von Mailand!

Albrecht. Und sollte sie meine Mutter nicht auch geworden sein, wenn

sie keine Prinzessin von Mailand gewesen wäre? Sie war das Muster

eines Weibes--hätte das nicht genügt?

Nothhafft von Wernberg. Ich zweifle! Wenn aber--so würde Euch jetzt

nichts mehr hindern, Euch mit dem Engel von Augsburg zu verbinden,

denn Ihr würdet Bayerns Thron nie besteigen!

Albrecht. Nicht, Herr Ritter? Wer weiß! Wer weiß, was geschähe,

wenn ich mein Volk zum Spruch aufriefe, wenn ich sagte: Seht, ich

soll nicht würdig sein, euch zu beherrschen, weil mein Vater eine

eurer Töchter zu sich erhoben hat, eine, die ihm am besten ins Ohr

sagen konnte, was euch fehlt! Ich soll nicht würdig sein, euch zu

beherrschen, weil die Teilnahme für euch mir von der Mutter her

angeboren ist, weil ich euch verstehe, ehe ihr noch den Mund auftut,

weil mir's im Blut liegt, euch beizuspringen! Ich soll nicht würdig

sein, euch zu beherrschen, weil ich euer Bruder bin! Wer weiß, was

sie tun werden, die alten treuen Bavaren, wenn mein Sohn sie dereinst

nach Urväter-Weise in einem Eichenhain zusammenruft und so zu ihnen

spricht; wer weiß, ob sich dann nicht der letzte Bauer in einen

Ritter verwandelt und ob die Sense nicht gegen das Schwert schlägt,

daß das ganze deutsche Reich zu wackeln anfängt, und der große Karl

zu Aachen in seinem Sarg erschrocken nach der Krone greift!

Nothhafft von Wernberg. Gnädiger Herr, verkennt mich nicht!

Nothhafft von Wernberg kann Euch nicht raten, in den Abgrund zu

springen, aber er springt nach, wenn Ihr's tut!

Albrecht. Das ist ein Wort! So kommt!

(Alle ab.)

Baderstube.

Agnes Bernauer · 第 53 / 108 题