Das Westliche Paradies

Die Veröffentlichung des winterlichen kaiserlichen Erlasses stieß auf

keinen stärkeren Widerstand. Wenige östliche und südliche Präfekturen in

Tschi-li unterschlugen die Befehle. Im übrigen brauste der Erlaß als ein

Kampfruf über die nördlichen Provinzen.

Chao-hoeis Truppen, die gefürchteten Mordbrenner vom Ili, rückten in die

nördliche Provinz ein. Ein paar hundert herumstreifende Brüder und

Schwestern, auf die man in Rotten stieß, wurden ergriffen, nach ihrer

Vernehmung hingerichtet, kleine Trupps, die Widerstand gegen die

Gefangennahme leisteten, waren rasch umstellt, niedergeschlagen, nach

Folterungen in Stücke zerschnitten. Es bedurfte zu diesen Ereignissen nur

weniger Wochen, dann gähnte Chao-hoei in der nördlichen frierenden Provinz,

konnte nicht nach Pe-king Unterwerfung melden und konnte nicht angreifen.

Die Wahrhaft Schwachen waren vom sichtbaren Erdboden verschwunden.

Überfälle auf gefangene Boten, Briefe bewiesen, daß sich die Geheimbündler

in die Städte und Dörfer verschoben hatten, daß die Bevölkerung sie

aufgenommen hatte und daß mit einem Schlage riesige Massen hinter den

Wahrhaft Schwachen schwelten. Die Weiße Wasserlilie tauchte auf wie das

Gespenst einer brutalen undurchdringlichen Menschenwand. Weder Chao-hoei,

noch die Tsong-tous von Tschi-li und Schan-tung trauten sich zu prüfen, wie

diese fürchterliche Freimaurerverbindung zu den Wu-wei-leuten stünde. Ein

eisiger Winter brach an.

Es war nach dem letzten Kampf einer Bündlerrotte mit den Regulären, als

sich fünf Händler aus jenem Dorf, bei welchem der Kampf stattgefunden

hatte, aufmachten und mit ihren Segelkarren nach Süden zogen. Dieses waren

entschlossene Brüder, welche Wang-lun holen wollten. Hochgetürmte

einrädrige Karren ließen sie im frostprustenden Wind vor sich laufen, über

den gefrorenen Schnee rollten sie wie auf Schienen. Nur zwei von ihnen

verstanden den Dialekt der südlichen Provinz, in die sie reisten; aber die

drei andern waren kräftige Burschen, die sich auf Schlagen und

Landstraßenwälzen verstanden. Tang, einer von ihnen, war, als Ngoh

anordnete, man solle sich verstecken, mit einer Anzahl anderer auf die

Dörfer gelaufen, suchte Rebellion gegen die Mandschus zu schüren, erlahmte

bei diesem Treiben. Er faßte es als ein Zeichen auf, daß er der letzten

Umzingelung durch die Kaiserlichen entrann, überredete rasch seine

Begleiter, mit nach Süden zu reisen zu Wang-lun. Er wußte von Ngoh den

Aufenthaltsort Wangs. Nach einer Tagereise kehrten sie um; Tang suchte sich

eine Legitimation zu verschaffen für Wang-lun. Bei dem Dorf wieder

angelangt, fand man aber den alten Chu nicht mehr, der, wie er oft

erzählte, auf den Nan-ku-bergen die Geburtsstunde des Bundes miterlebt

hatte; bei der Plünderung des Dorfes hatte er sich verdächtig gemacht und

nun lag der alte Fanatiker, dem bei dem zudringlichen Ausfragen die Galle

übergelaufen war, neben einem geborstenen Maulbeerbaum im weichen Schnee

und hielt seinen steifgefrorenen Kopf zwischen den Füßen. Sie warteten die

Nacht ab, begruben den Körper hinter der Mauer des Magistrats, damit er der

verräterischen Behörde Unglück bringe, wälzten den klebrigen Kopf in einen

Salzeimer, den Tang an der Lenkstange seines Karrens führte und hatten nun

die Legitimation, die sie brauchten. Viel ist später über die Fahrt dieser

fünf einfältigen Brüder nach dem Hia-ho, wo Wang-lun wohnte, gefabelt

worden. Wahr ist sicher, daß man in allen Städten und Orten hinter ihnen

tuschelte; die Zopfschnüre, Lampen, Dochte, Federblumen, Seidentücher,

Tabaksdosen, die sie verkauften, warf man nach ein paar Tagen weg in Angst

behext zu werden; die, welche Süßigkeiten von ihnen gekauft hatten,

behaupteten, Kriebeln in den Fingerspitzen zu spüren, Absterben der Zunge,

und gaben sich Mühe zu erbrechen. Man erschrak über das rasche Erscheinen

und Verschwinden der Händler; der enorm niedrige Preis, zu dem sie

verkauften, erregte hinterher Verdacht, dazu der grimmige tiefsinnige

Gesichtsausdruck Tangs, der über den Tod des alten Chu trauerte; auch die

sonderbare Ängstlichkeit der fünf Wanderer. In ganz anderer Weise sollte

drei Monate später Tang mit Wang-lun dieselben Ortschaften durchwandern;

freudig still neben dem freudigen und stillen Wang-lun, beide im

herrlichsten Frühling in die Mäntel taoistischer Doktoren gehüllt; sie

schoben abwechselnd einen kleinen Handwagen mit geweihtem Zauberwerk; auch

an der Deichsel dieses Wagens schaukelte der Salzeimer mit dem Kopfe des

toten, hitzigen Chus, den sie neben seinem Körper vergraben wollten. Die

Provinzen Tschi-li, Schan-tung und Kiang-su durchhetzten die fünf Händler,

sie hielten sich an die Richtung des Kaiserkanals; das reiche Tiefland

dehnte sich unermeßlich nach allen Seiten. Den Jubel des Neujahrsfestes,

Lärmen, Knattern der Bambushölzer erlebten sie in Schan-tung; jeder Festtag

ließ sie das Vorrücken der Zeit empfinden, blies in ihre Segel, kniff in

ihre Waden. Tang trug viel Geld bei sich, das er unter Drohungen einem

Kaufmann in Tschi-li abnahm, bevor er auf die Dörfer lief, sechs starke

Barren Hacksilber, die er in den Boden seines Karrens versteckte unter

einer Bretterlage. Sie mußten viermal ihre Warenbestände erneuern, sich

selbst zweimal einkleiden auf dem Wege, um als Händler der Gegend zu

erscheinen, die sie durchfuhren. In Kiang-su war es schon Frühling

geworden. Zuletzt mußte man sehr langsam reisen, weil Chen, ein

Natternhändler, einer der sprachkundigen des Zuges, beim Fang eines Tieres

in den Hacken gebissen war; die feine Rißwunde flammte auf, heilte nicht,

ja an manchen Tagen blühte das ganze Bein schwellend wie ein Kuchenteig.

Die Häuser wuchsen höher, hatten weiße Stirnen, waren umrankt von Efeu,

Kürbis, seltsamen breitblättrigen Pflanzen. Die Dachverzierungen wurden

prächtiger. Dunkle Menschen begegneten ihnen, die sehr rasch, auffallend

laut und weich sprachen. Auf vierrädrigen Büffelwagen holperten Bauern

vorbei; breite Flüsse, welche die Einwohner verschieden benannten,

schaukelten Städte von Booten, in denen die Menschen wohnten. Der

schreckliche Hwang-ho wurde überschritten; über den Hwai-ho setzend, bogen

sie östlicher ein. Sie näherten sich dem Hia-ho, dem seenreichen Gebiet

nördlich vom Jang-tse-kiang, das sich in fruchtbarer Niederung vom Damm des

Kaiserkanals bis an den meerabwehrenden großen Damm Fang-koung-ti

erstreckte. In dem Marktflecken Fou-ngan, an der südlichen Grenze des

großen Damms, sollte ein Mann namens Tai wohnen. Dies war Wang-lun. An den

Grundstücken der großen Salzsieder knarrten die fünf Händler vorbei, ein

reger Wasserhandel wurde hier getrieben. Auf dem Damm wogten die

Pflanzungen von Baumwolle, Ölbohnen, Mais.

An einem stürmischen Mittag langten sie in Fou-ngan an, krochen in ihre

Herberge, schliefen bis zum lichten Morgen. Tang machte sich an den Wirt,

einen älteren schlauen Gesellen, der leise herumging, fragte ihn nach den

Ortsverhältnissen, nach kaufkräftigen angesehenen Leuten, erfuhr dabei die

Wohnung Tais, der eine Baumwollpflanzung besitzen sollte, zurzeit auf

Fischjagd lag.

Die zunehmende Erkrankung des glücklosen Natternhändlers, sein

überkochendes Fieber erübrigte eine Begründung für ihr langes Verweilen am

Ort. Sie brachten ihre Karren in der Herberge unter, Tang schob seinen

kostbaren Karren durch die lange Dorfstraße, die drei andern Männer liefen

hinterdrein. Sie kauerten am Ufer des Jang-tse hin, der breit wie ein See

in wilder Strömung nach dem Meere rollte. Sie hatten bis zum Abend lange

Stunden Zeit, das schlammige gelbe Wasser zu betrachten. Wie in Tschi-li

flogen die Tauben in Schwärmen über ihnen, tönend wie Äolsharfen; wunderbar

fein klangen die Pfeifchen in ihren Schwanzfedern, wenn sie sich näherten.

Niedrige Felsklippen faßten beiderseits dem Meere zu den Fluß ein, an den

Felsbuchten gab es ein Schweben und Senken der Mandarinenten. Im Rücken der

vier träumenden Händler tappste der Lärm, Wasserträger schrieen, die Saat

wurde auf die Felder geschleppt, Bootzieher trabten nach den Querkanälen.

Gegen Abend sprangen die vier auf und rieben die Knie. Eine Flotte von

vierzig flachen Dschunken näherte sich dem Dorf, legte an. Die

Tschi-li-läufer stellten sich in die Gruppe der ausgestiegenen Fischer, die

Körbe und Netze von den Fahrzeugen trugen. Frauen und Kinder zwitscherten

den Damm herunter. Der Himmel schwankte und schwappte wie ein übervoller

Bottich von Purpur, hochgelb, violett. Der Name Tai wurde von Trägern

gerufen, ein riesengroßer Mann mit magerem Gesicht antwortete, der Korb

nach Korb von den rüttelnden Planken eines Schiffes räumte. Die vier

Tschi-li-läufer stießen sich im Gedränge. Sie legten einander die Arme um

die Schultern und ihre beweglichen Augen glänzten. Lauter wurden die

Schreie, das Scharren durcheinander, als die Fischer in die langen,

schmalen Gehege uferentlang ihre Beute hoch aufgeschultert stampften. Tang

stand schon mit seinen Freunden an dem Gehege des knochigen Mannes, wartete

bis zum Ende des Verstauens. Sie folgten Tai, als er über eine

sonnenbeschienene Bodenerhebung mit baumelnden, großen Händen allein ins

Dorf stieg. Der Karren des breitschultrigen Tang querte seinen Weg. Tang

bot dem wassertriefenden Barfüßler im Vorüberrollen einen großen roten

Frauenschal an. Der Fischer: »Heb ihn hoch, sonst wird er naß.«

»Tut nichts«, meinte Tang.

»Aber unser Boden wird rot«, grinste der Knöcherne stärker, schlürfte an

dem Karren vorbei. Sie fuhren hinter ihm her. Tang sauste quer über den

Weg, der zwischen steile Tung-chu-bäume führte. Tai stehen bleibend, schrie

dem ungeschickten Händler ein wütendes »Ho-oooh!« zu. Der Händler aber

seinen Karren festhaltend, der ihm im Schwung fortrollen wollte, riß mit

der freien linken Hand den Salzeimer von der Deichsel: er wolle ihm noch

etwas anderes anbieten; vorher hätte er sich vergriffen; dies hier färbe

auch rot. Die schnüffelnde Nase des Fischers fuhr zurück vor dem auf der

rosigen Salzkruste herausragenden Halsstumpf. Die drei andern Männer

trollten herzu, hielten den zappelnden Karren. Tang stellte sich höflich

neben den Fischer, dessen kleine Augen von einem zum andern hüpften. Den

Eimer auf den Boden gesetzt, zog er am Stumpf den Kopf des alten Chu

heraus, drehte noch im Eimer das Gesicht nach oben. Tai bückte sich tiefer,

tiefer herunter, hockte ohne Wort neben dem Eimer, die Hand des Tang

fortstoßend. Er schien Merkmale von dem stinkenden schwarzbraunen

Leichengesicht abzuzählen: den kleinen zusammengeklebten Kinnbart, die

geriefelte Haut, die dicken Augensäcke, den vorragenden Unterkiefer. Dann

blickte er an dem Holz des Gefäßes entlang, stubbte den Leichenkopf zurück,

sprang auf, wischte sich die Hände im Sand und ging, mit den Fäusten den

vier drohend, die er »Strolche« angiftete, mit langen Schritten zum Dorf

hinüber.

In ihrer Herberge unterhielten sich die fünf in der Kammer des

Natternhändlers. Tang mußte die andern beruhigen. Ob sie geglaubt hätten,

die Sache wäre mit vier krummen Buckeln und einem Grinsen abzumachen.

Der Wirt wußte schon, daß sie sich mit Tai unterhalten hatten, daß er ihnen

aber nichts abgekauft hatte. Er riet ihnen, sich ganz früh bei der Abfahrt

der Kormoranfischer am Fluß einzufinden. Da strömten Frauen und Männer

zusammen. Ihnen läge doch nicht gerade an Tais verschlossenem Beutel.

Als der scharfe Morgenwind über den Gelben Fluß seine prallen pfeifenden

Luftsäcke entleerte, standen die vier unter den rüstenden Leuten. Dutzende

lange Flöße schwankten auf dem Wasser, schmal, vorn wenig aufgebogen. Eine

Anzahl glitt im weißgrauen Morgenlicht stromabwärts, von Männern, die auf

dem Vorderteil des Schiffs mit Ruderstangen liefen, geführt. Als Tai über

den Sand drei lange Schiffsstangen hinter sich schleifte, löste sich aus

der Gruppe der vier Händler Tang gegen ihn zu. Gleichzeitig sah der Fischer

sie an und rief. Sie sprangen zu. Nachdem sie Stangen und Netze auf sein

Floß geworfen hatten, das eine große Breite aufwies, stiegen sie mit ihm

auf das Floß. Er gab jedem der Männer, langsam um sie herum gehend, einen

Platz und eine Stange. Vor jedem Platz auf den schwankenden Brettern stand

ein hoher Korb, auf dem hinteren Floß schrieen und hüpften die

abgerichteten Vögel, die Kormorane.

Während die Fischer der Strömung folgten, um Klippen und Sandbänke glitten,

tauchten die Vögel, watschelten vor dem Floß, brachten feuchtigkeitsprühend

Fische im Schnabel an, die sie in den Korb fallen ließen, nach ihnen

hackten. Die rudernden Männer, torkelnd, breitbeinig, sprachen im

Tschi-li-dialekt miteinander, ohne sich umzudrehen. Tai fragte, wo sie im

Dorf wohnten und wo der Eimer wäre. Als Tang geantwortet hatte,

unaufgefordert vom Tode Chus präludierte, Wang-lun gleichmütig ihn hieß,

seine Arbeit zu tun, dann würde es ihm gut gehen, schwieg ihre

Unterhaltung. Langsam schwammen sie, von Wang gesteuert, gegen eine

schwarze senkrechte Uferklippe, ließen die übrigen Flöße vorüber. Das gelbe

Element schäumte, rieselte unter ihren nackten Füßen, die Vögel flatterten.

Wang-lun drehte sich um: »Ich habe euch schon gestern gedroht. Ihr habt

hier nichts zu suchen, mit dem Kopf des alten Chu. Ich werde euch ins

Wasser werfen.«

Tang erwiderte, es sei einer von ihnen in der Herberge, sie fürchteten sich

nicht.

Verächtlich fixierte ihn der Fischer, hieb abstoßend in die Klippe. Sie

schwammen weiter über den Strom. Als sie ruhiger arbeiteten, schrie einmal

Wang plötzlich: es sei eine Kinderei, eine Niedrigkeit, den Kopf des alten

Chu durch alle Provinzen zu schleppen. Wozu? Wem sie damit einen Gefallen

täten? Chu sei alt, erfahren, hätte genug Provinzen durchwandert, sie

hätten ihm Ruhe gönnen können.

Tang erwiderte, Chu sei noch zuletzt unter die Kämpfer gegangen; er habe

gewünscht, ruhelos weiter gegen die Füchse, die Pelzdiebe, die Mandschus zu

kämpfen, und das wäre ihm jetzt gegönnt.

»Wodurch?« fragte Wang.

Tang trat einen Schritt näher: »Das weißt du selbst. Er wirbt zum Kampf.«

Tangs Augen blitzten.

Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman · 第 15 / 29 题