[Illustration]
WIEN UND LEIPZIG
WILHELM BRAUMÜLLER
K. U. K. HOF- U. UNIVERSITÄTS-BUCHHÄNDLER
1904
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht vorbehalten.
K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.
Vorrede.
+Motto+: Jedes wahre, ewige +Problem+ ist eine
ebenso wahre, ewige +Schuld+; jede
Antwort eine Sühnung, jede Erkenntnis
eine Besserung.
+Weininger.+
Das Kreuz in Golgatha kann dich nicht von dem Bösen,
Wo es nicht auch in dir wird aufgericht’, erlösen.
+Angelus Silesius.+
Otto Weininger wurde am 3. April 1880 als das zweite Kind eines
Kunsthandwerkers in Wien geboren. Er war ein fröhlich angelegter Knabe
und beteiligte sich gern und häufig an den Jugendspielen; ziemlich früh
machte sich ein heftiger Wissensdrang bei ihm bemerkbar. Im Gymnasium
eilte er durch die eifrige Lektüre historischer, literarischer und
philosophischer Schriften seinem Alter weit voraus. Zu dieser Zeit
interessierte er sich am meisten für Philologie; er trug sich auch
mit dem Gedanken, Philologe zu werden. (Im ganzen lernte er fünf
moderne Sprachen: Französisch, englisch und italienisch beherrschte
er vollkommen, war auch sehr belesen in den Literaturen dieser
Völker; spanisch und norwegisch verstand er recht gut.) Der Sinn für
Naturwissenschaften und für Mathematik erwachte erst später, als er die
Universität besuchte. Daselbst beschäftigte er sich am eingehendsten
mit Biologie und Physiologie;[1] Physik interessierte ihn sehr, doch
konnte er dem praktischen Arbeiten im Laboratorium keinen Geschmack
abgewinnen. Er trieb auch viel Mathematik (Differentialgleichungen,
Zahlentheorie), kam aber in der letzten Zeit sehr davon ab. Eine
lebhafte Abneigung gegen alles „+Formale+“ trat bei ihm ein; er
verlangte immer mehr nach „Erfülltheit“.[2] — Er hörte übrigens
Vorlesungen aller Fächer auf der philosophischen Fakultät; seine
Arbeitskraft war eine kolossale, sowie es nur eine besonders starke
Konstitution ermöglichte.
Von sehr großer, hagerer Statur, ohne besondere Muskelkraft, besaß
er doch eine äußerst zähe Gesundheit. Seine Nerven überwanden alle
Anstrengungen, wenn er auch viel Nervöses in seinem Wesen hatte,
wenn er auch ein tiefes Verständnis für die Neurasthenie besaß.
Neurasthenisch war er nicht, auch zum Irrsinn war keine ausgesprochene
Disposition vorhanden. Nur unter schweren Herzkrämpfen und unter
epileptischen Anfällen hatte er öfters zu leiden; die ersteren stellten
sich immer nach großen psychischen Aufregungen ein.
In der Entwicklung seiner philosophischen Anschauungen sind große
Umwandlungen zu verzeichnen. Anfangs war er ein begeisterter Anhänger
von +Avenarius+; auch +Mach+ schätzte er damals sehr hoch. Den
Gottesbegriff lehnte er mit Entschiedenheit ab. Aber das änderte sich
bald. Den Umschwung führten ethische Probleme herbei, welche immer mehr
und mehr Besitz von ihm ergriffen: und als er klar erkannte, daß der
Schlüssel zur Lösung des Welträtsels in der Ethik zu suchen sei, wandte
er sich naturgemäß ab von einer Philosophie, welcher „Gut und Böse“ gar
nicht einmal Problem geworden war. Er wurde Kantianer, und bei Kant ist
er, von einer einzigen Anschauung abgesehen, bis zu seinem Lebensende
verblieben.
Noch höher beinahe als Kant schätzte er Plato; diese beiden Philosophen
liebte und verehrte er wegen ihres vollkommenen, extremen Dualismus.
Auch traf er bei Plato sowohl wie bei Kant seine innerste Überzeugung
wieder: daß das tiefste Wesen aller Dinge der Ethik angehören müsse.
Von anderen Philosophen schätzte er Plotin, Augustinus, Pascal,
Schopenhauer, Nietzsche.[3] Schopenhauer, Nietzsche und Fechner warf
er allerdings vor, daß sie nicht den Wert (d. h. das Gute und Wahre),
sondern Lust und Schmerz für das letzthin Reale halten; er nannte das
„die Weltanschauung des Neurasthenikers.“
Ich will nunmehr versuchen, das Verhältnis Weiningers zur Musik
zu beschreiben. Er war sehr musikalisch, insbesondere hatte er
ein fabelhaftes musikalisches Gedächtnis; er selbst spielte kein
Instrument. Er war in extremem Grade Musikpsychologe: d. h. er fühlte
bei jeder einzelnen Melodie irgend ein psychisches Phänomen, eine
landschaftliche Stimmung, welche eindeutig und bestimmt dieser Melodie
zugeordnet schien; so daß er z. B. von einem Motiv der Willensstärke,
von einem Motiv des Herzschlages, von einer Melodie der Kälte im
leeren Raum sprechen konnte. Diese Visionen waren aber keineswegs
auf Gefühle und Stimmungen beschränkt; sie erhoben sich sehr oft zum
Anblick der höchsten und allgemeinsten Probleme. Probleme können
selbstverständlich musikalisch auch nur durch ihren Stimmungsgehalt
wiedergegeben werden; und der ist bald stärker, bald schwächer, ganz in
dem Maße, als die Probleme wirklich +erlebt+ werden. Das war freilich
hier im denkbarst stärksten Grade der Fall; und so empfand Weininger
mit großer Bestimmtheit in diesem Motiv den spielenden Monismus, in
jenem die resignierte Trennung vom Absoluten, in einem dritten die
Erbsünde u. s. w. — Sein Lieblingskomponist war +Richard Wagner+; ihn
hielt er für den größten Künstler der gesamten Menschheit. Zwar hatte
er noch in der Avenarius-Periode ziemlich geringschätzig geäußert,
daß „Wagner anhören müsse, wer Psychologe werden wolle.“ Aber in der
großen Umwandlung, die er etwa zwei Jahre vor seinem Tode mitmachte,
änderte sich auch das gewaltig. Er hielt nunmehr Tristan für eines der
größten Kunstwerke der Welt; am allerhöchsten[4] schätzte er textlich
den Parsifal, musikalisch den Siegfried (besonders dessen III. Akt).
Das Vorspiel zu diesem Akte erregte stets seine Bewunderung; da fand
er sein innerstes Erlebnis ausgedrückt: „den Kampf zwischen dem All
und dem Nichts, zwischen Kosmos und Chaos, die größte Alternative der
Welt; und der Aufruhr der ganzen Natur in diesem Kampfe.“ — Sehr viel
bedeutete die Melodie „Siegfried, Herrlicher, Hort der Welt“ für ihn.
— Aber dies alles trat zurück gegen die ungeheure Wirkung, welche
das sogenannte „Liebeswonne-Motiv“ („Du Wecker des Lebens, siegendes
Licht!“) auf ihn ausübte. Nach einer Siegfriedvorstellung sagte er
einmal, er begreife nicht, wie — nach dieser Melodie — das Haus noch
stehen bleiben könne. Noch in der verzweifelten Stimmung seiner
letzten Lebenstage wurde er von dem Motiv — er selbst nannte es „die
Resorption des Horizontes“ (weil der ganze Horizont hier gleichsam
umarmt, verschlungen wird) — aufs furchtbarste erschüttert. Vor der
zunehmenden Verdunkelung seiner Gemütsstimmung tat sich noch einmal ein
weiter offener blauer Himmel auf; dem umdüsterten Auge erstrahlte noch
einmal das „siegende Licht.“ — Sonst will ich noch das Regenbogen-Motiv
(Rheingold) erwähnen, welches ihm etwas von der „Freiheit des Objektes“
zu enthalten schien; auch dieses schätzte er besonders hoch. — Die
Walküre empfand er als krankhaft. — Einige musikpsychologische
Bemerkungen über Wagnersche Melodien, die ihm besonders nahe gingen,
hat er übrigens selbst in diesem Buche zur Sprache gebracht.
Nächst Richard Wagner verehrte er +Beethoven+ am meisten. Er hielt
Beethoven für ein Genie, dessen Gefahr das Verbrechen gewesen ist, wie
Knut Hamsun, Kant, Augustinus. Die Gefahr des Bösen, die Sehnsucht nach
Reinheit, das furchtbare Leiden und der gewaltige Kampf waren es, die
ihn bei Beethoven anzogen; vor allem aber jene merkwürdige, verklärte
Freude, deren Beethoven allein fähig war — er nannte sie „+die
gerettete Freude+.“ (Dabei dachte er besonders an das Adagio aus der
IX. Symphonie, die Stelle in B-dur.) — Von den +Mozart+schen +Opern+
schätzte er den Don Juan am höchsten; Mozart, Bach und Händel waren die
— in seinem weiteren Sinne — frömmsten Komponisten.[5] Als die Gefahr
Bachs sah er das Chaos an; die Gefahr des Händel sei Zweifel an der
Allmacht Gottes gewesen. Aus der modernen Musik schätzte er das Lied
der Solveig in Griegs Peer-Gynt-Suite besonders hoch; er nannte dessen
A-dur-Melodie „die größte Luftverdünnung, die jemals erreicht worden
sei.“ — Die sogenannte „leichte Musik“ war ihm entweder gleichgültig
oder (wie z. B. alle Walzer) direkt antipathisch.
Ich will nun einiges über das Verhältnis Weiningers zur Natur anführen.
Er besaß eine ungeheuer starke, sehr differenzierte und sehr umfassende
Naturempfindung; hier zeigte sich recht eigentlich seine durchaus
universelle Veranlagung. Das höchste für ihn war der Sonnenuntergang
(der ihm wahrscheinlich das Erlöschen des göttlichen Lichtes beim
Sündenfall symbolisierte). Alle Erscheinungen des Lichtes wirkten
sehr stark auf ihn; am stärksten der Anblick des Feuers, das er als
den Ausdruck des Bösen, der Vernichtung empfand. Auch für das Wasser
in allen seinen Formen hatte er viel Sinn. Die Quelle bedeutete ihm
die Geburt, der Fluß das apollinische und das Meer das dionysische
Prinzip. Überhaupt wurde alles Sichtbare als das Symbol einer ethischen
und psychischen Realität aufgefaßt. Nicht als ob sich jede Empfindung
gleich in abstrakte Reflexion umgesetzt hätte; sondern das intensivste
Naturerlebnis war ihm +eins+ mit einer sicheren Erkenntnis über die
Bedeutung dieses Phänomens für das Universum. Mit der Form und der
Farbe +zugleich+ erschaute er die sittliche Potenz, die Idee, die sich
dort materialisiert hatte. So ward ihm alles Sinnliche zum Symbol eines
Geistigen. „Alle Tiere sind Symbole verbrecherischer, alle Pflanzen
Symbole neurasthenischer Phänomene im Menschen“ (Letzte Aphorismen).
In dieser Symbolik traf sich seine Intuition mit der idealistischen
Philosophie. „Die Welt ist meine Vorstellung“ —, somit kommt allen
Erscheinungen nur soweit Realität zu, als sie Symbole jener zweiten
Welt sind, die uns in verschiedenen Gestalten hier entgegentritt: als
das höhere, ewige Leben; als das zeitlose Sein, als die intelligible
Welt, als das Transzendente, als das höchste Reale u. s. w. — Sein
erstes Symbol-Erlebnis war die Vision vom Licht als dem Ausdruck der
Sittlichkeit; er schloß daraus, daß die Tiefseefauna die Inkarnation
von verbrecherischen Prinzipien sein müsse, da sie den Aufenthalt so
fern vom Licht gewählt hat. — Die erkenntnistheoretische Begründung
dieser Ansichten hat er nicht gegeben; er dürfte auch kein starkes
Bedürfnis danach gefühlt haben, da ihn sein extrem anthropozentrischer
Standpunkt jedes Zweifels an der objektiven Richtigkeit derselben
enthob. Die Welt ist ihm der Ausdruck des Menschen, der Mensch
das korrespondierende Subjekt des Objekts „Welt“. Es ist die alte
Lehre vom Menschen als dem Mikrokosmus,[6] die hier wieder einmal
fruchtbar geworden ist. — Die Universalität seiner Naturempfindung
war erstaunlich; er empfand das Hochgebirge so stark als das Meer,
er sehnte sich nach dem Norden ebensosehr als nach dem Süden. Er
fühlte stets ein starkes Reisebedürfnis. — In der letzten Zeit wirkten
Durchblicke durch enge Öffnungen auf hell beleuchtete Fernen am
stärksten auf ihn.
Ich will nunmehr versuchen, das eigentliche Wesen Weiningers, den
Kern seines Seins, zu erklären; dabei sollen auch die Motive des
Selbstmordes klar hervortreten. =Otto Weininger verstehen, heißt soviel
als den Dualismus[7] und seine Projektion auf die menschliche Psyche,
das Prinzip des Gegensatzes im Bewußtsein, verstehen.= Denn es wird
kaum je einen Menschen gegeben haben, bei dem der Dualismus in einem so
furchtbaren inneren Kampf unablässig zum Ausdrucke gekommen wäre, wie
bei ihm.
Die Lehre Otto Weiningers von der Bedeutung des Gegensatzes[8] im
Bewußtsein läßt sich etwa folgendermaßen darstellen: Jeder Mensch
enthält etwas vom Nichts, vom Chaos, vom Teufel (der für Weininger
bloß das personifizierte „Nichts“ ist) und etwas vom All, vom Kosmos,
von der Gottheit. Diese beiden Mächte ringen miteinander; ihr
Kampf ist der Sinn des menschlichen Lebens. Und zwar =bestimmt die
spezifische Art seines Chaos, seines „Nein“= bei jedem Menschen die
Entwicklung und Ausbildung =gerade desjenigen „Ja“= aus dem Reiche
des Kosmos, der Gottheit, =welches seinem Nein, seiner Form des
Chaos genau entgegengesetzt ist=. Jede Äußerung des Nichts macht die
korrespondierende Äußerung aus dem All möglich; jedes Stück Kosmos
im Menschen trägt die Gefahr eines entsprechenden Chaos in sich.
Bewußtsein ist nur durch den Gegensatz möglich; die Gottheit inkarniert
sich im Menschen, um dort im Kampfe gegen das Nichts ihrer selbst sich
bewußt zu werden. So wie bei aller Erotik der Mann im Weibe, so will
sich Gott im Menschen finden, wiederfinden. — Die zwei hauptsächlichen
Formen des „Nichts“ sind Verbrechen und Irrsinn; das wahrhaft, in
höchster Realität Existierende ist Güte und Weisheit. Diese beiden
fallen freilich, im Reiche des Transzendenten, zusammen; nur empirisch
ist es zweierlei. Denn es gibt keine Erkenntnis, die nicht Sühnung
einer Schuld wäre; keine wirkliche Selbstbeobachtung, die nicht den
Willen zum Guten anspornen würde. Logik und Ethik gehören zusammen. Wir
wollen das Prinzip des Gegensatzes nun für diese zwei Fälle besprechen.
Derjenige, welcher die Veranlagung zum Irrsinn in sich fühlt, wird vor
allem von logischen und erkenntnistheoretischen Problemen angezogen.
Wem der Irrsinn Gefahr ist, dem wird alles Logische problematisch;
alles Denken, selbst das allereinfachste, wird von ihm in Zweifel
gezogen. Die instinktive Sicherheit und Notwendigkeit, welche den
Gesunden bei jedem Urteilsakte leitet, wandelt sich bei ihm in eine
Schar von Denkmöglichkeiten um, von denen jede um den Vorzug streitet.
Daher muß er, um sich gegen die allgemeine Unsicherheit in der
gedanklichen Orientierung zu schützen, um nicht den Boden unter den
Füßen zu verlieren, die obersten, allgemeinsten Grundsätze des Denkens
zu Hilfe rufen. Je größer das bedrohte Gebiet ist, desto umfassender
müssen auch die Vorkehrungen von Seite der Logik sein, damit es dem
völligen Verfall entrissen wird. So interessieren sich Menschen mit
Irrsinnsgefahr für viele logische und erkenntnistheoretische Probleme,
für welche andere Leute gar keinen Sinn haben. +Damit etwas Problem
wird, muß es zuerst problematisch sein.+ Wer krank ist, der muß sich um
die Krankheit bekümmern, mag ihm die Medizin sonst noch so gleichgültig
sein; wo die Existenz einer Sache in Frage kommt, dort wird es der
Aufmerksamkeit bedürfen; +wo eine Gefahr ist, dort wird eine Erkenntnis
nötig sein+. Das gilt von den Gefahren für die innere Erhaltung in noch
höherem Grade als von den Bedrängnissen der Umgebung. Sicherlich war
bei Kant alles in Frage gestellt, als er seine Probleme fand: „Wie ist
Erfahrung möglich? Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?....“
Die zweite hauptsächliche Form des „Nichts“ ist das Verbrechen. Dem
Irrsinnigen verdunkelt sich alles Denken, +dem Verbrecher alles Gefühl
für den Wert+. Aller Wert ist bei ihm in Frage gestellt, keiner bleibt
über jeden Zweifel erhaben; der Wert des menschlichen Lebens, der Wert
der Wahrheit — das alles wird völlig problematisch. Und wenn es kein
vollkommener Verbrecher ist, sondern ein Mensch, dem verbrecherische
Neigungen neben sittlichem Streben innewohnen, der sein besseres Ich
gegenüber allen Anfechtungen zu behaupten sucht, dann entstehen aus dem
Problematisch-gewordenen die entsprechenden Probleme. Das war mit dem
Satze gemeint: „Jedes wahre Problem ist eine ebenso wahre Schuld.“ Wenn
also bei einem Menschen, der Sittliches und Verbrecherisches zugleich
in sich trägt, der innere Kampf[9] beginnt, der die Entscheidung
bringen soll, so bedarf es der höchsten, allgemeinsten Erleuchtung über
Gut und Böse, um der tiefsten, völligsten Verdunkelung des Wertgefühles
standhalten zu können. Wo alles in Frage gestellt ist, da muß alles
gefestigt werden; da muß der letzte Quell des Sittlichen aufgesucht
werden: in eine Welt von Dunkelheit muß eine Unendlichkeit von Licht
einströmen. Und da kann es denn geschehen, daß aus dem ehemaligen
Verbrecher ein Heiliger wird. Dieser wird natürlich viel höhere
sittliche Anforderungen an sich stellen als ein normaler Mensch; er
wird oft auch dort Gemeines, Böses erblicken, wo ein anderer nichts
bemerkt. Wie der Wert früher ganz aus der Welt ausziehen wollte, so
dringt er jetzt, nach vollzogener Umwandlung, in alle Fasern der
Schöpfung ein.
Je mächtiger die Gefahr des „Nichts“ war, desto glorioser wird das
„Sein“, wenn es das Nichts überwunden hat. So ist der größte Mensch
derjenige, der den größten Feind besiegt hat. =Das Genie ist nicht eine
Art von Irrsinn oder Verbrechen, sondern deren vollkommene Überwindung,
deren größter Gegensatz.=
Ich möchte das Prinzip des Gegensatzes im Bewußtsein noch mit einem
biologischen Phänomen vergleichen. Bei jeder Krankheit bilden sich
bekanntlich die sogenannten Antitoxine, welche die Toxine, die Erreger
der Krankheit, zu vernichten streben. Sobald sie den letzteren an
Zahl und Stärke überlegen sind, tritt Genesung ein. Hat nun jemand
einmal eine ansteckende Krankheit gehabt, so wird er sie — infolge
der im Körper zurückbleibenden Antitoxine — selbst bei der größten
Ansteckungsgefahr in der Regel nicht ein zweitesmal bekommen. Ebenso
wird der, welcher den Verbrecher in sich überwunden hat, auch alle
jene gemeinen Züge abstreifen, welche sonst zum normalen Menschen dazu
gehören: d. h. er wird zum Heiligen.
Das wird freilich nur in den außerordentlich seltenen Fällen vorkommen,
wo verbrecherisch angelegten Naturen zugleich ein hohes sittliches
Streben innewohnt. Mag es schon sehr selten geschehen, daß sich
bei einem antimoralischen Menschen auch nur die Spur eines Kampfes
bemerkbar macht, viel seltener noch tritt der Fall ein, daß er bei
diesem Kampfe den Sieg erringt. Dann freilich ist der ehemalige
Verbrecher ein Heiliger oder ein Genie geworden. Beide Formen stellen
die Umkehrung des Antimoralischen dar; beide haben im höchsten Ausmaße
teil an der Wahrheit. Der Heilige hat die Wahrheit, die den Weg der
Selbstbeobachtung erhellt, das Genie jene, welche die Beobachtung der
ganzen Welt möglich macht. Der Heilige ist erlöst, wenn das Licht des
höheren Lebens in ihm selbst aufgegangen ist; dem Genie leuchtet die
ganze Welt in diesem Licht. — Weil Wahrheit das Gegenteil von Lüge
sowie von Irrtum ist, so berührt sich das Genie als der umgekehrte
Verbrecher mit dem Genie als dem umgekehrten Irrsinnigen.
Die Weiningersche Auffassung, daß Genialität höchste Sittlichkeit
ist, wird vielen befremdlich erscheinen. Es ist aber eigentlich ein
ganz einfacher Zusammenhang, der hier vorliegt. Der Sittliche hat
Verständnis für alles Leben in der Welt, weil er selbst am höheren
Leben, das der Quell alles Lebens ist, teilnimmt. Dem Verbrecher fehlt
der Sinn für Freiheit, Selbstzweck, Leben. Nun kann man aber ein
Lebewesen nur dann verstehen, wenn man es als Selbstzweck betrachtet.
Ich verstehe einen Hund, wenn ich weiß, was er fühlt und will; wenn
ich ihn aber nur als Mittel zum Zweck auffasse, ist er kein Lebewesen
für mich, sondern bloß eine Maschine oder eine bestimmte Menge von
Energie. — Das Verständnis des Lebens ist die Grundlage für das
Verständnis des Organismus; denn jeder Organismus, in seinem Bau und
in seinen Funktionen, ist der Ausdruck für die spezifische Form des
Lebens, welche sich ihn gebaut hat und ihn bewohnt. Hier äußert sich
Sittlichkeit als Verständnis für Biologie. Doch der kategorische
Imperativ: „niemanden bloß als Mittel zum Zweck aufzufassen,“ der von
Kant nur auf vernünftige Wesen anwendbar gedacht ist, läßt sich in
gewissem Sinne auf alle Schöpfung ausdehnen. Auch einen Granitblock,
ein Amethystkrystall kann ich nur dann wirklich auffassen, wenn ich
mich in der von Schopenhauer beschriebenen Stimmung der „willenlosen
Anschauung“ befinde. +Soweit etwas „interessant“ ist, soweit fällt es
unter den Begriff des Selbstzweckes.+ Die andere Art der Auffassung
aller Dinge ist vom Willen zur Macht eingegeben. — Aber nur auf der
Grundlage des Selbstzweckes ist alles Naturverständnis und alle
Naturempfindung möglich; daher ist der sittlichste Mensch — das Genie.
Vielleicht kann durch diese Betrachtung die Lehre Weiningers vom
Verbrecher leichter verständlich gemacht werden. Es heißt bei der
Psychologie des Verbrechers, S. 117 dieses Buches, daß alles Böse in
der Neigung zum Funktionalismus bestehe. Dieser Ausdruck ist aber
sehr geeignet, Mißverständnisse hervorzurufen. Denn das Funktionale
ist gerade dasjenige, das allein Gegenstand der Erkenntnis werden
kann; und die Kantische Frage „Wie ist Erfahrung möglich“ fand ihre
Antwort in dem — Funktionalismus. Das ist nämlich so. Jeder Körper
dehnt sich aus, wenn er erwärmt wird; jedem Grade der Erwärmung
entspricht ein bestimmtes Maß der Ausdehnung. Man sagt: Das Volumen
ist eine Funktion der Temperatur, v = f(t). Diese Beziehung hat zur
Konstruktion des Thermometers geführt; der Bau des Thermometers ist
durch sie bedingt. Ebenso sind alle unsere Denkgesetze durch die Natur
aller möglichen Funktionalbeziehungen bedingt (z. B. der Satz der
Identität durch das Phänomen der Stabilität in der Natur, welches einen
Teil des Funktionalen ausmacht); dem liegt ein tiefer apriorischer
(transzendenter) Zusammenhang zugrunde.
+Böse+ ist der Wunsch, alles Psychische in der Welt in eine derartige
funktionale[10] Verbindung zu bringen, daß es jede Freiheit und
Selbständigkeit einbüßt (+Verschmolzenheit+). Wie das Volumen des
Quecksilbers mit der Temperatur, so sollen sich die Handlungen des
Sklaven mit dem Willen des Despoten ändern. — Dies ist nun in der
Psychologie des Verbrechers weiter ausgeführt.
Die Erkenntnis des Funktionalen ist aber natürlich nicht böse. Was man
erkennt, davon hat man sich befreit. Wir nehmen die Drehung der Erde
nicht wahr, weil wir uns selbst mitdrehen; +um eine Sache zu erkennen,
muß man außerhalb derselben seinen Standpunkt haben+. Damit hängt es
zusammen, daß Hume, Mach, Avenarius, welche die Kausalität als eine
bloße Naturerscheinung ansehen, die Vorstellung von der Willensfreiheit
entschieden abweisen (siehe S. 71 dieses Buches), während gerade
Kant, der der Kausalität eine viel größere Bedeutung zuerkennt,
eine Lehre vom freien Willen aufgestellt hat. Das zur Klärung des
Funktionalbegriffes. — Ich kehre nach dieser Abschweifung, welche
vielleicht das Verständnis des Buches zu erleichtern hilft, wieder zur
Biographie zurück.
Otto Weininger war in hohem Grad zum Verbrecher veranlagt, und zugleich
besaß er ein ungeheures sittliches Streben. Er kannte sehr wohl alles
Böse; in ihm wirkte aber auch eine riesenhafte Wahrheitsliebe, eine an
Heiligkeit streifende Seelengüte. Ich will nur erwähnen, daß er niemals
über eine Wiese ging, um keinen Grashalm zertreten, keinen Lebenskeim
zerstören zu müssen. Er litt es auch bei niemand anderem, der mit ihm
ging. Wenn er einem Bettler etwas gab, so zog er stets dabei den Hut
ab, um ihn nicht zu beschämen. — Gutmütig im gewöhnlichen Sinne, d. h.
duldsam gegen alle jene gemeinen Züge, die zum Lebensgenuß beitragen,
ohne anderen Menschen direkt zu schaden, war er nicht. Damit dürfte
es auch zusammenhängen, daß er niemals „gemütlich“ war. Von „Güte“ in
höherem Sinne hatte er sehr viel in sich.
So mußte Weininger einen Kampf[11] bestehen, der an Intensität, an
Ausdehnung über alle Gebiete des Seins, an unablässig höchster Gefahr
vielleicht nicht seinesgleichen hatte. „Wenn ich siege, so wird das der
größte Sieg sein, den jemals ein Mensch errungen hat,“ sagte er einmal
zu mir. Seine Kraft war eine ungeheure; aber als die Gefahr so groß
wurde, daß er ihr nicht mehr widerstehen zu können fühlte, da tötete er
sich selbst, um nicht dem Bösen zu verfallen; „um nicht einen anderen
töten zu müssen,“ wie er unmittelbar vor seinem Tode aufschrieb.
Höchste Furcht vor dem Teufel ist das Motiv seines Selbstmordes
gewesen, sicherlich nichts anderes. Kein Mensch war weniger als er dazu
geneigt, Kompromisse zu schließen; und so richtete er sich selbst in
dem Moment, da er erkannte, daß er als guter Mensch nicht leben könne.
Die Abweisung aller Kompromisse ist sicherlich heroisch, Weiningers
Selbstmord insofern ein Akt des höchsten Heroismus.
Dieser Kampf dehnte sich über alle Gebiete seines Seins aus. Alle
Probleme der Welt rührte er auf; alles psychische Geschehen, alle
Naturempfindung, alle Kunsterlebnisse, alle Erotik mußte an ihm
teilnehmen. Mit einer merkwürdigen Sicherheit wurden da Pferd und Hund,
Zypresse und Veilchen, Fluß und See, Sonne und Sterne als Symbole der
Ethik erschaut. Da nun die ganze Natur voll derselben Probleme wurde,
die ihn selbst erfüllten, konnte Weininger den Kampf verteilen und
sich ihn wesentlich erleichtern: das ist eben jene Erweiterung des
Heiligen zum Genie, von der wir früher gesprochen haben. Er horchte
auf jede Regung der Natur, ob sie etwas Sittliches oder Unsittliches
bedeute; und so entstand in ihm der Plan zu einem grandios angelegten
Gedankenbau, zu einer +allgemeinen Natursymbolik+; was er davon
ausgeführt hat, ist in diesem Buche unter dem Abschnitte „Metaphysik“
enthalten.
Es ist hier am Platze, einiges über sein Erstlingswerk „Geschlecht
und Charakter“ zu sagen. +Wie alles, was Weininger je geschrieben
hat, so ist auch dieses Werk+ =eine Abwehr gegen das Nichts=, +gegen
das Böse+. Es handelt von den Frauen nur deswegen, weil die Frauen
als ausschließlich sexuelle Wesen aufgefaßt werden. Es will den
Zusammenhang von Sexualität und Verbrechen zeigen; es will dartun, daß
Sexualität nicht ohne Unfreiheit, ohne Sklaverei bestehen kann. Dazu
führt es den Mittelbegriff der „Verschmolzenheit“ ein. Der eigentliche
Wurzelstock des Buches ist der +Begriff der Kuppelei: das vergebliche
Streben des Nichts, zum Sein zu gelangen+ (+Klingsor+). Die extremen
sittlichen Forderungen, die in „Geschlecht und Charakter“ gestellt
werden (wie z. B. völlige Keuschheit), sind durch den gewaltigen
Seelenkampf des Verfassers zu erklären; er bedurfte der vollkommenen
Reinheit, um sich vor dem Abgrund zu retten. Es berührt unangenehm,
zu sehen, wie mancher über die „übertriebene“ Sittenstrenge lächelt,
der eben weder diesen Kampf, noch die Voraussetzungen dieses Kampfes
kennt. Ich betone es noch einmal: alles, was Weininger geschrieben
hat, war eine oft verzweifelte Abwehr gegen den völligen Verfall aller
Werte, gegen die drohende Verdunkelung des Sinnes für Wahrheit und
Leben. — Er selbst war sehr erotisch und sehr sinnlich, doch lebte
er in der letzten Zeit vollkommen keusch. Als er das Buch schrieb,
äußerte er sich einmal folgendermaßen: „Was ich hier gefunden habe,
wird sicherlich keinen anderen so schmerzen wie mich selbst.“ — Einige
Monate darauf: „Dieses Buch bedeutet ein Todesurteil; entweder trifft
es das Buch oder dessen Verfasser.“
Es ist dies eben die Art jener Produktion, aus der zweifellos alle
wahrhaft bedeutenden Werke über ethische Probleme hervorgegangen sind.
„+Die Ethik wird einem nicht geschenkt+,“ sagte Weininger öfters; und
was damit zusammenhängt: „Gute Menschen haben immer eine flache Ethik.“
(Damit meinte er Menschen, welche niemals einen Impuls zum Bösen
verspürt haben.)
Das ist der tiefste, charakteristischeste Zug in Otto Weiningers
Wesen: die Gewalt, mit welcher er den Dualismus erlebt hat. Darum
ging ihm auch alles nahe, worin der Dualismus zum Ausdruck kommt; so
Kant, so Plato, vor allem aber das Christentum,[12] an dem er mit
leidenschaftlicher Verehrung hing. Er war fest überzeugt davon, daß
die Person[13] und die Motive Jesu Christi noch niemand so verstanden
habe wie er. Der Gedanke der universellen Verantwortlichkeit:
+alles Böse der Welt als die eigene Schuld empfinden+, ging ihm
außerordentlich nahe. Der Inhalt des Christentums: die strenge
Scheidung von höherem, ewigem und niederem, zeitlichem Leben; der
Glaube an den Sündenfall (der wahrscheinlich so alt wie die Menschheit
ist, hier aber eine besonders große Bedeutung erlangt); die Vorstellung
vom inneren Tode bei äußerlich lebendigem Leibe (Lasset die Toten ihre
Toten begraben) — das alles ging ihm besonders nahe. Auch ihm bedeutete
das Wort „Leben“ etwas, das eigentlich nur dem Sittlichen zukommt: da
das höhere Leben auch der Quell des irdischen ist. — Im Mittelpunkte
seines Denkens steht der Begriff der „Schuld“. Alles Leiden ist nach
Weininger Schuld, und zwar übernommene Schuld; er teilte die Menschen
ein in solche, die die Schuld übernehmen und daran leiden (die Dulder),
und solche, die die Schuld auf die anderen abwälzen (die Verbrecher).
Den Sündenfall faßte er durchaus individuell auf. Jeder Mensch hat
seine eigene Erbsünde, die eben mit seiner „Schuld“ identisch ist. —
Seine Abneigung gegen das Judentum, gegen die Frauen und gegen Schiller
ist zum großen Teil aus deren vollkommenem Mangel an Dualismus zu
erklären. Den empirischen Optimismus haßte er, an den transzendenten
glaubte er selbst (das Paradies).
Als er gerade sein Erstlingswerk vollendet hatte, da sagte er einmal
zu mir: „Es gibt drei Möglichkeiten für mich; den Galgen, den
Selbstmord[14] und eine Zukunft, welche so glänzend ist, daß ich sie
mir gar nicht auszudenken traue.“[15] Seit dieser Zeit wurde seine
Stimmung immer schlechter. Er verbrachte den ganzen Sommer in Italien,
und verblieb zunächst längere Zeit in Syrakus, wo er den größten Teil
des vorliegenden Buches niederschrieb. Syrakus nannte er „den einzigen
Ort, in dem man den Sonnenuntergang ertragen könne.“ Dann hielt er sich
in Calabrien auf, besuchte Casamicciola auf der Isola d’Ischia, sah
sich auch Rom und Florenz an. In den letzten Tagen des September kehrte
er nach Wien zurück. Hier arbeitete er, wohl schon mit der festen
Selbstmordabsicht, an den „Letzten Aphorismen“; er schrieb zwei ganze
Nächte durch. Da fand er plötzlich die Lösung eines Problems, das ihn
früher unablässig gequält hatte: „Nicht die Seelen, die Individuen sind
das letzthin Reale, auch sie sind noch Ausdruck der Eitelkeit, Knüpfung
des Wertes an die Person; von höchster Realität ist allein das Gute,
welches alle Einzelinhalte in sich schließt.“ — Wohl äußerte er noch
die Absicht, bald wieder Wien zu verlassen und wegzureisen; aber seine
Stimmung verriet die herannahende Katastrophe. Völlige Dunkelheit brach
über ihn herein; ein abgründlicher Pessimismus (den er aber auch als
Schuld empfand) bemächtigte sich seiner.
So äußerte er sich z. B. (es war in den letzten vier, fünf Tagen seines
Lebens): „Alles, was ich geschaffen habe, wird zugrunde gehen müssen,
weil es mit bösem Willen geschaffen wurde; vielleicht mit Ausnahme
davon, daß Gott oder das Gute in keinem Einzelgegenstand der Natur
enthalten ist, daß das Symbol des Sittlichen nur das Schöne, nur die
ganze Natur sein kann. — Vielleicht ist alles verflucht, was je mit mir
in Berührung gekommen ist.“ Ein andermal: „Meine Rückkehr nach Wien
hätte eine zweite Inkarnation[16] in Wien sein sollen.“
Tags darauf nahm er sich ein Zimmer in Beethovens Sterbehaus. Er
verbrachte dort eine Nacht; in der Früh — am 4. Oktober 1903 — machte
er seinem Leben durch einen Schuß in die Brust ein Ende.
Es sei hier erwähnt, daß zur Zeit seines Leichenbegängnisses eine
in Wien sichtbare partielle Mondesfinsternis stattfand, die genau
in dem Momente endigte, als sein Leib in die Erde gesenkt wurde. —
Bekanntlich erzählt Schopenhauer, daß am Tage von Immanuel Kants Tode
eine weiße Wolke gen Himmel aufgestiegen sei, worauf der Himmel klarer
und reiner geleuchtet habe als je vorher.
* * * * *
Es hat wohl — seit Richard Wagners Tode — niemand gegeben, dem das Wort
„+Seele+“ soviel bedeutet hätte, in dem auf dieses Wort so Vieles und
Inhaltsschweres mitgeklungen wäre. Aber viel weiter noch, glaube ich,
müßten wir zurückgehen, um jemanden zu finden, der eine so ungeheure,
so weltumspannende Vorstellung von +Güte+ in sich getragen hätte wie
Otto Weininger.
* * * * *
Da es vielleicht manchen interessieren wird, noch etwas Persönliches
über Weininger zu erfahren, so veröffentliche ich hier einige seiner an
Herrn +Gerber+ und an +mich+ gerichteten Briefe.
* * * * *
Aus den Briefen an Herrn Arthur +Gerber+:
+München+, 29. 7. 02.
„— — München hat noch keinen großen Mann hervorgebracht: alle
angezogen, keinen festgehalten. — Ich komme eben aus der
Schack-Galerie. Dort hängt eine Kopie des großartigsten Bildes der
Welt, des Jeremias von Michel Angelo. Ich habe bisher nicht gewußt,
daß es so etwas geben kann, daß von einem Bilde soviel ausstrahlen
kann. — —“
+Dresden+, 12. 8. 02.
„— — Ich habe jetzt die Überzeugung, daß ich doch zum Musiker geboren
bin. Noch am ehesten wenigstens. Ich habe heute eine spezifisch
musikalische Phantasie an mir entdeckt, die ich mir nie zugetraut
hätte, und die mich mit einem starken Respekt erfüllt hat. — —
— — Ich habe jetzt die leibhaftige sixtinische Madonna gesehen.
Sie ist — +schön+. Aber nicht +bedeutend+; nicht großartig, nicht
irgendwie erschütternd. Und die Leute davor! Ich habe mich herzlich
amusiert. Es gibt weit hervorragendere Bilder hier. +Einen+ hab’ ich
entdeckt, einen tiefen +Kenner des Weibes+: +Palma vecchio!+ — —“
+Fredrikshaven+ (Nordspitze Jütlands), 21. August 1902.
„— — — Ich habe also jetzt 14 Stunden Seefahrt hinter mir, darunter
fast die ganze Nacht auf Deck zugebracht, bei ziemlichem Sturme und
bis 4 _m_ hohen Wellen; und bin seefest! wie ich’s von mir nicht
anders erwartet hatte. Ich glaube, durch nichts kann die +Würde+ des
Menschen so leiden wie durch die Seekrankheit. Bezeichnend genug
ist’s, daß die +Frauen+ alle seekrank werden. — —“
+Syrakus+, 3. August 1903.
„— — Statt in Ancona auf ein Schiff lange zu warten, bin ich über
Rom, Neapel, Messina, Taormina (einen der schönsten Punkte der Erde),
Catania (Ätna) hierher gereist.
In Rom hörte ich den Trovatore, in dem die großartigste Darstellung
des Herzschlages sich findet, und bin mehr als je der Meinung, daß
Verdi ein Genie gewesen ist; hier hörte ich vorgestern abends in
einer zauberischen Gegend, am Strande des mondbeschienenen jonischen
Meeres, zwischen der papyrusbestandenen Quelle Arethusa und den
Segelschiffen des Hafens, von der Corso-Militärmusik die Cavalleria
rusticana spielen.
Als er die schrieb, damals war Mascagni +groß+. Ich habe jetzt die
ganze Gegend gesehen, in der sie spielt, bin unweit Francofonte
gewesen, und habe mich sehr gefreut, wie vollkommen richtig ich sie
mir vorgestellt hatte: das +blondeste Getreide+ (la cirāsa). Es ist
die fruchtbarste Gegend Europas. Über die sizilianischen Duelle der
Bauern habe ich reiche Belehrung gesucht und gefunden, und über eine
Art selbst den Unterricht eines Ziegenhirten genossen, der wirklich
und wahrhaftig auf der selbstgeschnitzten Syrinx blies — allerdings,
und zwar sehr schlecht, eine Melodie aus dem Barbier von Sevilla,
die gar nicht an den Ort paßte. — Beneide mich aber nicht zu sehr,
auch wenn dich, was ich dir hier schreibe, noch so sehr mit Sehnsucht
erfüllen sollte.
Syrakus ist die eigentümlichste Gegend der Welt. Hier kann ich nur
geboren werden oder sterben — leben nicht.
Auf dem Ätna hat mir am meisten die imposante Schamlosigkeit des
Kraters zu denken gegeben. Ein Krater erinnert an den Hintern des
Mandrill.
Zur Beschäftigung mit Beethoven rate ich dir nur sehr. Er ist
das absolute Gegenteil Shakespeares, und Shakespeare oder die
Shakespeare-Ähnlichkeit ist, wie ich immer mehr sehe, etwas, worüber
jeder Größere hinauskommen muß und hinauskommt. Bei Shakespeare hat
die Welt keinen Mittelpunkt, bei Beethoven hat sie einen. — — —“
+Syrakus+, 19. August 1903.
„Die Beilagen, außer der gewöhnlichen Ansichtskarte,[17] sind:
2 Blüten einer Papyrusstaude,
1 Stückchen Bast aus dem Stamme derselben
was du dem Umstande zuzuschreiben hast, daß die Schiffer des
Ruderbootes, auf welchem ich den papyrusbestandenen Fluß Anapo
bis zur Quelle, der berühmten Cyane, fuhr (was ich dir [und zwar
ebenfalls im Boote] unbedingt anrate, wenn du nach Syrakus kommst),
gegen meinen ausdrücklichen Willen und ohne mein Wissen eine Pflanze
abschnitten.
Die andere Ansichtskarte ist eben aus dem hier wachsenden Papyrus
selbst hergestellt und bietet eine sehr schlechte Ansicht der Ruinen
des alten griechischen Theaters, jener Stätte, wo der Sonnenuntergang
unter allen Punkten, die ich kenne, am ehesten zu ertragen ist.“
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Aus den Briefen an +mich+:
+Casamicciola+, Isola d’Ischia.
„Es steht viel schlimmer, als ich selbst noch vor zwei Tagen dachte,
beinahe hoffnungslos.“[18]
+Sorrent.+
Die Schlange ist das Symbol der Lüge (gespaltene Zunge, Häutungen,
ihr Kriechen Gegenteil des Vogelfluges; die Schlange als der
[innere] Feind des Vogels).... Für die Griechen hat es im engeren
Sinne keine Einsamkeit und kein Zeitproblem gegeben. Zwischen den
Griechen und Beethoven ist eine Ähnlichkeit, indem bei beiden die
Welt einen Mittelpunkt hat; absolutes Gegenteil Shakespeare. Es
ist dort polarisiertes, hier unpolarisiertes Licht. Das Gegenteil
des Mitleides ist bei Shakespeare nicht Grausamkeit, sondern
Stumpfsinn....
+Neapel.+
Das Lamm ist das frömmste Tier, obwohl es auch sündhaft ist, nämlich
müde und feig; Trägheit und Feigheit sind verwandt, ebenso Fleiß und
Mut....
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Hat das Erdbeben nicht Verwandtschaft mit dem Krampf des Epileptikers?
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Der Ausspruch: „Dir wird schon noch einmal bei deiner Gottähnlichkeit
bang,“ deutet darauf hin, daß Goethe auch einmal Gott werden wollte,
und sich später beschieden hat.
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Sind die Pferdebremse (die übrigens eine gewisse sadistische
Schönheit hat) und der Floh und die Wanze auch von Gott geschaffen?
Das will und kann man nicht annehmen. Sie sind Symbole für etwas,
wovon Gott sich abgekehrt hat, spiegeln dem Menschen gewisse Dinge
in ihm selber wieder, gleich wie das Meer den Himmel wiederspiegelt.
Aber wenn das Stinktier und der Schwefel nicht von Gott geschaffen
ist, so entfällt auch das prinzipielle Bedenken beim Vogel
und beim Baume: auch diese sind nur Symbole von Menschlichem,
Allzumenschlichem; sonst wäre ja irgendwo Vollendung, Erfüllung,
statt immer bloß Erscheinung. Gott kann in keinem dieser Einzeldinge
stecken, denn Gott ist das Gute; und Gott schafft nur sich selbst und
nichts anderes.
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Die Russen sind das ungriechischeste aller Völker.
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Die Windungen der Schlange sind symbolisch für die windungsreiche
Biegsamkeit des Lügners.
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Alle Krankheit ist häßlich; darin liegt, daß sie Schuld sein muß.
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Das Anbellen und Wieder-Zurückprallen des kleinen Hundes ist das
furchtsame, kleine Sakrileg, das sofort Kehrt macht und um Gnade
winselt, und nicht einmal verzweifelt ist wie der Mörder.
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Die Diskontinuität im Zeitverlauf ist das Unsittliche an ihm;
deswegen gibt es auch keine Heiligkeit von Fall zu Fall.
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Alle Sittlichkeit ist schöpferisch; darum ist der Verbrecher nicht
arbeitsam und nicht produktiv (er hat keinen Willen zum Wert). Wäre
die Sittlichkeit des Weibes echt, so müßte sie schöpferisch sein.
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Der Selbstmord ist kein Zeichen von Mut, sondern von Feigheit, wenn
auch unter den Feigheiten selbst die geringste.
+Neapel.+
Die Furcht ist die Rückseite +alles+ Willens. Vorwärts Etwas,
rückwärts Nichts. Darum ist es unheimlich, auf einem Weg, den man
geht, bei plötzlicher Umdrehung die zurückgelegte Strecke zu gewahren
(Einsinnigkeit der Zeit). Ich glaube also doch, daß Furcht mit
Unsittlichkeit verschwistert ist; nur wächst eben das Gefühl für
das Chaos, je mehr Kosmos man sein will. Das Nichts ist der Rand
des Etwas; und wird der Mensch alles, wird er Gott, so hat er keine
Ränder und keine Furcht mehr. Aber wahrscheinlich hat er kurz vorher
die letzte, größte Furcht zu besiegen....
+Wien+, den 4. November 1903.
Moriz Rappaport.
[1] Er hat auch einmal ein Gehirn seziert.
[2] Was er z. B. in der Musik Richard Wagners fand, den er darum den
unmathematischesten Musiker nannte.
[3] Nietzsches Ethik nahm er zwar nicht sehr ernst, den Zarathustra
aber schätzte er seiner grandiosen Naturstimmungen wegen
außerordentlich hoch.
[4] Er fühlte das Bedürfnis, alle großen Männer und Kunstwerke auf das
genaueste zu werten; so verlangte es sein unablässiges Streben nach
Klarheit.
[5] Man lese die Stelle über die Arten der Frömmigkeit in „Geschlecht
und Charakter“ (1. Auflage, S. 433) nach. Da heißt es unter anderem:
„Frömmigkeit braucht nicht in ewiger Betrachtung vor dem Weltganzen zu
stehen (so wie +Bach+ vor ihm steht); sie mag (wie bei +Mozart+) als
eine alle Einzeldinge begleitende Religiosität sich offenbaren.“
[6] Ich komme später noch einmal kurz auf dieses Thema zurück.
[7] Das Wort „Dualismus“ wird in verschiedenem Sinne gebraucht; man
spricht von einem psychophysischen und von einem ethischen Dualismus.
Der erstere +beschreibt+ das Verhältnis von Leib und Seele, wie es
Natur und Erfahrung bieten; der letztere +wertet+ das Verhältnis von
Sinnen und Geist, von materieller und geistiger Natur, von Trieb und
Wille, von tierischen und göttlichen Prinzipien im Menschen. Was das
psychophysische Verhältnis betrifft, so hat mit dem „Parallelismus“
eine ziemlich monistische Anschauung Platz gegriffen, mit der Weininger
vollkommen einverstanden war. Ihm handelte es sich lediglich um
den ethischen Dualismus: daß der Mensch zum Teil von Gott und zum
Teil vom Staube stammt. Dem ethischen Monismus huldigen vor allem
die Evolutionsfanatiker (Bölsche). Für ihn gibt es kein Gut und
Böse, welches aus tieferem Grunde käme, sondern bloß ein „Mit der
Entwicklung“ und ein „Gegen die Entwicklung“. Hier handelt es sich um
jenen +Dualismus+, welcher ethischen Eigenschaften die größte Realität
erteilt; welcher ein höheres und ein niederes Leben (Christentum), eine
intelligible und eine empirische Welt (Plato, Kant) kennt.
[8] Er selbst spricht ganz kurz in der Tierpsychologie (beim Pferd)
darüber.
[9] Der Ausdruck „Innerer Kampf“ wird bei vielen ein Lächeln erregen,
welche nicht begreifen, daß man in sich selbst etwas hassen könne
außer etwa die Anlage zu Erkältungen. — Es sei hier bemerkt, daß das
lateinische und das griechische Wort für Tugend zunächst Tapferkeit
heißt, worauf in einer wundervollen Stelle Immanuel Kant aufmerksam
gemacht hat (Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft,
„Von dem Kampf des guten Prinzips mit dem bösen“).
[10] Das Funktionale als das Gegenteil des Selbstzweckes.
[11] Dieser Kampf machte die außerordentlich starke Selbstbeobachtung
bei ihm nötig; er kam aber auch der Außenwelt gegenüber zum Ausdruck.
Auch nach außen hin war Weininger immer kampfbereit; darum focht er
z. B. sehr gerne (während er sonst durchaus kein Sportsfreund war).
[12] Er war von Geburt Jude, und trat am Tage seiner Promotion (21.
Juli 1902) zum Protestantismus über.
[13] Er glaubte auch an viele der vom neuen Testament überlieferten
Wunder, und zwar im durchaus buchstäblichen Sinne.
[14] Er hatte sich schon im Herbst 1902, vor der Ausarbeitung von
„Geschlecht und Charakter“, einige Zeit lang mit Selbstmordabsichten
getragen; doch konnte damals das Unglück noch durch Zureden eines
Freundes verhindert werden.
[15] An demselben Tage vertraute er mir auch die Herausgabe seiner
letzten Manuskripte an, für den Fall, daß er selbst nicht dazu kommen
sollte.
[16] Er hatte sich nämlich vorgenommen, nicht eher nach Wien
zurückzukehren, als bis sein innerer Kampf entschieden sein würde.
[17] Du mußt dir die Häuser ganz gelb (wie Schönbrunn), das Meer
vollkommen blau und absolut wolkenlos den Himmel denken.
[18] Zur Zeit der Vollendung von „Über die letzten Dinge“ in Syrakus.
Inhaltsverzeichnis.