Moltkes einziger Witz

Am Abend des Tages, an dem die entscheidende Nachricht über die

Abstimmung im Bunde eintraf, bat Bismarck den General Moltke zu

sich. Beide Herren zogen sich alsbald zurück, um die militärischen

Maßnahmen zu besprechen, die durch die politische Lage bedingt

waren. Nach Verlauf einer Stunde traten beide bereits wieder

aus dem Arbeitszimmer Bismarcks heraus. Nunmehr gab Bismarck

den Auftrag, daß die chiffrierten Depeschen, betreffend die

Sommationen, an Sachsen, Hannover und Kurhessen abgehen sollten.

Gegen zwei Uhr nachts zog Bismarck die Uhr heraus und sagte: »In

zweiundzwanzig Stunden werden unsere Truppen in Sachsen, Hannover

und Kurhessen einrücken!« Moltke war in heiterster Laune und

bemerkte: »Heute ist die Brücke bei Dresden gesprengt worden.«

Als er das allgemeine Erstaunen der Tischgesellschaft wahrnahm —

Bismarck nicht ausgenommen, welcher meinte, das sei doch nicht

möglich —, lachte er verschmitzt und sagte: »Ich meine, es war

ein heißer und staubiger Tag, an dem wohl der Sprengwagen auf der

Dresdener Brücke in Funktion war.« Der anwesende Graf Lehndorff

meinte: wenn Moltke Witze macht, dann müssen die Chancen des

Krieges gut stehen. — Der Erfolg gab ihm bald recht. Eine drollige

Charakteristik hat übrigens einmal Fürst Bismarck von dem alten

Feldherrn zum besten gegeben. Wenn eine Kriegserklärung in der Luft

schwebe — sagte der Kanzler —, werde selbst Moltke gesprächig,

und als es im Jahre 1870 losging, sei derselbe mit einem Schlage

um zehn Jahre jünger geworden. Vorher sauertöpfisch und mürrisch,

hätte er nun aufgeräumt geplaudert, sogar wieder Appetit auf

Champagner und schwere Zigarren bekommen und den letzten Rest von

Zipperlein verloren, das er sich beim Ausruhen auf kalt gewordenen

Lorbeeren geholt.

[Illustration:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 150 / 334 题