Merken Sie sich, wie man das macht

»Ich trug ihm einmal meine Verlegenheit vor, daß ich, wenige Monate

über 20 Jahre alt, mit einem aufgeregten Ehepaar den Sühneversuch

vornehmen sollte, der für meine Auffassung einen gewissen

kirchlichen und sittlichen Nimbus hatte, dem ich mich in meiner

Seelenstimmung nicht adäquat fühlte. Ich fand Prätorius in der

verdrießlichen Stimmung eines zur Unzeit geweckten älteren Herrn,

der außerdem die Abneigung mancher alten Bureaukraten gegen einen

jungen Edelmann hegte. Er sagte mit geringschätzigem Lächeln: ›Es

ist verdrießlich, Herr Referendarius, wenn man sich auch nicht

ein bißchen zu helfen weiß; ich werde Ihnen zeigen, wie man das

macht.‹ Ich kehrte mit ihm in das Terminzimmer zurück. Der Fall

lag so, daß der Mann geschieden sein wollte, die Frau nicht, der

Mann sie des Ehebruchs beschuldigte, die Frau mit tränenreichen

Deklamationen ihre Unschuld beteuerte und trotz aller Mißhandlung

von seiten des Mannes bei ihm bleiben wollte. Mit seinem lispelnden

Zungenanschlage sprach Prätorius die Frau also an: ›Aber Frau,

sei Sie doch nicht so dumm; was hat Sie denn davon? Wenn Sie

nach Hause kommt, schlägt Ihr der Mann die Jacke voll, bis Sie

es nicht mehr aushalten kann. Sage Sie doch einfach ›ja‹, dann

ist Sie mit dem Säufer kurzerhand auseinander.‹ Darauf die Frau

weinend und schreiend: ›Ich bin eine ehrliche Frau, kann die

Schande nicht auf mich nehmen, will nicht geschieden sein.‹ Nach

mehrfacher Replik und Duplik in dieser Tonart wandte sich Prätorius

zu mir mit den Worten: ›Da sie nicht Vernunft annehmen will, so

schreiben Sie, Herr Referendarius‹, und diktierte mir die Worte,

die ich wegen des tiefen Eindrucks, welchen sie mir machten, noch

heute auswendig weiß: ›Nachdem der Sühneversuch angestellt und

die dafür dem Gebiete der Moral und Religion entnommenen Gründe

erfolglos geblieben waren, wurde wie folgt weiterverhandelt.‹ Mein

Vorgesetzter erhob sich und sagte: ›Nun merken Sie sich, wie man

das macht, und lassen Sie mich künftig mit dergleichen in Ruhe.‹

Ich begleitete ihn zur Tür und setzte die Verhandlung fort. Die

Station der Ehescheidungen dauerte, soviel ich mich erinnere, vier

bis sechs Wochen; ein Sühneversuch kam mir nicht wieder vor. Es

war ein gewisses Bedürfnis vorhanden für die Verordnung über das

Verfahren in Ehescheidungen, auf welche Friedrich Wilhelm =IV.=

sich beschränken mußte, nachdem sein Versuch, ein Gesetz über

Änderung des materiellen Eherechts zustande zu bringen, an dem

Widerstande des Staatsrates gescheitert war. Dabei mag erwähnt

werden, daß durch jene Verordnung zuerst in den Provinzen des

Allgemeinen Landrechts der Staatsanwalt eingeführt worden ist

als =defensor matrimonii= und zur Verhütung von Kollusionen der

Parteien.«

Am bekanntesten aber aus jener Zeit ist folgende Anekdote:

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 56 / 334 题