Der geniale Mensch. Man wollte im Verlauf dieses Jahres bei

einundvierzig Gesellschaften die Emission neuer Aktien im Gesamtbetrage

von etwa dreiviertel Milliarde Mark beantragen. Da sagte ich, aus

folgenden Gründen sei ich dagegen: Für diese siebenhundertfünfzig

Millionen werden dem Publikum in der Hauptsache nicht gefundene

Schätze, sondern das Produkt der Anstrengungen rund einer halben

Million Menschen mehr geboten, die das Land ermutigt wird,

hervorzubringen. Das Aktienkapital der Industriegesellschaften besteht

in Hauptsache und Zinsen überhaupt nur aus Menschenmasse und deren

Arbeitsresultat. Verstehst du?

MARIANNE ~immer auf seinem Schoß~:

Ich versuche.

CHRISTIAN:

Gib acht! Ist keine Arbeit da, stopft die Masse den Zeugungsapparat.

Wachsen neue Kamine hoch, öffnet man hastig das Ventil. So stehen wir

Kapitäne, sagte ich, am Haupthahn der Bevölkerungsdichte und müssen

sorgen, daß die geschafften Kapitale dem natürlichen Zuwachsbedürfnis

nicht vorgreifen, sondern es äquilibrieren. Verstehst du?

MARIANNE:

Ich glaube.

CHRISTIAN:

Eher müssen wir durch Verlangsamung des Menschenproduktionstempos für

bessere Qualität sorgen. Da hast du einen kleinen Eindruck, wie ich

Nationalökonomie praktisch treibe.

~Er hat sie vom Schoß gestoßen und geht aufgerichtet durchs Zimmer~:

He? Das ist Klasse, hätte Helmholtz gesagt.

~Er faßt Marianne bei einem Knopf ihres Kleides und schüttelt sie

sanft hin und her, während er ihr starr ins Auge sieht~:

Ich könnte dir noch einen ähnlich fabelhaften Bescheid meinerseits

in Fragen der Herabsetzung der Zwischendecksrate bei unseren

Schiffsgesellschaften anführen. Die Menschen sind kurzsichtig, und in

den Händen weniger ruht das wirtschaftliche Schicksal von Millionen.

MARIANNE:

Bist du so reich?

CHRISTIAN:

Ein Krämerwort. Ich habe Macht zu dem Erdenkbaren aus der Kraft meines

Blutes. Du sahst nun meinen Vater einige Male. Persönlichkeit! Wie?

Schon prägten sich auch in ihm markant die besonderen Eigenschaften der

Rasse aus. Nichts überflüssig, höchst zweckvoll alles. Merktest du,

wie er heute bei Tisch am aller bedeutendsten zum Glase griff? Schade,

daß du meinen Großvater nicht kanntest. Ein tolles Huhn -- aber --!

Das wächst mir also alles aus Ahnen zu, fand aber doch erst in meiner

Person den konsequentesten Ausdruck.

DIE JUNGFER ~tritt auf~:

Wollen gnädige Frau die Brillanten nicht in Verwahrung nehmen? Hier im

Hotel -- der gnädige Herr vielleicht?

~Christian nimmt ein Diadem in Form einer Krone.~

JUNGFER:

Gute Nacht.

~Exit.~

CHRISTIAN:

Welch merkwürdige Form eigentlich.

MARIANNE ~setzt es auf~:

Eine Marquiskrone. Aus deren Vermächtnis sie stammt, für die Frauen

unseres Geschlechts am Hochzeitstage zu tragen, war eine Marquise

d'Urfés, Großtante meiner Mutter.

CHRISTIAN:

Bon. -- Was sagte ich noch? -- Aber ich habe eine Überraschung für dich.

MARIANNE ~klatscht in die Hände~:

Zeig!

CHRISTIAN:

Dreh dich um einen Augenblick, bis ich ausgepackt und bereitgestellt.

MARIANNE ~abgewandt~:

Eins zwei drei --

CHRISTIAN ~hat ein Bild, das in ein Tuch gehüllt an der Wand lehnte,

freigemacht und gegen seine Beine gelehnt vor sich gestellt~:

Jetzt sieh her.

~Marianne sieht auf ein weibliches Porträt.~

CHRISTIAN:

Meine Mutter, Marianne, die dich an diesem Tag auch von Angesicht zu

Angesicht sehen will. Meine Mutter, die ihren Jungen heiß geliebt.

MARIANNE:

Welch bedeutendes Antlitz!

CHRISTIAN:

Nicht wahr. Von Renoir gemalt.

MARIANNE ~fliegt Christian an den Hals~:

Ich will ihn liebhaben über mich selbst hinaus, deinen Sohn, meinen

Christian.

CHRISTIAN:

Sachte; daß du ein solches Kunstwerk nicht beschädigst.

~Er hat das Bild gegen einen Tisch gelehnt.~

MARIANNE:

Das dichte braune Haar. Deine Farbe. Und solch ein Teint!

CHRISTIAN:

Sie kam aus einem Jahrhunderte alten Bauerngeschlecht. Wikingersachen

werden gefaselt. Sieh den tüchtigen Familienschmuck, die rote

Koralle im Ohr. Einer ihrer Altvordern war Amtmann auf Dalarö in den

schwedischen Schären. Von seiner Begegnung mit Karl XII. existiert eine

Anekdote.

MARIANNE:

Das wundervolle Haar!

CHRISTIAN:

Es reichte aufgelöst bis in die Kniekehlen. Renoir sah sie eines Tages

im Bois de Boulogne. Der Entschluß, sie zu malen, soll augenblicklich

festgestanden haben.

MARIANNE:

Das läßt sich denken.

CHRISTIAN:

Aber der Anlaß! Das war ja das Allerbeste. Nun knöpf mal deine Öhrchen

auf, es kommt das Niedlichste von der Welt. Vater und Mutter also im

Bois, nach einem solennen Frühstück in den Kaskaden, spazierend. Eine

Flasche Burgunder hatte nicht gefehlt. Plötzlich -- die Frau steht wie

angewurzelt, weicht nicht von der Stelle. Vater, den grauen Zylinder

keck auf dem Kopf -- er hat mir die Situation oft geschildert -- ruft,

lockt -- sie weicht nicht.

MARIANNE:

Was hatte sie?

~Christian flüstert ihr ins Ohr.~

MARIANNE ~hell auflachend~:

Die Hose! Aber das ist ja entzückend! Himmlisch!

CHRISTIAN ~aus vollem Halse lachend~:

Und nun Renoir! Kannst du dir vorstellen; er hat mir das oft erzählt.

Aus dem Häuschen, aber aus dem Häuschen. Es soll ein Anblick für Götter

gewesen sein.

MARIANNE:

Die entzückende Frau so in der Sonne stehend.

CHRISTIAN:

Kurz. Er verschafft sich Zutritt in die junge Menage und mit ihm ein

französischer Vicomte, der die Szene gleichfalls sah.

MARIANNE:

Wie lange ist das her?

CHRISTIAN:

Es mag ein Jahr vor meiner Geburt gewesen sein.

MARIANNE:

Wie das persönliche Erlebnis einem die Menschen näher bringt. Ich kenne

sie jetzt viel besser. Für deinen Vater war die Lage nicht angenehm.

CHRISTIAN:

Der war immer und ist der bon garçon mit Sinn für das appetitlich

Komische. Er adorierte sein junges Gespons und war gleichfalls ganz

gefangen von dem Charme der Erscheinung.

MARIANNE:

Viel Geschmack im Anzug.

CHRISTIAN:

Darin war sie Meister.

MARIANNE:

Eine reizende Mode! Wie kleidsam die Kapotte. Und all die himmlischen

Frauen, die sich so trugen, sind tot.

CHRISTIAN:

Ich lasse ihr in Buchow ein Monument errichten.

~Er hängt das Bild an die Wand.~

MARIANNE:

Hast du das Gut gekauft?

CHRISTIAN:

Ich kaufe es. Zu diesem Zweck in erster Linie. Die Frau war alles in

allem etwas so Überlebensgroßes, daß sie ein Recht auf solche Ehrung

hat.

MARIANNE:

Wie falsch ich die Deinen bis hierher sah. Jetzt erst habe ich den

rechten Begriff von ihnen. Du hast die Gabe, Menschen plastisch zu

machen.

CHRISTIAN:

Besser gesprochen nennt man's die Fähigkeit der Begriffsbildung. Was

aus der Menschen Mund gewöhnlich kommt, sind Worte, nur Worte.

MARIANNE:

Ich brauche Anna noch einmal.

CHRISTIAN:

Doch nicht wieder das Mädchen!

MARIANNE:

Ich kann das Kleid auf dem Rücken nicht öffnen.

CHRISTIAN:

Gib her.

~Er fängt an, die Ösen zu suchen.~

Worte, unter denen nicht zwei Gehirne das gleiche verstehen, durch die

man sich also auch nicht von Mensch zu Mensch restlos verständigen kann.

~Marianne gähnt.~

CHRISTIAN:

Die reine Vernunft reißt Gruppen gleichartiger Gebilde der

Erscheinungs- oder Willenswelt in einen Ausdruck hinein, der den

Komplex in seinem Wesentlichen festlegt, und der _Begriff_ heißt.

~MARIANNE gähnt~:

Aha!

CHRISTIAN ~knöpft~:

Überwindung von Mannigfaltigkeit ist das. Das Unterhemdchen auch?

MARIANNE:

Bitte.

CHRISTIAN:

Überhaupt, Marianne, und jetzt höre ernsthaft zu: Alle Tat, die

Menschengeist verrichtet, will schließlich nur das eine: sie orientiert

über das ungeheure Gebiet umgebender Welt, indem sie Mannigfaltigkeit

überwindet. So: Buche, Eiche, in deren Namen schon vorher die eigene

Mannigfaltigkeit bezwungen ist, sind schließlich Wald.

~Er ist mit Knöpfen fertig.~

MARIANNE:

Danke.

~Sie setzt den Fuß auf einen Stuhl und knöpft die Stiefel auf.~

CHRISTIAN:

Ein Dummkopf würde den Witz machen: man sieht den Wald vor lauter

Bäumen nicht.

~Marianne geht durch den Vorhang ins Schlafzimmer.~

CHRISTIAN:

Wo willst du hin? Während es heißen muß: man sieht keinen Baum mehr vor

lauter Wald.

~Er ist ihr gefolgt und bleibt im Vorhang stehen~:

Wenn du das begriffst, hast du eigentlich die ganze Erkenntnistheorie

in der Tasche.

~Er kommt nach vorn zurück, sagt laut nach hinten~:

Jedenfalls einen Begriff von der Arbeit eines Gehirns wie das meine. He?

~Reibt sich die Hände, zu sich~:

ça marche ce soir.

~Bleibt vor dem Bilde stehen, und sagt tief ergriffen~:

Meine gute Mutter!

~laut~:

Als junges Mädchen machte sie mit Freunden eine Reise in die

Vereinigten Staaten und kam von dort über die Südseeinseln, Asien

zurück. In Honolulu verliebte sich der König Kalakaua sterblich in sie.

~Man hört, wie hinter dem Vorhang jemand zu Bett geht~:

Das war achtzehnhundertachtzig oder einundachtzig.

~Er hat sich die Stiefel ausgezogen und dann erst den Mantel

abgelegt, so daß er plötzlich im Glanze seiner Orden dasteht.~

~Er hebt die Arme und sieht sich wie wartend um.~

~Pause.~

MARIANNES STIMME:

Was wurde denn aus dem Vicomte?

CHRISTIAN:

Welcher Vicomte?

MARIANNES STIMME:

Der die Geschichte im Bois de Boulogne sah und deine Eltern kennen

lernte.

CHRISTIAN:

Ach, der Vicomte! Tja -- -- der --

~Er steht vor dem Bild der Mutter starr. Pause.~

MARIANNES STIMME:

Was wurde denn mit ihm?

CHRISTIAN ~zu sich~:

Donnerwetter!

~Er geht durchs Zimmer am Spiegel vorbei.~

Hm.

MARIANNE:

Ist denn da ein Geheimnis?

CHRISTIAN ~zu sich~:

Wüßte ich jetzt -- aber natürlich -- o großer Gott! Da packe ich dich,

da schmeiße ich dich ganz, Komteßchen.

~Er geht zum Vorhang und flüstert hinein~:

Marianne!

MARIANNE ~mit erregter Stimme~:

Ich komme!

~Sie erscheint in einem übergeworfenen Schlafrock.~

CHRISTIAN:

Ich sehe Schicksal in deiner plötzlichen Frage.

MARIANNE:

Was sagte ich denn?

CHRISTIAN:

Mit dem Vicomte; was wurde?

MARIANNE:

Ja?

CHRISTIAN:

Nie hätte ich die Zähne geöffnet.

MARIANNE:

Christian! Was denn?

CHRISTIAN:

Unmöglich! Nie!

MARIANNE:

Christian! Ich bin dein Weib -- habe ein Recht ...!

CHRISTIAN:

Ich bin auch ein Sohn.

MARIANNE:

Du hast Pflichten vor mir.

CHRISTIAN:

Aber auch Scham und Ehrfurcht vor der Mutter.

MARIANNE:

Jener ...?

CHRISTIAN:

Du bekommst kein Wort aus mir heraus.

MARIANNE:

Der also -- der Vicomte ...?!

CHRISTIAN ~stark~:

Und ich verbiete dir, für unser ganzes Leben, jemals daran zu rühren;

jemals jemanden, auch mich selbst, ahnen zu lassen, was du vermutest,

was du meinst. Ich heiße Maske und basta!

MARIANNE ~erschüttert~:

Heiland im Himmel! Gewiß ich schweige. Wie ich dich aber von jetztab

sehe, das ist meine Sache.

~Leise~:

Und mir ist, als ob doch eine letzte Wand zwischen uns niederfällt, als

ob erst jetzt ich ungehemmt in dich versänke.

~Mit ausgebreiteten Armen vor dem Bild~:

Süße Mutter Ehebrecherin!

~An Christian niedergleitend~:

Mein lieber Mann und Herr!

~Christians Lächeln und erlöste große Gebärde.~

FINIS.

Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript.

Druck der Offizin W. Drugulin in Leipzig.

INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG

~CARL STERNHEIM~:

_DON JUAN._ Eine Tragödie. Geheftet M. 5.--, in Halbleder M. 8.--, in

Ganzleder M. 15.--

_ULRICH UND BRIGITTE._ Ein dramatisches Gedicht. _Zweite Auflage._

Geheftet M. 3.--, in Leinen M. 4.--

~AUS DEM BÜRGERLICHEN

HELDENLEBEN~:

I. _Die Hose._ Lustspiel. Geheftet M. 3.--, in Halbpergament M. 4.--

II. _Die Kassette._ Komödie in fünf Aufzügen. Geh. M. 3.--, in Leinen

M. 4.--

III. _Bürger Schippel._ Komödie in fünf Aufzügen. Geh. M. 3.--, in

Leinen M. 4.--

IV. _Busekow._ Eine Novelle. (Kurt Wolff Verlag, Leipzig.)

V. _Der Snob._ Komödie in drei Aufzügen. Geheftet M. 3.--, in Leinen

M. 4.--

VI. _Der Kandidat._ Politische Komödie in vier Aufzügen nach

Flaubert. Geheftet M. 3.--, in Leinen M. 4.--.

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| Anmerkungen zur Transkription |

| |

| Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |

| gebräuchlich waren, wie: |

| |

| deines -- deins |

| Durchziehen -- Durchziehn |

| Geschlechtes -- Geschlechts |

| sehen -- sehn |

| ungeheuere -- ungeheure |

| |

| Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |

| Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |

| |

| S. 9 »gibts« in »gibt's« geändert. |

| S. 12 »largen Charakter« in »langen Charakter« geändert. |

| S. 12 »Ansehn« in »Ansehen« geändert. |

| S. 13 »kanns« in »kann's« geändert. |

| S. 16 »schneidets« in »schneidet's« geändert. |

| S. 17 »ists« in »ist's« geändert. |

| S. 18 »gibts« in »gibt's« geändert. |

| S. 22 »Ists« in »Ist's« geändert. |

| S. 23 »Sechszehnmal« in »Sechzehnmal« geändert. |

| S. 29 »Bädeker« in »Baedeker« geändert. |

| S. 31 »wärs« in »wär's« geändert. |

| S. 32 »THEOBAD« in »THEOBALD« geändert. |

| S. 33 »brennts« in »brennt's« geändert. |

| S. 37 »siehts« in »sieht's« geändert. |

| S. 38 »bins« in »bin's« geändert. |

| S. 38 »Glaubs« in »Glaub's« geändert. |

| S. 44 »juckts« in »juckt's« geändert. |

| S. 45 »sich selbt« in »sich selbst« geändert. |

| S. 53 »unsre« in »uns're« geändert. |

| S. 56 »solls« in »soll's« geändert. |

| S. 61 »obs« in »ob's« geändert. |

| S. 65 »Anormalische« in »Anomalische« geändert. |

| S. 65 »wars« in »war's« geändert. |

| S. 69 »solls« in »soll's« geändert. |

| S. 72 »übers« in »über's« geändert. |

| S. 77 »Christian Frack« in »Christian im Frack« geändert. |

| S. 77 »Fiels« in »Fiel's« geändert. |

| S. 79 »gibts« in »gibt's« geändert. |

| S. 80 »erschlägts« in »erschlägt's« geändert. |

| S. 80 »Habs« in »Hab's« geändert. |

| S. 81 »gibts« in »gibt's« geändert. |

| S. 82 »gibts« in »gibt's« geändert. |

| S. 83 »mans« in »man's« geändert. |

| S. 84 »eiserne Kreuz« in »Eiserne Kreuz« geändert. |

| S. 95 »mans« in »man's« geändert. |

| S. 96 »vor lauterem Wald« in »vor lauter Wald« geändert. |

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Der Snob Komödie in drei Aufzügen · 第 3 / 3 段