Siebentausend Franken.

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| Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Kursivschrift |

| als ~kursiv~. |

| Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |

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[Illustration]

DER SNOB

Komödie in drei Aufzügen

von

Carl Sternheim

Leipzig

im Insel-Verlag

1914

PERSONEN:

THEOBALD MASKE

LUISE MASKE, seine Frau

CHRISTIAN MASKE, sein Sohn

Graf ALOYSIUS PALEN

MARIANNE PALEN, seine Tochter

SYBIL HULL

Eine Jungfer

Ein Diener

DER ERSTE AUFZUG

~Möbliertes Zimmer Christian Maskes.~

ERSTER AUFTRITT

Christian ~erbricht einen Brief~:

Das ist grotesk!

~An einer Tür~:

Komm heraus, Sybil.

SYBIL ~tritt auf~:

Was gibt's Wichtiges?

CHRISTIAN:

Mein Vater im sechzigsten Jahr hat sich einen Bastard geleistet. In der

Klemme verlangt er "Verauslagung der durch geburtshilfliche Praktiken

ihm erstandenen Verpflichtungen" von mir. Was sagst du?

SYBIL:

Nichts, als daß ich durch dich in gleicher Lage sein möchte wie jene

Frau durch deinen Erzeuger.

CHRISTIAN:

Laß die Albernheiten. Es ist himmelschreiend und wird von mir aus ein

unerwartetes Gegenspiel haben. Ferner -- ich habe auch mit dir ernst zu

reden.

SYBIL:

Ich muß heim.

CHRISTIAN:

Der gestrige Tag war in meinem Leben ein Abschnitt. Vier Jahre, die du

mit mir lebst, sahst du mich von Tag zu Tag meinem Ziel näher kommen.

SYBIL:

Du hast wie ein Neger gearbeitet.

CHRISTIAN:

Die unter meiner Mitwirkung gegründeten afrikanischen Minen

prosperieren, es ist kein Zweifel, der gestern in der Sitzung des

Aufsichtsrats gemachte Vorschlag, mich zum Generaldirektor der

Gesellschaft zu ernennen, wird von den Aktionären akzeptiert.

SYBIL:

Welcher Erfolg!

CHRISTIAN:

Ich besitze heimlich ein Fünftel der Aktien, die ich kaufte, als sie

niemand mochte. Was ich, nunmehr im Sattel, an Möglichkeiten des

Vermögens und sozialer Stellung für mich voraussehe, ist glänzend.

SYBIL:

Wer wies zuerst auf deine kaufmännischen Talente und machte dem

traurigen Studium der Philologie ein Ende?

CHRISTIAN:

Du hobst mich aus dem tiefsten Elend, lehrtest mich Kleider anständig

tragen, gabst mir, soweit es in deiner Macht stand, Umgangsformen.

SYBIL:

Was warst du für eine Erscheinung in zu kurzen Hosen und ausgefransten

Ärmeln!

CHRISTIAN:

Gabst dich selbst dazu und Geld bisweilen.

SYBIL:

Das Entscheidende zuletzt -- mich selbst. Lebenssache.

CHRISTIAN:

Ganz klar möchte ich einmal vor uns beide hinstellen, wie tief ich dir

verpflichtet bin; an so entscheidendem Tag zurückblicken ...

SYBIL:

Laß das.

CHRISTIAN:

Voll Dankbarkeit, um mich alsdann zu vergleichen und es für immer zu

vergessen.

SYBIL:

Das wäre bequem.

CHRISTIAN:

Ich trete in kein neues Viertel meines Lebens, ohne daß aus dem

vergangenen die Schuld bezahlt ist. In dieses Buch habe ich nach bestem

Wissen und Gewissen aufgezeichnet, was du an Aufwendungen für mich

geleistet. Dazu wurde die Summe fünfprozentig von mir verzinst.

SYBIL:

Christian!

CHRISTIAN:

Möglichkeiten, die du durch den Umgang mit mir versäumtest, sind ins

Auge gefaßt, und ich kam auf eine Summe von vierundzwanzigtausend Mark,

die ich dir schulde, und die du heute überwiesen erhältst.

SYBIL ~nach einer Pause~:

Mit Empfindlichkeiten zu kommen ...

CHRISTIAN:

Die du selbst in entscheidenden Dingen mir aberzogen, mit eisernem

Besen aus mir herausgekehrt hast. Heute ist Abrechnung. Kein Fehler

in der Addition und im Kalkul! Unsere Beziehungen im Vergangenen sind

durch meine wirtschaftliche Gebundenheit in ihrem langen Charakter

erklärt. Für die Zukunft hätte ich solche Begründung vor mir selbst

nicht mehr. Um den nötigen Glauben an die Wirklichkeit meiner neuen

Stellung zu haben, muß sich mit ihr alles um mich entsprechend ändern.

Entweder du ziehst diesen Schluß der Vernunft ...

SYBIL:

Er heißt?

CHRISTIAN:

Wie sage ich es? Einfach mehr Distanz in Zukunft. Die genannte Summe

und eine monatliche Apanage zwischen uns gesetzt, sorgt schon dafür.

SYBIL:

Ich bin in Empfindungen zerrissen.

CHRISTIAN:

Du weißt, ich habe nach deinen Lehrsätzen recht. Nur schmerzt es, sie

auf dich angewendet zu sehen. Ich trete in das öffentliche Leben.

Nirgends ein Fehler im Kalkul.

SYBIL:

Die Welt gestattet dir zwar eine bezahlte ...

CHRISTIAN ~hält ihr den Mund zu~:

Und so weiter.

SYBIL:

Bin ich denn in deinem Leben der einzige Punkt, der für die Zukunft

bedenklich war? Gibt es nichts, das dich entscheidender in deinem

Trieb, bürgerliches Ansehen zu gewinnen, stören könnte als ich in

meiner bisherigen Stellung zu dir?

CHRISTIAN:

Du weißt es.

SYBIL:

Willst du folgerichtig handeln ...

CHRISTIAN:

Ich mache kein Hehl daraus. Was ich selbst bin, Erscheinung und

Gedankenwelt, dafür bürge ich der Welt. Aber meine Eltern, dir ist es

bekannt, sind Leute aus dem Volk.

SYBIL:

Tauchst du also jetzt in die Welt auf ...

CHRISTIAN:

Laß mich meine Gedanken selbständig denken. Du weißt, ich kann's. Leute

aus dem Volk. Meine gute Mutter besonders.

SYBIL:

Sie konnten dir das gesellschaftlich Primitivste nicht beibringen.

CHRISTIAN:

Der Weg, den ich mache, ist durch meine Geburt ein besonders

ungewöhnlicher. Daß es falsch wäre, durch Hervorzerren der Erzeuger

den Abgrund zwischen Herkommen und errungener Stellung offenbar zu

erhalten, liegt auf der Hand. Es wäre mehr als töricht-geschmacklos.

SYBIL:

Und da du heute nur den guten Geschmack anbetest ...

CHRISTIAN:

Ironien auf dem schlechten Gewissen deiner eigenen Vergangenheit wirken

nicht. Was weiß irgend jemand von _deinen_ Eltern? Du hast sie einfach

unterschlagen, still gemordet. Vielleicht saß dein Vater im Zuchthaus?

Hieß er wirklich Hull?

~Er lacht~:

Du hättest doch den Reiz, von dem du lebst. Er hatte in jedem Falle

Eigenschaften, da der Glanz solcher Tochter von ihm ausging.

Du unterbrachst mich mit deiner Zwischenrede. Die Differenz zwischen

Herkunft und Heute ist erläutert. Doch kommt noch hinzu: das

Bewußtsein, überhaupt zu verdanken, sei es das Leben, ist in meiner

Rüstung ein schwacher Punkt. Wie alles in meiner Welt aus mir entstand,

wie ich nur auf mich beziehe, für mich hoffe und fürchte, muß ich frei

sein von Rücksicht auf jedermann, um zu marschieren. Und so fürchte ich

Vater und Mutter.

SYBIL:

Was willst du tun? Ihnen eine Summe bieten, daß sie fortbleiben?

CHRISTIAN:

Mein Vater ist nicht schüchtern; hier verlangt er sie selbst.

SYBIL:

Du hast gelernt mit Geld umgehen.

CHRISTIAN:

Ich habe allerhand gelernt.

SYBIL:

Und da du konsequent bist, muß, wer dich liebt, zwar schweren Herzens

zustimmen.

CHRISTIAN:

Die gleiche Einsicht hoffe ich von den Eltern. Wir sind einig?

SYBIL:

Ich erlebe die Änderung gerade: dich aus einer gewissen Entfernung mit

einer Spur von Unterwürfigkeit ansehen.

CHRISTIAN:

Dinge gewinnen nicht an Wahrheit, wenn man sie ausspricht; wenn man sie

tut.

SYBIL:

Doch an Klarheit.

CHRISTIAN:

Kluger Kopf.

SYBIL:

Ich liebe dich, Christian. Du bist der Fehler in der Rechnung meines

Lebens. Ich gäbe die vierundzwanzigtausend für deinen Besitz jetzt.

CHRISTIAN:

So verdienst du in Not und Elend zu sterben. Da nimm einen Kuß umsonst.

-- Du hast mir die Krawatte verschoben.

SYBIL:

Sie saß schon vorher infam.

CHRISTIAN:

So viel ich von dir lernte, das allein faßte ich nicht: den tadellosen

Sitz einer Krawatte. Zeig ihn mir zum hundertsten Male.

SYBIL ~bindet die Krawatte um den Hals einer großen Vase~:

Zuerst einfaches Schlingen des Knotens. Zweitens Unterlegen des einen

Endes als Masche. Durchziehen des anderen drittens.

CHRISTIAN:

Steht rechts ein Stück vor.

SYBIL:

Man schneidet's mit der Schere fort.

CHRISTIAN:

Kostet jedes Binden eine Krawatte.

SYBIL:

Und bringt ein: die Anerkennung der Verstehenden.

CHRISTIAN:

Worauf es bei allen Dingen ankommt.

SYBIL, ~tiefer Knicks~:

Ergebene Dienerin, Herr Generaldirektor.

CHRISTIAN:

Keinen Scherz.

SYBIL:

Ich habe vollkommen begriffen.

~Sybil exit.~

ZWEITER AUFTRITT

CHRISTIAN:

Angenehme Person alles in allem.

~Am Schreibtisch~:

Aber nun den Verstand zusammengenommen.

~Er schreibt~:

»Verehrter Graf Palen, die Einladung zum 26. d. Monats nehme ich mit

ergebenem Danke an.« Ergebener Dank? Wollen sehen. »Empfehlungen an die

Komtesse.« Zu familiär. Teils zu ergeben, teils zu vertraut. Vor allem

darf er nicht merken, wie gern ich komme. Das Papier ist falsch. Besser

Bogen mit Firmenkopf: Sekretariat der Monambominen. »Sehr verehrter

Graf von Palen«. Wie das eingeschobene »_von_« distanziert! Die Sache

muß als erste schriftliche Äußerung meinerseits in diesen Kreis hinein

tadellos korrekt und doch irgendwie bedeutend sein. Wie schreibt er

selbst?

»Lieber Herr Maske, wollen Sie am 26. mit uns zu Abend essen, tout en

petit comité? Der Ihre.« Auf schlichtem billigen Papier. Das hat den

Ton freundschaftlich oberflächlicher Vertrautheit. »_Abendessen_« ist

himmlisch! Bleiben wir um einen Grad förmlicher, aber so, daß immerhin

-- ich möchte eine lateinische Vokabel einstreuen, die den Tenor

männlich macht.

Wie wird man mit vier fünf Silben solchen Gehirnen einen Augenblick

wichtig? Das ist eine Preisfrage, aber sie muß gelöst werden. Einen

Fünfsilber mit viel Vokalen und rollendem Takt für den Anfang.

~Er geht durch das Zimmer~:

Dúm da da dúm da. Únaufgefórdert. Die zweite Silbe ist für mein Ohr

länger als die erste. Falscher Takt. -- Pränumerándo -- das ist's im

Ton, gibt aber natürlich keinen Sinn. Dúm da da dúm da. Ich muß es

finden.

DRITTER AUFTRITT

THEOBALD MASKE ~tritt auf~:

Da bin ich selbst. Mutter wartet unten.

CHRISTIAN:

Vater!

THEOBALD:

Das Malheur geschah gegen meinen Willen. Mir sind Knalleffekte zuwider.

Aber bei Frauenzimmern stets das gleiche Unmaß. Jetzt soll man der

Sache ins Auge sehen.

CHRISTIAN:

Seit deiner Pensionierung gibst du jedes Jahr eine Überraschung.

THEOBALD:

Ich hätte aus meinem Geleise nicht heraus sollen. Du hast mich zu früh

zum Nichtstun gebracht. Die Kräfte sind nicht lahm und gehen nach allen

Seiten in die Mannigfaltigkeit auseinander. Ich muß mit ihr erst einen

Modus finden.

CHRISTIAN:

Ich rufe vor allem Mutter herauf.

THEOBALD:

Wir haben erst unsere Angelegenheit.

CHRISTIAN:

Die ordnen wir mit allem andern, ohne daß sonst jemand versteht.

THEOBALD:

Wie?

CHRISTIAN:

In unseren Gesprächen wird eine Summe genannt werden.

THEOBALD:

Inwiefern? Was gibt's?

CHRISTIAN:

Eine Summe sage ich, ein vielfacher Tausender. Du darfst, werden wir

beide während der Auseinandersetzung sonst einig, stillschweigend

tausend Mark für deine Verlegenheit hinzurechnen.

THEOBALD:

Du hast Bedingungen?

CHRISTIAN:

Ich stelle Bedingungen.

THEOBALD:

Da bin ich neugierig.

CHRISTIAN ~am Fenster~:

Dort steht sie.

~Er winkt~:

Sie hat gesehen, kommt. -- Aber das unmögliche Kostüm! Du sagtest

vorhin zu Anfang ein Wort, das mir auffiel.

THEOBALD:

In welchem Zusammenhang?

CHRISTIAN:

Es hatte einen anderen Rhythmus; aber es schallte doch. Erinnere mich

später, gleich ...

THEOBALD:

Tausend Mark?

CHRISTIAN:

Wenn wir sonst ins reine kommen.

~Exit.~

THEOBALD:

Da bleibe ich gespannt.

VIERTER AUFTRITT

~Christian und Luise Maske treten auf.~

THEOBALD:

Setz deinen Hut gerade, Luise. Der steht dir in die Stirn wie ein

Studentenstürmer. Wir wollen hierher in die Großstadt ziehen, ich werde

mich mit ihr in irgendeiner Beziehung einlassen und mich inwendig

lebendig erhalten.

LUISE:

Es ist so eine Idee von Vater.

CHRISTIAN:

Zu einer Zeit, da meine angestrengte Aufmerksamkeit dem Ziel gilt, das

ich vorhabe, könnte ich für euch keinen freien Augenblick aufbringen.

LUISE:

Dann freilich -- ich dachte es schon.

THEOBALD:

Wir sind letzthin gewöhnt, du kümmerst dich wenig um uns. Was ist das

für ein Ziel?

CHRISTIAN:

Ich habe Aussicht, Generaldirektor der Gesellschaft zu werden, für die

ich arbeite.

LUISE:

General!

THEOBALD ~herrscht sie an~:

Direktor!

CHRISTIAN:

Soll ich es zu Außergewöhnlichem bringen, müßt ihr Rücksicht nehmen,

und diese Rücksicht fordert vor allem ...

THEOBALD:

Erlaube ... Wir haben uns zwanzig Jahre lang krumm gelegt, gaben

dir eine Bildung, die sich sehen lassen kann. Oft unterblieb ein

Sonntagsbraten. Denn wir liebten dich affenartig.

LUISE ~leise zu sich~:

Generaldirektor.

CHRISTIAN:

Dúm da da ...

THEOBALD:

Wir duckten uns, damit du in bessere Welt kommen konntest. Darüber sind

wir zu Jahren gekommen, und heute steht es so: wollen wir noch etwas

von dir haben, müssen wir uns beeilen.

CHRISTIAN:

Ich will sofort einen groben Irrtum beseitigen: seit meinem sechzehnten

Jahr ist mir kein einziges Opfer deinerseits für mich bekannt.

THEOBALD:

Das ist stark!

LUISE:

Vater!

CHRISTIAN:

Ich habe dich von jeher in der Erinnerung, wie du im Haus vierfünftel

des Platzes einnahmst, jeder Gedanke um dich kreiste. Schon auf dem

Gymnasium erhielt ich mich durch Stundengeben, mein Studium und

ferneres Leben bezahlte ich selbst.

Wer einen siebzehnjährigen Sohn zwang, das Mittagsmahl in Gegenwart des

Vaters stehend einzunehmen ...

THEOBALD:

Affenartig liebte ich dich. Du warst ein leckerer kleiner Kerl. Ist's

wahr, Mutter?

LUISE ~zeigt~:

So klein.

CHRISTIAN:

Du hast, stets mit dir selbst beschäftigt, mein Leben bis zum heutigen

Tag nicht angeschaut. In letzter Zeit mag dir eine sehr deutlich ins

Auge springende Veränderung, meine breitere Lebensführung aufgefallen

sein.

THEOBALD:

Das ist langweilig. Kurz -- was soll sein?

CHRISTIAN:

Ihr trefft mich an einem Tag, an dem ich vergangenes Leben bilanziere.

Da nehme ich keinen falschen Posten auf.

LUISE:

Was meint er?

THEOBALD:

Wirst du schon hören.

CHRISTIAN:

Was an Aufwendungen wirklich für mich geleistet ist, habe ich nach

bestem Erinnern in dieses Buch aufgezeichnet. Dazu wurde die Summe mit

fünf vom Hundert verzinst.

THEOBALD:

Du willst eine Abrechnung?

CHRISTIAN:

Ja.

THEOBALD ~setzt sich~:

Laß sehen.

~Er setzt eine Brille auf.~

LUISE:

Was meinst du?

CHRISTIAN:

Es kommt schon, Mutter.

THEOBALD ~liest~:

Unterhalt vom ersten bis zum sechzehnten Jahr -- pro Anno sechshundert

Mark. Sechshundert Mark einschließlich Doktor und Apotheker ist etwas

mager.

CHRISTIAN:

Ich war nicht krank.

THEOBALD:

Masern und Stockschnupfen fallen mir aus dem Kopf ein. Ich sehe deine

ewige Rotznase vor mir. Wir wandten Kamillenspülungen an.

LUISE:

Eines Morgens hattest du vierzig Grad Fieber, ich fühlte mein Herz

nicht mehr.

CHRISTIAN:

Die eingesetzte Summe reicht aus.

LUISE:

Kreisrunde rote Flecken auf dem ganzen Leibchen.

THEOBALD:

Sechzehnmal sechshundert ist neuntausendsechshundert Mark. Sieh mal an.

»An einmaligen Zuwendungen.« Wie willst du dich sämtlicher Zuwendungen

durch sechzehn Jahre erinnern? Die sind Legion. Der Posten ist von

vornherein dubios.

CHRISTIAN:

Du findest von meiner Seite euch besonders in der letzten Zeit

Gegebenes nicht gegenvermerkt.

THEOBALD:

Das wäre noch schöner.

CHRISTIAN ~zu sich~:

Ich gäbe etwas für das Wort.

~Er starrt in den Brief auf dem Schreibtisch.~

LUISE ~schüchtern zu ihm~:

Und einmal das Geschwür am Hals.

CHRISTIAN:

Richtig, Mütterchen.

THEOBALD:

Ein halbes Dutzend Hemden von Hemdentuch nebst Kragen, zwei Paar

Stiefel, als ich zur Universität ging -- fünfzig Mark. Ein goldener

Ring -- da hört sich alles auf! Hat die Frau dem Burschen doch den

Ring gesteckt. Und ich kehrte damals das Unterste zu oberst, ihn

wiederzufinden.

CHRISTIAN:

Er war Mutters Eigentum und ihr Geleit ins Leben.

THEOBALD:

Mit hundert Mark ist er bezahlt.

LUISE:

Trägst du ihn noch?

CHRISTIAN ~zeigt ihn am Finger~:

Obwohl er mir täglich enger wird.

THEOBALD:

Immerhin eine tolle Angelegenheit und echt Luise. Endsumme rund

elftausend. Samt Zinsen elftausendachthundert Mark.

CHRISTIAN ~mit Betonung~:

Elftausendachthundert.

~Räuspert sich.~

THEOBALD:

Verstehe; die du mir zahlen willst?

CHRISTIAN:

Die ich dir schulde.

THEOBALD:

Du willst dich dieser Schuld entledigen?

CHRISTIAN:

Ich werde bezahlen.

LUISE ~seine Hand in Händen~:

Man kann ihn weiter machen.

THEOBALD:

Sieh einmal an! Das nenne ich nobel, mein lieber guter Junge. Apart,

wie du die Geschichte behandelst.

~Er umarmt ihn~:

Es liegt etwas Forsches darin, und wir wissen das durchaus zu würdigen.

Man wäre also auf die vollkommenste Weise einig.

CHRISTIAN:

Du sprachst die Absicht aus, deinen Wohnsitz hierher zu verlegen. Das

will ich nicht.

THEOBALD:

Machst du mir Vorschriften?

CHRISTIAN:

Ich erweise dir mit der Auszahlung des Geldes eine Gefälligkeit und

erwarte eine andere von dir.

THEOBALD:

Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt.

LUISE:

Der Junge muß doch Gründe haben.

THEOBALD:

Das Weib bringt mich um den Verstand! Es ist in ihrer Gegenwart kein

vernünftiges Wort möglich.

CHRISTIAN ~geleitet Luise zur Tür~:

Willst du dir ansehen, wie ich sonst wohne und schlafe, Mutter?

LUISE ~leise~:

Bleib nur ruhig. Es geschieht alles, wie du willst.

~Exit.~

CHRISTIAN:

Euer Hiersein würde, wie gesagt, Kräfte brechen, die ich insgesamt

brauche.

THEOBALD:

Ist es die Bedingung für die elftausendachthundert und so weiter?

CHRISTIAN:

Voraussetzung.

THEOBALD:

Da heißt es einfach überlegen: wo liegt schließlich unser Vorteil? Denn

Affenliebe einmal beiseite, man muß in gesicherten Bezirken leben. Was

wirft die Summe für eine Rente?

CHRISTIAN:

Sechshundert Mark in Industriepapieren.

THEOBALD:

Bist du von Gott verlassen! Mein Geld bekommt die Sparkasse.

CHRISTIAN:

Rund fünfhundert.

THEOBALD:

Das ist nicht üppig. Elftausend läßt sich an. Fünfhundert ist für die

Katze, und dafür soll ich meine Freizügigkeit hergeben, das einzige

Gut des bescheidenen Mannes? Darüber mußt du mal ruhig nachdenken,

Gründe und Gegengründe erwägen. Nein -- verspräche ich dir wirklich auf

Manneswort, wir bleiben, wo wir sind ...

CHRISTIAN:

Das will ich nicht.

THEOBALD:

Das willst du nicht; dies nicht und jenes nicht? Um alles in der Welt,

was soll denn hier vor sich gehen?

CHRISTIAN:

Dein heutiger Überfall beweist, ich wäre auch in Zukunft vor euren

Besuchen nicht sicher.

THEOBALD:

Überfall -- das ist ja!

CHRISTIAN:

In dem erörterten Sinne gemeint. Mein Leben steht vor einer

vollkommenen Wendung. Ich muß, für die nächste Zeit vor allem, von

verwandtschaftlichen Rücksichten frei sein.

THEOBALD:

Das ist in der Weltgeschichte beispiellos! Und wir, die sich

deinetwegen die Butter vom Brot sparten, Opfer auf Opfer häuften trotz

deiner Einrede? Sind denn Eltern ohne Opfer denkbar? Bedeutet nicht

jeder Atemzug einer so kleinen Range Schmälerung irgendeines Genusses

der Alten? Stört sie nicht im Schlaf, am Mittagstisch, in jeder

Bequemlichkeit? Hat sie doch immer einen Defekt, den man mit Ärger und

Kosten ausbessern muß. Bald bläst sie vorn, bald hinten nicht. Dazu

eine Reihe alberner Feste, um die man sich inkommodiert.

~Zu Christian, der schweigend in einem Lehnstuhl sitzt, laut~:

Schöne Kindesliebe das!

~Schlägt mit geballter Faust auf einen Tisch~:

Schöne Kindesliebe!

LUISE ~steckt den Kopf durch die Tür und macht, von Theobald

ungesehen, Christian beruhigende Zeichen~:

Ich sorge schon.

THEOBALD:

Wie?

~Da Christian still bleibt, wirft er sich entfernt von ihm in einen

Stuhl und sagt ruhig~:

Hätte ich das gewußt, im ersten Bade wärest du ersäuft.

~Pause.~

THEOBALD:

Und sind doch mehr als hundert Kilometer von dir entfernt. Das ist die

vielgerühmte Kindesliebe. Ja, ja.

~Er lacht auf~:

Ha!

Und praktisch? Wie denkst du dir denn praktisch die Angelegenheit?

Kommen wir auch in den gewohnten Verhältnissen mit meiner Pension

und den fünfhundert zur Not aus, kein Mensch wird uns zumuten,

die Unbequemlichkeiten der Übersiedlung, Schwierigkeiten neuer

Wohnsitzgründung ohne ein Äquivalent auf uns zu nehmen.

CHRISTIAN:

Das wird kein Mensch euch zumuten.

THEOBALD:

Ohne ein bedeutendes Äquivalent. Wer will es leisten?

CHRISTIAN:

Unter Umständen ich.

THEOBALD:

Sieh mal an.

CHRISTIAN:

Wir haben eine ganze Reihe durch landschaftliche Reize und ökonomische

Vorteile ausgezeichneter Städte auch in Europa, ziehst du nicht von

vornherein Amerika vor.

THEOBALD:

Was?!

CHRISTIAN:

Gut, gut.

~Er hat einen großen Atlas und einen Baedeker zur Hand genommen~:

Es käme zum Beispiel Brüssel in Frage.

~Liest aus dem Buche~:

Brüssel, des Königreichs Belgien Hauptstadt, mit achthunderttausend

Einwohnern. Die Stadt liegt in fruchtbarer Gegend an den Ufern

der Senne, eines Nebenflusses der Schelde. Die Oberstadt mit den

Staatsgebäuden ist Sitz der Aristokratie und der vornehmen Gesellschaft.

THEOBALD, ~der bequem sitzt und andächtig zuhört~:

Nicht übel, zeig das Buch.

~Er liest vor~:

»Und der vornehmen Gesellschaft. Sprache und Sitte französisch.« Und

du glaubst, ein Deutscher von Schrot und Korn läßt sich dazu herbei,

welsche Sitten anzunehmen? Basta!

CHRISTIAN:

Wohin ich in allererster Linie dachte, ist Zürich. Ein völlig idealer

Aufenthalt, ein kleines Paradies in jeder Hinsicht. Und die Sprache ist

Deutsch.

THEOBALD:

Laß etwas davon hören.

CHRISTIAN ~liest aus einem anderen Bande vor~:

Mit annähernd zweihunderttausend Einwohnern ist Zürich die bedeutendste

Stadt der Schweiz am Züricher See und der immergrünen Limmat.

THEOBALD:

Immergrün sagt man sonst vom Tannenbaum.

CHRISTIAN:

An der Westseite fließet die im Frühjahr reißende Sihl.

THEOBALD:

Die ist schon überflüssig, Wasser wär's genug. Bedauerlich, daß ich

nicht schwimmen kann.

Christian ~liest~:

Die Lage der Stadt ist herrlich an dem kristallklaren See, dessen sanft

ansteigende Ufer mit hohen Häusern, Obst- und Weingärten besät sind.

THEOBALD:

Niedlich.

CHRISTIAN ~liest~:

Im Hintergrund die schneebedeckten Alpen, ganz links grüßt der

gewaltige Rücken des Glärnisch.

~Er zeigt im Atlas~:

Hier das Weiße!

THEOBALD:

Teufel!

CHRISTIAN ~liest~:

Die Küche ist gut. Die Bevölkerung derb und bieder.

THEOBALD:

Sozusagen.

CHRISTIAN:

Dazu Ausflüge in die hinreißende Umgebung.

THEOBALD:

Das reine Kanaan.

CHRISTIAN:

Luzern und Interlaken, ja das gesamte Alpenland wird dir unmittelbar

erreichbar, gewissermaßen Eigentum. Ahnst du, was ein Alpenglühen

bedeutet?

THEOBALD:

Was denn weiter?

CHRISTIAN:

Ein Naturschauspiel von fulminanter Großartigkeit, ein Nonpareille. In

Zürich könnte ich mit der Bedingung, ihr überlaßt mich die nächsten

Jahre durchaus mir selbst, deine Bezüge zu einer ausreichenden Rente

aufrunden.

THEOBALD ~nach einer Pause~:

Ich habe rein menschliche Bedenken.

CHRISTIAN:

Unterlaß alle Anmerkungen.

THEOBALD:

Man soll sich aussprechen.

CHRISTIAN:

Das Leben eines Menschen meiner Art setzt sich aus Fakten zusammen.

Mit Gesprächen hältst du mich auf. Hinter diesem wartet ein anderes

Wichtiges.

THEOBALD:

Sechzig Jahre bin ich heute, deine Mutter fast ebenso alt. Wir haben im

Leben nicht viel Gutes gehabt, bleiben auch nicht mehr lange in dieser

Welt mit dir beisammen.

CHRISTIAN:

Spürst du nicht, dieser Ton ist machtvolleren Dingen gegenüber

eindruckslos? Kommt schon die Stunde, wo wir, einzelnes erläuternd,

bequem davon reden können. Jetzt gehts Schlag um Schlag.

Zweitausendvierhundert Franken kommen von mir aus jährlich zu deinen

Einkünften. In drei Wochen seid ihr übersiedelt. Hurtig, Vater, mir

brennt's in den Eingeweiden. Der Kampf um die sichtbare Stelle im Leben

ist gewaltig, der Menschen unzählige. Wo ich einen Fußbreit auslasse,

drängt eine Legion den Schritt ein.

THEOBALD:

Ich bin ganz paff. Habe nie so eine Kreatur gesehen. Wie soll ich über

all diese Novitäten ins reine kommen, wann einsehen, wo für mich der

höhere Sinn darin sich zeigt?

CHRISTIAN:

Hier, jetzt. Fünf Minuten gebe ich dir.

THEOBALD:

So folge ich dir unentschieden und werde wie ein Begossener und

Halbertrunkener sein.

CHRISTIAN:

Vertraue!

THEOBALD:

Wo soll für mich der höhere Sinn stecken?

CHRISTIAN:

Später. Abgemacht, Vater?

THEOBALD:

Donner und Doria! Meine ganze Welt ist durcheinander.

CHRISTIAN:

Zweitausendvierhundert, das ist neunzehnhundert Mark.

THEOBALD:

Und fünfhundert -- macht mit dem Meinen annähernd

fünftausendsechshundert.

CHRISTIAN:

Siebentausend Franken.

~An der Tür~: Mutter!

THEOBALD:

An der Limmat? Ich bin starr.

CHRISTIAN ~reicht ihm Atlas und Reisebücher~:

Informiere dich.

LUISE ~tritt auf, leise zu Christian~:

Ich sorge schon, daß alles geschieht. Dies Tuch auf deinem Nachttisch,

solche Wäsche, Spitze und Batist -- ach Christel, sei vorsichtig mit

den Frauen. Verführung zum Genuß, ich weiß, jedem kommt es einmal. Aber

hat man dann Kinder, und wird Generaldirektor und kann stolz vor Gott

sagen: meine Mutter war makellos!

THEOBALD ~fassungslos~:

Unter Tirolern!

LUISE:

Das ist auch etwas. Ein herrlicher Lohn.

CHRISTIAN:

Gewiß, Mutter.

~Umarmt sie.~

LUISE ~im Hinausgehen~:

Mein Christel.

~Luise, Theobald, Christian exeunt.~

FÜNFTER AUFTRITT

CHRISTIAN ~kommt schnell zurück~:

Einmal hatte ich das Wort beinahe.

~Er sieht in den Brief~:

Er sagte es im Zusammenhang mit seiner zu frühen Pensionierung,

und daß jetzt seine Kräfte schweiften -- wohin -- wohin? In --

Mannigfaltigkeit! Das ist es!

~Er schreibt~:

»Mannigfaltigkeit der Geschäfte, verehrter Graf Palen, verhindert mich

leider, Ihre liebenswürdige Einladung anzunehmen.« So ist es eine

Absage geworden, doch wer weiß, wozu sie gut ist.

~Es hat geläutet. Exit.~

SECHSTER AUFTRITT

~Christian und Graf Palen treten gleich darauf auf.~

GRAF:

Ich komme, die angeschnittene Frage Ihrer Ernennung persönlich noch

einmal mit Ihnen durchzusprechen. Der Aufsichtsrat muß, ehe er sie

den Aktionären gültig anbietet, bis ins letzte wissen, wessen sich

die Gesellschaft von Ihnen zu versehen hat. Als Feind geschäftlicher

Auseinandersetzungen bat ich Baron Rohrschach, den Besuch zu

übernehmen, doch fand man es schicklicher, ich ordne die Sache, da

meine Beziehungen zu Ihnen vertrautere sind.

CHRISTIAN:

Danke, Graf.

GRAF:

Die Monambominen sind die Unternehmung einer kleinen Gruppe von

Menschen, die denselben Überzeugungen leben. Haben nun auch Geschäfte

und gesellschaftliche Anschauung nicht ohne weiteres einen

Zusammenhang, ist doch einzusehen, man will einen Mann an der Spitze

seiner Geschäfte, der der ganzen Lebensauffassung nach zu uns gehört.

~Christian verbeugt sich.~

GRAF:

Wir glauben nun, in Ihnen den gefunden zu haben, der mit Tüchtigkeit

die noch seltenere Gabe vereinigt, ein Empfinden für die durch Kult

errungenen Werte des feineren Geschmacks zu besitzen, das insbesondere

da am Platz ist, wo die brutale Wahrheit der Zahlen ein bedeutendes

Gegengewicht fordert.

~Christian verbeugt sich.~

GRAF:

Sie haben sich mir gegenüber des öfteren in Fragen des Lebens in

einem Sinne geäußert, der durchaus mit der Meinung unserer Kreise

übereinstimmt, an Schärfe dieselbe fast übertrifft. Ich würde mit dem

Wortschatz der liberalen Partei ihn als aristokratisch reaktionär

bezeichnen,

~er lacht.~

und zwar, was mich am stärksten berührte, die Eindringlichkeit Ihres

Vortrages schien auf Herzenssache zu deuten. Bitte?

CHRISTIAN:

Es ist so.

GRAF:

Merkwürdig. Gibt zu Überlegungen Anlaß. Ich bin durchdrungen. Sie

stammen aus einem ausgezeichneten Haus. Ihre Erziehung ist vollendet

sogar in dem Sinne, daß Sie erkannten, auf der Basis gewisser

selbstverständlicher Besonderheiten, die wir errangen, ist das

unauffällig Uniforme das Korrekte. Man sieht's an Gesten, aber

auch am Sitz einer Krawatte. Kurz und gut, was uns noch fehlt, ist

irgendeine von Ihnen gegebene Versicherung, die Niederlegung in einen

verpflichtenden Satz, den wir den Beteiligten als Ihr Bekenntnis

vorstellen können.

CHRISTIAN:

Ich verstehe.

GRAF:

Bei einem Rohrschach bedeutet das Prädikat »Baron« gar nichts anderes

als diesen Satz, vorausgesetzt, der Mann ist kein Deklassierter.

Gewisse Garantien nach gewissen Richtungen. Bei Bürgerlichen können

markante Taten von Vorfahren bedingungsweise Gewähr leisten.

CHRISTIAN:

Wovon in meinem Fall keine Rede ist.

GRAF:

Welches Urteil durchaus keinen Tadel einschließt. Auch in zu hohem

bürgerlichen Ansehen gelangten Familien begnügt man sich mit diesem

alle Mitglieder einschließenden Gut. Es reicht hin, Sie finden aus

der in Ihnen von Voreltern aufgespeicherten gesellschaftlichen

Überlegenheit das packende Wort. Ich habe nicht das Vergnügen, Ihren

Herrn Vater, Ihre Eltern, kurz ...

CHRISTIAN:

Tot. Alles tot.

GRAF:

Und mit Genugtuung darf ich sagen, Sie genügen mir als Repräsentant.

Ich sehe Sie ergriffen?

CHRISTIAN:

Ich bin's, Graf, in dem Augenblick, da ich aussprechen darf, was mein

Herz seit der Jugend bewegt, da ich es sagen soll: nie habe ich eine

andere Sehnsucht gehabt, als zu sein wie jene, die auch äußerlich

sichtbar in einem Adelsdiplom den Adel der Taten ihrer Ahnen tragen,

an ihrer Seite, von ihnen als Helfer angenommen, die Grundsätze zur

Geltung bringen zu dürfen, deren geschichtliche Vertreter sie sind. Es

steht mir nicht zu, aufzuzählen, welche Opfer ich diesem Ziele schon

gebracht, doch bin ich bereit, Ihnen in die Hand zu schwören, mein

irdisches Leben ist ihm einzig geweiht.

GRAF:

Sie sind ein prächtiger Kerl, aus einem Guß. In diesem Augenblick

haben Sie mich überzeugt. Ich danke. Glaube für Ihre Ernennung bürgen

zu können. Darf ich rauchen? Meiner Einladung zum Freitag werden Sie

folgen?

CHRISTIAN:

Das heißt ...

GRAF:

Wie denn?

CHRISTIAN:

Also dann -- trotz der _Mannigfaltigkeit_ meiner Geschäfte.

GRAF:

Glaub's, daß Sie arbeiten. In meiner Tochter Marianne finden Sie einen

Menschen, der an einem Charakter wie dem Ihren Gefallen hat.

CHRISTIAN:

Von den bedeutenden Gaben der Komtesse hörte ich mehrfach sprechen.

GRAF:

Enchanté, lieber Maske.

CHRISTIAN:

Nehmen Sie meinen Dank, Herr Graf.

GRAF:

Herr Graf? Also auch Sinn für die Nuance.

CHRISTIAN:

Auf dem Boden der Voraussetzung sonstiger Uniformität.

GRAF:

Geistreich und sehr charmant, lieber Freund.

~Exit.~

CHRISTIAN, ~der ihn bis zur Tür begleitet, kehrt zurück, sieht

flüchtig in den Spiegel und beginnt dann, an einer Vase eine Krawatte

zu binden~:

Erstens einfacher Knoten. Unterlegen des einen Endes als Masche.

Durchziehn des anderen. Und nun die Schere.

~Er schneidet~:

Was dich ärgert -- dein linkes Auge, wirf es von dir. Diese Krawatte

sitzt tadellos. Das ist erreicht!

DER ZWEITE AUFZUG

~Salon bei Christian Maske.~

ERSTER AUFTRITT

GRAF:

Er muß nach Worten des Dieners sofort zurück sein.

MARIANNE:

Wir kamen zehn Minuten vor der festgesetzten Zeit. -- Da ist der Corot.

GRAF:

Der den Vorwand für unseren Besuch gibt.

MARIANNE:

Ein schönes Bild. Glück, mit solchen Dingen leben zu dürfen.

GRAF:

Es kann dir werden.

MARIANNE:

Als seine Frau? Ist es dein Ernst, Vater?

GRAF:

Ernst, Marianne. Beschäftigt uns beide nicht seit Wochen der Gedanke,

ohne daß wir ihn erörtern? Des Mannes Auftreten ward letzthin so

dringend ...

MARIANNE:

Liebt er mich?

GRAF:

Wollen wir nicht anders fragen? Nähmst du ihn auch, besäße er seine

Reichtümer nicht, die uns aus einer Reihe schwieriger Umstände retten?

MARIANNE:

Auf diese Frage kann ich nicht antworten. Als du ihn die ersten Male

brachtest, wußte ich kaum, wer er war; nichts von seiner Situation.

Mein Gefühl entschied frei. Ich empfinde, wie jedes Ding, auf das er

seinen Willen wirft, sich mit dem Glück, aus dem heraus man sich einer

Naturkraft beugt, schließlich hingeben muß.

GRAF:

Tiens!

MARIANNE:

Ja, Väterchen, hier liegt Entscheidung für Marianne.

GRAF:

Ich hatte vorausgesetzt, du würdest Widerstände in dir zu besiegen

haben.

MARIANNE:

Sie sind noch sämtlich unbesiegt. Wir kamen uns nicht nahe, unser

Gespräch verließ die Konvention niemals, doch fühlte ich, trat er zu

mir, und meine Person richtete sich angegriffen hoch, wie er, just er,

mich völlig niederwerfen konnte.

GRAF:

Mich juckt's mit ihm.

MARIANNE:

Warum? Ist dir ein Zug von ihm bekannt, der nicht korrekt war?

GRAF:

Nein.

MARIANNE:

Lebt er nach unseren Gesetzen?

GRAF:

Durchaus. Doch gerade dagegen sträubt sich letzten Endes mein Sinn. Ich

beobachte ihn seit zwei Jahren, und was mich anfangs rührte, entsetzt

mich jetzt beinahe. Folgt wirklich dieser Bürgerliche seiner Natur,

lebt er unser Leben, wodurch unterscheiden wir uns von ihm? Du weißt,

ich halte Adel für ein Produkt der Züchtung im Hinblick auf Werte, die

ihr Wesen in der Zeit haben, also nicht in einer Generation zu erringen

sind. Wie der Herzog von Devonshire, von einem Heraufkömmling um die

Pracht der Rasenflächen in seinen Gärten beneidet, und wegen der Pflege

um Rat gefragt, zur Antwort gab, man müsse, um solche zu erhalten,

nichts tun, als den Rasen früh morgens ein paar Jahrhunderte lang

tüchtig bürsten. Voilà. Ich habe in meinem Leben Sonderliches zustande

zu bringen nie versucht, war nur ein Adliger mit dem Bewußtsein

angeborener Besonderheiten. Offenbart dieser Mann, es bedarf keiner

Vorfahren, um gewisse unschätzbare Güter zu besitzen, bin ich in meiner

Bedeutung vor mir selbst geleugnet.

MARIANNE:

Kann von einem außerordentlichen Verstand die Summe des uns

Eigentümlichen nicht erfaßt, mit Eindringlichkeit der Arbeit an sich

selbst langsame Veredelung durch Generationen nicht eingeholt werden?

GRAF:

Besitz, welcher Art er auch sei, wird ersessen. Fehlt ihm dieses

Merkmal, ist er erborgt, und es kommt der Augenblick, wo ungünstige

Beleuchtung, irgendein Mißgeschick, die Vorspiegelung aufdeckt. Den

Moment erwarte ich bei diesem Manne.

MARIANNE:

Mithin stehst auch du in sein Leben verstrickt.

GRAF:

Doch nicht, um mich von ihm besiegen zu lassen, sondern um an ihm die

klaffende Wunde zu entdecken, die ihn hinwirft. Ja, selbst um sie ihm

bei Gelegenheit beizubringen.

MARIANNE:

So könnte es das Schicksal fügen, ich stünde gegen dich.

GRAF:

Das verhüte Gott!

MARIANNE:

Verhüte du's. Von diesem Manne empfange ich die erste volle Empfindung

meines Lebens. Noch schwärmt sie ungeklärt, und mit Glück ist Abwehr

gemischt. Ein seliges Geheimnis, das sich natürlich entdecken, doch

nicht führen lassen will.

GRAF:

Entlarvt er sich aber vor unseren Augen selbst?

MARIANNE:

Er wird uns im Gegenteil immer undurchdringlicher und überraschender

kommen. Die wenigen Zeichen, die ich von seiner Person habe, geben mir

Gewißheit, er ist außerordentlich und steht über unserer Voraussicht.

GRAF:

Marianne!

MARIANNE:

So glaube, so fühle ich, Vater. Aber was auch kommen mag, du hast mich

eine herrliche Jugend leben lassen. Fünfundzwanzig glückliche Jahre

habe ich durch deine Güte gehabt.

GRAF:

Ich war zu nachgiebig.

MARIANNE:

Und wirst es ferner sein.

GRAF:

Nur bis an die Grenze des Möglichen.

MARIANNE ~eindringlich~:

Liebe steckt die Grenzen weit.

ZWEITER AUFTRITT

CHRISTIAN ~im Reitanzug tritt schnell auf~:

Gnädigste Komtesse. Graf. Wenigstens kann ich zu meiner Entschuldigung

sagen, der Kolonialminister hielt mich auf, wollte meinen Rat.

GRAF:

Er ist des Lobes voll von Ihnen, will Sie nächstens unserer

allergnädigsten Majestät präsentieren.

CHRISTIAN:

Zur Entscheidung seiner Frage hätte es Genies bedurft, das ich nicht

besitze. Die ungeheuere Verantwortung bricht in Dingen, die das Wohl

des Staates angehen, die Kraft jeder Meinung, die ihr Bewußtsein nicht

in Gott hat.

GRAF:

Magnifique! Was ritten Sie heute?

CHRISTIAN:

Einen Chamantsproß aus der Miß Gorse. -- Gefällt Ihnen das Bild,

Komtesse?

MARIANNE:

Ich habe in solchen Dingen nicht Urteil genug. Doch ergreift es mich.

CHRISTIAN:

Es ist kein Meisterwerk Corots; Valeurs und Tonalität aber eigenartig.

GRAF:

Können Sie so etwas bestimmen?

CHRISTIAN:

In meinem Leben sah ich zwei- bis dreihundert Bilder des Malers.

GRAF:

Wo nehmen Sie die Zeit her?

CHRISTIAN:

Ich nehme sie kaum. Nicht viel mehr als ein Blitz kam von der ersten

Leinwand zu mir. Doch zündete sie, und ich war für den Rest lebendig.

~Zu Marianne~:

So geht es mit allen Dingen.

GRAF:

Wir müssen fort.

~Zu Marianne~:

Für ein halb zwölf hast du dich zu Friesens angesagt.

CHRISTIAN ~zum Grafen~:

Begleiten Sie die Komtesse oder darf ich Sie um ein paar Minuten bitten?

GRAF ~zu Marianne~:

Brauchst du mich?

MARIANNE:

Bleib.

CHRISTIAN ~zu Marianne~:

Ich bringe Sie zum Wagen.

~Marianne und Christian exeunt.~

DRITTER AUFTRITT

~Graf nimmt von einem Tisch ein Buch~:

Gothaer Almanach. Gräfliches Taschenbuch. Er hat sich unterrichtet.

~Er blättert und liest~:

Palen. Westfälischer Uradel, der mit Rütger Palen 1220 urkundlich

zuerst erscheint. Augustus Aloysius mit Elisabeth Gräfin von

Fürstenbusch, gestorben auf Ernegg sechzehnten Juli 1901. Meine gute

Lisbeth. Kinder: Friedrich Mathias, unseres Geschlechtes letzter Sproß,

und Marianne Josefa, die nun einen Herrn Maske heiratet.

VIERTER AUFTRITT

CHRISTIAN ~tritt auf~:

Die Komtesse hofft vorbeifahrend Sie gegen zwölf Uhr hier abholen zu

können.

Graf Augustus von Palen, ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter

Marianne.

GRAF:

Da Sie den Antrag so bündig stellen, haben Sie ihn nach jeder Richtung

hin reiflich erwogen.

CHRISTIAN:

So reiflich, Graf, wie Sie mit Ihrer Tochter die Antwort.

GRAF:

Nicht doch. Ich kenne die Entscheidung der Komtesse nicht unbedingt.

CHRISTIAN:

Wie lautet sie bedingt? Verzeihung, erst Ihre eigene Meinung.

GRAF:

Ich selbst bin gegen die Verbindung. Doch wird meine Ansicht nur gehört

und bleibt ohne entscheidenden Einfluß. Haben Sie mit meiner Zustimmung

gerechnet?

CHRISTIAN:

Ich fühlte Ihre starken Widerstände.

GRAF:

Sie bewundernd, mußte ich mich doch fortgesetzt stärker zu Ihnen

distanzieren. Die Komtesse dagegen scheint, der Wahrheit die Ehre,

einigermaßen von Ihnen emballiert.

CHRISTIAN:

Soll ich meine äußeren Umstände näher auseinandersetzen?

GRAF:

Ich kenne Ihre Laufbahn aus eigener Anschauung, alle überraschenden

Erfolge finanzieller und gesellschaftlicher Art. Von Ihrer großen

Zukunft bin ich felsenfest überzeugt.

CHRISTIAN:

Gab mein Charakter Grund zu Bedenken?

GRAF:

Er gab keine Angriffsfläche.

CHRISTIAN:

Darf ich fragen?

GRAF:

Ganz offen: Standesvorurteile.

CHRISTIAN:

Danke. Das muß sein. Eben diese innerliche Abgeschlossenheit ist eine

Eigenschaft Ihrer Kreise, die ich verehre. Nur gegen meine Person

gerichtet, hätte es mich stärker berührt.

GRAF:

Aber Sie können nicht Verehrer eines Prinzips und zugleich Angreifer

desselben sein.

CHRISTIAN:

Ich liebe Ihre Tochter.

GRAF:

Sie heirateten sie auch, wäre sie nicht Gräfin Palen?

CHRISTIAN:

Das weiß ich nicht; sie ist als Reiz unteilbar.

GRAF:

Mit der Voraussetzung, die Komtesse nähme Ihren Antrag an.

CHRISTIAN ~macht eine unwillkürliche Bewegung, die seine

Erschütterung verrät~.

GRAF:

Bis eben meinte ich, Sie zu kennen. Jetzt, da die Möglichkeit

auftaucht, Sie uns näher attachiert zu finden, sehe ich, wie fremd Sie

noch blieben.

CHRISTIAN:

Man hat unsereinem gegenüber nicht die Mittel, sich aus einem Buch über

den Stall, aus dem er kommt, zu belehren. Tappt gegen eine dunkle Sache.

GRAF:

Wirklich läßt, mit geringen Ausnahmen, der bürgerliche Name seinen

Träger anonym. Unaufgezeichnet ist er ungemerkt und in seinen

Handlungen unbeaufsichtigt. Wir, die in dieses Buch verzeichnet sind,

handeln unter den Augen unserer Sippen das Leben ab, und der Verzicht

auf die Wollüste eines freien Lebens in namenloser Masse gibt uns ein

Recht, unsere Verdienste bemerkt und belohnt zu sehen.

CHRISTIAN:

Ohne Frage. Doch müßte dem Mann, der den nicht zu beugenden Willen hat,

die Konsequenzen solcher Anschauungen zu tragen, der Eintritt in die

Gemeinschaft frei sein.

GRAF:

Unbeugsamkeit beweist erst die Zeit an Geschlechtern.

CHRISTIAN:

Die Disposition ist auch aus bürgerlichen Vorfahren zu erkennen.

GRAF:

Ihre Eltern, Voreltern?

CHRISTIAN:

Beamte. Durch das Bewußtsein, dem Staat zu dienen, vorbereitet. Kleine

Beamte nur -- mein Vater ...

GRAF:

Die schlichte Abstammung offenbart persönliches Verdienst um so

bedeutender, wie uns der allerhöchste Herr erst kürzlich wieder

belehrte. Der Fall unseres Postministers, der aus ähnlichem Milieu wie

Sie stammt, ist der einleuchtendste.

CHRISTIAN ~laut lachend~:

Überhaupt beginnt das ärmlich, aber reinlich gekleidete Elternpaar

allenthalben aufzukommen.

GRAF:

In der Tat. Wir kennen nun uns're Ansichten. Die Entscheidung hängt von

uns nicht ab -- warten wir. Ich muß aber noch hinzufügen: meine Tochter

bringt keine Mitgift in die Ehe. Sie wurden reich, wir verloren bis auf

Reste unser Vermögen und schränken uns ein, meinem Sohn den Zuschuß zu

gewähren, den das Regiment verlangt.

CHRISTIAN ~verneigt sich~:

Darüber ist kein Wort zu verlieren.

DER DIENER ~tritt auf~:

Der Wagen der Komtesse.

GRAF ~exit~:

Ich übermittele Ihnen die Entscheidung.

FÜNFTER AUFTRITT

CHRISTIAN:

Jetzt hätte ich es sagen können: Sie leben in Zürich. Vorbereitet und

durch das Geständnis seiner Mittellosigkeit in Verlegenheit, hätte er

es geschluckt, und sie waren offiziell präsentiert. Nun heißt es, die

neue Gelegenheit abpassen; aber ich fühle, sie ist völlig in meiner

Gewalt.

Warum dann warten? Hierher müssen sie. Sofort! Und ist der Augenblick

gekommen -- persönlich sie vorstellen. Mediam in figuram jedermann.

Wollen doch sehen!

Wie die Alten sich freuen werden!

~Er schreibt und liest~:

Kommt mit dem nächsten Zug. Erwartet euch hier freudigste Überraschung.

~Er läutet~:

Von dem Wagen, mit dem ich sie am Bahnhof hole, bis zum eigenen Bad an

ihren Zimmern muß ihnen alles ein großes Staunen sein.

DIENER ~tritt auf~.

CHRISTIAN:

Das Telegramm sofort abtragen.

DIENER ~exit~.

CHRISTIAN:

Mutter soll auch ihre Schlummerrolle ins Bett haben. Wenn sie vorm

Einschlafen überdenkt, was sie und ich von meiner Zukunft geträumt,

und wie es noch viel besser gekommen ist, muß sie ein erfülltes Leben

spüren. Sie werden sich schnell anpassen. Die schlimmsten Unarten sind

bald abgewöhnt, und Schneider und Putzmacherin tun das letzte.

SECHSTER AUFTRITT

~Sybil tritt auf.~

CHRISTIAN:

Kind, ich bin froh. Weißt du, wer kommt?

SYBIL:

Die Eltern.

CHRISTIAN:

Wer sagt dir das?

SYBIL:

Notwendigkeit. Zwei Jahre, seit ihrem Abschied, zappelst du an dem

Haken deiner Sehnsucht. Ich wußte, an wen du beim Einschlafen dachtest.

Warum, wenn du von großen Gewinsten sprachst, dein Auge hochzuckte.

Durch die räumliche Trennung hast du dich auf deine Art völlig in die

beiden alten Menschen verrannt. Schließlich brachtest du nichts mehr

vor, ohne gleichnishaft einen von ihnen zu erwähnen.

CHRISTIAN:

Ich entbehrte sie schwer.

SYBIL:

Am Ende hattest du dir die Überzeugung beigebracht.

CHRISTIAN:

Mutter und ich waren stets eine Seele. Sie kannte sich gar nicht außer

mir. Wie ein kleiner König stand ich zu ihr. Meine große Zukunft

bejahte sie im voraus. Wir brauchten uns in dem Gedanken nur anzusehen

und lachten. Vater war wie die Begleitung im Kontrabaß dazu.

SYBIL:

Hast du nicht dasselbe Vertrauen unbedingt bei mir gefunden?

CHRISTIAN:

Doch wolltest du Dank. Hier aber war ein Mensch stets unbedankt, stets

durch mich glücklich.

SYBIL:

Dafür hat sich dein Vater während dieser Zeit schamlos gegen dich

betragen. In der Überzeugung, dich durch sein Erscheinen schrecken zu

können, hat er ein über das andere Mal von dir die Summen erpreßt, die

er brauchte.

CHRISTIAN:

Insgesamt nicht viel mehr als ein paar Tausender.

SYBIL:

Hätte er eine Vorstellung von deiner geänderten Lebensführung, er wäre

anders ins Zeug gegangen. Er würde sich, sähe er die Wirklichkeit,

gütlich tun.

CHRISTIAN:

Er soll's. Nichts anderes wünsche ich. Das ist das Dämonische an

diesen Geschlechtern, deren Wurzeln noch auf dem Erdboden laufen, die

Gesamtheit fühlt nicht einheitlich, atmet und bewegt sich nicht mit

einem Ruck von einem Zentrum aus. Es praßt der eine, wo der andre

darbt. Ist aber der Gedanke lebendig, von einem Stamm entsprossen,

mit ihm durch feinste Adern noch verbunden, ist unser Wohl von seiner

Gesundheit abhängig, so freut uns jedes Glück, das ihn in irgendeinem

Ast trifft.

SYBIL:

Der Gedanke ist schrecklich altertümlich, nicht aus unserer Zeit heraus.

CHRISTIAN:

Darfst du das behaupten, Mädchen? Weißt du mehr von den Erschütterungen

der Epoche als ich? Weil du dich an Phrasen der Sozialdemokratie

berauschst, die dir mit dem Recht, das noch der Jämmerlichste hat, die

Ohren vollbläst.

SYBIL:

Ich sehe Wirklichkeit. Millionen, die den Hunger zu stillen über den,

der den Weg zum Brot sperrt, müssen.

CHRISTIAN:

Kämpfe ums Dasein. Die habe ich auch durchgemacht und dabei ganz anders

als Myriaden den Boden in mir aufgerissen; von Trieben geschnellt, flog

ich durch den Brei der Bequemen, weil ich wußte, jenseits fängt erst

das Leben an. Du sahst ja, wie ich ankam, die Fetzen mir vom Leibe riß

und das flatternde Band am Halse zu einer festen Krawatte knüpfte.

Mich allmählich zur Form erzog, der der höhere Mensch im Zusammenleben

bedarf.

SYBIL:

Nie ruht der Kampf. Auf jeder nächsten Stufe, auf der höchsten, steht

der Stärkere, der Todfeind, den du besiegst, oder er vernichtet dich.

CHRISTIAN:

Das ist proletarisch gedacht. Generationen hast du noch zu laufen, bis

dir die Wahrheit schwant.

SYBIL:

Und dabei war ich es, die ihn lehrte ...

CHRISTIAN:

Den Fisch nicht mit dem Messer zu fressen, daß ich nicht in den Zähnen

stocherte! Über all den äußeren Kram bist du nicht hinweggekommen.

Dein Anzug ist der Anzug der Frau von Welt. Aber in welcher inneren

Notwendigkeit bist du ihr inzwischen angenähert?

SYBIL:

Das war nicht mein Ziel.

CHRISTIAN:

Ressentiment.

SYBIL:

Und du, weil du dich zu dem Entschluß verstiegst, deine Eltern

zurückzuholen ...

CHRISTIAN:

Die ich liebe.

SYBIL:

Da es in der Welt plötzlich Beispiele schlichter Erzeuger gibt.

CHRISTIAN:

Vergöttere!

SYBIL ~lacht~:

Weil es schick wird. Nie würde ein liebender Sohn dulden ...

CHRISTIAN:

Kein Wort mehr!

SYBIL:

Daß deine neuen Kreise sich an der famosen Strohkapotte deiner Mutter,

an deines Vaters Schmierstiefeln berauschen. Deine erste Tat, die

sie vor Entwürdigung und dich vor Demütigung schützte, war zarteste

Rücksicht für sie und klug dazu, wie dein Erfolg lehrt.

CHRISTIAN:

Ich erwarb Geld und muß nicht mehr vor den Nöten des Lebens flüchten.

Endlich darf ich verweilen und die irdischen Güter betrachten. Der

erste Luxus, den der reiche Mann treibt, ist seine Familie.

SYBIL:

Dein Vater, deine Mutter sind nicht Luxusgegenstände. Liebst du sie

wirklich, treibe den Kult im Kämmerlein. Doch opfere sie nicht der

Eitelkeit, daß bei dir alles sein muß, wie der gute Ton es vorschreibt.

Du willst die Gräfin heiraten. Tu's. Aber gib ihr mit deinen Eltern

kein Gleichnis, aus dem sie dich beurteilen kann. Bleib ihr fremd und

geheimnisvoll. Du hast so viel, was keiner außer dir besitzt, du mußt

nicht auch noch Eltern haben.

CHRISTIAN:

Närrisch bin ich mit dem Gedanken. Meine gesamte Ziffernmacht, allen

Einfluß strenge ich bis zum äußersten an, meinem Vater Geltung zu

verschaffen. Keine Widerworte! Ich will! Das sind Dinge, für die in dir

jede Voraussetzung fehlt, da von deiner Geburt an alles Zufall in dir

war.

SYBIL:

Du möchtest eine Kluft zwischen uns aufreißen.

CHRISTIAN:

Sie ist seit langem da. Im Handeln und Denken. Wir sind Fremde. Geh!

SYBIL:

Wirklich so fremd, Junge? Du warst doch der, der Zwanzigmarkstücke von

mir nahm?

CHRISTIAN:

Du träumst. Ich bin der, der dich bezahlte, und der dich in diesem

Augenblick ablohnt. Spare alle Worte.

SYBIL:

Ein einziges -- mein Leben dafür --, das dich kennzeichnete und

ausdrückte, wie niedrig ich dich empfinde.

CHRISTIAN:

Finde es zu Haus. Entstellst du mich mit Verdächtigungen wie den eben

geäußerten vor dir selbst, zerstörst du dir das Andenken deiner großen

Leidenschaft. Doch bleibt das deine Sache. Wagst du sie vor anderen,

drohen dir unnachsichtlich die Gerichte.

~Sybil steht ihm gegenüber, starrt ihn an und stürzt hinaus.~

SIEBENTER AUFTRITT

CHRISTIAN:

Endlich. Diese Brücke abgebrochen zu Ufern, die man nicht mehr sah.

Versuche eines Embryos des Menschtums, dich mit Redensarten deiner

Natur und notwendigen Schlüssen abspenstig zu machen.

~Er hat ein Florett zur Hand genommen und macht Fechtübungen~:

Der Snob Komödie in drei Aufzügen · 第 1 / 3 段