Wimpfen a. B.: Hohenstaufentor]

[Illustration: Neckartal bei Neckargerach]

Es liegt in allem rein Technischen eine merkwürdige Ironie. So

etwas wie eine Strafe dafür, daß man sich mit untergeordneten

Hilfsmitteln begnügt, wo wir doch alle über viel Größeres verfügen,

wenn wir's nur erkennen und pflegen wollten. Ich meine die psychische

Fähigkeit, alle äußeren Dinge, vor allem Landschaften und Stimmungen

in der Natur, durch unser Auge _unmittelbar_ aufzunehmen und wie

durch eine konservierende Lösung den künstlerischen Gehalt des

Geschauten durch unsere Seele ins Unterbewußtsein versinken

zu lassen. Daß das möglich ist, das zeigt -- um ein möglichst

prägnantes Schulbeispiel anzuführen -- der Fall aller jener Maler

und Zeichner, die nach dem Gedächtnis reproduzieren. Ich kenne

selber einen alten Akademieprofessor, der tagsüber im Café oder

abends im Theater interessante Köpfe durch intensives Schauen sich

derart tief einverleibt, daß er in der Nacht vor dem Schlafengehen

die Gesichter aus dem Gedächtnis zeichnen kann. Sie sind fast immer

porträtähnlich. Aus dieser alten bekannten Tatsache ziehen nur leider

die allerwenigsten Wanderer den richtigen Schluß: Jeder Mensch ist bis

zu einem gewissen Grade Zeichner, Maler, Dichter, Musiker. Denn: es

gibt wirklich gar keine menschliche Fähigkeit, die der einzelne nicht

in irgendeinem Grade selber besäße. Die Zeichnungen in den Wohnhöhlen

unserer Vorfahren aus der Steinzeit lehren uns, wie stark damals schon

der Mensch künstlerisch produktiv war. Das bildnerische Talent im

Menschen und seine Anlagen zum Zeichnen und Malen werden nun aber durch

die handwerksmäßige Liebhaberphotographie am meisten unterdrückt. Daß

manche Menschen erst durch das Photographieren zu den ersten Sehübungen

gelangen, wird damit gar nicht bestritten, wie denn ein jedes Ding

bekanntlich seine zwei Seiten hat.

Da und dort dämmert ja die Ahnung vom Schaden des Knipsens schon auf,

und manche Feinfühlige empfinden die Vorspiegelung falscher Tatsachen

beim Photographieren recht lebhaft. Die Täuschung seiner selbst und

des anderen liegt nämlich darin, daß -- künstlerisch ausgedrückt --

der schöpferische Vorgang zwischen dem Eindruck einerseits, den der

Photograph von einer Landschaft hat, die ihn zur Wiedergabe reizt,

und zwischen dem Resultat der Wiedergabe andererseits eine ganze

Anzahl von Trübungen und Fälschungen durchmachen muß. Wer »nur so

zum Spaß« photographiert, wird das natürlich nicht verstehen und

es für überspannt halten. Wer aber sich ständig über sein eigenes

Photographieren ärgert, auch wenn er künstlerisch schon recht

ansehnliche Bilder zustande bringt, und dabei nicht darauf kommt,

woran es eigentlich liegt, daß das fatale Gefühl einer ständigen

Unbefriedigung nicht weichen will, dem möchte ich auf die Sprünge

helfen.

Jeder Amateur weiß, daß die allerbesten Stimmungsbilder sehr häufig

Zufallssache sind, wenn nicht die Stimmung bewußt durch kluge

Mittel der Technik hineingetont wurde. Daß viele der schönsten

Dämmerstimmungen bei ganz grellem Sonnenscheinlicht gemacht sind,

dürfte auch weniger Unterrichteten bekannt sein. Jedenfalls gelingt

es nicht sehr oft, gerade denjenigen Stimmungswert photographisch

aus einer Landschaft herauszuholen, der einen zur Wiederholung des

Geschauten durch Negativ und Kopie gereizt hat. So ist es eben

keine Ausnahme beim Photographieren, daß man, wie ein französisches

Sprichwort sagt, auch Amseln ißt, wenn man keine Wachteln hat.

Andererseits ist mancher Kamerajäger sehr erstaunt, wenn er nach

scheinbar harmlosen photographischen Streifereien in der Dunkelkammer

große Entdeckungen konstatiert. Vielen Liebhaberphotographen kommt es

gar nicht zum Bewußtsein, daß eben hier eine im höheren Sinne nicht

anders als Unwahrhaftigkeit zu nennende Trübung des künstlerischen

Schaffens vorliegt. Aber die bei feineren Gemütern unausbleibliche

Wirkung dieses inneren Vorgangs wird eben doch empfunden, genau so,

wie der Aquarellist sich schämt, wenn er in Wasserfarben eine duftige

Morgenstimmung aufs Papier hauchen wollte, die ihm vorbeigerät, die von

einem Ahnungslosen aber als ein sehr hübscher Abendeffekt empfunden und

gelobt wird.

[Illustration: Phot. Gottheit & Sohn, Königsberg.

Der Wanderer · 第 80 / 110 题