Hessisches Dorf]

Draußen in den hellen Buchenhallen, unter den dunkeln Spitzbogen des

Tannenwaldes, am Ufer des leichtbewegten blauen Sees oder inmitten

des Felsens eines rauschenden Wildbachs fällt so viel von selber ab

an Dünkel und Torheit, an Abneigung und Pharisäertum zwischen den

Menschen, weil sie dem Leben des ewigen All so viel näher sind als

sonst. Beim Einatmen der gleichen reinen Gottesluft würden sie -- wenn

ihnen der Vorgang zum Bewußtsein käme -- nicht aus dem Staunen darüber

herauskommen, was ein Mensch zwischen Mauern und Dächern doch oft ein

fataler Herr und draußen unter grünen Zweigen und freiem Himmel ein

lieber Kerl sein kann.

Daß die Protektion und die Beonkelung der Wanderbewegung in der

Richtung der _Organisation ganz bedeutende Verdienste_ hat, das wird

gern und freudig anerkannt.

Ich will hier nicht die Gelegenheit ergreifen, um zu untersuchen,

inwieweit »Wandern« und »Organisation« eigentlich eine ~Contradictio in

adjecto~ (ein Widerspruch im Beiwort) sind. Auf die Theorie kommt es

hier gar nicht an, sondern nur darauf, inwieweit die organisatorische

Zusammenfassung den inneren Kern, die Wander_lust_ und vor allem

den _Wert_ des Wanderns erhöht oder vermindert. Und da hat nun die

Entwicklung der letzten Jahre eines unzweifelhaft erwiesen: Die

Wanderbewegung hat zu einem großen Teil nicht mehr ihren _Zweck in

sich selbst_, sondern sie ist Mittel zu Zwecken geworden, welche

viele der jungen, frohen Gesellen nicht ahnen. Ein großer Teil der in

großen Verbänden organisierten jungen Wanderer befinden sich, ohne es

zu wissen, unter einem Einfluß, dessen Tendenzen die schon unter den

Erwachsenen vorhandenen Klassengegensätze noch verschärfen. Welche

Klasse, ob die »besitzende« oder »nichtbesitzende«, damit angefangen

hat, die wandernde Jugend zu bearbeiten, soll hier nicht untersucht

werden, ebensowenig, als hier überhaupt _Anklagen erhoben_ werden

sollen. Es sollen nur Dinge gesagt werden, die bisher kaum einmal

gesagt wurden. Und da _muß_ das _eine_ ausgesprochen werden:

Wir leben denn doch in einem Zeitalter, wo »Persönlichkeit« und

»Gewissensfreiheit« doch schon mehr als Worte und Begriffe sind.

Für alle Staatsbürger Deutschlands ist die Zeit, wo der Mensch vom

Menschen noch nicht getrennt zu _werden brauchte_, die _Jugendzeit_.

Die einzige Möglichkeit, wo die erbitternden Gegensätze, die durch die

verschiedene Klassenzugehörigkeit und -- was fast gleichbedeutend ist

-- verschiedene politische Gesinnung der Menschen hervorgerufen werden,

nicht zum Ausdruck zu kommen _brauchen_, weil der Mensch im All der

Schöpfung seine Wesensgemeinschaft leichter verspürt als in den Straßen

der Stadt, wo Herkommen und Sitte und Agitation die Verschiedenheit zu

offener Feindschaft ausarten lassen -- diese einzige Möglichkeit ist

_das Wandern_ draußen in der freien Natur.

Und diese letzte Zuflucht des modernen, über die Dinge nicht

mehr herrschenden, sondern von »Bewegungen«, »Konstellationen«,

»Konjunkturen« usw. regierten Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts

wird ihm genommen, geraubt in der einzigen Zeit, wo politische

Überzeugungen das Gehirn noch nicht erstarren ließen.

Es bedarf nicht vieler Worte mehr, damit man wisse, was ich sagen will.

Es ist das: Man drille nicht die jugendliche Seele auf ein politisches

und soziales Dogma ein, auf das sie nicht aus freien Stücken schwört,

sondern lasse solchen Knospenfrevel! Auf beiden Seiten! Man lasse den

Frieden -- dessen auf die Dauer kein Menschenherz entbehren kann --

wenigstens unter den Laubdächern der Obstbäume, auf den grünen Matten,

unter den hellen Buchenhallen und den dunklen Spitzbogendächern des

Tannenwaldes -- _Frieden_ sein mit dem ganzen stillen Segen seiner

Kraft!

Sonst ist alle Begönnerung des Jugendwanderns -- auf beiden Seiten! --

nichts anderes als jene von aller Welt so grimmig verachtete Schändung

der Mittel durch die Heiligung der Zwecke und ein fluchwürdiger

Mißbrauch jenes Teils der Schöpfung, nämlich der Natur, den der

Mensch noch nicht entehrt hat durch seine Qual und seinen Haß. Es

ist der Anfang von der völligen Austreibung des Menschen aus dem

Paradies und der Entweihung der letzten Stätten des Friedens, wenn die

Wanderbewegung unter der deutschen Jugend nicht sauber gehalten wird

von jeder politischen oder sozialen Tendenz.

Ich habe zum Schluß nur noch die eine Bitte an alle, die _er_

angeht: Man überlege sich diese _Sache_ in der Richtung _alles_

Folgerichtigkeiten, bevor man -- lächelt. Denn es ist so leicht und

bequem und -- für den Augenblick so erfolgreich, das Lächeln.

[Illustration: Phot. R. Hilbert, Rathenow.

Der Wanderer · 第 72 / 110 题