I.

Ich habe die Ehre, mich zum drittenmal einem verehrungswürdigen

Publikum vorzustellen. Ich nenne mich Julian West und habe bekanntlich

113 Jahre, von 1887 bis 2000 nach Christi Geburt, verschlafen, erwachte

in Boston in Dr. Leetes Hause, wo ich die wunderbaren Veränderungen

anstaunte, welche die Erneuerung der Gesellschaftsordnung im 20.

Jahrhunderte in meinem Vaterlande bewirkt hatte, und träumte mich dann

in einer wüsten Nacht wieder in das Boston vom Jahre 1887 zurück.

Mit diesen Eindrücken hat mich ein gewisser Edward Bellamy seinen

Lesern vorgeführt und mich gegen gutes Honorar meine Erlebnisse

erzählen lassen.

Dann wachte ich wieder im verjüngten Boston auf, wurde als Professor

der Geschichte am Shawmut-College dort angestellt, sollte meine Zuhörer

mit Haß gegen die Periode des Wettbewerbs erfüllen, was mir nicht

gelingen wollte, da jedermann mit der Gegenwart unzufrieden war, und

lernte nach Beendigung meiner ersten Vorlesung einen Mr. Forest kennen,

der von allen der Unzufriedenste war, weil man ihn vom Professor der

Geschichte zum Pedell degradirt hatte, und wurden mir von diesem die

Augen geöffnet über die abscheulichen Zustände, die der Communismus in

den Vereinigten Staaten gezeitiget hatte, und er belehrte mich nicht

nur über die Mängel des Communismus, sondern er unterwies mich auch,

wie wir den Mängeln unserer ehemaligen Gesellschaftsordnung hätten

abhelfen können, ohne sie ganz zu untergraben.

Ich habe Herrn Forest ebenso gläubig zugehört wie früher dem Dr. Leete;

und wurde ich dann von einem gewissen Richard Michaelis in Chicago

neuerdings mit Honorar angestellt und demselben Publikum vorgeführt,

das ich das erstemal zu unterhalten die Ehre hatte, wobei ich bemüht

war, die gänzliche Haltlosigkeit meiner früheren Auffassung klar zu

machen. Ich endete meinen damaligen Bericht mit der Darstellung,

wie Dr. Leete erschlagen, seine Tochter vergewaltigt und Mr. Forest

in Vertheidigung seines Gegners Dr. Leete geschlachtet wurde, womit

ich auf Wunsch des Mr. Richard Michaelis schlagend bewies, daß die

Klagen, die Mr. Forest vorbrachte, gerecht waren; denn wie hätte ein

ungerechter Mann es über sich vermocht, seinen Feind zu vertheidigen,

der durch die Hand eines Dritten fallen sollte! --

Ich war nun ebenso überzeugt, daß der Communismus die erbärmlichste

Einrichtung sei, als ich vorher für denselben geschwärmt hatte, und ich

bedauerte, daß Mr. Forest im Kampfe gefallen war, da ich Arm in Arm

mit ihm das 21. Jahrhundert gerne hätte in die Schranken fordern mögen.

Nun ereignete sich aber das Verwunderliche, daß Mr. Forest sich doch

erholte und langsam von seinen furchtbaren Wunden genas. Ich pflegte

ihn wie meinen Bruder und las ihm Bücher und Briefe vor, um ihm seine

Lage zu erleichtern. So auch einen Brief aus Tulln, einem unbekannten

kleinen Orte in Oesterreich, den wir auf keiner Karte finden konnten.

In diesem Briefe sprach ein gewisser Zwirner den Wunsch aus, Mr. Forest

kennen zu lernen, da er in einer alten Zeitung, »Boston Gazette«,

einen Vortrag abgedruckt gelesen hatte, den Mr. Forest, als er noch

Professor war, über die Cultur des 19. Jahrhunderts gehalten hatte, und

es ihn interessirt hätte, sich mit dem gelehrten Manne zu unterhalten.

Er begreife zwar nicht seinen Haß gegen den Communismus, eine

Gesellschaftsform, die ihn vollkommen befriedige, denn auch Oesterreich

sei längst dazu übergegangen, aber geschichtliche Forschung böte viel

Interesse und er selbst befasse sich mit der Aufhellung der ein wenig

in Vergessenheit geratenen Cultur des 19. Jahrhunderts. Er habe Vieles,

was sich darauf bezog, aus den europäischen Bibliotheken ermittelt,

aber er wünsche, sein Material mit jenem des Mr. Forest zu vergleichen,

und meine, Mr. Forest könnte seine Sommerferien zu einem Besuche in

Oesterreich benützen. Als Professor müsse ihm der Staat die Mittel zu

einer Reise nach Europa zu wissenschaftlichen Zwecken anweisen, während

er selbst, der nur ein junger Landmann sei und keinen Namen unter den

Gelehrten sich erwerben konnte, weder so laugen Urlaub, noch die Mittel

zur Reise beanspruchen dürfe.

Der Arme glaubte Mr. Forest noch im Besitze einer fetten Professur und

hatte nicht gelesen, daß derselbe längst war abgesetzt worden.

Indessen gefiel dem Reconvalescenten der Vorschlag, da er Europa

noch nicht besucht hatte und es ihm nicht ohne Interesse war, dem

zufriedenen Oesterreicher ebenso die Augen zu öffnen, wie er mir

gethan, und er beauftragte mich, bei der Regierung um Ausfolgung der

Mittel einzuschreiten, welche ihm und mir, den er mitnehmen wollte,

die Reise nach Oesterreich ermöglichen sollten. Man mußte sich mit

Reisegeld versehen, da zwischen Amerika und Europa keine Reciprocität

für den Reiseverkehr bestand, wie sie die Continentalstaaten in

Europa untereinander vereinbart hatten. Ich bezweifelte, daß die

Regierung uns das Reisegeld anweisen würde. Aber unserem Wunsche

wurde entsprochen, denn Mr. Forest war wieder in Gunst, weil er Dr.

Leete, ein einflußreiches Mitglied der Regierungspartei, vertheidigt

hatte, und was mich betrifft, so dachte man längst, mich von meiner

Stelle am Shawmut-College zu entfernen, weil ich nicht mehr mit der

anfänglichen Parteilichkeit für den Communismus docirte, andererseits

aber das Auditorium sich größtenteils verlaufen hatte. Zudem hatten wir

unser Gesuch für die Ferienmonate eingebracht und so bezahlte uns die

Staatskasse 3000 Dollars Reisegeld und beurlaubte uns die Regierung für

die beiden Monate Juli und August 2020 zur Reise nach Europa.

Um in einem deutschen Lande reisen zu können, suchten wir uns einige

Kenntniß der deutschen Sprache vorher anzueignen und verkehrten

viel mit eingewanderten Deutschen, die in Boston lebten, und mit

1. Juli 2020 verließen wir Boston und Amerika, um nach glücklicher

Ueberfahrt am 13. Juli 2020 die österreichische Grenze bei Salzburg zu

überschreiten.

Oesterreich im Jahre 2020: Socialpolitischer Roman · 第 22 / 44 题