Der neue Begleiter, den mir General Moltke für die Fahrt in das
Hauptquartier des Kronprinzen gegeben hatte, hieß Hans von Gwinner
und war ein Sohn des großen Bank- und Bagdadbahndirektors in Berlin;
lebhaft und energisch lenkte er selbst sein Automobil. Bald saß ich an
seiner Seite, während der uns begleitende Soldat im Wagen Platz nahm.
In strömendem Regen ging es aus der Stadt hinaus. Der Weg war
schlüpfrig, aber wir fuhren mit rasender Geschwindigkeit. Wir waren
spät aufgebrochen und wollten noch vor Anbruch der Nacht ans Ziel
kommen; sonst war man nicht sicher vor Franktireurs. Bei der fünften
Armee hatte man neulich einen Trupp Franktireurs gefangen genommen und
ohne Pardon erschossen.
Unser Weg führt nach Westen. Bei Redingen überschreiten wir die Grenze
von Französisch-Lothringen. »Karabiner laden«, ruft der Leutnant hastig
dem Soldaten zu. Ich sehe mich unwillkürlich um, vermag aber nichts
Ungewöhnliches zu bemerken; es war auch nur eine Vorsichtsmaßregel,
aber der Befehl klang eigentümlich, als ich ihn zum erstenmal hörte.
Im ersten französischen Ort, Longlaville, sah man zahlreiche Spuren
von deutschen Granaten, aber die Fabriken und ihre hohen Essen waren
geschont. Auch in der Mitte und an den Seiten der Landstraße hatten die
Granaten gewaltige Löcher gerissen, und so mancher Baum war von einem
Kanonenschuß gefällt. Von einigen Häusern ist nicht viel mehr übrig als
die Mauern; von andern hat ein Streifschuß nur das Dach weggerissen.
Die Bahn an der Außenseite der Landstraße ist übel zugerichtet, und
hier und da sind ihre Schienen wie Stahldraht aufgewickelt. Auf den
Kirchtürmen ist oft das Dach abgedeckt, eine besondere Vorliebe
der Franzosen, um offenen Spielraum für die Maschinengewehre und
Beobachtungspunkte für die Offiziere zu schaffen, die die deutschen
Artilleriestellungen und die Wirkung des französischen Feuers erkunden
sollen.
»Wo geht der Weg nach Longwy?« fragt Gwinner. -- »Geradeaus.« Die
Antworten sind stets höflich, wenn auch die Wut im Herzen klopft. Eins
der beiden detachierten Forts von Longwy bleibt rechts liegen, und bald
darauf sind wir in der kleinen Fabrikstadt, die in einem Tal gelegen
und rings von Höhen umgeben ist. Auf einer dieser Höhen liegt die
Festung Longwy, die gleich zu Anfang des Kriegs nach äußerst heftiger
Beschießung von den Deutschen mit Leichtigkeit eingenommen wurde. Tot
und verlassen sah die Stadt keineswegs aus, denn ein großer Teil der
Einwohner war zurückgekehrt, nachdem der Krieg weiter nach Westen
vorgerückt war, und das Leben fing wieder an so gut wie es ging in
seine alten Bahnen zurückzukehren.
Vor der Stadt standen die nackten, schwarzen Mauern eines ausgebrannten
Hauses; aus seinen Fenstern hatte man auf deutsche Truppen geschossen,
die deswegen nach Kriegssitte das Gebäude in Brand steckten. Überall,
wohin man sich wendet, Spuren des Kriegs: auf den Äckern und an den
Grabenrändern fortgeworfene französische Tornister und Uniformstücke;
im Straßengraben ein umgestürztes Automobil, rücksichtslos beiseite
geschoben, um nicht den Verkehr zu stören; ein Stück weiter ein
Motorlastwagen. Hier Trümmer von Gewehren und Munitionswagen, dort
halbmondförmige Wälle zum Schutz für Feldkanonen. Ein Grab mit
Holzkreuz, dann wieder eins -- eine ganze Reihe von Gräbern --
Soldatengräber! In der Mitte der Straße ein paar mit Regenwasser
gefüllte Granatlöcher; sie können gefährlich werden, wenn man sie in
der Schnelligkeit für seichte Pfützen hält; aber Gwinner kennt diese
Straße schon. Rechts und links vom Wege tiefe, schmale Schützengräben
mit kleinen Wällen als Brustwehr und Gewehrstütze. Die Soldaten sind
jetzt fort, und stumm liegen diese Äcker, auf denen vor einem Monat
300000 Mann gekämpft haben! Auf manchem Feld wurde die Ernte von
deutschen Truppen geborgen. An den Grabenrändern, in Wäldchen und
Gebüschen sieht man niedrige, aus Zweigen und Ästen gebaute Hütten, in
denen die französischen Soldaten vor Regen und Kälte Schutz suchten.
Die deutsche Infanterie dagegen hat Zelte, und jeder Soldat trägt auf
seinem Tornister eine Zeltbahn.
Unser Weg führt durch ein Stück Wald. Die Franzosen wissen ihre
Stellungen in waldigem Gelände sehr geschickt zu halten. Sie verstecken
Maschinengewehre in den Baumkronen. Von Flüssen durchzogene Täler und
Waldgegenden betrachten daher die Deutschen als schwer zu erobern. Auf
offenerem Gelände wie im mittleren und südlichen Frankreich läßt sich
leichter im Sturm vorgehen.
Die Hauptstraße von Longwy sieht trostlos aus. Eine lange Strecke weit
kein Haus mehr, nur Ruinen, Schutthaufen, nackte Mauern mit gähnenden
Fensteröffnungen. Nur an den Brücken schultern deutsche Wachtposten
ihr Gewehr, sonst kein Mensch! Die Stadt Noërs ist niedergebrannt
und ihr Kirchturm zusammengeschossen, da ein Maschinengewehr von dem
Platz aus gesungen hat, wo sonst die Glocken zum Abendgebet rufen.
Aber nirgends Leichen, keine gefallenen Soldaten, keine toten Pferde;
alle sind von den Deutschen begraben worden, damit sie nicht die
Luft verpesten und Seuchen hervorrufen. Doch an die Heimsuchungen des
Krieges erinnert noch genug. Längs einer Hecke eine Reihe Strohhütten,
weiterhin umgeworfene Wagen, mit denen die Franzosen versuchten, die
vortreffliche, zu beiden Seiten mit Bäumen bepflanzte Chaussee zu
sperren. Nebenher läuft die Telegraphenlinie, die von den Verteidigern
zerstört, dann aber wieder von deutschen Telegraphenarbeitern instand
gesetzt wurde. --
In Marville wird der Verkehr lebhafter. Gleich neben der Straße auf
einem Felde hat eine Proviantkolonne ihre mit bogenförmigen Zeltdächern
versehenen Wagen im Viereck aufgestellt. Sie rasten, und die Leute
haben ihre Lagerfeuer für die Nacht angezündet. Um die Wagenburg stehen
Wachtposten.
Eine Strecke weiter hat wieder eine Proviantkolonne von einfacheren
Wagen haltgemacht. Sie dürfen des Verkehrs wegen nicht auf der Straße
halten; auch ist es leichter, eine gesammelte Kolonne zu bewachen
und wenn nötig zu verteidigen. Hier überholen wir einen Motoromnibus
mit Feldpost für die fünfte Armee; er donnert mit gewaltigem Lärm
auf der harten Chaussee einher. Nun wird die Straße wieder von einer
Proviantkolonne eingeengt, die noch in Bewegung ist. Da müssen wir
langsamer fahren, damit die Pferde der eskortierenden Reiter nicht
scheu werden und mit dem Auto zusammenstoßen. --
Schon haben wir Montmédy erreicht, dessen kleine Festung sich ergeben
hat, ehe sie beschossen wurde. Bevor aber die Besatzung abzog, sprengte
sie den Eisenbahntunnel, der durch den Berg führt. Die Deutschen
gingen deshalb sofort daran, eine neue Eisenbahn um den Berg herum zu
legen; mit diesem Bau waren französische Gefangene noch beschäftigt.
Ein wunderlicher Anblick, diese Soldaten in ihren blauen und roten
Uniformen arbeiten zu sehen, bewacht von deutschen Soldaten in
feldgrauer Uniform und mit geschultertem Gewehr.
Gegen Abend klärt sich das Wetter auf, und die Sonne geht rot unter wie
eine glühende Kugel. Ihre letzten Strahlen treffen einen Transport
französischer Gefangener, die müde und gebeugt nach Montmédy wandern,
bewacht von deutschen Soldaten.
Nun wird vor uns das Maastal sichtbar und die kleine Stadt Stenay.