Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (Zu Seite 60.)]

1846 vollendet er ein Frühlingsbild „Mädchen am Brunnen“, das er 1849

variiert als Radierung wiederholte (Abb. 78). Er sprach oft den Wunsch

aus, dieses Bild einmal wiederzusehen; es schien, als erinnere er sich

dessen mit einer gewissen Befriedigung. Es folgen die „Hymnen für

Kinder“ von Thekla von Gumpert mit sechzehn Zeichnungen.

Vielleicht 1846 hat der Meister seine älteste Tochter Maria gezeichnet

(Abb. 60), die im April 1847 an einem unheilbaren Brustleiden im

blühenden Alter von achtzehn Jahren starb. Inmitten einer Zeit voll

reichen Schaffens durchweht tiefe Trauer sein Herz und das seiner

Frau; sie sehen, wie die geliebte Tochter nach und nach hinsiecht, der

Arzt weiß keine Rettung mehr und gibt alle Hoffnung auf. „Erschüttert

und tiefgebeugt knieen die Eltern am Bett und begleiten die erlöste

Seele unter Tränen mit ihren Gebeten in das Jenseits!“ Mit diesen

Worten schließt Richter seine Biographie ab; er konnte sich nicht

entschließen, dieselbe weiterzuführen, und fügt derselben dann nur noch

Tagebuchnotizen als Anhang bei.

[Illustration: Abb. 67. +Zu Himmelsmütterlein.+ (Zu Seite 60.)]

1848 starb, siebzigjährig, Richters Vater; sein arbeitsreiches Leben

war zu Ende; viel Mühsale und unverdiente Kränkungen hatte er getragen;

sein Lebensabend gestaltete sich etwas freundlicher, tätig war er bis

zum Tage vor seiner letzten Erkrankung. Er hatte wohl nicht so recht

den Platz in seiner Kunst gefunden, für den er von Haus aus bestimmt

und geeignet war. Unser Meister sprach oft davon, wie schon in seinem

Vater unverkennbar die Neigungen durchblickten, die ihn, den Sohn,

auf seinen Weg brachten, und daß, wenn die äußeren Verhältnisse des

Vaters günstigere gewesen wären, dieser als Landschaftsmaler gewiß

Bedeutendes geleistet haben würde, mehr als in der Kupferstecherei,

zu der er entschieden weniger Veranlagung hatte. Schon in des Vaters

Zeichnungen war die Art der Staffage abweichend von der landläufigen

Manier; was von den wenigen Zeichnungen bekannt ist -- seine meisten

Blätter sind, in der Hauptsache unter Zinggs Namen, nach Polen

gewandert -- bestätigt dies. In demselben Jahre starb auch unseres

Meisters jüngster Bruder Julius in Warschau an der Cholera; er war dort

seit vielen Jahren als Aquarellmaler tätig gewesen. Der zweitälteste

Bruder Willibald, der während einer Reihe von Jahren die Gräfin Potocka

auf deren Reisen durch Europa als Zeichner und Aquarellmaler begleitet

hatte, lebte in Wien. Sein Zeichenunterricht war in den dortigen

Hofkreisen sehr geschätzt und gesucht; er starb kinderlos in Wien

1880. Die einzige Schwester Richters, Hildegard, die sehr tüchtig im

Blumenmalen war, starb als Witwe des Kunstgärtners Ludwig Liebig in

Dresden an ihrem 90. Geburtstage 1898.

[Illustration: Abb. 68. +Aus der Schmiede.+ Schmiedjakobs Geschichten

von Horn. 1852.

(Zu Seite 61.)]

[Illustration: Abb. 69. +Aus der Schmiede.+ (Zu Seite 61.)]

1847 und 1848 entstanden die beiden Kompositionen „Genoveva“ und

„Rübezahl“, die Richter dann im Auftrage des Sächsischen Kunstvereins

so meisterhaft radierte. Frieden des Waldes atmet das Blatt „Genoveva“.

Vor der von lauschigem Wald umschlossenen Höhle sitzt im Sonnenschein

die sinnige liebliche Frauengestalt, in ihren Schoß gelehnt ihr zur

Seite Schmerzensreich, die Hirschkuh liebkosend; im Rasen wilde Tauben,

Spechte und allerhand andere Vögel, auch Häschen haben sich zutraulich

gelagert, Eichhörnchen tummeln sich; im Vorgrund, mit Erdbeeren

besäumt, ein frisches Wässerchen, das unter mit Farnen bewachsenen

Steinen hervorsprudelt; über der Höhle gegen dunklen Tannenwald

schreiten Hirsch und Hirschkuh. Es ist eine köstliche Waldidylle, wie

sie schöner nicht gezeichnet werden kann. Wir geben hier (Abb. 59) eine

Variante der lieblichen Figurengruppe mit einfacherem landschaftlichen

Hintergrund nach einer Aquarelle von 1850 in farbiger Reproduktion.

Die Genoveva ist auch hier innig und lieblich; wie seelenvoll ist

der Ausdruck des Kopfes der Dulderin! Auch in der Art wie der Meister

die Farben nur andeutend sprechen und wirken läßt und worin er so

unerreicht und einzig ist, mutet uns das Bild so außerordentlich

wohltuend an. Zu dem aufgelösten Haar der Genoveva zeichnete er

eine Studie nach seiner Tochter Aimée mit wenigen Bleistiftstrichen

(Abb. 61). Die andere Komposition „Der Rübezahl“ (Abb. 63) schildert

den bekannten Vorwurf: die Mutter ruft, um einen ihrer Schreier zum

Schweigen zu bringen, Rübezahl, er möge ihn mitnehmen, da -- plötzlich

steht Rübezahl vor ihr und fordert das Kind. Wie die Küchlein bei

drohender Gefahr sich zur Henne flüchten und sich zu verbergen suchen,

so schmiegen sich die erschrockenen Kinder schutzsuchend an die ebenso

erschrockene Mutter, die die schützenden Arme um sie schließt und

betroffen, aber doch der Gefahr trotzend, den bärtigen „Rübezahl“

anstarrt; nur den kleinen an der Erde liegenden Schreihals kümmert

Rübezahl nicht, er schreit und strampelt fort; als Kuriosum sei hier

erwähnt, daß das am Boden liegende Kind zwei rechte Füße hat. Die über

den Figuren sich erhebende Gruppe von Bäumen ist von großer Schönheit.

Über sonnige Höhen schaut man auf in duftigem Blau liegende Bergzüge,

am schattigen Waldesrand lagert Rotwild. Das ist Bergespoesie! Die

Gestalt des Rübezahl, um die Hauptsache nicht zu vergessen, ist voller

Humor: halb drohend, aber mit dem Ausdruck eines gutmütigen Schalks,

einen entwurzelten Baum in der Linken haltend, die Rechte nach den

Kindern ausgestreckt, als Köhler gekleidet, steht er mit gespreizten

nackten Beinen vor der erschrockenen Mutter. Er gehört mit der ebenso

komischen Rübezahlgestalt von Schwind, die leider so wenig bekannt

ist, zu den weitaus besten Darstellungen dieser urwüchsigen Figur

aus dem Sagenkreise des Riesengebirges. Denselben Gegenstand hatte

Richter schon früher im „Musäus“ ähnlich behandelt. Er war gerade beim

Ätzen dieser beiden Kupferplatten, als Kanonendonner und Knattern

von Gewehrsalven die Luft erdröhnen machten; preußische Regimenter

halfen den 1849er Maiaufstand in Dresden, das infolge des Feldzugs in

Schleswig-Holstein von Militär fast entblößt war, niederzuwerfen; unser

Richter stand im unvermeidlichen Hauspelz an seinem Ätztisch in seine

Arbeit vertieft und kümmerte sich nicht um das, was in den Straßen der

Stadt sich abspielte. In Kupferstecher Thäters Biographie finden wir

von 1848 folgende Aufzeichnung: „Wer hätte wohl noch vor wenigen Wochen

sich träumen lassen, daß die beiden friedliebendsten Menschen, Richter

und ich, einem ‚Deutschen Verein‘ und einer ‚Akademischen Legion‘

beitreten und täglich zwei Stunden mit dem Schießprügel sich tummeln

würden? Wir hätten eher daran geglaubt, ins Gras, statt in Patronen

beißen zu müssen. Und doch konnte es nicht umgangen werden; wir müssen

eben mit fort, wie jeder andere auch.“ Von den Dienstleistungen der

„Akademischen Legion“, die in dieser wunderlichen Zeit gebildet

worden war und die nicht „zu martialisch“ in ihrer ganzen Erscheinung

gewesen sein soll, wurde er aber enthoben. Das Exerzieren war ihm

recht unbequem, wie man sich leicht denken kann. Kurz vor Ausbruch

des Maiaufstandes wurde des Meisters Sohn Heinrich, mit einem Freunde

auf einer Wanderung nach Meißen begriffen, in Dresden-Neustadt, weil

er eine, wenn auch verrostete Waffe unter dem Rock verborgen trug,

vom Militärposten abgefaßt und mit vielen anderen Sistierten in der

Frauenkirche gefangen gehalten. Unser Meister wurde aus seiner stillen

künstlerischen Tätigkeit herausgerissen, als er diese Nachricht

erhielt; mit größter Mühe und nur durch schwerwiegende Fürsprache

gelang es, die an sich so harmlosen Arrestanten erst nach zwei schweren

langen Tagen wieder frei zu machen. Für unseren Meister waren es Tage

großer Aufregung.

Für die Illustrierte Jugendzeitung Otto Wigands und die Illustrierte

Zeitung für die Jugend (Brockhaus) zeichnete Richter 1846 bis 1852

achtundachtzig Blätter; wir bringen davon die Abbildungen 62, 64

und 65, von denen besonders die beiden letzten Blätter durch ihr

überaus warmes Empfinden hervorragen. Weiter folgen eine Reihe von

Illustrationen zu verschiedenen Jugendschriften, 1847 bis 1853, auch

unter anderen bei Justus Naumann in Dresden „W. Redenbachers neueste

Volksbibliothek“, wozu Richter siebzehn Zeichnungen lieferte, die

lithographisch vervielfältigt wurden. Unter diesen Zeichnungen, die

hier als Vorlage für den Lithographen dienten, sind eine Reihe ganz

vorzüglicher Blätter, von größter Vollendung in der Zeichnung und

lebendigster Charakteristik. Es sei hier nur das eine Blatt genannt:

„Wie Parzival von seiner Mutter in der Wildnis Soltane erzogen wird“,

vom Jahre 1853. 1848 erscheint „Robinson der Jüngere“ bei Fr. Vieweg

in Braunschweig, mit achtundvierzig Holzschnitten. Wer von uns hätte

diesen Robinson in jungen Jahren nicht in der Hand gehabt und sich

daran begeistert!

[Illustration: Abb. 70. +Titelblatt zu Rheinische Dorfgeschichten+ von

Horn. 1854.

(Zu Seite 61.)]

Gleichzeitig erscheint die erste Ausgabe des „Richter-Album“ bei Georg

Wigand, hundertfünfzehn Blatt Holzschnitte, die in vorhergehenden

Werken bereits publiziert waren. Diese Ausgabe hat zur Verbreitung

Richterscher Kunst in den weitesten Kreisen und Schichten des deutschen

Volkes ungemein viel beigetragen. Es war eine glückliche Idee, diese

Bilder so zwanglos aneinanderzureihen und, mit kleinen Textstellen

versehen, noch zugänglicher für das allgemeine Verständnis zu machen.

Sehr bald folgt ein zweiter Band mit hundertachtundfünfzig Blatt.

Seitdem ist diese Sammlung wohl fünf- oder mehrmal aufgelegt worden.

[Illustration: Abb. 71. +Zu Der Geizhals und sein Nachbar.+

Ludwig Richter · 第 27 / 72 题