Der Kutscher ging, etwas vor sich hin brummend, wieder weg. »Was mag er

da brummen?« dachte Herr Goljadkin, und die Tränen kamen ihm in die

Augen. »Ich habe ihn doch für den ganzen Abend genommen; also kann ich

... hm ... ich bin jetzt in meinem Rechte ... so ist das! Ich habe ihn

für den ganzen Abend genommen; also ist die Sache in Ordnung. Wenn er

auch so dasteht, das ist ganz gleich. Das hängt alles von meinem

Belieben ab. Wenn ich fahren will, kann ich fahren, und wenn ich nicht

fahren will, kann ich es unterlassen. Und wenn ich hier hinter dem Holze

stehe, so ist auch dagegen nichts einzuwenden ... und er darf sich nicht

erdreisten, etwas darüber zu sagen; wenn der Herr Lust hat, hinter dem

Holze zu stehen, nun, dann steht er eben hinter dem Holze ... und damit

befleckt er niemandes Ehre; so ist das! Ja, so ist das, mein Fräulein,

wenn Sie es wissen wollen. Und in einer Hütte, mein Fräulein, hm, in

einer Hütte lebt in unserem Zeitalter niemand. So ist das! Und ohne

Moralität kann man in unserem Zeitalter der Industrie nichts erreichen,

mein Fräulein; dafür dienen Sie selbst jetzt als trauriges Beispiel ...

Also Ihrer Meinung nach soll ich das Amt eines Tischvorstehers bekleiden

und in einer Hütte am Gestade des Meeres leben. Erstens, mein Fräulein,

gibt es am Gestade des Meeres keine Tischvorsteher, und zweitens können

wir beide mir keine Stelle als Tischvorsteher verschaffen. Denn gesetzt

z. B. ich reiche eine Bittschrift ein und sage darin: >So und so, ich

bitte, mich zum Tischvorsteher zu machen und mich vor meinem Feinde zu

schützen ...<, dann werden Sie merken, mein Fräulein, daß es viele

Tischvorsteher gibt, und daß Sie hier nicht bei der Emigrantin Falbala

sind, wo Sie Moralität gelernt haben, wofür Sie selbst als trauriges

Beispiel dienen. Moralität, mein Fräulein, das bedeutet: zu Hause

sitzen, seinen Vater ehren und nicht vorzeitig an Freier denken. Die

Freier, mein Fräulein, werden sich zur rechten Zeit schon finden; so ist

das! Gewiß, man muß unstreitig auch allerlei Fertigkeiten und Kenntnisse

besitzen, als da sind: ein bißchen Klavierspielen, Französisch sprechen,

Geschichte, Geographie, Religion und Rechnen, -- so ist das! Aber mehr

ist nicht vonnöten. Dazu kommt noch die Küche; zu dem Wissensgebiete

eines jeden wohlgesitteten Mädchens gehört unbedingt auch die Küche!

Aber was wird mit Ihnen werden? Erstens, mein schönes gnädiges Fräulein,

wird man Sie nicht so einfach davonlassen, sondern eine Verfolgung

veranstalten und Sie, wenn man Sie attrapiert hat, in ein Kloster

stecken. Was dann, mein Fräulein? Was befehlen Sie mir dann zu tun?

Befehlen Sie mir, mein Fräulein, nach Anweisung einiger dummer Romane

auf einen nahegelegenen Hügel zu gehen und, nach den kalten Mauern Ihres

Gefängnisses hinblickend, in Tränen zu zerfließen und schließlich so zu

sterben, gemäß der Vorschrift einiger verdrehter deutscher Dichter und

Romanschriftsteller? Ja, mein Fräulein? Aber gestatten Sie mir, Ihnen in

aller Freundschaft zu sagen, erstens, daß die Dinge sich nicht in dieser

Weise vollziehen, und zweitens, daß ich am liebsten Sie und Ihre Eltern

gehörig dafür durchhauen möchte, daß sie Ihnen französische Bücher zu

lesen gegeben haben; denn aus französischen Büchern kann man nichts

Gutes lernen. In denen steckt Gift, verderbliches Gift, mein Fräulein!

Oder denken Sie etwa (gestatten Sie die Frage!), oder denken Sie etwa,

wir werden ungestraft entfliehen können und dann zusammen in einer Hütte

am Meeresstrande wohnen? Und dann fangen wir an zu girren und zu

schnäbeln und von allerlei Gefühlen zu sprechen und verbringen so unser

ganzes Leben in Zufriedenheit und Glück? Und dann stellt sich ein

Kleines ein, und wir sagen: >So und so, Sie unser Vater Staatsrat Olsufi

Iwanowitsch, da hat sich ein Kleines eingestellt; nehmen Sie also bei

diesem passenden Anlaß Ihren Fluch zurück, und segnen Sie uns junges

Paar!<? Nein, mein Fräulein, da vollziehen sich die Dinge wieder nicht

in dieser Weise, und der erste Punkt ist der, daß es kein Girren und

Schnäbeln mehr gibt; hoffen Sie darauf nicht! Heutzutage, mein Fräulein,

ist der Mann der Herr, und eine gute, wohlgesittete Frau muß ihm in

allen Stücken zu Gefallen leben. Zärtlichkeiten aber, mein Fräulein,

sind heutzutage in unserm Zeitalter der Industrie nicht mehr beliebt;

die Zeiten Jean Jacques Rousseaus sind vorüber. Heutzutage kommt z. B.

der Mann hungrig vom Dienste nach Hause; da sagt er dann: >Mein

Herzchen, hast du nicht vor dem Mittagessen ein bißchen was zu essen,

ein Schnäpschen zu trinken, ein Stückchen Hering zu essen?< Da müssen

Sie dann ein Schnäpschen und ein Stückchen Hering gleich in Bereitschaft

haben. Der Mann ißt das mit gutem Appetit; aber Sie sieht er gar nicht

an, sondern er sagt: >Geh in die Küche, mein Kätzchen, und sieh nach dem

Mittagessen!< und vielleicht gibt er Ihnen in der Woche nur ein einziges

Mal einen Kuß, und auch das nur mit gleichgültigem Wesen ... So ist das

jetzt bei uns, mein Fräulein! Und auch das nur mit gleichgültigem Wesen!

... So wird das sein, wenn man es recht überlegt, wenn es nun einmal

dahin gekommen ist, daß man die Sache in dieser Weise zu betrachten

anfängt ... Und was habe denn ich, ich damit zu schaffen? Warum haben

Sie mich in Ihr launenhaftes Treiben hineingezogen, mein Fräulein? Sie

schreiben: >Edler, für mich leidender und meinem Herzen in jeder

Hinsicht teurer Mann< usw. Ja, erstens, mein Fräulein, passe ich gar

nicht für Sie; Sie wissen selbst, daß ich mich auf Komplimente nicht

verstehe, es nicht liebe, den Damen allerlei parfümierten Unsinn

vorzuschwatzen, das seladonhafte Wesen nicht ausstehen kann und auch,

offen gestanden, kein schönes Äußeres besitze. Lügenhafte Prahlerei und

Ziererei werden Sie bei mir nicht finden; das gestehe ich Ihnen jetzt

mit aller Offenherzigkeit. So ist das; ich besitze nur einen geraden,

offenen Charakter und einen gesunden Verstand; mit Intrigen gebe ich

mich nicht ab. Ich bin kein Intrigant und bin stolz darauf; so ist das!

... Ich bewege mich unter guten Menschen ohne Maske, und um Ihnen alles

zu sagen ...«

Auf einmal fuhr Herr Goljadkin zusammen. Der rötliche, völlig durchnäßte

Bart seines Kutschers blickte wieder zu ihm hinter das Holz.

»Ich komme gleich, mein Freund; weißt du, mein Freund, sogleich; sofort

komme ich, mein Freund!« antwortete Herr Goljadkin mit zitternder,

gramvoller Stimme.

Der Kutscher kratzte sich im Nacken, strich sich dann den Bart glatt und

trat einen Schritt vor. Hierauf blieb er stehen und blickte Herrn

Goljadkin mißtrauisch an.

»Ich komme sofort, mein Freund; ich will nur ... siehst du, mein Freund

... ich will nur noch ein wenig ... siehst du, mein Freund, ich will nur

noch eine Sekunde hier ... siehst du, mein Freund ...«

»Wollen Sie vielleicht überhaupt nicht mehr fahren?« sagte endlich der

Kutscher, indem er entschlossen an Herrn Goljadkin herantrat.

»Doch, mein Freund; ich komme gleich. Siehst du, mein Freund, ich warte

nur noch ...«

»Na, gut ...«

»Siehst du, mein Freund, ich ... Aus welchem Dorfe bist du denn, mein

Lieber?«

»Wir sind Leibeigene ...«

»Hast du eine gute Herrschaft? ...«

»Es geht ...«

»Ja, mein Freund, bleib nur noch ein bißchen bei mir, mein Freund!

Siehst du, mein Freund, bist du schon lange in Petersburg?«

»Ich fahre schon ein Jahr ...«

»Und geht es dir gut, mein Freund?«

»So ziemlich.«

»Ja, mein Freund, ja. Danke der Vorsehung, mein Freund! Einen guten

Menschen kannst du jetzt lange suchen, mein Freund. Heutzutage sind gute

Menschen selten geworden, mein Lieber; ein guter Mensch hält dich

sauber, mein Lieber, und gibt dir zu essen und zu trinken. Aber siehst

du, manchmal fließen Tränen auch auf das Gold, mein Freund ... siehst

du, hier hast du ein bedauernswertes Beispiel vor dir; so ist das, mein

Lieber ...«

Dem Kutscher schien Herr Goljadkin leid zu tun. »Na, wenn Sie wollen,

werde ich noch warten. Wollen Sie denn noch lange hierbleiben?«

»Nein, mein Freund, nein; ich werde jetzt, weißt du, hm ... ich werde

jetzt nicht mehr warten, mein Lieber ... Wie denkst du darüber, mein

Freund? Ich schenke dir Vertrauen. Ich werde hier nicht mehr warten ...«

»Werden Sie vielleicht überhaupt nicht mehr fahren?«

»Nein, ich fahre nicht mehr, mein Freund, nein; aber ich danke dir, mein

Lieber ... so ist das. Wieviel bekommst du denn, mein Lieber?«

»Was wir abgemacht haben, Herr, das müssen Sie mir auch geben. Ich habe

lange gewartet, Herr; Sie werden ja einen armen Menschen nicht zu

Schaden bringen wollen, Herr.«

»Nun, da hast du dein Geld, mein Lieber, da hast du es!« Damit gab Herr

Goljadkin dem Kutscher die ganzen sechs Rubel. Er entschloß sich nun im

Ernst, keine Zeit weiter zu verlieren, sondern sich davonzumachen, um so

mehr da die Sache bereits endgültig entschieden und der Kutscher

entlassen war und es folglich keinen Zweck mehr hatte, länger zu warten;

so verließ er denn den Hof, ging durch den Torweg, wandte sich links und

begann, ohne sich umzusehen, keuchend und froh davonzulaufen.

»Vielleicht gestaltet sich noch alles gut,« dachte er, »und ich bin auf

diese Art dem Unheil entronnen.« Wirklich war es Herrn Goljadkin auf

einmal sehr leicht ums Herz geworden. »Ach, wenn sich doch alles gut

gestalten wollte!« dachte unser Held, obwohl er selbst wenig daran

glaubte. »Nun will ich, hm ...« dachte er. »Nein, ich will es lieber so

machen; ich will die Sache von einer andern Seite angreifen ... Oder

soll ich lieber so verfahren? ...« Während sich unser Held so mit seinen

Zweifeln abmühte und zur Klarheit zu gelangen suchte, war er bis zur

Semjonowski-Brücke gelaufen und faßte nun den verständigen, endgültigen

Beschluß, wieder umzukehren. »Das wird das beste sein,« sagte er sich.

»Ich will die Sache lieber von einer anderen Seite angreifen, d. h.

folgendermaßen: ich werde ganz einfach unbeteiligter Beobachter sein,

weiter nichts; ich bin nur ein Beobachter, eine unbeteiligte Person;

dann mag sich dort begeben, was da will, ich trage keine Schuld daran.

So ist das! So soll es jetzt sein!«

Nachdem unser Held beschlossen hatte umzukehren, führte er diesen

Beschluß auch aus, um so mehr, da er seiner glücklichen Idee zufolge

jetzt die Rolle einer ganz unbeteiligten Person übernommen hatte. »Das

ist besser; einerseits bin ich für nichts verantwortlich, und

andrerseits sehe ich alles Nötige mit an ... so ist das!« Also die

Rechnung war durchaus richtig und die Sache damit erledigt. Beruhigt

schlich er wieder in den friedlichen Schatten des ihn schützenden

Holzstoßes und begann, aufmerksam nach den Fenstern hinzuschauen.

Diesmal brauchte er nicht lange zu schauen und zu warten. Auf einmal

machte sich an allen Fenstern gleichzeitig eine sonderbare Bewegung

bemerklich, Gestalten wurden sichtbar, die Vorhänge zurückgeschlagen,

ganze Gruppen von Menschen drängten sich an Olsufi Iwanowitschs

Fenstern; alle blickten sie auf den Hof hinaus und suchten dort etwas.

Durch seinen Holzstoß geschützt, begann unser Held seinerseits ebenfalls

neugierig die allgemeine Bewegung zu verfolgen und streckte, lebhaft

interessiert, seinen Kopf nach rechts und links vor, wenigstens soweit

es ihm der kurze Schatten des ihn verbergenden Holzstoßes erlaubte. Auf

einmal bekam er einen großen Schreck, fuhr zusammen und hätte sich vor

Bestürzung beinahe auf dem Fleck, wo er stand, hingesetzt. Es schien ihm

oder richtiger er erriet auf das bestimmteste, daß sie da nicht

irgendetwas und irgendwen suchten, sondern ganz einfach ihn, Herrn

Goljadkin. Alle blickten sie nach seiner Seite hin. Davonzulaufen war

unmöglich; man hätte ihn gesehen ... Ängstlich drückte sich Herr

Goljadkin so dicht wie möglich an das Holz und bemerkte jetzt erst, daß

der verräterische Schatten ihm treulos geworden war und ihn nicht mehr

ganz verbarg. Mit dem größten Vergnügen wäre unser Held jetzt in ein

Mauseloch zwischen dem Holze gekrochen und hätte dort friedlich

gesessen, wenn es nur möglich gewesen wäre. Aber es war entschieden

unmöglich. In seiner Pein begann er schließlich, mit Entschlossenheit

geradezu nach allen Fenstern hinzusehen, weil ihm das noch als das beste

erschien. Und plötzlich wurde er glühend heiß vor Scham. Man hatte ihn

deutlich bemerkt; alle zusammen hatten ihn bemerkt; alle winkten ihm mit

den Händen; alle nickten ihm zu; alle riefen ihn; da klappten ein paar

Luftscheiben und wurden geöffnet; einige Stimmen schrien ihm zugleich

etwas zu ... »Ich wundere mich, warum man diesem dummen Mädchen nicht

von klein auf die Rute gegeben hat,« murmelte unser Held ganz

fassungslos vor sich hin. Auf einmal kam er (man weiß schon, wer) die

Stufen vor der Haustür herabgelaufen, im bloßen Uniformrock, ohne Hut,

atemlos, hastig, trippelnd und hüpfend, wahrscheinlich um seine

gewaltige Freude darüber an den Tag zu legen, daß er Herrn Goljadkin

endlich erblickt hatte.

»Jakow Petrowitsch,« schnatterte der durch seine Niederträchtigkeit

bekannte Mensch. »Jakow Petrowitsch, Sie hier? Sie werden sich erkälten.

Es ist hier kalt, Jakow Petrowitsch. Bitte, kommen Sie doch in die

Wohnung!«

»Nein, Jakow Petrowitsch, nein, das tut mir nichts, Jakow Petrowitsch,«

murmelte unser Held in demütigem Tone.

»Nein, das geht nicht, Jakow Petrowitsch; alle lassen Sie bitten, lassen

Sie ganz ergebenst bitten; sie erwarten uns. >Machen Sie uns die

Freude,< haben sie zu mir gesagt, >und bringen Sie Jakow Petrowitsch

her!< So ist das!«

»Nein, Jakow Petrowitsch, sehen Sie, ich ... ich würde am besten tun,

wenn ich ... Ich würde am besten nach Hause gehen, Jakow Petrowitsch,«

sagte unser Held, der ein Gefühl hatte, als ob er auf gelindem Feuer

geröstet würde, und ganz starr war vor Scham und Angst.

»Nein, nein, nein, nein!« schnatterte der widerwärtige Mensch. »Nein,

nein, nein, unter keinen Umständen! Kommen Sie!« sagte er energisch und

zog Herrn Goljadkin den älteren zur Haustür hin. Herr Goljadkin der

ältere wollte ganz und gar nicht mitgehen; aber da alle nach ihm

hinsahen und es dumm herausgekommen wäre, wenn er sich widersetzt und

sich gesträubt hätte, so ging unser Held doch mit; übrigens kann man

eigentlich nicht sagen, daß er ging, da er schlechterdings selbst nicht

wußte, was mit ihm geschah. Aber es war ja nun doch schon alles egal!

Ehe unser Held noch einigermaßen zur Besinnung kommen und sich

zurechtmachen konnte, befand er sich schon im Saale. Er war blaß,

zerzaust, sein Anzug in Unordnung; seine trüben Augen irrten über die

ganze Menge hin, -- o weh: der Saal und alle Zimmer, alles, alles, war

dicht gedrängt voll! Es war eine Unmasse von Menschen da, ein ganzer

Flor von Damen. Alle Anwesenden strebten zu Herrn Goljadkin hin; alle

umdrängten ihn; alle schoben Herrn Goljadkin vorwärts, der sehr wohl

merkte, daß sie ihn in einer bestimmten Richtung fortschoben. »Doch

nicht zur Tür?« ging es ihm durch den Kopf. In der Tat schoben sie ihn

nicht zur Tür hin, sondern geradeswegs zu Olsufi Iwanowitschs bequemem

Lehnstuhl. Neben dem Lehnstuhl stand auf der einen Seite Klara

Olsufjewna, blaß, matt, traurig, aber in prachtvoller Toilette.

Besonders fielen Herrn Goljadkin die kleinen weißen Blümchen in ihrem

schwarzen Haar in die Augen, was einen ganz außerordentlichen Effekt

machte. Auf der andern Seite des Lehnstuhles stand Wladimir

Semjonowitsch, im schwarzen Frack, mit seinem neuen Orden im Knopfloch.

Zwei von den Gästen hatten Herrn Goljadkin untergefaßt und führten ihn,

wie schon oben gesagt ist, geradeswegs zu Olsufi Iwanowitsch, und zwar

auf der einen Seite Herr Goljadkin der jüngere, der eine höchst

wohlanständige, wohlwollende Miene angenommen hatte, worüber unser Held

sich unsagbar freute, auf der andern Seite Andrei Filippowitsch mit sehr

feierlichem Gesichtsausdruck. »Was soll das?« dachte Herr Goljadkin. Als

er sah, daß man ihn zu Olsufi Iwanowitsch führte, da war es ihm, als ob

ihm ein Blitz plötzlich alles erleuchtete. Der Gedanke an den

entwendeten Brief fuhr ihm durch den Kopf. In namenloser Angst stand

unser Held vor Olsufi Iwanowitschs Lehnstuhl. »Wie wird es mir jetzt

gehen?« dachte er bei sich. »Selbstverständlich werde ich alles frei

heraus sagen, mit einer Aufrichtigkeit, die von vornehmer Gesinnung

zeugt; so und so, usw.« Aber was unser Held anscheinend fürchtete, trat

nicht ein. Olsufi Iwanowitsch empfing Herrn Goljadkin, wie es schien,

sehr gut; er streckte ihm zwar nicht die Hände entgegen; aber er wiegte,

indem er ihn anblickte, sein graues, Ehrfurcht einflößendes Haupt mit

ernst-trauriger und zugleich wohlwollender Miene hin und her. So schien

es wenigstens Herrn Goljadkin. Es schien diesem sogar, als ob in Olsufi

Iwanowitschs trüben Blicken eine Träne glänzte; er hob die Augen in die

Höhe und sah, daß auch an den Wimpern der dicht daneben stehenden Klara

Olsufjewna ein Tränchen glitzerte, daß mit Wladimir Semjonowitschs Augen

etwas Ähnliches vorging, daß sogar Andrei Filippowitschs

unerschütterliche, ruhige Würde sich von der allgemeinen, tränenreichen

Anteilnahme nicht ausschloß, und daß endlich jener Jüngling, von dem wir

früher einmal gesagt haben, daß er große Ähnlichkeit mit einem würdigen

Rate hatte, den gegenwärtigen Augenblick schon dazu benutzte, bitterlich

zu schluchzen ... Oder kam das vielleicht Herrn Goljadkin alles nur so

vor, weil er selbst ausgiebig weinte und deutlich fühlte, wie ihm die

heißen Tränen über die kalten Backen liefen? ... Schluchzend, mit den

Menschen und dem Schicksal ausgesöhnt und im gegenwärtigen Augenblicke

von Liebe erfüllt nicht nur zu Olsufi Iwanowitsch und allen Gästen

zusammen, sondern sogar zu seinem so unheilbringenden Zwillingsbruder,

der jetzt überhaupt nicht unheilbringend und nicht einmal wie Herrn

Goljadkins Zwillingsbruder aussah, sondern wie ein ganz unbeteiligter

und äußerst liebenswürdiger Mensch, wollte sich unser Held zu Olsufi

Iwanowitsch wenden und ihm in rührender Weise sein Herz ausschütten;

aber die Fülle der Gefühle, die sich in seinem Herzen angesammelt

hatten, war zu groß: er konnte kein Wort herausbringen, sondern zeigte

nur mit einer sehr ausdrucksvollen Handbewegung schweigend auf sein Herz

... Endlich führte Andrei Filippowitsch, wahrscheinlich um dem

grauhaarigen alten Manne eine allzu große Aufregung zu ersparen, Herrn

Goljadkin ein wenig beiseite und überließ ihn dort anscheinend völlig

sich selbst. Lächelnd und etwas vor sich hinmurmelnd, ein wenig

erstaunt, aber jedenfalls mit den Menschen und dem Schicksal fast ganz

ausgesöhnt, begann unser Held in irgendwelcher Richtung sich durch die

dichte Masse der Gäste fortzubewegen. Alle machten ihm Platz; alle sahen

ihn mit einer sonderbaren Neugier und einer unerklärlichen, rätselhaften

Teilnahme an. Unser Held ging in ein anderes Zimmer: überall wandte sich

ihm dieselbe Aufmerksamkeit zu; er nahm undeutlich wahr, wie ein ganzer

Schwarm sich hinter ihm her drängte, wie sie jeden seiner Schritte

beobachteten, wie sie alle leise untereinander über irgendwelchen sehr

interessanten Gegenstand sprachen, die Köpfe schüttelten und flüsternd

disputierten. Herr Goljadkin hätte gern gewußt, worüber sie da stritten

und flüsterten. Sich umblickend, bemerkte unser Held neben sich Herrn

Goljadkin den jüngeren. Er fühlte sich gedrungen, ihn an der Hand zu

fassen und beiseite zu führen, und bat hier den andern Jakow Petrowitsch

inständig, ihm bei allen seinen künftigen Unternehmungen behilflich zu

sein und ihn in kritischen Lagen nicht im Stich zu lassen. Herr

Goljadkin der jüngere nickte würdevoll mit dem Kopfe und drückte Herrn

Goljadkin dem älteren warm die Hand. Unserem Helden zitterte das Herz in

der Brust von dem Überschwang seiner Gefühle. Er konnte kaum Atem holen;

er hatte die Empfindung, daß ihn etwas furchtbar beengte, daß alle diese

auf ihn gerichteten Augen ihn gewissermaßen niederdrückten und

erstickten ... Herr Goljadkin sah im Vorbeigehen jenen Rat, der eine

Perücke auf dem Kopfe trug. Der Rat schaute ihn mit einem ernsten,

prüfenden Blick an, der sich durch die allgemeine Teilnahme nicht hatte

milder stimmen lassen ... Unser Held faßte schon den Entschluß, gerade

auf ihn zu zu gehen, um ihn anzulächeln und sich unverzüglich mit ihm

auszusprechen; aber dieser Vorsatz kam nicht zur Ausführung. Für einen

Augenblick vergaß Herr Goljadkin sich selbst und alles andere fast

vollständig; er verlor sowohl das Gedächtnis als auch die Empfindung ...

Als er wieder zu sich kam, bemerkte er, daß er sich in einem weiten

Kreise der ihn umgebenden Gäste herumdrehte. Auf einmal wurde Herr

Goljadkin von dem andern Zimmer aus gerufen; dieser Ruf pflanzte sich

schnell durch die ganze Menge fort. Alle gerieten in Aufregung, alle

begannen geräuschvoll zu reden, alle stürzten zu der Tür hin, die in den

ersten Saal führte; unsern Helden trugen sie beinah auf den Händen

ebendorthin, wobei der hartherzige Rat mit der Perücke zufällig Seite an

Seite mit Herrn Goljadkin ging. Endlich ergriff er ihn bei der Hand und

veranlaßte ihn, sich neben ihn zu setzen, dem Sitze Olsufi Iwanowitschs

gegenüber, jedoch in ziemlich beträchtlicher Entfernung von demselben.

Alle, die in den Zimmern anwesend waren, setzten sich in mehreren Reihen

um Herrn Goljadkin und Olsufi Iwanowitsch herum. Alles wurde still und

ruhig; alle beobachteten ein feierliches Schweigen; alle blickten Olsufi

Iwanowitsch an, offenbar in Erwartung von etwas sehr Ungewöhnlichem.

Herr Goljadkin bemerkte, daß neben Olsufi Iwanowitschs Lehnstuhl und

ebenfalls dem Rate gegenüber der andere Herr Goljadkin und Andrei

Filippowitsch Platz genommen hatten. Das Schweigen dauerte ziemlich

lange; man wartete tatsächlich auf etwas. »Genau so wie in einer

Familie, bevor einer eine weite Reise antritt; man brauchte jetzt nur

aufzustehen und zu beten,« dachte unser Held. Auf einmal entstand eine

ungewöhnliche Bewegung und unterbrach alle seine Überlegungen. Etwas

längst Erwartetes war eingetreten. »Er kommt, er kommt!« wurde in der

Menge gerufen. »Wer kommt denn?« fuhr es Herrn Goljadkin durch den Kopf,

und ein sonderbares Gefühl ließ ihn zusammenfahren. »Es ist Zeit!« sagte

der Rat, indem er Andrei Filippowitsch bedeutsam ansah. Andrei

Filippowitsch warf seinerseits dem alten Olsufi Iwanowitsch einen Blick

zu. Olsufi Iwanowitsch nickte würdevoll und feierlich mit dem Kopfe.

»Erheben wir uns!« sagte der Rat und veranlaßte Herrn Goljadkin zum

Aufstehen. Alle erhoben sich. Darauf ergriff der Rat Herrn Goljadkin den

älteren bei der Hand und Andrei Filippowitsch Herrn Goljadkin den

jüngeren, und so führten sie die beiden vollkommenen Ebenbilder durch

die Menge, die sie in gespannter Erwartung umgab, feierlich aufeinander

zu. Unser Held blickte erstaunt um sich; aber man hielt ihn sogleich

davon ab und wies ihn auf Herrn Goljadkin den jüngeren hin, der ihm die

Hand entgegenstreckte. »Man will uns miteinander versöhnen,« dachte

unser Held und hielt gerührt seine Hand Herrn Goljadkin dem jüngeren

hin; dann, dann streckte er auch den Kopf zum Kusse vor. Dasselbe tat

auch der andere Herr Goljadkin ... In diesem Momente schien es Herrn

Goljadkin dem älteren, daß sein treuloser Freund lächelte und der ganzen

umstehenden Menge schnell und listig zublinkte, daß ein boshafter Zug

auf dem Gesichte des unedlen Herrn Goljadkin des jüngeren zum Ausdruck

kam, und daß er sogar im Augenblicke seines Judaskusses eine Grimasse

schnitt ... In Herrn Goljadkins Kopfe dröhnte es; vor den Augen wurde es

ihm dunkel; es kam ihm vor, als ob eine Unmenge, eine ganze Reihe ganz

ähnlicher Goljadkins lärmend durch alle Türen des Saales hereindränge;

aber es war zu spät ... Der Verräter hatte ihm schon einen schallenden

Kuß gegeben, und ...

Da begab sich etwas ganz Unerwartetes ... Die Saaltür wurde geräuschvoll

geöffnet, und auf der Schwelle erschien ein Mensch, dessen bloßer

Anblick Herrn Goljadkin zu Eis erstarren ließ. Seine Füße wuchsen am

Boden fest. Ein Schrei erstarb in seiner beengten Brust. Übrigens hatte

Herr Goljadkin alles vorher gewußt und schon längst etwas Ähnliches

geahnt. Der Unbekannte näherte sich Herrn Goljadkin würdevoll und

feierlich. Herr Goljadkin kannte diese Gestalt sehr gut. Er hatte sie

schon gesehen, sehr oft gesehen, noch an diesem selben Tage gesehen ...

Der Unbekannte war ein hochgewachsener, kräftig gebauter Mann, in

schwarzem Frack, mit einem hohen Orden am Halse, mit dichtem, sehr

schwarzem Backenbart; es fehlte nur die Zigarre im Munde, um die

Ähnlichkeit vollständig zu machen. Der Blick des Unbekannten bewirkte,

daß, wie schon oben gesagt, Herr Goljadkin vor Angst zu Eis erstarrte.

Mit würdevoller, feierlicher Miene trat der furchtbare Mensch auf den

bedauernswerten Helden unserer Erzählung zu ... Unser Held streckte ihm

die Hand entgegen; der Unbekannte ergriff sie und zog ihn hinter sich

her ... Verstört und niedergedrückt blickte unser Held rings um sich.

»Das ist Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz, Doktor der Medizin und

Chirurgie, Ihr alter Bekannter, Jakow Petrowitsch!« schnatterte eine

widerwärtige Stimme dicht an Herrn Goljadkins Ohr. Er sah sich um: es

war der wegen seiner Nichtswürdigkeit hassenswerte Zwillingsbruder des

Herrn Goljadkin. Eine unedle, boshafte Freude glänzte auf seinem

Gesichte: entzückt rieb er sich die Hände; entzückt drehte er seinen

Kopf nach allen Seiten; entzückt trippelte er um all und jeden herum; er

schien Lust zu haben, gleich auf dem Flecke vor Entzücken loszutanzen;

zuletzt sprang er vor, nahm einem der Diener eine Kerze aus der Hand und

ging voran, um Herrn Goljadkin und Krestjan Iwanowitsch zu leuchten.

Herr Goljadkin hörte deutlich, wie alle, die im Saale waren, hinter ihm

herströmten, wie alle sich stießen und drängten und ihm einhellig immer

dasselbe wiederholten: »Das hat nichts zu bedeuten; fürchten Sie sich

nicht, Jakow Petrowitsch! Das ist ja Ihr alter Freund und Bekannter

Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz ...« Endlich traten sie auf die

hellerleuchtete Treppe hinaus; auch auf der Treppe standen eine Menge

Leute. Geräuschvoll wurde die Haustür geöffnet, und nun stand Herr

Goljadkin mit Krestjan Iwanowitsch auf den davor befindlichen Stufen.

Vor der Tür stand eine Kutsche, mit vier Pferden bespannt, die vor

Ungeduld schnaubten. Der schadenfrohe Herr Goljadkin der jüngere kam in

großen Sätzen die Treppe herabgesprungen und öffnete selbst die Kutsche.

Krestjan Iwanowitsch ersuchte durch eine einladende Handbewegung Herrn

Goljadkin, einzusteigen. Übrigens bedurfte es einer solchen einladenden

Handbewegung gar nicht; es waren genug Leute da, um ihm hineinzuhelfen

... Halbtot vor Angst blickte Herr Goljadkin zurück: die ganze

hellerleuchtete Treppe war mit Menschen besetzt; von allen Seiten

blickten neugierige Augen nach ihm hin; selbst Olsufi Iwanowitsch saß in

seinem bequemen Lehnstuhl auf dem oberen Treppenflur und verfolgte

aufmerksam mit lebhaftem Interesse den ganzen Vorgang. Alle warteten.

Ein Gemurmel der Ungeduld lief durch die Menge, als Herr Goljadkin sich

umwandte und zurückblickte.

»Ich hoffe, daß darin nichts ... nichts Anstößiges liegt ... nichts, was

der Behörde zu strengem Verfahren gegen mich Anlaß geben ... oder die

allgemeine Aufmerksamkeit mit Bezug auf meine amtliche Stellung erregen

könnte?« sagte unser Held ganz fassungslos. Ringsum wurde lärmend darauf

geantwortet; alle schüttelten verneinend die Köpfe. Die Tränen stürzten

Herrn Goljadkin aus den Augen.

»In diesem Falle bin ich bereit ... ich vertraue mich ganz Krestjan

Iwanowitsch an ... ich lege mein Schicksal in seine Hände ...«

Der Doppelgänger · 第 16 / 17 段