Nachdem unser Held den Brief gelesen hatte, war er einige Minuten lang

wie betäubt. In furchtbarer Pein, in schrecklicher Aufregung, bleich wie

Leinewand, ging er mit dem Briefe in der Hand mehrmals im Zimmer auf und

ab; um die Mißlichkeit seiner Lage voll zu machen, bemerkte unser Held

nicht, daß er in diesem Augenblicke der Gegenstand ausschließlicher

Aufmerksamkeit aller im Zimmer Anwesenden war. Seine unordentliche

Kleidung, die Aufregung, die er nicht zu unterdrücken vermochte, die

Art, wie er im Zimmer hin und her ging oder, richtiger gesagt, lief, die

Gestikulationen, die er mit beiden Händen ausführte, vielleicht auch

einige rätselhafte Worte, die er selbstvergessen vor sich hin sprach,

alles diente wahrscheinlich sehr wenig zu Herrn Goljadkins Empfehlung

bei den Besuchern des Lokals, und sogar der Kellner begann ihn

mißtrauisch zu betrachten. Als unser Held wieder zur Besinnung gekommen

war, bemerkte er, daß er mitten im Zimmer stand und in beinah

unanständiger, unhöflicher Art einen ältlichen Herrn von sehr achtbarem

Äußern anstarrte, der sein Mittagessen verzehrt, sein Gebet vor dem

Heiligenbilde verrichtet, sich dann wieder hingesetzt hatte und

seinerseits ebenfalls seine Blicke nicht von Herrn Goljadkin abwandte.

Verwirrt sah unser Held um sich und bemerkte, daß alle, geradezu alle,

ihn mit mißtrauischer Miene, die nichts Gutes erwarten ließ,

anblickten. Auf einmal verlangte ein pensionierter Militär die

»Polizei-Nachrichten«. Herr Goljadkin zuckte zusammen und errötete:

unwillkürlich schlug er dabei die Augen zu Boden und sah dabei, daß sein

Kostüm sich in einem unanständigen Zustande befand, der nicht einmal

innerhalb seiner vier Wände erträglich gewesen wäre, geschweige denn an

einem öffentlichen Orte. Seine Stiefel, seine Beinkleider und die ganze

linke Seite waren über und über voll Schmutz; der Steg am rechten Bein

war abgerissen, und der Frack wies sogar an vielen Stellen Löcher auf.

In tiefstem Seelenschmerze trat unser Held an den Tisch heran, an dem er

den Brief gelesen hatte, und sah, daß der Kellner sich ihm näherte und

ihn mit einem sonderbaren, dreisten Gesichtsausdruck beharrlich

anblickte. Fassungslos und ganz niedergeschlagen begann unser Held den

Tisch zu mustern, neben dem er jetzt stand. Auf dem Tische standen die

noch nicht weggeräumten Teller von dem Mittagessen, das jemand dort

eingenommen hatte; ebendort lag eine beschmutzte Serviette, sowie ein

Messer, eine Gabel und ein Löffel, die soeben benutzt worden waren. »Wer

mag hier zu Mittag gegessen haben?« dachte unser Held. »Bin ich es

wirklich selbst gewesen? Sehr wohl möglich! Ich habe zu Mittag gegessen

und selbst nichts davon gemerkt; was soll ich nur anfangen?« Aufblickend

gewahrte er neben sich den Kellner, der ihm etwas sagen wollte.

»Wieviel bin ich schuldig, lieber Freund?« fragte unser Held mit

zitternder Stimme.

Ein lautes Gelächter erscholl rings um Herrn Goljadkin; sogar der

Kellner lächelte. Herr Goljadkin merkte, daß er sich auch hiermit

blamiert und eine furchtbare Dummheit gemacht hatte. Infolge dieser

Erkenntnis wurde er so verlegen, daß er genötigt war, nach seinem

Taschentuche in die Tasche zu greifen, wahrscheinlich um nur irgend

etwas zu tun und nicht so zwecklos dazustehen; aber zu seinem und aller

Anwesenden Erstaunen zog er statt des Taschentuches ein Fläschchen mit

der Arznei heraus, die ihm Krestjan Iwanowitsch vor vier Tagen

verschrieben hatte. »Medizin aus derselben Apotheke,« ging es Herrn

Goljadkin durch den Kopf ... Plötzlich fuhr er zusammen und schrie

beinah auf vor Schreck. Ein neues Licht ergoß sich vor seinem geistigen

Blicke ... Die dunkelrote, widerliche Flüssigkeit schimmerte in

unheilverkündendem Glanze vor Herrn Goljadkins Augen ... Das Fläschchen

fiel ihm aus den Händen und zerbrach. Unser Held schrie auf und sprang

vor der umherspritzenden Flüssigkeit ein paar Schritte zurück ... er

zitterte an allen Gliedern, und der Schweiß brach ihm an den Schläfen

und auf der Stirn aus. »Also ist mein Leben in Gefahr!« Unterdessen war

im Zimmer eine Bewegung und Verwirrung entstanden; alle umringten Herrn

Goljadkin, alle redeten zu ihm, einige faßten ihn sogar an. Aber unser

Held stand stumm und regungslos; er sah nichts, hörte nichts, fühlte

nichts ... Endlich riß er sich von dem Flecke, wo er stand, los, stürzte

aus dem Restaurant hinaus, stieß alle, die sich bemühten, ihn

festzuhalten, zurück, warf sich beinah besinnungslos in die erste beste

Droschke und fuhr eilig nach Hause.

Im Flur seiner Wohnung traf er den Kanzleidiener Michejew mit einem

amtlichen Schreiben in der Hand. »Ich weiß, mein Freund, ich weiß

alles,« antwortete unser Held, der völlig erschöpft war, mit matter,

trauriger Stimme; »das ist etwas Amtliches ...« Das Schreiben enthielt

in der Tat die von Andrei Filippowitsch unterzeichnete Anweisung für

Herrn Goljadkin, die in seinen Händen befindlichen Akten an Iwan

Semjonowitsch abzuliefern. Nachdem er den Brief in Empfang genommen und

dem Kanzleidiener ein Zehnkopekenstück gegeben hatte, ging Herr

Goljadkin in seine Wohnung hinein und sah, daß Petruschka in seinem

Verschlage dabei war, all seine Sachen auf einen Haufen zusammenzulegen,

offenbar in der Absicht, Herrn Goljadkin zu verlassen und als Jewstafis

Nachfolger in Karolina Iwanownas Dienst zu treten, die ihn seinem Herrn

abwendig gemacht hatte.

12. Kapitel

Petruschka trat, sich hin und her wiegend, ins Zimmer; seine Haltung

hatte etwas sonderbar Nachlässiges, sein Gesicht zeigte die

triumphierende Miene eines Knechtes. Man konnte ihm ansehen, daß er

etwas vorhatte und sich in seinem Rechte fühlte; er sah aus wie ein

Fremder, d. h. wie der Diener eines andern Herrn, nicht wie Herrn

Goljadkins bisheriger Diener.

»Nun, siehst du, mein Lieber,« begann unser Held, immer noch außer Atem,

»was ist jetzt die Uhr, mein Lieber?«

Petruschka ging schweigend hinter die Scheidewand, kam zurück und

meldete in einem wenig dienermäßig klingenden Tone, es sei bald halb

acht.

»Nun schön, mein Lieber, schön! Nun, siehst du, mein Lieber ... Dann

möchte ich dir sagen, mein Lieber, daß unser wechselseitiges Verhältnis

jetzt zu Ende ist.«

Petruschka schwieg.

»Also da nun jetzt unser wechselseitiges Verhältnis zu Ende ist, so sage

mir doch jetzt aufrichtig, sage mir wie ein Freund dem Freunde, wo du

gewesen bist, mein Lieber!«

»Wo ich gewesen bin? Bei guten Leuten bin ich gewesen.«

»Ich weiß, mein Freund, ich weiß. Ich bin mit dir stets zufrieden

gewesen, mein Lieber, und werde dir auch ein gutes Zeugnis ausstellen

... Nun, bist du denn jetzt bei denen im Dienst?«

»Nun ja, Herr! Sie wissen es ja selbst. Ein guter Mensch lehrt einen

nichts Schlechtes.«

»Ich weiß, mein Lieber, ich weiß. Heutzutage sind gute Leute selten,

mein Freund; die mußt du zu schätzen wissen, mein Freund. Nun, wie sind

sie denn?«

»Das wissen Sie ja ... Aber bei Ihnen, Herr, kann ich jetzt nicht länger

dienen; das werden Sie ja selbst wissen.«

»Ich weiß, mein Lieber, ich weiß; ich kenne deinen Eifer und deine

Dienstwilligkeit; ich habe das alles gesehen, mein Freund, habe das

alles bemerkt. Ich schätze dich hoch, mein Freund. Ich schätze einen

guten, ehrenhaften Menschen hoch, wenn er auch ein Diener ist.«

»Nun ja, das weiß ich. Unsereiner muß natürlich dahin gehen, wo es

besser ist; das wissen Sie selbst. Das ist nun einmal nicht anders. Was

soll ich machen? Sie wissen, Herr, einen guten Menschen muß man haben.«

»Nun schön, mein Lieber, schön! Ich kann dir das nachfühlen ... Nun

also, da hast du dein Geld und dein Zeugnis. Jetzt wollen wir uns

küssen, lieber Freund, und voneinander Abschied nehmen ...«

»Jetzt, mein Lieber, bitte ich dich noch um einen einzigen Dienst, um

einen letzten Dienst,« sagte Herr Goljadkin in feierlichem Tone. »Siehst

du, mein Lieber, es kommt alles mögliche vor. Kummer verbirgt sich auch

in vergoldeten Palästen, mein Freund; dem kann man nirgendhin

entfliehen. Du weißt, mein Freund, ich bin, wie ich meine, immer

freundlich gegen dich gewesen ...«

Petruschka schwieg.

»Ich bin, meine ich, immer freundlich gegen dich gewesen, mein Lieber

... Nun, wieviel Wäsche haben wir denn jetzt, mein Lieber?«

»Es ist alles ordnungsmäßig vorhanden. Sechs Stück leinene Hemden; drei

Paar Socken; vier Vorhemdchen; eine flanellene Unterjacke; zwei

Unterhosen. Sie wissen ja selbst alles. Ich habe nichts von Ihren

Sachen, Herr ... Ich hüte das Eigentum meines Herrn mit aller Sorgfalt.

Sie haben mich manchmal gescholten, Herr, wegen ... hm ... gewiß ...

aber solche Sünde habe ich niemals auf mein Gewissen geladen, Herr; das

wissen Sie selbst, Herr ...«

»Ich glaube dir, mein Freund, ich glaube dir. Aber ich meine das auch

gar nicht, mein Freund, ich meine das gar nicht, siehst du. Es handelt

sich um etwas anderes, mein Freund ...«

»Ja, Herr, das kennen wir schon. Als ich noch beim General Stolbnjakow

in Dienst stand und entlassen wurde, weil die Herrschaft nach Saratow

reiste ... sie hatten da ein Gut ...«

»Nein, mein Freund, ich meine das gar nicht; ich sage nichts Derartiges

... Glaube so etwas nicht, mein lieber Freund ...«

»Jawohl. Sie wissen ja selbst: unsereinen kann man auf das leichteste

fälschlich beschuldigen. Aber mit mir ist man überall zufrieden gewesen.

Da waren Minister, Generale, Senatoren, Grafen. Ich bin bei allen

möglichen Herren gewesen, beim Fürsten Swinjatschkin, beim Obersten

Pereborkin, beim General Njedobarow; der verreiste auch, auf sein

Stammgut reiste er, zu unsern Bauern. Jawohl ...«

»Ja, mein Freund, ja, schön, mein Freund, schön. Siehst du, ich verreise

jetzt auch, mein Freund ... Jeder hat seinen verschiedenen Lebensweg,

mein Lieber, und kein Mensch weiß, auf was für einen Weg er geraten

wird. Nun, mein Freund, sei mir jetzt beim Umkleiden behilflich; lege

mir meinen Uniformrock zurecht ... auch andere Beinkleider, Bettlaken,

Bettdecken, Kissen ...«

»Soll ich alles in ein Bündel zusammenbinden?«

»Ja, mein Freund, ja; meinetwegen binde es in ein Bündel zusammen ...

Wer weiß, was uns noch begegnen kann. Und jetzt, mein Lieber, geh und

hole mir einen Wagen ...«

»Einen Wagen?«

»Ja, mein Freund, einen Wagen, einen recht geräumigen, und auf bestimmte

Zeit. Aber denke nur nichts Schlimmes, mein Freund ...«

»Wollen Sie weit wegfahren?«

»Ich weiß es nicht, mein Freund; das weiß ich selbst noch nicht. Ich

glaube, es wird auch nötig sein, ein Federbett mit dazu zu legen. Was

meinst du, mein Freund? Ich will deinem Rate folgen, mein Lieber ...«

»Wollen Sie denn gleich wegfahren?«

»Ja, mein Freund, ja. Es ist ein Umstand eingetreten, der es

erforderlich macht ... so ist das, mein Freund, so ist das ...«

»Ich weiß Bescheid, Herr; da bei uns im Regimente kam mit einem Leutnant

dasselbe vor; er entführte eine Gutsbesitzertochter ...«

»Entführte? ... Wie! Mein Lieber, du ...«

»Ja, er entführte sie, und in einem andern Dorfe ließen sie sich trauen.

Alles war im voraus vorbereitet. Es fand eine Verfolgung statt; aber der

Fürst nahm für sie Partei, der selige Fürst; na, und da wurde die Sache

gütlich beigelegt ...«

»Sie ließen sich trauen, ja ... wie kommst du denn darauf, mein Lieber?

Woher weißt du denn das, mein Lieber?«

»Na, das kann man schon wissen! Die ganze Welt ist voll von Gerüchten,

Herr. Wir wissen alles, Herr ... Natürlich, wer wäre ohne Sünde? Aber

ich möchte Ihnen jetzt sagen, Herr ... erlauben Sie, daß ich Ihnen das

ganz einfach, so auf Dienerart sage: wenn die Sache nun einmal so weit

gekommen ist, dann möchte ich Ihnen sagen, Herr: Sie haben einen Feind,

einen Nebenbuhler, Herr; und es ist ein starker Nebenbuhler, das können

Sie glauben!«

»Ich weiß, mein Freund, ich weiß; du weißt es selbst, mein Lieber ...

Nun also, ich verlasse mich auf dich. Was sollen wir nun tun, mein

Freund? Was rätst du mir?«

»Sehen Sie, Herr, wenn Sie also jetzt sozusagen auf diese Manier

vorgegangen sind, Herr, dann müssen Sie nun noch einiges kaufen, -- na,

also Bettlaken, Kissen, ein anderes, zweischläfriges Federbett, eine

gute Bettdecke, -- sehen Sie, gleich hier unten bei unserer Nachbarin;

sie ist eine Bürgerfrau, Herr; die hat einen guten Damen-Fuchspelz zu

verkaufen; den könnte man sich ansehen und kaufen; man könnte gleich

hinuntergehen und ihn sich ansehen. Sie werden so etwas jetzt brauchen,

Herr; es ist ein guter Damenpelz, ein Fuchspelz mit Atlas überzogen ...«

»Nun schön, mein Freund, schön; ich bin einverstanden, mein Freund; ich

verlasse mich auf dich, verlasse mich vollständig auf dich; meinetwegen

auch den Fuchspelz, mein Lieber ... Nur recht schnell, recht schnell! Um

Gottes willen recht schnell! Ich will auch den Fuchspelz kaufen; nur,

bitte, recht schnell! Es ist bald acht Uhr, schneller, um Gottes willen,

mein Freund! Beeile dich, schnell mein Freund! ...«

Petruschka ließ das noch nicht ganz fertiggestellte Bündel mit Wäsche,

Kissen, einer Bettdecke, Laken und allerlei Kram, das er zusammensuchte

und zusammenband, im Stich und rannte Hals über Kopf aus dem Zimmer.

Unterdessen griff Herr Goljadkin noch einmal nach dem Briefe; aber er

vermochte nicht, ihn zu lesen. Seinen armen Kopf in beiden Händen

haltend, lehnte er sich gegen die Wand. Er war nicht imstande, an irgend

etwas zu denken oder irgend etwas zu tun; er wußte selbst nicht, was mit

ihm vorging. Endlich, da er sah, daß die Zeit verging und weder

Petruschka noch der Damenpelz erschien, entschloß sich Herr Goljadkin,

selbst hinzugehen. Als er die Flurtür öffnete, hörte er unten Lärm,

Reden, Streiten ... Einige Nachbarinnen schwatzten, schrien und

räsonierten über etwas, -- und Herr Goljadkin wußte schon worüber. Dann

wurde Petruschkas Stimme vernehmbar, und darauf hörte man jemandes

Schritte. »Mein Gott, sie rufen noch die ganze Welt her!« stöhnte Herr

Goljadkin, in Verzweiflung die Hände ringend, und stürzte in sein Zimmer

zurück. Dort sank er fast besinnungslos auf das Sofa nieder und drückte

das Gesicht in das Kissen. Ein Weilchen lag er so da; dann sprang er

auf, zog, ohne auf Petruschka zu warten, die Überschuhe und den Mantel

an, setzte den Hut auf, ergriff seine Brieftasche und lief Hals über

Kopf die Treppe hinunter. »Du brauchst nichts zu tun, mein Lieber, gar

nichts! Ich werde es selbst besorgen, werde alles selbst besorgen.

Deiner bedarf ich vorläufig nicht, und inzwischen wird sich die Sache

vielleicht gut gestalten,« sagte Herr Goljadkin murmelnd zu Petruschka,

dem er auf der Treppe begegnete; dann lief er auf den Hof und aus dem

Hause hinaus; der Herzschlag stockte ihm; er hatte noch keinen Entschluß

gefaßt ... Wie sollte er sich verhalten, was sollte er tun, wie sollte

er in der jetzigen kritischen Lage vorgehen? ...

»Das ist die Frage: wie soll ich vorgehen, Herr du mein Gott? Mußte auch

das alles noch passieren!« rief er endlich verzweifelt, während er

ziellos aufs Geratewohl die Straße entlang schlich. »Mußte auch das

alles noch passieren! Wäre das nicht passiert, wäre gerade das nicht

passiert, dann hätte sich noch alles in Ordnung bringen lassen; mit

einem Mal, mit einem Schlage, mit einem einzigen geschickten,

energischen, festen Schlage hätte es sich in Ordnung bringen lassen. Ich

lasse mir einen Finger abschneiden, wenn es sich nicht hätte in Ordnung

bringen lassen! Und ich weiß sogar, auf welche Weise das gegangen wäre.

Das hätte ich so gemacht: ich hätte ... hm ... ich hätte gesagt: >So und

so, mein Herr; ich weiß mir, mit Erlaubnis zu sagen, nicht anders zu

helfen; aber solche Sachen gehen hier nicht, mein Herr, mein geehrter

Herr; solche Sachen gehen hier nicht, und mit Aneignung eines fremden

Namens ist bei uns nichts zu erreichen; wer sich einen fremden Namen

aneignet, mein Herr, der ist ein ... hm ... ein Nichtswürdiger und

bringt dem Vaterlande keinen Nutzen. Verstehen Sie wohl? Verstehen Sie

wohl, mein geehrter Herr?< So müßte das gemacht werden ... Aber nein,

was sage ich da? ... das ist ja gar nicht das Richtige, ganz und gar

nicht das Richtige ... Was schwatze ich denn da für Unsinn, ich

Dummkopf! Ich bin ja geradezu ein Selbstmörder! Du bist ja geradezu ein

Selbstmörder; das ist ganz und gar nicht das Richtige ... Da siehst du

nun, du verworfener Mensch, da siehst du nun, wie die Sache jetzt läuft!

... Wo soll ich nur jetzt bleiben? Was soll ich nur jetzt anfangen? Wozu

bin ich jetzt noch zu gebrauchen? Ja, wozu bist du jetzt noch zu

gebrauchen, du armer Teufel, du unwürdiges Subjekt? Nun, was soll jetzt

werden? Ich muß einen Wagen nehmen; also nimm einen Wagen und laß ihn

bei ihr vorfahren; sonst macht sie sich die Füßchen naß, wenn kein Wagen

da ist ... Ja, wer hätte das gedacht? O weh, mein Fräulein, o weh, mein

gnädiges Fräulein! Das ist nun ein Mädchen von gesitteter Aufführung!

Das ist nun unser vielgelobtes Dämchen! Sie haben sich ja vorzüglich

aufgeführt, gnädiges Fräulein, das muß man sagen, vorzüglich! ... Das

kommt aber alles von der unmoralischen Erziehung her, und wenn ich das

jetzt alles überlege und erwäge, so sehe ich, daß es von nichts anderem

herkommt als von der Sittenlosigkeit. Man hätte dieses Mädchen von klein

auf, hm ... und hätte ihr auch manchmal die Rute zu kosten geben sollen;

aber statt dessen haben sie sie mit Konfekt und allerlei Süßigkeiten

vollgestopft, und der Alte selbst hat ihr immer vorgesungen: >Du mein

Engelskind, einem Grafen werden wir dich zur Frau geben!< ... Aber nun

sieht man, zu was für einem Pflänzchen sie sich bei dieser Erziehung

entwickelt hat; jetzt hat sie sich dekuvriert; nun wissen wir, wie es

steht! Statt sie von klein auf zu Hause zu behalten, haben sie sie in

ein Pensionat gegeben, zu einer französischen Emigrantin, einer Madame

Falbala, und da hat sie nichts Gutes gelernt, bei dieser Emigrantin

Falbala; nun sieht man, was dabei herausgekommen ist. Nun freut euch!

Jetzt heißt es nun: >Sei mit einem Wagen um die und die Stunde vor den

Fenstern und singe ein gefühlvolles spanisches Liedchen; ich erwarte

dich und weiß, daß du mich liebst, und will mit dir fliehen, und wir

wollen zusammen in einer Hütte leben.< Aber das geht schließlich doch

nicht; wenn die Sache so weit gediehen ist, mein gnädiges Fräulein, so

geht das denn doch nicht; es ist durch die Gesetze verboten, ein

ehrenhaftes, unschuldiges Mädchen aus dem Elternhause ohne Einwilligung

der Eltern wegzuführen! Und schließlich: warum auch? Wozu? Was liegt für

eine Nötigung vor? Mag sie doch denjenigen heiraten, den zu heiraten ihr

gebührt und ihr vom Schicksal bestimmt ist; dann ist die Sache erledigt.

Ich aber bin ein Mann in amtlicher Stellung und kann für eine solche Tat

meine Stellung verlieren; vor Gericht kann ich deswegen kommen, mein

gnädiges Fräulein! So steht die Sache, wenn Sie es noch nicht gewußt

haben! Aber das ist alles das Werk dieses deutschen Frauenzimmers. Alles

geht von dieser Hexe aus; sie hat diesen ganzen Wirrwarr angestiftet. Da

wurde ein unschuldiger Mensch verleumdet, und Weiberklatschereien und

erlogene Geschichten über ihn in Umlauf gesetzt, und zwar auf Andrei

Filippowitschs Rat; daher ist alles gekommen. Warum hätte sonst

Petruschka Anlaß, sich hineinzumischen? Was geht ihn die Sache an? Was

braucht der Halunke sich damit abzugeben? Nein, ich kann das nicht tun,

gnädiges Fräulein, schlechterdings nicht, um keinen Preis ... Sie müssen

mich diesmal schon entschuldigen, gnädiges Fräulein. Das kommt alles von

Ihnen her, gnädiges Fräulein; das kommt alles nicht von der Deutschen

her, ganz und gar nicht von der Hexe, sondern einfach von Ihnen; denn

die Hexe ist eine gute Person und ist an nichts schuld; aber Sie, mein

gnädiges Fräulein, sind daran schuld, -- so ist das! Sie, gnädiges

Fräulein, bringen mich fälschlich in schlechten Ruf ... Da geht ein

Mensch zugrunde, da verschwindet ein Mensch vollständig und vermag sich

nicht zu behaupten, -- wie kann da von Hochzeit die Rede sein! Und wie

wird das alles enden? Und wie soll ich das alles jetzt einrichten? Ich

würde viel darum geben, wenn ich das wüßte!«

So überlegte unser Held in seiner Verzweiflung. Als er auf einmal zur

Besinnung kam, bemerkte er, daß er irgendwo in der Liteinaja-Straße

stand. Es war schauderhaftes Wetter, Tauwetter mit Schnee und Regen,

genau so wie in jenem unvergeßlichen Augenblicke, als in der furchtbaren

mitternächtlichen Stunde alle Leiden des Herrn Goljadkin begannen. »Wie

kann man jetzt reisen?« dachte Herr Goljadkin im Hinblick auf das

Wetter; »da holt sich ja jeder Mensch den Tod ... Herr du mein Gott! Na,

und wo soll ich jetzt z. B. einen Wagen herbekommen? Da an der Ecke ist,

wie es scheint, etwas Schwärzliches zu sehen. Wir wollen mal zusehen und

es untersuchen ... Herr du mein Gott!« fuhr unser Held fort, indem er

seine schwachen, wankenden Schritte nach der Seite hin lenkte, wo er

etwas Wagenähnliches sah. »Nein, ich werde es so machen: ich werde

hingehen, ihm, wenn es möglich ist, zu Füßen fallen und ihn untertänigst

bitten: >So und so<, werde ich sagen; >in Ihre Hände lege ich mein

Schicksal, in die Hände meiner vorgesetzten Behörde. Exzellenz,

beschützen Sie einen Unglücklichen, und erweisen Sie ihm eine Wohltat!

So und so, und dies und das, es ist eine gesetzwidrige Handlung; richten

Sie mich nicht zugrunde; ich nehme Sie zu meinem Vater an; verlassen Sie

mich nicht ... retten Sie meine Ehre und meinen guten Namen ... retten

Sie mich vor diesem Bösewicht, diesem verworfenen Menschen ... Er ist

ein anderer Mensch, Exzellenz, und ich bin auch ein anderer Mensch; er

ist eine Person für sich, und ich bin ebenfalls ein Mensch für mich,

wahrhaftig, ich bin ein Mensch für mich, Exzellenz, wahrhaftig, ein

Mensch für mich; so ist das. Ihm gleichen kann ich nicht; haben Sie die

Güte, das zu ändern; befehlen Sie, daß das geändert und diese gottlose,

eigenmächtige Namensaneignung aufgehoben werde ... Das ist kein gutes

Beispiel für andere, Exzellenz. Ich nehme Sie zu meinem Vater an; gewiß

muß eine Behörde, eine humane Behörde, die für ihre Untergebenen sorgt,

solche Bestrebungen unterstützen ... Es liegt darin sogar etwas

Ritterliches. Ich nehme Sie, die humane Behörde, zu meinem Vater an,

lege mein Schicksal in Ihre Hände und werde gegen Ihre Entscheidung

keinen Widerspruch erheben; ich vertraue mich Ihnen an und werde mich

selbst von dieser Angelegenheit ganz zurückziehen.< So will ich sagen.«

»Nun, mein Lieber, bist du Droschkenkutscher?«

»Jawohl.«

»Ich möchte einen Wagen für den Abend haben, mein Freund.«

»Wollen Sie weit fahren?«

»Für den Abend, für den Abend. Wohin es nötig sein wird, mein Lieber,

wohin es nötig sein wird.«

»Wollen Sie vielleicht aus der Stadt fahren?«

»Ja, mein Freund, vielleicht auch aus der Stadt. Ich weiß es selbst noch

nicht sicher, mein Freund; ich kann es dir nicht bestimmt sagen, mein

Lieber. Siehst du, mein Lieber, vielleicht gestaltet sich alles gut. Man

weiß ja, wie das so geht, mein Freund ...«

»Jawohl, Herr, gewiß. Gott gebe jedem Gutes!«

»Ja, mein Freund, ja; ich danke dir, mein Lieber. Nun, wieviel bekommst

du denn, mein Lieber?«

»Wollen Sie jetzt gleich fahren?«

»Ja, jetzt gleich, d. h. nein, an einer Stelle mußt du ein Weilchen

warten ... nur ein kleines Weilchen mußt du warten, nicht lange, mein

Lieber ...«

»Ja, wenn Sie mich für die ganze Zeit nehmen, dann kann ich es bei dem

Wetter nicht unter sechs Rubeln machen ...«

»Nun gut, mein Freund, gut; ich werde dir dankbar sein, mein Lieber. Na

also, dann fahre mich jetzt, mein Lieber!«

»Steigen Sie ein; erlauben Sie, ich will den Sitz hier noch ein bißchen

zurechtmachen; so, jetzt, bitte, steigen Sie ein! Wohin befehlen Sie,

daß ich fahren soll?«

»Nach der Ismailowski-Brücke, mein Freund.«

Der Kutscher kletterte auf den Bock und hatte bereits seine beiden

mageren Gäule, die er mit Gewalt von dem Futterkasten mit Heu

weggerissen hatte, in der Richtung nach der Ismailowski-Brücke in

Bewegung gesetzt, als auf einmal Herr Goljadkin die Schnur zog, den

Wagen halten ließ und den Kutscher flehentlich bat, umzuwenden und nicht

nach der Ismailowski-Brücke, sondern nach einer anderen Straße zu

fahren. Der Kutscher wendete nach der angegebenen Straße hin um, und

nach zehn Minuten hielt Herrn Goljadkins neu angenommener Wagen vor dem

Hause, in dem Seine Exzellenz wohnte. Herr Goljadkin stieg aus dem

Wagen, bat den Kutscher dringend, ein Weilchen zu warten, lief selbst

mit angstvollem Herzklopfen nach der zweiten Etage hinauf und zog die

Klingel; die Tür öffnete sich, und unser Held befand sich im Vorzimmer

Seiner Exzellenz.

»Ist Seine Exzellenz zu Hause?« fragte Herr Goljadkin den Diener, der

ihm geöffnet hatte.

»Was wünschen Sie?« fragte der Diener, indem er Herrn Goljadkin vom Kopf

bis zu den Füßen musterte.

»Ich möchte, mein Freund, hm ... Mein Name ist Goljadkin, Titularrat

Goljadkin. Ich möchte mich aussprechen ...«

»Da müssen Sie warten; das geht jetzt nicht ...«

»Mein Freund, ich kann nicht warten; meine Angelegenheit ist wichtig und

duldet keinen Aufschub ...«

»Von wem kommen Sie denn? Haben Sie Akten?«

Der Doppelgänger · 第 14 / 17 段