Lewitter schien aufzuatmen. »Kommst du wegen deines Weibes?«

»Wohl, Herr! Tut mir die Lieb und kommt zu meiner Martle! Ich bin beim

Feldscheer gewesen. Der hat nit raus mögen aus dem warmen Bett. Aber

das Weibl kreistet, es ist zum Erbarmen.«

»Ich komme gleich.« Als Lewitter sich gegen die Schwelle wandte, pfiff

er leis, und die Tür öffnete sich. Er trat in einen finsteren Flur,

in dem ein angenehmer Duft war, wie gemischt aus den Gerüchen einer

Apotheke und eines Gewürzlagers. Hinter ihm wurde die Tür verriegelt.

»Eil dich, Lena,« flüsterte Simeon in das Dunkel, »hol mir die braune

Tasch!« Während er über eine steile Stiege hinaufhastete, glänzte ein

matter Lichtschimmer im Hausflur. Vor einer Türe schob Lewitter die

Füße in zwei große Filzpantoffel, um den Schnee nicht hineinzutragen in

diese Stube, die das Heiligtum seines einsam gewordenen Lebens war.

Ein großer Raum mit vielen Teppichen. Die zwei Fenster mit dicken

Innenläden verschlossen, durch Eisenstangen verwahrt. Von der Decke

hing eine alte Silberampel herunter, deren Licht von einer roten

Glastulpe umhüllt war. Zierliche Stühlchen und ein Tisch, an dem die

eingelegte Perlmutter wie Rubine funkelte. Allerlei Frauengerät,

Haubenstöcke und Kochgeschirr, ein Spinnrädchen und ein Garnhaspel,

ein kleiner Webstuhl und ein Gewürzmörser. An den Wänden waren hohe

Gestelle mit Spielzeug in solcher Menge angeräumt, daß die Stube fast

aussah wie ein Kramladen der Kinderfreude.

Während Lewitter in dem roten Lampenlichte huschend umherging und

alles Nahe mit zärtlicher Hand berührte, brannte in seinen Augen eine

dürstende Sehnsucht. Sein Gesicht hatte die steinerne Glätte verloren

und war durchwühlt von einer schmerzenden Erschütterung. So oft er

diese Stube betrat, seit fünfzehn Jahren, immer war es so. Immer wurde

das Glück in ihm lebendig, das er verloren hatte, und immer mußte er

jener grauenvollen Stunde denken, in der er wie ein Irrsinniger an den

Leichen seines Weibes und seiner Kinder vorübergetaumelt war und unter

den Fäusten wahnwitziger Menschen geschrien hatte: »Ich glaube, ich

glaube, ich laß mich taufen!«

Müd und zitternd, fiel er auf eines der kleinen Stühlchen hin, bedeckte

das Gesicht mit den Händen, saß unbeweglich und fuhr erschrocken auf,

wie geweckt und gerüttelt von einer Pflicht seines Lebens. Seufzend

ließ er die Augen hingleiten über das verstaubte Spielzeug, hatte

wieder das steinerne Gesicht, das geduldige Lächeln, murmelte ein

Segenswort seines unverlorenen Väterglaubens und verließ die Stube. Als

er die Treppe hinunterstieg, erlosch das Licht im Flur. »Hast du die

braune Tasch?« Er fühlte sie vor seinen Händen und trat in den Schnee

hinaus. »Komm, Christl!«

»Der Himmel soll's Euch lohnen, guter Herr!«

Simeon lächelte. »Heut sagst du: >Guter Herr!< Am Weihnachtsabend,

wie ich auf vereistem Weg an dich angestoßen bin, da hast du >Saujud<

gesagt.«

Verlegen stammelte der junge Bauer: »Ein Mensch im Ärger ist dumm. Mein

armes Weibl wird's nit entgelten müssen. Selbigsmal, am heiligen Abend,

hab ich einen schiechen Verdruß hinunterschlucken müssen. Ein Mensch,

der Unrecht leidet, wird allweil ein Lümmel.«

Die beiden überschritten den Marktplatz, um hinunterzuwandern ins Tal

der Ache. Das Bauernlehen des Haynacher lag da drunten, hinter der

Saline Frauenreuth. Vor dem Tor des Stiftes sprang ihnen die Schildwach

entgegen. Die beiden mußten ihre Namen nennen, ehe sie weiter durften.

Der junge Bauer, ärgerlich über den Aufenthalt, knirschte zornig vor

sich hin: »Gescheiter, er tät den Unsichtbaren nachspringen, eh daß er

einem Gutgläubigen den Weg verstellt. Wie ich heraufgelaufen bin, ist

überall die Nacht lebendig gewesen. Die im Stift da droben haben noch

allweil blinde Augen.«

»Die brauchst du ihnen nit zu öffnen, Christl! Sag mir lieber, was ist

mit deinem Weib? An Weihnachten hab ich gesehen, daß sie gesegnet ist.

Wär's an der Zeit mit ihr? Hat dich die Hebmutter geschickt?«

Der junge Bauer schüttelte den Kopf. »Ich bin selber gelaufen, aber ich

weiß nimmer, was das ist. Die Hasenknopfin --«

Das große Jagen · 第 19 / 98 题