Die Trude seufzte. "Arme Urahne."

Hierauf schwiegen beide, während sie noch immer behaglich ausgestreckt im

weichen Moose lagen. "Aber Kind!" rief plötzlich die Trude, "da haben wir

über all dem Geplauder ja ganz das Regenmachen vergessen. Schlag doch nur

die Augen auf! Wir sind ja unter lauter Wolken ganz begraben; ich sehe

dich schon gar nicht mehr!"

"Ei, da wird man ja naß wie eine Katze!" rief Maren, als sie die Augen

aufgeschlagen hatte.

Die Trude lachte. "Klatsch nur ein wenig in die Hände, aber nimm dich in

acht, daß du die Wolke nicht zerreißt!"

So begannen beide leise in die Hände zu klopfen; und alsbald entstand ein

Gewoge und Geschiebe, die Nebelgebilde drängten sich nach den Öffnungen

und schwammen, eins nach dem andern, ins Freie hinaus. Nach kurzer Zeit

sah Maren schon wieder den Brunnen vor sich und den grünen Boden mit den

gelben und violetten Irisblüten. Dann wurden auch die Fensterhöhlen frei,

und sie sah weithin über den Bäumen des Gartens die Wolken den ganzen

Himmel überziehen. Allmählich verschwand die Sonne. Noch ein paar

Augenblicke, und sie hörte es draußen wie einen Schauer durch die Bäume

und Gebüsche wehen, und dann rauschte es hernieder, mächtig und unablässig.

Maren saß aufgerichtet mit gefaltenen Händen. "Frau Trude, es regnet",

sagte sie leise.

Diese nickte kaum merklich mit ihrem schönen blonden Kopfe; sie saß wie

träumend.

Plötzlich aber entstand draußen ein lautes Prasseln und Heulen, und als

Maren erschrocken hinausblickte, sah sie aus dem Bette des

Umgebungsstromes, den sie kurz vorher überschritten hatte, sich ungeheure

weiße Dampfwolken stoßweise in die Luft erheben. In demselben Augenblicke

fühlte sie sich auch von den Armen der schönen Regenfrau umfangen, die

sich zitternd an das neben ihr ruhende junge Menschenkind schmiegte. "Nun

gießen sie den Feuermann aus", flüsterte sie, "horch nur, wie er sich

wehrt! Aber es hilft ihm doch nichts mehr."

Eine Weile hielten sie sich so umschlossen; da wurde es stille draußen,

und es war nun nichts zu hören als das sanfte Rauschen des Regens.--Da

standen sie auf, und die Trude ließ die Falltür des Brunnens herab und

verschloß sie.

Maren küßte ihre weiße Hand und sagte: "Ich danke Euch, liebe Frau Trude,

für mich und alle Leute in unserm Dorfe! Und"--setzte sie ein wenig

zögernd hinzu--"nun möchte ich wieder heimgehen!"

"Schon gehen?" fragte die Trude.

"Ihr wißt es ja, mein Schatz wartet auf mich; er mag schon wacker naß

geworden sein."

Die Trude erhob den Finger. "Wirst du ihn auch später niemals warten

lassen?"

"Gewiß nicht, Frau Trude!"

"So geh', mein Kind; und wenn du heimkommst, so erzähle den andern

Menschen von mir, daß sie meiner fürder nicht vergessen.--Und nun komm!

Ich werde dich geleiten."

Draußen unter dem frischen Himmelstau war schon überall das Grün des

Rasens und an Baum und Büschen das Laub hervorgesprossen.--Als sie an den

Strom kamen, hatte das Wasser sein ganzes Bett wieder ausgefüllt, und als

erwartete er sie, ruhte der Kahn, wie von unsichtbarer Hand

wiederhergestellt, schaukelnd an dem üppigen Grase des Uferrandes. Sie

stiegen ein, und leise glitten sie hinüber, während die Tropfen spielend

und klingend in die Flut fielen. Da, als sie eben an das andre Ufer

traten, schlugen neben ihnen die Nachtigallen ganz laut aus dem Dunkel des

Gebüsches. "Oh", sagte die Trude und atmete so recht aus Herzensgrunde,

"es ist noch Nachtigallenzeit, es ist noch nicht zu spät!"

Da gingen sie an dem Bach entlang, der zu dem Wasserfall führte. Der

stürzte sich schon wieder tosend über die Felsen und floß dann strömend in

der breiten Rinne unter den dunklen Linden fort. Sie mußten, als sie

hinabgestiegen waren, an der Seite unter den Bäumen hingehen. Als sie

wieder ins Freie traten, sah Maren den fremden Vogel in großen Kreisen

über einem See schweben, dessen weites Becken sich zu ihren Füßen dehnte.

Bald gingen sie unten längs dem Ufer hin, fortwährend die süßesten Düfte

atmend und auf das Anrauschen der Wellen horchend, die über glänzende

Kiesel an dem Strande hinaufströmten. Tausende von Blumen blühten überall,

auch Veilchen und Maililien bemerkte Maren, und andere Blumen, deren Zeit

eigentlich längst vorüber war, die aber wegen der bösen Glut nicht hatten

zur Entfaltung kommen können. "Die wollen auch nicht zurückbleiben",

sagte die Trude, "das blüht nun alles durcheinander hin."

Mitunter schüttelte sie ihr blondes Haar, daß die Tropfen wie Funken um

sie her sprühten, oder sie schränkte ihre Hände zusammen, daß von ihren

vollen weißen Armen das Wasser wie in eine Muschel hinabfloß. Dann wieder

riß sie die Hände auseinander, und wo die hingesprühten Tropfen die Erde

berührten, da stiegen neue Düfte auf, und ein Farbenspiel von frischen,

nie gesehenen Blumen drängte sich leuchtend aus dem Rasen.

Als sie um den See herum waren, blickte Maren noch einmal auf die weite,

bei dem niederfallenden Regen kaum übersehbare Wasserfläche zurück; es

schauerte sie fast bei dem Gedanken, daß sie am Morgen trockenen Fußes

durch die Tiefe gegangen sei. Bald mußten sie dem Platze nahe sein, wo

sie ihren Andrees zurückgelassen hatte. Und richtig! Dort unter den

hohen Bäumen lag er mit aufgestütztem Arm; er schien zu schlafen. Als

aber Maren auf die schöne Trude blickte, wie sie mit dem roten lächelnden

Munde so stolz neben ihr über den Rasen schritt, erschien sie sich

plötzlich in ihren bäuerischen Kleidern so plump und häßlich, daß sie

dachte: Ei, das tut nicht gut, die braucht der Andrees nicht zu sehen!

Laut aber sprach sie: "Habt Dank für Euer Geleite, Frau Trude, ich finde

mich nun schon selber!"

"Aber ich muß doch deinen Schatz noch sehen!"

"Bemüht Euch nicht, Frau Trude", erwiderte Maren, "es ist eben ein Bursch

wie die andern auch und just gut genug für ein Mädel vom Dorf."

Die Trude sah sie mit durchdringenden Augen an. "Schön bist du, Närrchen!"

sagte sie und erhob drohend ihren Finger: "Bist du denn aber auch in

deinem Dorf die Allerschönste?"

Da stieg dem hübschen Mädchen das Blut ins Gesicht, daß ihr die Augen

überliefen. Die Trude aber lächelte schon wieder. "So merk denn auf!"

sagte sie; "weil nun doch alle Quellen wieder springen, so könnt ihr einen

kürzern Weg haben. Gleich unten links am Weidendamm liegt ein Nachen.

Steig getrost hinein; er wird euch rasch und sicher in eure Heimat bringen!

--Und nun leb wohl!" rief sie und legte ihren Arm um den Nacken des

Mädchens und küßte sie. "Oh, wie süß frisch schmeckt doch solch ein

Menschenmund!"

Dann wandte sie sich und ging unter den fallenden Tropfen über den Rasen

dahin. Dabei hub sie an zu singen; das klang süß und eintönig; und als

die schöne Gestalt zwischen den Bäumen verschwunden war, da wußte Maren

nicht, hörte sie noch immer aus der Ferne den Gesang, oder war es nur das

Rauschen des niederfallenden Regens.

Eine Weile noch blieb das Mädchen stehen; dann, wie in plötzlicher

Sehnsucht, streckte sie die Arme aus. "Lebt wohl, schöne, liebe

Regentrude, lebt wohl!" rief sie.--Aber keine Antwort kam zurück; sie

erkannte es nun deutlich, es war nur noch der Regen, der herniederrauschte.

Als sie hierauf langsam dem Eingange des Gartens zuschritt, sah sie den

jungen Bauer hoch aufgerichtet unter den Bäumen stehen. "Wonach schaust

du denn so?" fragte sie, als sie näher gekommen war.

"Alle Tausend, Maren!" rief Andrees, "was war denn das für ein sauber

Weibsbild?"

Das Mädchen aber ergriff den Arm des Burschen und drehte ihn mit einem

derben Ruck herum. "Guck dir nur nicht die Augen aus!" sagte sie, "das

ist keine für dich; das war die Regentrude!"

Andrees lachte. "Nun, Maren", erwiderte er, "daß du sie richtig

aufgeweckt hast, das hab' ich hier schon merken können; denn so naß, mein

ich, ist der Regen noch nimmer gewesen, und so etwas von Grünwerden hab'

ich auch all mein Lebtag noch nicht gesehen!--Aber nun komm! Wir wollen

heim, und dein Vater soll uns sein gegebenes Wort einlösen."

Unten am Weidendamm fanden sie den Nachen und stiegen ein. Das ganze

weite Tiefland war schon überflutet, auf dem Wasser und in der Luft lebte

es von aller Art Gevögel; die schlanken Seeschwalben schossen schreiend

über ihnen hin und tauchten die Spitzen ihrer Flügel in die Flut, während

die Silbermöwe majestätisch neben ihrem fortschießenden Kahn dahinschwamm;

auf dem grünen Inselchen, an denen sie hier und dort vorbeikamen, sahen

sie die Bruushähne mit den goldenen Kragen ihre Kampfspiele halten.

So glitten sie rasch dahin. Noch immer fiel der Regen, sanft, doch

unablässig. Jetzt aber verengte sich das Wasser, und bald war es nur noch

ein mäßig breiter Bach.

Andrees hatte schon eine Zeitlang mit der Hand über den Augen in die Ferne

geblickt. "Sieh doch, Maren", rief er, "ist das nicht meine Roggenkoppel?"

"Freilich, Andrees; und prächtig grün ist sie geworden! Aber siehst du

denn nicht, daß es unser Dorfbach ist, auf dem wir fahren?"

"Richtig, Maren; aber was ist denn das dort? Das ist ja alles überflutet!"

"Ach, du lieber Gott!" rief Maren, "das sind ja meines Vaters Wiesen!

Sieh nur, das schöne Heu, es schwimmt ja alles."

Andrees drückte dem Mädchen die Hand. "Laß nur, Maren!" sagte er, "der

Preis ist, denk ich, nicht zu hoch, und meine Felder tragen ja nun um

desto besser."

Bei der Dorflinde legte der Nachen an. Sie traten ans Ufer, und bald

gingen sie Hand in Hand die Straße hinab. Da wurde ihnen von allen Seiten

freundlich zugenickt; denn Mutter Stine mochte in ihrer Abwesenheit doch

ein wenig geplaudert haben.

"Es regnet!" riefen die Kinder, die unter den Tropfen durch über die

Straße liefen. "Es regnet!" sagte der Vetter Schulze, der behaglich aus

seinem offenen Fenster schaute und den beiden mit kräftigem Drucke die

Hand schüttelte. "Ja, ja, es regnet!" sagte auch der Wiesenbauer, der

wieder mit der Meerschaumpfeife in der Torfahrt seines stattlichen Hauses

stand. "Und du, Maren, hast mich haute morgen wacker angelogen. Aber

kommt nur herein, ihr beiden! Der Andrees, wie der Vetter Schulze sagt,

ist allewege ein guter Bursch, seine Ernte wird heuer auch noch gut, und

wenn es etwan wieder drei Jahre Regen geben sollte, so ist es am Ende doch

so übel nicht, wenn Höhen und Tiefen beieinander kommen. Drum geht

hinüber zu Mutter Stine, da wollen wir die Sache allfort in Richtigkeit

bringen!"

Mehrere Wochen waren seitdem vergangen. Der Regen hatte längst wieder

aufgehört, und die letzten schweren Erntewagen waren mit Kränzen und

flatternden Bändern in die Scheuern eingefahren; da schritt im schönsten

Sonnenschein ein großer Hochzeitszug der Kirche zu. Maren und Andrees

waren die Brautleute; hinter ihnen gingen Hand in Hand Mutter Stine und

der Wiesenbauer. Als sie fast bei der Kirchentür angelangt waren, daß sie

schon den Choral vernahmen, den drinnen zu ihrem Empfang der alte Kantor

auf der Orgel spielte, zog plötzlich ein weißes Wölkchen über ihnen am

blauen Himmel auf, und ein paar leichte Regentropfen fielen der Braut in

ihren Kranz.--"Das bedeutet Glück!" riefen die Leute, die auf dem Kirchhof

standen. "Das war die Regentrude!" flüsterten Braut und Bräutigam und

drückten sich die Hände.

Dann trat der Zug in die Kirche; die Sonne schien wieder, die Orgel aber

schwieg, und der Priester verrichtete sein Werk.

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Regentrude, von Theodor Storm.

Die Regentrude · 第 6 / 6 题