In der Wärmestube

Am Sonntag vor Weihnachten traf ich in der Kleinseitner Brückengasse den

Detektiv Wünsch, einen der intelligentesten, aber auch der

unglücklichsten Zivilwachleute der Polizeidirektion. Er war seinerzeit

bei der Aufdeckung des Doppelmordes in Krtsch, als man die Leichen des

Takacz und der Hansely im Keller ausgrub, mit einer Schaufel geritzt und

von Leichengift infiziert worden; viele Monate hatte er zwischen Leben

und Tod geschwebt. Und jetzt war er wieder krank. Er kam gerade aus der

Apotheke. „Meine Lunge ist kaput,“ flüsterte er. Das Sprechen machte ihm

Mühe. „Ich werde es nicht mehr lange machen ...“

Ich versuchte ihm das auszureden. „Sie werden noch erwarten können, bis

Sie Inspektor werden,“ meinte ich lächelnd, „Sie werden doch dem Staat

nicht die Inspektorspension schenken!“ Detektiv Wünsch machte eine

abwehrende Handbewegung: „Lassen wir das Thema, ich weiß das besser.“

Dann sagte er:

„Herr Kisch, dieser Tage habe ich mich so an Sie erinnert. Wissen Sie,

wohin Sie einmal gehen sollten? In die Wärmestube. Dort könnten Sie

Studien machen. Dort haben Sie alle unsere Kerle ...“ Mit dem Ausdruck

„unsere Kerle“ meinte er die im Sicherheitsbureau bekannten Falloten.

Als ich mich für das Thema zu interessieren begann, fuhr Wünsch fort:

„Sie können sich bei mir umkleiden. Ich wohne in der Nähe, unter der

Karlsbrücke, Lužickygasse 10. Dort werde ich Sie anziehen, daß Sie

wie ein echter Verbrecher aussehen werden. Von meiner Wohnung aus

brauchen Sie dann nur eine Minute in Ihren Fetzen zu gehen, und schon

sind Sie in der Wärmestube.“

Ich versprach bald zu kommen und schon am Neujahrssonntag klopfte ich an

seine Tür, um die Exkursion anzutreten. Mir öffnete eine Frau.

„Bitte, wohnt hier der Herr Wünsch?“ fragte ich.

„Herr Wünsch wohnt schon in Wolschan draußen,“ wurde mir zur Antwort.

Ich glaubte, falsch verstanden zu haben. Aber man bestätigte mir die

Nachricht, die mich — schon weil sie mir so unerwartet kam — bodenlos

schmerzlich berührte: Herr Wünsch war während der Weihnachtsfeiertage

gestorben.

* * * * *

Er konnte also nicht meine Equipierung mehr besorgen, mir keine

besonderen Tips für die Stammgäste in der Wärmestube in seiner

Nachbarschaft geben. Aber ich beherzigte seinen Rat. In der Filiale der

Leichenbestattungsanstalt Fuchs auf der Kampa-Insel warf ich mich in

full dress. Nicht in die Fetzen, die ich auf meiner Floßfahrt nach

Magdeburg, bei meinem Besuch im Asyl für Obdachlose und bei ähnlichen

Streifzügen getragen hatte. Diesmal kam ich nicht als Arbeiter, sondern

als obdachloser Müßiggänger, als herabgekommenes Subjekt. Ich glich in

meinem, einst ganz elegant gewesenen, aber jetzt schon ganz

fadenscheinigen Überzieher, meinen zerfransten Nankinghosen, meinem

verbogenen und beschmutzten Kragen — eine Krawatte hatte ich nicht —

ungefähr dem Baron in Maxim Gorkis „Nachtasyl“, den hier in Prag Hans

Waßmann gespielt hat.

Und nun, da ich mich des Schutzes gegen den Winter entledigt hatte,

spürte ich, kaum daß ich auf der Straße war, was es heißt, der Gewalt

des Frostes wehrlos preisgegeben zu sein. Von der Čertovka her, dem

Moldauarm, der die Kampa umfließt, mischte sich schwere Feuchtigkeit in

die eisigkalte Luft, und die dicken Schwaden, welche rings um den

brennenden Gaslaternen sichtbar waren, erweckten den Anschein, als ob

die frierende Luft sich an die Lichter herandränge, um sich zu wärmen.

Nach kurzem, aber kaltem Wege war ich in der Wärmestube. Sie ist in

einem niedrigen Gebäude in der Belvederegasse untergebracht, das an den

Landesschulrat anschließt. Rechts ist der Eingang in die Abteilung für

Frauen, links in die für Männer. Durch diesen ging ich, durchschritt

einen kurzen Korridor und war dann vor einer Glastüre. Ich öffne und bin

in der Wärmestube. An dreißig Menschen wenden sich ruckartig gegen den

Ankömmling, ich fühle mich von ebensovielen Augenpaaren scharf,

durchdringend und verdächtigend gemustert. Ich tue als ob ich das nicht

beachte und suche mir ein Plätzchen. Das ist nicht so einfach. Das

Zimmer ist klein, und die dreißig Menschen sitzen dicht an einander

geschmiegt auf den Bänken, welche an den beiden Längswänden und parallel

zu diesen in der Saalmitte, sowie an einer Breitseite aufgestellt

stehen. Die der Tür gegenüberliegende Breitwand des Raumes ist frei;

hier ist der Eingang in die Küche und der Schalter, an dem man zu Mittag

eine Suppe und Brot bekommt. Schließlich schaffe ich mir doch einen

Sitzplatz: Zwischen zwei Schlafenden ist eine Handbreit der Bank

freigeblieben, und ich, indem ich den einen Schläfer beiseite schiebe —

er rückt mechanisch weiter — kann mich niedersetzen. Ich sinke, Apathie

heuchelnd, in mich zusammen, und die Blicke der Leute rutschen wieder

von mir ab, und die Gespräche, die während meiner Installation verstummt

waren, werden wieder fortgesetzt.

Nun erst schaue ich mich um. Da sitzen sie, die wehrlosen Feinde des

Frostes, da sitzen sie in ihrer einzigen Zufluchtstätte. Aber auch hier,

wo sie der Gegner nicht fassen kann, legen sie ihre schwache Wehr nicht

ab. Alle haben ihre zerschlissenen Winterröcke und ihre Hüte anbehalten,

alle haben ihre Rockkragen aufgeschlagen, fast alle haben Tücher um ihre

Ohren geschlungen. Der eine hat Pulswärmer an — zwei Tuchmuster oder

Strumpfteile, die mit Spagat am Handgelenk festgebunden sind. Alle

sitzen zusammengekauert und aneinandergeschmiegt da. Besonders dicht ist

die Reihe in der Ecke, an dem Eisenofen. Die Zunächstsitzenden halten

ihre Hände an den graphitartig glänzenden Ofen, als wollten sie in der

kurzen Spanne Zeit ein möglichst großes Quantum Wärme in sich aufnehmen.

Armselige Gestalten! Es ist ein grau in grau gemaltes Bild, das man hier

im Lichte der einen Gasflamme sieht. Aber nach und nach unterscheidet

man die Grundfarben, erkennt, daß hier zwei Gruppen menschlichen Elends

vertreten sind: Arbeitsnot und Verbrechen. Man erkennt das aus den

Gesprächen, man sieht es den Menschen an. Einer hat seinen Stiefel

ausgezogen und bindet mit schmerzverzerrter Miene einen schmutzigen

Fußlappen um seinen über und über blutigen Fuß. Ein anderer, ein junger

Bursch, der ein rotes Tuch nicht ohne Koketterie um den Hals gebunden

trägt, legt einen Taschenspiegel auf sein Knie und kämmt seinen ohnedies

bewunderungswürdig tadellosen Scheitel. Ein alter Mann blättert

verzweifelt in seinem Arbeitsbuch — er sucht wahrscheinlich, ob er bei

seiner Stellungssuche in Prag nicht einen einstigen Dienstgeber

vergessen hat.

Alle fluchen dem Winter. Daß es heuer keinen Schnee in den Straßen zu

schaufeln, kein Eis auf der Moldau zu hacken gibt. Die anderen — und es

läßt sich nicht verschweigen, daß diese in der Mehrzahl sind — fluchen

den Polizeibezirksleitern und Bezirksrichtern, die so streng sind, im

Winter milde zu sein.

„Voriges Jahr hab’ ich im Sommer in Deutschbrod drei Wochen wegen

Bettelei bekommen, und vorige Woche hat mir der Schuft nur

vierundzwanzig Stunden gegeben,“ schimpft einer. Ein anderer lacht

wieder:

„Mich hat vorgestern in Smichow der Kommissär gefragt, ob ich mir nicht

Arbeit suchen wolle. Da hab’ ich gesagt, ich werde jetzt Hopfen pflücken

gehen.“ Alle lachen. Dann wendet sich der Spaßvogel zu dem Burschen mit

dem roten Schlips:

„Wer wird denn jetzt Fahnenträger bei den Ausflügen der Sträflinge sein,

wenn du ihnen untreu geworden bist.“ Neuerliches Halloh. Aber der

Verspottete frisiert sich ruhig weiter:

„Ich hab’s erledigt. Aber du wirst erst anfangen.“

Dann wird der Strafvollzug in den einzelnen Gerichten Böhmens und

Mährens einer vergleichenden Erörterung unterzogen. Der eine lobt sich

seine Salonzelle in Mährisch-Budwitz, der andere schimpft auf sein

Gerichtsquartier in einer südböhmischen Stadt. Auch das Schubwesen und

die Behandlung in den einzelnen Schubstationen werden fachlich

besprochen, und es gibt keinen Mißstand, der nicht auf Grund reicher

Erfahrungen vollkommen aufgedeckt worden wäre. Man sollte die Stammgäste

der Wärmestuben bei Enquêten in Justizangelegenheiten heranziehen. Sie

sind ja die Hauptbeteiligten, und wären zweifelsohne die

bestinformierten Experten.

Einer, der das große Wort führt und viel von Weibern und Pferden erzählt

— allerdings von solchen, die nicht edler Rasse sind — hat mich ins

Auge gefaßt:

„Gehst du heut’ ins Asyl?“

Ich verneine. Erst am nächsten Donnerstag sei der Monat um, seitdem ich

dort war, also könne ich erst nächste Woche wieder hingehen. Dann

versinke ich wieder in Schweigen. Aber der Kerl gibt nicht locker.

„Du bist ein Schneider, nicht wahr?“ fragt er mich.

„Ich bin Handlungsgehilfe,“ ist meine Antwort.

„Du handelst wohl mit alten Hadern,“ sagt er und weist auf meinen

derangierten Anzug. Ein lautes Lachen geht los.

„Nun ja, jeder kann nicht so elegant herumlaufen wie du,“ gebe ich ihm

zurück und habe jetzt die Lacher auf meiner Seite. „Der hat dir einen

flek (Trumpf) gegeben,“ ruft ein junger Bursch meinem Widersacher zu.

Ich habe in Ehren bestanden.

Einige holen aus ihrer Tasche ein Stück des Brotes hervor, das ihnen zu

Mittag verabreicht worden ist und beginnen zu kauen. Von Zeit zu Zeit

steht ein Bursche auf und langt nach der Wasserkanne, die auf einer

Konsole steht. Dann gießt er sich Wasser in einen Blechtopf, der mit

einer Kette an die Wand befestigt ist. Mein Nachbar, der inzwischen

erwacht ist, trinkt den Topf viermal leer. Dann wischt er sich den Mund

ab und sagt: „Brr, wenn ich nur heute vier Kreuzer auftreiben könnte. So

ein Gläschen Kornschnaps könnte nichts schaden.“

Der Bursch mit dem roten Scarf hat andere Gelüste. Er steckt sich eine

halbe „Drama“ in den Mund und entfernt sich mit einem Schnalzen aus der

Wärmestube: „Jetzt wird fein geraucht.“ Nach fünf Minuten ist er wieder

da.

Um halb 6 Uhr vergattern sich die Leute, die in das Nachtasyl schlafen

gehen und verlassen das Lokal. Für die Zurückbleibenden gibt es nur

einen Gesprächsstoff: das Nachtquartier. Der Eine rühmt sich, daß ihm

seine Geliebte heute Obdach gewähren werde, der Andere weiß sich eine

feine Scheuer in der Nähe des Baumgartens, ein Dritter erzählt von einem

angenehm warmen Ziegelofen in Koschiř.

„Du meinst die Ziegelei Kudela?“ wird er gefragt.

„Das weiß ich nicht. Ich schlafe schon seit vier Jahren im Winter dort,

aber ich weiß gar nicht wie die Ziegelei heißt.“

Um sechs Uhr rasselt der kleine blonde Mann, der durch eine blaue

Schürze, einen sauberen Anzug und ein Käppi als der Aufsichtsmann der

Wärmestube kenntlich ist und der bislang ruhig an einer Ecke der Bank

gesessen ist, ostentativ mit einem Schlüsselbund. Das ist die Mahnung

zum Aufbruch. Alles steht auf, jeder geht noch zum Ofen, als ob er etwas

Wärme als Wegzehrung mitnehmen wollte. Dann geht es hinaus. Hinter uns

wird die Türe gesperrt. Der Schlafbursche der Ziegelei wendet sich auf

dem Korridor an mich.

„Komm’ mit mir nach Koschiř schlafen.“

„Warum denn? Bist du dort allein?“

„Allein! Es sind gewöhnlich vierzig dort. Größtenteils Drahtbinder.“

„Also weshalb willst du, daß ich mitgehe?“

„Na, der Weg ist weit, und zu zweit geht sichs besser. Komm’ mit!“

„Ein andermal. Heute werde ich noch bei einem Freunde schlafen.“

Dann treten wir auf die Straße hinaus. Es ist schon dunkel, und

jauchzend umpfeift der kalte Wind die zusammengeduckten Jammergestalten,

die sich für eine knappe Zeitspanne vor ihm versteckt gehalten hatten,

die ihm aber nun wieder willenlos preisgegeben sind, für eine lange

Winternacht.

Aus Prager Gassen und Nächten · 第 35 / 37 题