Arrestgebäude

Die Albrechtskaserne in Smichow besteht aus vier Gebäuden, von denen

jedes auf der Hoffront mit großen Lettern eine der vier Aufschriften

trägt: „Westkaserne“, „Südkaserne“, „Stabsgebäude“ und „Nordkaserne“.

Darauf läßt es sich zurückführen, daß ein Infanterist auf die Frage,

welches die vier Weltgegenden seien, geantwortet hat:

„Nord, Süd, West und Stab.“

Das Stabsgebäude, das zu dieser falschen Antwort Anlaß gab, füllt nicht

die ganze Ostseite des Kasernenkarrees aus: An der Ecke der

Petřinergasse und der Königsstraße steht noch ein entzückendes,

quadratisches Häuschen: „Arrestgebäude“ ist oberhalb des Tores zu lesen.

Die Fenster sind vergittert und auf den Stufen, die zum Eingang

hinaufführen, steht oder sitzt ein Soldat mit grauen Aufschlägen,

Tschako und Patrontasche. Der Avisoposten. Er steht da, um das Nahen des

inspizierenden Offiziers schnell dem Gefreiten melden zu können, der

Wachkommandant ist.

In diesem Hause habe ich einige Monate lang das Zimmer gehütet. Lang,

lang ists her und vielleicht hat sich seither vieles geändert und es ist

nicht mehr so arg, wie es damals war. Dann hat dieses Feuilleton nur den

Charakter einer Reminiszenz, erzählt nur Gewesenes.

An dem kleinen Eckhause der Petřingasse und der Smichower

Königsstraße gehe ich nie ohne leisen Schauer vorbei. Ich habe in einem

meiner Bücher und in vielen Geschichten heiteres von meinen beim Militär

verübten Streichen erzählt. Aber die Strafen habe ich immer nur mit

kurzen Worten gestreift. Sonst wäre es schnell mit dem Humor vorbei

gewesen. Meine „Festungstid“ war die böseste Zeit meines Lebens.

Am Anfang kam ich nur zu „verschärftem Arrest“ in das vergitterte Haus.

Das heißt: Ich „durfte“ auf dem Sandberg mit den anderen Kameraden

exerzieren, „durfte“ an dem Unterrichte der Taktik, des Waffenwesens,

des Militärgeschäftsstils, des Heerwesens u. dgl. teilnehmen, aber wenn

um fünf Uhr abends die anderen nach Hause schlafen gehen konnten, dann

mußte ich ins Arrest. Später kam ich zur strengeren Strafe, zum

„strengen Arrest“ in das Nordost-Häuschen. Da machte ich die

Beschäftigung der anderen nicht mit und blieb von früh bis abends und

von abends bis früh im dunklen Loch.

In meiner Uniform konnte ich die Haft nicht antreten, denn die wäre

schnell kaput gewesen. Ich mußte von meinem Putzer dessen ärgste

Kommißuniform entlehnen, Kleider, die er aus Schamgefühl selbst zum

Exerzieren oder zum „Ritt“, d. i. zur Reinigung der Kompagnieräume nicht

angezogen hätte: Breite, schlotternde Hosen, eine farblose Bluse mit

verschiedenartig blauen Flicken und eine unsagbar große Mütze, die —

wie verlautete — auch als Ohrenschutz, als Kochgeschirr, als

Waschschüssel und zu anderen Manipulationen verwendet werden konnte.

In diesem Aufzuge marschierte ich über den Hof, aus dem Bereiche der

Freiwilligenschule in den Arrest. Drei Schritte hinter mir schritt der

Tagskorporal, der mich im Arrest abzuliefern hatte.

Im Wachzimmer des Arrestgebäudes mußten wir Halt machen und auf den

Stabsführer warten, der die Profoßendienste im Regiment versieht. Der

wurde herbeigeholt. Leibesvisitation. Das Taschentuch wird mir

abgenommen; ebenso muß ich mich der Schuhriemen entledigen. Der, der

Bänder an den Unterhosen hat, muß sich gefallen lassen, daß sie ihm

abgeschnitten werden. Alle diese Maßregeln haben prophylaktischen

Charakter: das Erhängen soll dem Häftling erschwert werden. Derjenige,

der nicht an Selbstmord dächte, könnte durch diese Vorkehrungen leicht

auf solche Gedanken kommen.

Der Stabsführer entfernt sich, ich werde in eine Zelle geleitet und die

zufallende Türe scheidet mich von der Welt. Das Rasseln des

Schlüsselbundes verklingt langsam auf dem Korridor.

Ein Blick und ich bin mit meinem neuen Heim vertraut. Vier kahle Mauern

und in der Ecke eine Holzpritsche. Sonst kein überflüssiger Komfort. Die

offenen Rolladen des unerreichbar hohen Fensters sieben das Tageslicht

zwölffach, bevor sie es zum Arrestanten lassen. Ein gräuliches

Halbdunkel, nicht Tag noch Nacht.

Lesen kann ich nicht, denn ich habe kein Buch. Schreiben kann ich nicht,

denn weder Feder noch Tinte, noch Bleistift, noch Papier wäre mir

gelassen worden. Rauchen kann ich nicht, denn ich habe keine Zigaretten.

Vom Sitzen auf der niedrigen Pritsche tun die hinaufgezogenen Füße weh,

vom Liegen auf der harten Pritsche der Rücken. Ans Schlafen ist nicht zu

denken. Kalt ist es auch.

So muß ich mir denn ein Surrogat suchen, zu dem man keiner Utensilien

bedarf: Ich zähle. Ich zähle bis hundert, bis tausend, bis

vierzigtausend. Ich bin gerade bei der Ziffer 40.015 angelangt, als mir

brennender Durst zum Bewußtsein kommt. Ich schlage auf meine Tür. Der

Posten, der draußen mit aufgepflanztem Bajonett auf und ab geht, kommt

herbei und fragt mich nach meinem Begehr. „Ich will trinken,“ erkläre

ich.

„Warte einen Augenblick,“ gibt mir der Infanterist zur Antwort.

Er drückt auf den Knopf der elektrischen Klingel, die zum

Wachkommandanten hinunterführt.

Nach kurzer Zeit hört man schwere Schritte: Der Gefreite-Wachkommandant

kommt die Treppe herauf, begleitet von einem Mann der Wache.

„Was wollen Sie?“ fragt er mich durch die verschlossene Türe.

„Ich will trinken,“ melde ich nochmals.

„Treten Sie zurück,“ befiehlt er mir und schaut durch das vergitterte

Guckloch, ob ich diesen Befehl befolgt habe.

Dann öffnet er und ich kann hinaustreten. Die Mündungen dreier Gewehre

sind auf mich gerichtet und bewegen sich in der Richtung eines jeden

Schrittes, den ich mache. Der Wachkommandant und sein Begleiter, sowie

der Korridorposten haben die linke Patronentasche offen, in der die

scharfen Wachpatronen stecken. Am Ende des Ganges, am Fensterbrett steht

ein großes Glas, wie man es gewöhnlich zum Einlegen von gedünstetem Obst

verwendet. Aus dem Konservenglas trinken alle Arrestanten. Darunter

steht eine Kanne, aus der ich mir eingieße. Während ich trinke, lassen

mich die Gewehrmündungen nicht aus dem Auge.

Zum zweitenmale kommt der Wachkommandant herauf, wenn es neun Uhr abends

ist und der Hornist vor dem Kasernentore die trüben Klänge der Retraite

bläst: dann bringt er mir die dünne Kavalettdecke, in die ich mich

einhülle und vergeblich zu schlafen versuche.

Dann bekomme ich gewöhnlich noch einen nächtlichen Besuch. Der

Kaserninspektionsoffizier kommt inspizieren. Er schaut sich forschend um

und schnuppert, ob in der Zelle kein Zigarettenrauch zu spüren ist. Dann

geht auch er.

Manchmal ist der Gefreite, der die Wache kommandiert, einer meiner

Bekannten und läßt mich, wenn der Kaserninspizierende das Arrestgebäude

verlassen hat, zu sich ins Wachzimmer hinunter. Unten brennt wenigstens

ein Lämpchen, die graphitfarbenen Wände des Ofens sind von ärarischer

Kohle in Glut versetzt und es sind Menschen da: die Wachsoldaten, die

Zigaretten hergeben, wenn man ihnen für den nächsten Tag zehnfache

Revanche verspricht. Auch die Arrestanten aus den anderen Zellen haben

sich — wenn der Wachkommandant kein Hasenfuß ist — hier ein

Stelldichein gegeben und spielen Karten.

Hier bin ich mit Peter Worostschuk bekannt geworden, der zwar beim 73.

Infanterieregiment in Karolinental diente, aber in den Arrest der

Albrechtskaserne gebracht worden war, weil der sicherer ist. Nach Ablauf

meiner Dienstzeit habe ich ihn noch zweimal getroffen: Einmal im

Sicherheitsbureau der Polizeidirektion und bald darauf im Strafgerichte

bei der Verhandlung, in der er wegen verursachten Meuchelmordes sieben

Jahre schweren Kerkers erhielt. Auch Wladimir Zajiček, mit dem ich

mich beim jeu im Arrestgebäude befreundet hatte, ist mir zweimal „im

Zivil“ begegnet. Einmal traf ich ihn in der Strafanstalt Pankratz, ein

zweites Mal vor drei Jahren bei den Bummelkrawallen auf dem Graben, wo

er mich herzlich begrüßte. Seither haben sich die Verhältnisse beruhigt

und der Beruf als „empörte Volksmenge“ nährt nicht mehr seinen Mann. Und

vor einigen Monaten habe ich denn gelesen, daß mein Genosse Zajiček

wieder für zehn Monate zu der ruhigen, sitzenden und beschaulichen

Lebensweise zurückkehren wird, die ihm seit seinem seinerzeitigen Sejour

im Smichower Arrestgebäude nichts fremdes mehr ist.

Aus Prager Gassen und Nächten · 第 32 / 37 题