Die Verhaftung

Man schreibt mir, ich möge wieder eine journalistische Erinnerung zum

besten geben. Also gut.

Die Geschichte, die davon handelt, wie es einst vier Polizisten gelang,

mich durch ihr strategisches Talent zu verhaften, habe ich bislang aus

zwei Gründen nicht erzählt:

1. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, daß der Journalist nichts von den

Geheimnissen seiner Technik ausplaudern soll. So soll, zum Exempel, kein

Leser davon erfahren, daß die Nachrichten über Todesfälle besonderer

Männer von der Zeitung meist mit großen Schwierigkeiten rechtzeitig in

Erfahrung gebracht werden. Die meisten Portiers der Prager Palais, der

Ämter und öffentlichen Institute sind von den Redaktionen nachdrücklich

verständigt, eventuelle Todesfälle unverzüglich zu deren Kenntnis zu

bringen, und wenn irgend eine besondere Persönlichkeit schwer krank ist,

dann wird das Haus noch überdies bewacht, damit der Leser schon am

nächsten Morgen die traurige Neuheit erfahre.

2. Es wäre taktlos gewesen, einen Vorfall, der sich an eine solche

Überwachung knüpft, zu berichten, so lange der damals Überwachte noch am

Leben war.

Aber jetzt kann ich die Geschichte erzählen. An ungeschriebene Gesetze

halte ich mich ebensowenig, wie an geschriebene, und verrate daher ganz

offen das Geheimnis des Todesnachrichten-Dienstes; und auf die Gefahr

hin, daß manchen angesehenen Leser ein Gruseln überfällt, verrate ich

hiemit, daß schon mancher Mann derart überwacht wurde, der

glücklicherweise noch heute frisch und gesund in sein Amt spaziert.

* * * * *

Es ist schon etwelche Jahre her. Ich war erst vor kurzem zur Zeitung

gekommen und zu meinen wichtigsten Obliegenheiten gehörte es, mich im

Sicherheitsdepartement der Polizeidirektion danach zu erkundigen, ob

nicht irgendwer irgendwo wegen irgendeiner ungesetzlichen Tat in Haft

genommen worden sei. Da erfuhr ich denn von Bierröhrendiebstählen,

Heiratsschwindeleien und Betrugsaffären und wenn jemand jemanden

ermordet hatte, dann war’s ein schönes Leben, denn da hatte ich viel zu

schreiben. So ging ich zweimal täglich in das Sicherheitsbureau, vor dem

immer ein Polizist Wache steht. Die Wachleute kannten mich daher und

viele wußten auch bald, aus welchen Gründen ich die gefürchteten Räume

der Kriminalpolizei betrete. Aber die Polizisten, welche schon nach

kurzer Zeit von der Altstädter Wachstube auf andere Kommissariate

versetzt wurden, wußten das nicht.

Um jene Zeit war Direktor Angelo Neumann, kurz nach seiner Operation bei

Prof. Israel in Berlin, in Prag schwer erkrankt. Der damalige

Theatersekretär, der vor einigen Jahren in Wien verstorbene Karl

Rosenheim, hatte meinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem gleichfalls

seither dahingeschiedenen Redakteur Hermann Katz mitgeteilt, daß es

schlecht um Angelo Neumann stehe. So erhielt ich denn den Auftrag noch

in der Nacht, unmittelbar vor Redaktionsschluß nach Angelo Neumanns

Wohnhaus zu sehen.

Um vier Uhr nachts ging ich hin. Innerhalb der Parterrefenster im

Eckhause der Bredauergasse und des Stadtparkes, wo Angelo Neumann seine

Wohnung innehatte, war es dunkel — es war also nichts Absonderliches

geschehen. Ich wandte mich, den Weg zurückzukehren, den ich gekommen

war. Da hörte ich hinter mir schwere, eilende Schritte. Ich schaute mich

um: Es waren zwei Polizisten, denen der nächtliche Passant, der in der

menschenleeren Gegend unmittelbar vor ihnen umgekehrt war, sehr

verdächtig schien. Anfangs machten sie Miene, mir nachzueilen, aber sie

erkannten bald, daß ich ihnen leicht entwischen könnte und änderten

daher ihre Taktik. Der eine Polizist begab sich auf das linke, der

andere auf das rechte Trottoir und nun nahmen sie, auf gleicher Höhe

eilend, die Verfolgung auf. Ich beschleunigte meinen Gang, da ich

kalkulierte: Wenn ich verhaftet werde, so kann ich morgen auf Grund des

Polizeirapportes wunderbar nachweisen, daß ich wirklich um vier Uhr

nachts meinen Auftrag vollführt habe. So eilte das nächtliche Dreieck

vorwärts: Ich in der Mitte der Fahrbahn voran, rechts hinter mir ein

uniformierter Verfolger, links von mir ein zweiter.

Die Distanz verringerte sich nicht. Die Wachleute strengten sich nicht

mehr an als ich und riefen mir kein Halt zu. Sie schienen einen Plan zu

haben. Nur dort, wo von der Bredauergasse die Olivagasse abzweigt,

vergrößerte der rechte Mann seine Eile, damit ich ihm nicht durch die

Seitengasse entwische. Aber ich ging den geraden Weg. Und bald verstand

ich den Plan: Knapp vor der Einmündung in die Heinrichsgasse ließen

meine Verfolger ihre Polizeipfeife ertönen. Und aus dem Dunkel der Nacht

tauchte jetzt auch vor mir ein Doppelposten auf. (Es war jener Posten,

der bei Nacht vor dem Hauptpostgebäude zu stehen hat und bloß einmal

nicht dort stand: Als Wasinski an dieser Stelle seinen Mord verübte.)

Ich war umzingelt und konnte nicht mehr entwischen. Wie triumphierend

ertönte hinter mir der tschechische Ruf: „Halt“.

Ich blieb stehen und die Polizisten näherten sich mir. „Was haben Sie

hier gemacht?“ fragte der eine.

„Ich bin spazieren gegangen,“ versetzte ich so kleinlaut, als ich

konnte. Die Wahrheit war ja Redaktionsgeheimnis und kümmerte die

Wachleute nichts.

„Schau, schau! Spazieren sind Sie gegangen,“ wunderte sich einer der

Polizisten. „Um vier Uhr nachts geht man spazieren?“

„Ja, ich komme aus der Arbeit und da bin ich noch etwas frische Luft

schöpfen gegangen,“ entschuldigte ich mich weitschweifig.

„Was sind Sie denn?“ fragte man mich weiter.

„Ich bin bei der Firma Haase angestellt,“ antwortete ich wahrheitsgemäß,

wenn auch nicht prägnant.

Der Fragesteller lachte siegreich auf: „Wie können Sie also jetzt aus

der Arbeit kommen! Bei Haase wird doch nachts nicht gearbeitet!“

Schon wollte ich etwas entgegnen, als zwei Augen des Gesetzes, die mich

bisher scharf angesehen hatten, noch näher an mich heranrückten. „Sie,“

so begann ihr Inhaber, „Sie, mir scheint, wir kennen einander schon.“

Und ohne meine Antwort, daß ich nicht die Ehre habe, abzuwarten, fuhr er

fort: „Waren Sie noch nie im Sicherheitsdepartement?“

„O ja,“ sagte ich, „ich war schon oft im Vierer.“

Das Wort „Vierer“ hatte eine tiefe Wirkung, denn nur den Eingeweihten,

hauptsächlich den Polizisten und den Verbrechern ist dieser Ausdruck für

das Sicherheitsbureau (das vierte Departement der Polizei) geläufig. Der

eine Polizist steckte eine Miene des Jubels auf, der zweite nickte

langsam mit dem Kopfe und der dritte verlieh geistesgegenwärtig der

allgemeinen Verblüffung beredten Ausdruck. Er führte aus:

„Ei, ei.“

Der vierte aber, der Besitzer jenes Augenpaares, das mich erkannt und

entlarvt hatte, wollte nunmehr auch beweisen, daß meine Agnoszierung

keine zufällige und seine Personalkenntnis des Sicherheitsbureaus

wirklich eine tiefgründige sei:

„Da kennen Sie wohl den Herrn Olič?“

„Freilich kenne ich den Herrn Regierungsrat,“ war meine Antwort.

(Olič, der vor drei Jahren als Hofrat in Pension ging, war damals

Departementschef.) Das Frage- und Antwortspiel ging weiter:

„Und Herrn Protiwenski?“

„Ja, den Herrn Oberkommissär kenne ich auch. Und den Herrn Oberkommissär

Lichtenstern und die Herren Kommissäre Knotek, Drašner, Vanásek und

Kubiček kenne ich ebenfalls.“

Ich glaubte mit dieser summarischen Aufzählung aller damaligen

Sicherheitsbeamten weiteren Fragen meines Peinigers die Spitze

abgebrochen zu haben, aber dieser war gründlicher als ich glaubte. Er

setzte das Verhör fort:

„Kennen Sie vielleicht den Herrn Wejřik?“

„Jawohl, auch den Herrn Arresthausverwalter kenne ich. Sehr gut sogar.“

„Das glaub’ ich,“ erscholl es jetzt — mein Schicksal schien besiegelt.

„Kommen Sie,“ sagte der eine Polizist zu mir und wandte sich nach der

Richtung, in der das Kommissariat Heuwagsplatz liegt.

Aber um unsere Gruppe hatte sich, trotz der späten Nachtstunde, eine

ganz beträchtliche Menschenansammlung gebildet. Es waren größtenteils

die Stammgäste des alten Einkehrhauses „u Rajtknechtu“, das an der

Stelle des heutigen Palace-Hotels stand. Die allnächtliche Blütezeit

dieses Gasthauses begann erst um zwei Uhr nachts, wenn die Setzer der

nahen Zeitungsunternehmungen mit ihrer Arbeit zu Ende waren und das

offizielle Eingangstor der Schenke gesperrt werden mußte. Diese

Stammgäste hatten nun davon gehört, daß draußen vier Polizisten mit der

Festnahme eines Verbrechers beschäftigt seien, waren hinausgeeilt und

hatten mit wachsendem Staunen meiner Einvernahme gelauscht. Als ich aber

abgeführt werden sollte, traten zwei Setzer, die mich kannten, den

Polizisten in den Weg:

„Herr Redakteur, sollen wir Sie vielleicht legitimieren?“

Aber das war nicht mehr nötig. Die Anrede machte die Polizisten stutzig

und langsam dämmerte ihnen der Zusammenhang zwischen den Begriffen

Nachtarbeit, Haase und Polizeikenntnis auf. Und gleichzeitig fiel ihnen

ein, daß ich sie als Bekannter der ihnen vorgesetzten Polizeibeamten vor

diesen schön blamieren könnte, wenn ich die Geschichte erzählte. Einer

der Wachleute starrte mich wütend an, kehrte mir dann verächtlich den

Rücken und ging von dannen. Ein zweiter aber verduftete blick- und

wortlos. Der dritte salutierte mit kleinlautender, entschuldigender

Miene. Der vierte aber brummte im schönsten Prager Deutsch:

„Da haben wir uns gegeben.“

Aus Prager Gassen und Nächten · 第 25 / 37 题