Jawohl, ein tadelnder Ballbericht. Du traust, lieber Leser, deinen Augen
nicht, da du dieses liest. Du glaubst — auf langjährige Erfahrung
gestützt — es könne keinen Ballbericht geben, in dem nicht stünde, daß
das heutige Fest alle bisherigen und künftigen weit übertroffen habe,
daß ein Flor bezaubernd schöner und junger Damen in noch nicht
dagewesenen Toiletten, von einem Heer tanzlustiger Herren umschwärmt,
das Tanzbein geschwungen bis sogar dem Morgen graute, daß die Dekoration
den alten Ballsaal — ei, wer hätte das gedacht — zur höchlichsten
Überraschung in einen wahren Salon verwandelt hatte, daß Frau Disponent
Kanarienvogel in einer duftigen rosa Crêpe-de-Chine-Toilette mit achtzig
echten Maréchal-Niel-Rosen am Decolleté und Fräulein Kiki Chocholauschek
in ihrem bordeauxgrünen Satinkleidchen mit echten Elbekosteletzer
Spitzen wirklich entzückend ausgesehen haben, und daß sich auf der
Estrade diesmal wirklich alle hervorragenden Vertreter der hohen
Beamtenschaft, der Großindustrie und des Großhandels, Advokaten, Ärzte,
Offiziere u. dgl., sowie Herr Larmitzer, Bureauchef der
Kolonialwarenhandlung „Porges, Ladovička & Co.“ in der Eisengasse und
Herr Jarosch in Vertretung der Ortsgruppe Prag des Südwestböhmischen
Briefträgervereines ein Stelldichein gegeben haben etc. etc.
Und doch: Ich kenne einen tadelnden Ballbericht. Es ist allerdings schon
lange her, seit er in der Zeitung stand. Das Fest ist längst aus dem
Repertoire der Prager Faschingsveranstaltungen gestrichen und das
Gebäude, in dem es stattfand, kennen die heutigen Prager kaum vom
Hörensagen mehr. Man muß in den alten „Bohemia“-Bänden um fünfzig Jahre
zurückblättern, bevor man den seltsamen Rapport findet. Am 26. Jänner
1861 steht zu lesen:
„Die Maskenbälle im Neustädter Theater wurden heuer nicht mit
demselben Erfolge eröffnet, wie im vorigen Jahre. Der Besuch war
bedeutend schwächer, die Logen blieben fast ganz leer und die
Galerien waren nur spärlich besetzt. Etwas Hervorragendes machte
sich unter den Masken nicht bemerklich. Da sah man außer den
unvermeidlichen Dominos die alljährlich wiederkehrenden altdeutschen
Krieger, Griechinnen, Türken, Bäuerinnen, Pierrots, Polinnen,
Harlekins, Matrosen etc. Das täte jedoch der Redoute keinen Eintrag.
Wenn nur die Masken gesprächiger gewesen wären. In dieser Beziehung
zeigten sie jedoch mit einzelnen Ausnahmen eine sehr scheue
Zurückhaltung.“
Am Abend des Tages, an dem ich dieses alte Referat entdeckt hatte, war
ich auf einem Maskenball. Nein, war das lustig! Auf was für Ideen doch
die jungen Leute kommen, man würde es gar nicht für möglich halten! Man
sah Dominos, Bäuerinnen und Pierretten, und einige besonders
Erfindungsreiche hatten sich als Jockeys und Zigeunerinnen verkleidet.
Und weil doch Schweigen Gold ist, so waren die Masken wahrhaft goldige
Leute, und wenn eine doch den Mund zu einer scherzhaften Bemerkung
auftat, so hätte man wünschen mögen, daß sie es nicht getan hätten: Sie
waren nämlich so raffiniert, sich nicht durch geistreiche und witzige
Bemerkungen zu verraten, sondern benützten die Maskenfreiheit kluger
Weise dazu, die Angesprochenen durch die ärgsten Gemeinplätze und
dümmsten Dummheiten famos zu verspotten.
Oben im Saale, ganz nahe an der Musikkapelle, während die absolvierten
Petschauer und Preßnitzer Musikschüler mit Todesverachtung die
Tschinellen aneinander schlugen und in die Flöten bliesen, schrieb ich
den Ballbericht. Ich ließ mich durch den Ton des Referates von 1861
nicht beeinflussen und lobte das Fest über den grünen Klee. „Es war ein
wahrhaft herrliches Repräsentationsfest des Prinzen Karneval ...“
Als ich meinen Artikel in die Redaktion geschickt hatte, trat ich wieder
in den Saal hinab, um dort zu gähnen. Das veranlaßte eine vorübergehende
Maske in spanischem Kostüm zu der Äußerung: „Na Kleiner, du langweilst
dich wohl?“ Diese geistsprühende Anrede, die Geistesgegenwart und die
scharfe Logik, die sich darin kundtat, daß sie aus meinem Gähnen darauf
geschlossen hatte, daß ich mich langweile, imponierten mir. Ich schmiß
mich der Spanierin an, wir kamen bald ins Gespräch, ich erzählte ihr von
dem tadelnden Ballberichte und war begeistert über die Summe richtiger
Folgerungen, die sie daran schloß:
„Was würde der gestrenge Ballkritiker von damals heute alles zu tadeln
haben,“ meinte sie. „Damals gab es gewiß noch nicht in den Bällen die
Unsitte, während eines Walzers eine tanzende Dame zur Fortsetzung des
Tanzes aufzufordern, sie dem Anderen förmlich aus der Hand zu reißen,
bevor noch dieser zu tanzen oder zu sprechen begonnen hat. Andererseits
konnte damals gewiß keine Dame am Arme eines Herrn den ganzen Abend
kleben bleiben oder gar als Mauerblümchen mit schmerzerfülltem Herzen
und von höhnischen Blicken gemustert, vor der Mama den ganzen Ballabend
stehen bleiben, für den sie so viel Geld an die Schneiderin, für Wagen
und Ballentree bezahlt hat. Damals forderte man eine Dame zum Tanze auf
und durfte mit ihr einen ganzen Walzer, aber nur einen Walzer tanzen.
Dann stellte man sie wieder zur Gardedame.“
Ich nickte Bestätigung. Die Spanierin aber fuhr fort: „Und die Herren!
Ist es nicht ein Skandal, daß sie kein Entree bezahlen, die Kosten des
Festes von den Damen bestreiten lassen und womöglich noch, wenn sie im
Komitee sind, den unverdienten Reingewinn dazu verwenden, Kavaliere zu
spielen? Dabei tanzen sie aber gar nicht. Blasiert und mit verschränkten
Armen stehen sie in der Herreninsel und machen hämische Bemerkungen über
den Ruf der armen, wehrlosen Mädchen. Nur wenn sie die bevorstehende
Veranstaltung eines Hausballes mit „famosem Fraß“ wittern — da sind sie
mit Feuereifer beim Tanz. Hab ich nicht recht?“
Ich erklärte, daß sie sogar sehr recht habe. Darauf begann sie über den
Vortanz zu schimpfen. „Vortanz — so ein Blödsinn. Die paar Mädel, deren
Väter Geld haben oder so tun, als wenn sie welches besäßen, und die
jungen Topfgucker in ihren Fracks schreiten da mit komischer Grandezza
die Stiegen hinab und tanzen dann mit möglichst verschrobener Figur den
Straußschen Walzer „An der schönen blauen Donau“. Die anderen Herren
aber, die Sterblichen, die werden inzwischen wie ein Stück Weideviehs
mit einem Stricke umbunden und dürfen aus dieser Umpferchung nicht
hinaus. Die Mädchen aber, die nicht des Vortanzes wert befunden wurden,
die dürfen bewundernd dem Göttertanze zuschauen.“
Ich bemerkte, daß das in der Tat lächerlich sei. Meine Dame aber fuhr
fort: „Noch ärger ist es mit den Damentoiletten.“
Ich erwiderte, daß ich diese nicht besichtigt habe. „Nein, nein,“ rief
sie entsetzt aus, „ich meine ja die Damenkleider. Früher ist ein Mädchen
in einem einfachen Kattunkleidchen zum Tanze gegangen und hat sich
fürstlich unterhalten. Jetzt aber muß sie ein Kleid um mindestens
hundertsechzig Kronen haben, damit die anderen Damen nicht die Nase
rümpfen. Denn den Herren ist doch das Kleid ganz egal, wenn nur die Dame
hübsch ist.“
Wir hatten inzwischen in einem lauschigen Winkel des Saales Platz
genommen und der eisige „Moët-Chandon“ erwärmte unsere Herzen. Ich
rückte näher an die Spanierin heran und begann zärtlich mit ihrer Hand
zu spielen. Sie aber fuhr in ihrem tadelnden Ballberichte fort: „Dazu
noch die Tänze von heutzutage. Immer nur Walzer, wieder Walzer und
wieder Walzer. Und wenn die Musik ausnahmsweise irgend ein
Promenadenstück spielt, so tanzt man — Walzer. Vor fünfzig Jahren, da
hat es wohl noch Quadrillen und Mazurka gegeben, aber heute — wer kann
heute bei diesen wilden Tänzen noch Grandezza und Liebreiz zeigen?“
„Du, meine schöne Maske! Du mußt mir deinen Liebreiz zeigen, du mußt
dich demaskieren,“ mit diesen ungestümen Worten machte ich meiner
verhaltenen Leidenschaft und Begeisterung Luft. So fein beobachtend, so
klug war sie, meine kleine Partnerin, so seltsam stach sie von den
übrigen jungen Mädchen ab, die im Glanze der Ballsaallichter, im Banne
des Ballfiebers, am Arme des Tänzers und im Zauber der Musik an alle die
kleinen Unzukömmlichkeiten, an den freien Eintritt der Herren, an den
Vortanz und das abwechslungsarme Repertoire von Tänzen gar nicht denken,
gar nicht denken wollen. Aber die spanische Tänzerin an meiner Seite,
die konnte ihr Beobachtungstalent, ihre kritische Begabung, ihren Sinn
für Vergleiche, ihr Taktgefühl auch im Maskentohuwabohu nicht verleugnen
— ein ideales, ein einziges Weib.
„Du mußt dich endlich demaskieren,“ flehte ich dringender, da sie sich
noch immer weigerte dies zu tun, „du mußt, du mußt.“
Da tat sie mir denn schließlich den Willen: Sie nahm die Maske ab und
ich konnte konstatieren, daß diese Spanierin wahrscheinlich an dem Feste
von 1861 teilgenommen hatte.