Die Irren

Sie gehen umher und laufen, sie drängen sich auf den Gängen, sie stehen

in Gruppen beisammen oder schauen aus den Fenstern in den beschneiten

Garten hinunter, den fünf Gassen der Oberen Neustadt begrenzen. Der eine

raucht eine Zigarette, ein anderer hält seine Pfeife, ein dritter die

Zigarre im Mund. Der eine trägt die graue Anstaltskleidung, der zweite

einen schwarzen Gehrock, der dritte einen tadellosen grauen

Straßenanzug. Hier springt mit wirrem Lallen, gesenktem Kopf, roten

Augen und schlenkernden Armen ein Patient vorüber, dort im offenen

Zimmer spielen zwei ruhige Männer eine Partie Schach — brillante

Spieler, sagt der Arzt.

Ein Herr reicht dem Arzt den Aufnahmsbogen eines neuen Patienten. Das

Nationale und die Anamnese sind aus dem tschechischen Rapport eines

Polizeiarztes ins Deutsche übertragen und fein säuberlich mit

Schreibmaschine geschrieben. Der Arzt vergleicht den Akt mit dem

Polizeirapport, der Überreicher steht wartend. „Auch ein Kranker,“ sagt

der Arzt französisch zu mir.

Ich sehe mir den Mann an. Er ist behäbig, sehr sorgfältig gekleidet, und

hat einen wohlgepflegten grauen Schnurrbart. Er geht weg, und der Arzt

sagt zu mir: „Der Mann hat vor einigen Jahren einen Prager

Stadtverordneten aus Rache auf der Straße erschossen. Das Verfahren

wurde eingestellt, da sich herausstellte, daß der Mörder

unzurechnungsfähig war. Jetzt versieht er bei uns Kanzlistendienste. Die

Übersetzung des tschechischen Polizeirapports und die Übertragung auf

der Schreibmaschine hat er selbst besorgt.“ Ich erinnere mich genau an

den Mord, der in Prag beispielloses Aufsehen hervorgerufen hat. Der

Mann, der geglaubt hatte, von dem Stadtverordneten verfolgt zu sein,

hatte zuerst in den Zeitungen gegen ihn geschrieben, und schließlich war

sein Haß so furchtbar ins Krankhafte gewachsen, daß er dem Feinde

auflauerte und ihn erschoß. Und jetzt sieht der Mann so ruhig, äußerlich

und innerlich so ausgeglichen aus.

Ein zweiter Patient: Doctor juris. Auch sein Name ist mir geläufig. Er

hat vor einigen Jahren an dem studentischen Leben Prags regen Anteil

genommen. Er spricht mit meinem Begleiter.

„Nun, Herr Doktor, sind Sie schon zu meiner Überzeugung gelangt, daß

Ihre Diagnose falsch ist?“

Es entspinnt sich ein Gespräch, in dessen Verlauf sich der Jurist als

Fachmann auf psychiatrischem Gebiet entpuppt. Er ist hierher gebracht

worden, weil er in Intervallen von etwa zwei Jahren gefährliche Anfälle

bekommt; er ist überzeugt, daß er mit Unrecht in der Irrenanstalt

zurückgehalten wird:

„Ich tröste mich aber. Auch Christus würde heutzutage nicht mehr

gekreuzigt werden; seine Widersacher würden ihn ins Irrenhaus sperren.“

Ein dritter Patient: hochelegant, brauner Straßenanzug von englischem

Schnitt, linierter Scheitel. Über dem rechten Auge trägt er eine

schwarze Binde. Er hat in Teplitz eine Kellnerin erschossen und sich

selbst durch einen Revolverschuß ins Auge verletzt. Sein Vater ist

Rektor in einer Stadt in Deutschland; er will von dem entarteten Sohn

nichts wissen. Der junge Mann ist der Freund des internierten Doktors.

Die beiden Geisteskranken sind Meister im Schachspiel, diesem Spiel, das

die größte Anspannung geistiger Kräfte verlangt.

Von einem anderen Patienten, einem Dégénéré supérieur, der früher

Photograph war, und mit Josef Kainz in regem Verkehr stand, liegt mir

eine Reihe herrlicher Gedichte vor, die er einem der klinischen Ärzte

eingehändigt hat und die seine Stimmung in der Irrenanstalt schildern.

Aus einem Sonettenzyklus „Die Irren“ sei folgendes Gedicht hier

veröffentlicht:

„Dann sterben sie in weißgetünchten Zellen

Noch einmal, da sie lange schon gestorben,

So wie die grüne Frucht, die früh verdorben

Sich noch vom Baume löst, um zu zerschellen.

Vielleicht ist ihnen mancher Wunsch geworden,

Eh’ sie die fahlen Augen endlich schließen:

Ein süßes, schwelgerisches Traumgenießen

Und Kampfgetön, wie ferner Wind von Norden.

Sie schwinden dann, wie Glocken, die zerschlagen,

Weil die metallne Mischung einst mißlungen,

Da ihre Hüter in der Schenke lagen.

In Harmonien und in Dämmerungen

Von neuem Blühen und von neuen Tagen

Ruht still ihr Staub, zu bess’rem Sein gezwungen.“

Der Dichter, der dieses singt, ist schwer krank. Er hat seine Mutter

töten wollen, weil er ihre Not nicht mehr mit ansehen konnte. Man denkt

wieder an Lombroso: Genio e follia.

Er ist nicht das einzige künstlerische Genie in der Irrenanstalt. Drüben

in der Frauenabteilung sitzt ein hübsches, braunes Mädel beim Fenster,

und zeichnet mit Bleistift das deutsche naturwissenschaftliche Institut.

Ich beginne mit ihr ein Gespräch. Aber die Kleine ist schnippisch; es

ist eine äußerliche Keckheit, die innere Zagheit und Schwäche verbergen

will. Das Mädchen will mir seine Zeichnung nicht zeigen.

„Sie verstehen ja doch nichts davon,“ lacht es.

Erst als der Doktor um das Bild ersucht, zeigt die Kranke es her. Es ist

mit natürlichem Geschick gemalt, viel Strichtechnik ist darin zu sehen,

und der gute Blick der Zeichnerin ist unverkennbar. Das Mädchen befaßt

sich viel mit Kunstgeschichte: früher war Manes, jetzt ist Aleš ihr

Lieblingsmaler. Die junge Malerin ist früher Köchin gewesen; der Tadel

über eine mißlungene Speise versetzte sie in Paroxysmus, sie entlief

ihrer Herrschaft, wollte sich ins Wasser stürzen, flüchtete dann in die

Wälder der Umgebung Prags und lief dort einige Tage umher, ohne zu essen

oder zu trinken. Entkräftet lag sie im Wald, als man sie fand. Jetzt

sieht sie gut aus, und malt. — Wir treten wieder auf den Gang hinaus.

„Herr X.,“ ruft der Arzt einen Mann an.

Der kommt herbei. „Wie geht’s?,“ fragt ihn der Doktor.

„Danke, jetzt hab’ ich ja wieder ein neues Ministerium zusammengestellt.

Sie setzen jetzt in den Zeitungen einen römischen Dreier zu meinem

Namen. Na, wir werden ja sehen, wie’s gehen wird.“

Der Mann, der herbeigekommen war, als der Arzt seinen wirklichen Namen

rief, glaubt Bienerth zu sein. Die Politik ist dem Armen zu Kopf

gestiegen.

Wir treten in ein Krankenzimmer. Ein alter Patient kommt auf uns zu, und

bittet ehrerbietig, ein Theaterstück aufsagen zu dürfen. Und nun spricht

er den Puppenspieler-Faust, die Stimme variierend, wenn neue Personen

auftreten. Er erzählt von den Taten des Doktor Faust, von seiner

Geistesbeschwörung und der Verschreibung seiner Seele an den Teufel, und

von den Wunderdingen, die er am Hofe des Kaisers vollbracht habe. Er

erzählt — bis wir ihm Einhalt gebieten. Ob er noch etwas tanzen dürfe,

fragt er bescheiden. So tanzt er denn, und hopst im Zimmer herum. Die

anderen Patienten betrachten seine Sprünge kaum, so wie sie früher nicht

auf seine Rezitation geachtet haben. Sie kennen diese letzten Reste der

Kunst, die der Alte — ein ehemaliger Marionettenspieler und

Schaubudenbesitzer — aus dem einstigen Beruf in seine Krankheitszeit

hinübergerettet hat.

Wir müssen noch eine andere Vorstellung über uns ergehen lassen. Ein

Irrsinniger, der nicht sprechen, sondern nur unverständliche Laute zu

stammeln vermag, hängt einen Hampelmann an einen Schrank, umhüllt sich

und einen anderen stummen Irren mit einem Laken, schlägt mit einem

Löffel dreimal an ein Wasserglas, und beginnt nun vor dem Hampelmann

verzückte Tänze und Körperschwingen zu exekutieren. Er singt dabei in

eintönigem Rhythmus irgendwelche Worte. Sein Genosse, der überhaupt sein

willenloses Werkzeug ist, hat nur die Aufgabe, die Bewegungen zu

kopieren, und tut es mit einem dumpf-begeisterten Lachen. Was aber in

dem Innern des Protagonisten vorgeht, des Irren, dem die Anbetung des

Hampelmannes etwas Primäres ist — wer weiß das zu sagen.

Noch trübere Bilder: Ein Kranker steht gebückt in seinem Bett und starrt

aus dem Fenster hinaus ins Leere. Eine Woche steht er schon so da, und

selbst wenn man ihm Speise einflößt, schaut er aus dem Fenster hinaus in

jene Richtung, in der sein Sehnsuchtsland liegt.

Ein ganz kleiner Junge, der sehr, sehr schwer krank ist, treibt in einem

Krankenzimmer seine Possen. Er ist der Liebling seiner alten

Zimmerkollegen, und sie vollführen alle seine Wünsche. Der Kleine ist

ein Adeliger, der Enkel eines Hofrates, der früher in Österreich eine

nicht unbeträchtliche Rolle gespielt hat. Die Töchter des Hofrates sind

tief gesunken, der kleine Enkel kam zunächst ins Waisenhaus und dann

hierher.

Dort im Bette in der Ecke verstummt plötzlich das Röcheln, das bislang

hörbar war. Der Arzt geht hin und leuchtet dem wachsbleichen Mann unter

das Augenlid. Die Irren sammeln sich rings um das Bett und stieren auf

den Alten. „Exitus,“ konstatiert der Arzt leise.

Aus Prager Gassen und Nächten · 第 21 / 37 题