Wie ich aus dem Rathause hinausgeworfen wurde

Auf meinem Leben lastet eine Sünde, die ich nicht in das neue Jahrzehnt

hinüber nehmen will. So will ich durch aufrichtige Beichte diesen Alp

von meiner Seele abwälzen. Meinem Gedächtnis, dem vielleicht einzelne

Phasen des Verbrechens entschwunden oder verwischt sein könnten, kann

ich ja leicht nachhelfen. Ich brauche nur in der Universitätsbibliothek

in den gebundenen Exemplaren der tschechischen Zeitungen nachzuschlagen.

Darin steht die reine Wahrheit.

Dort ist meine Schande zum Studium und abschreckenden Beispiel für

künftige Geschlechter aufbewahrt. War doch der Vorfall ein bedeutsamer,

und ich glaube: Über den Prager Fenstersturz, der den dreißigjährigen

Krieg einleitete, wurde nicht so ausführlich berichtet, wie über meinen

Hinauswurf aus dem Altstädter Rathause.

Aus allen diesen Berichten geht hervor, daß ich mich damals im Prager

Rathause skandalös benommen habe. Und darf man sich denn im Prager

Rathaus skandalös benehmen? Hat man überhaupt schon gehört, daß sich

jemand im Prager Rathause skandalös benommen hätte? Nein, heute muß ich

unbedingt zugeben, daß man mich mit Recht hinausgeschmissen hat. Und es

war unverdiente Gnade, daß man mir eine ungeheure Strafmilderung

zugestand: Man hat mich nicht durch einen Hausknecht hinausgeworfen,

sondern man hat mich durch den Stadtverordneten Březnowsky

hinausexpedieren lassen.

Dieser hat mich durchaus nicht mit Glacéhandschuhen angefaßt, obwohl er

sich in seinen stillen Stunden mit deren Erzeugung beschäftigt. Er hat

es nicht getan, weil ich es nicht verdiente. Habe ich mich denn nicht,

laut Bericht des „Hlas Národa“, das einem alttschechischen

Stadtverordneten gehört und dem daher in Rathauskreisen eine gewisse

Authentizität zukommt, „sehr frech und wütend“ benommen? „Er versetzte,“

so heißt es in der Morgenausgabe dieses Blattes vom 10. November 1908 u.

a., „dem Stadtverordneten Vanha einen Stoß und mit dem Ausrufe ‚Ich

werde diese Diebshöhle schon beleuchten‘, sauste er blitzesschnell die

Stiegen hinunter“. Also bitte, man bedenke: Ich habe einem unserer

Stadtväter einen Stoß versetzt, und die ehrwürdige Ratsstube eine

Diebshöhle genannt. Weshalb bin ich eigentlich nicht geklagt worden! Wie

übel wäre es mir doch ergangen! Ein Leugnen hätte mir nichts geholfen,

denn auch das offizielle Rathausorgan, die „Nár. Listy“, erklärten in

aufgeregtem Tone, ich hätte die Drohung ausgestoßen, daß ich Diebstähle

(die tschechische Sprache kennt keinen bestimmten Artikel) aus dem

Rathause veröffentlichen werde. Auch den Stoß gegen den Stadtverordneten

Vanha registriert das Rathausorgan, und weiß sogar das interessante

Detail hinzuzufügen, daß ich den Stoß mit der Faust versetzt habe.

Der klerikale „Čech“ bedeckt den Rippenstoß mit dem Mantel der

Nächstenliebe. Er verschweigt ihn ganz, trotzdem sein Bericht sonst an

Ausführlichkeit durchaus nichts zu wünschen übrig läßt. Er schreibt u.

a.: „Als erster fand sich Redaktionsmitglied der „Bohemia“ „buršák“

Kisch ein, der durch seine Provokation auf dem Graben berüchtigt ist. Es

wurde ihm gesagt, daß es nicht angehe, in den Sitzungssaal des

Kollegiums das Redaktionsmitglied eines Blattes einzulassen, welches

alles, was aus Prag kommt, verdreht und beschimpft. Kisch aber machte

keine Miene, den Saal zu verlassen. Es traten also die Ordner hinzu und

führten ihn auf den Gang hinaus. Kisch schäumte, drohte und lehnte sich

auf, es blieb ihm aber nichts übrig, als zu suchen, wo der Zimmermann

das Loch gelassen hatte.“ Im weiteren Verlaufe des ausführlichen

Berichtes registriert das genannte Blatt die Tatsache, daß nach meiner

angedrohten Enthüllung über die Diebstähle im Prager Rathause „in dem

auf den Korridoren angesammelten Publikum Bewegung entstand“. So?

Solche Referate konnte das nationalsoziale „České slovo“ durch

Radikalismus nicht mehr übertrumpfen; damit es aber doch in seinem

Berichte mehr Stiefel habe, als die anderen Blätter, schrieb Georg

Střibrny, der damals noch nicht Abgeordneter war, man habe die

Stiefel hinausgetragen, in denen ich steckte.

Die Folgen meines Hinauswurfes spukten noch lange. Zuvörderst

veröffentlichte ein Mann, der davon lebt, daß andere sterben, ein

Partezettelagent, in allen tschechischen Blättern eine Erklärung: Er

heiße zwar ähnlich wie ich, aber sei nicht mit mir identisch. Ich kann

dies vollinhaltlich bestätigen, und um auch den Rest jeden Verdachtes

von dem Herrn abzuwenden, erkläre ich hiemit freiwillig, daß ich

überhaupt nicht mit ihm verwandt bin. Auf Ehrenwort.

Der gute Mann war nicht der einzige, der sich meiner schämte. Der

„Večerní List“ veröffentlichte unter dem Titel „Sie kann nichts für

ihren Namen“ folgende Erklärung: „Herr Egon Kisch, Redakteur der

„Bohemia“, ist nicht, wie allgemein verlautet, mein Neffe, und ich bin

überhaupt nicht mit ihm verwandt. Marie Kisch, Hausbesitzerin, Prag II,

Zderasgasse.“ Der „Čech“ reproduzierte diese harmlos scheinende

Erklärung am nächsten Morgen mit der Aufklärung, daß die Absenderin der

Zuschrift die Besitzerin eines verrufenen Hauses sei. Worauf dann ein

Weinberger Lokalblatt hämische Glossen darüber machte, wieso gerade das

klerikale Organ gewußt habe, daß das Haus ein verrufenes sei.

Ferner griff mich Abg. Myslivec im Parlamente an, und die Abgeordneten

sollen sich höchlichst darüber verwundert haben, daß man sich auch

unanständig benehmen könne.

Der „Illustrovaný kurýr,“ eine Zeitung, die sonst hauptsächlich

Momentphotographien vom Augenblicke der Mordverübung bringt,

reproduzierte am 3. November mein Bild. Dabei passierte dem

Bildredakteur eine Verwechslung, die in den Annalen dieser Zeitschrift

gewiß nicht allzuhäufig ist. Er muß in ein falsches Fach gegriffen

haben, und — wie es der Zufall oft will — es war wirklich mein Bild,

das er erwischte und das ins Blatt kam. Allerdings steht in dem Texte,

daß ich ein sehr mürrisches Gesicht mache. Aber gerade auf dieser

Photographie bin ich „bitte, recht freundlich“.

Das Furchtbarste aber war: Es muß sich ein Ephialtes in der Nation

gefunden haben, denn über die Stadtverordnetensitzung, aus der ich cum

infamia exkludiert worden war, erschien ein ausführlicher Bericht in den

deutschen Blättern. Mit bangem Grausen, von grenzenlosem Entsetzen

gepackt, richtet der „Čech“ an die Nation am 12. November die

Gewissensfrage: „Wer hat wohl dem aus dem Rathause hinausexpedierten

Kisch mitgeteilt, was im Stadtverordnetenkollegium vorgegangen ist?“ Und

weiter: „Da ergibt sich eine Menge von Fragen und verdächtigen Umständen

...“

Auf diese „Menge von Fragen“ kam keine Antwort, diese „verdächtigen

Umstände“ erfuhren keine Aufhellung, und die Berichte über das Rathaus

erscheinen in den deutschen Blättern auch weiter mit gebührender

Ausführlichkeit. Von schwerwiegenden Folgen war also mein Ausflug aus

dem Rathaus für mich nicht begleitet. Aber das ändert nichts an der

Tatsache, daß ich mich empörend benommen habe. Ich habe die damalige

Rathauswirtschaft beleidigt und einem Stadtverordneten einen Rippenstoß

versetzt. Wie leicht hätte ich ihn verletzen können! Peccavi.

Aus Prager Gassen und Nächten · 第 19 / 37 题