Der Chef der Prager Detektivs

„Der alte Lederer“, der Chef der Prager Polizeidetektivs, hat gestern,

am 30. März 1909, im Sicherheitsdepartement sein Pensionierungsgesuch

geschrieben, heute übergibt er es und morgen macht er schon keinen

Dienst mehr. Zum erstenmale seit 38 Jahren. (Von den Krankheitszeiten

abgesehen, die er im letzten Jahre zu bestehen hatte.) Nun hat er

ausgedient und geht in den Ruhestand. Die Kunde wird bei allen, die ihn

kennen — und die Zahl derer, die ihn kennen, ist immens — Interesse

erwecken; mit Bedauern sehen ihn wohl nur wenige aus dem Amte scheiden.

Er war bestgehaßt. Ein Bann, analog jenem, der vor Jahrhunderten den

Henker umsponnen, hat auch ihn, den „Spitzel“, den „Spion“, den

„Schnüffler“ umgeben. Dergleichen Charakterisierungsworte gebrauchte man

immer, wenn man in der Nacht einen Begleiter auf den alten Lederer

aufmerksam machte, wenn dieser, Stock und Hände auf dem Rücken haltend,

mit gebückter Haltung und patrouillierenden Augen über das Trottoir

wandelte. In den Spelunken hatte man ärgere Namen für ihn. Aber noch

keiner hat es gewagt, sie ihm ins Gesicht zu schleudern. Man hatte vor

dem Alten Respekt.

Revertenten und berufsmäßige Nachtwandlerinnen verschwanden, sobald sie

ihn von der Ferne sahen, mit größtmöglicher Akzeleration um die Ecke.

Und wenn er so gegen vier oder fünf Uhr früh in die Schenke „Zum Kranz“,

„Bei den 3 Sternchen“, im „Goldenen Zweier“, „Zur Schokolade“, „Beim

Frosch“ oder „Beim Banzett“ erschien, dann sprangen die auf den Tischen,

auf den Bänken oder auf dem Fußboden schlafenden Stammgäste beiderlei

Geschlechtes flugs auf, als ob der kommandierende General eine

Wachmannschaft beim Kartenspiel erwischt hätte. Die schlaftrunkenen

Augen der Nächtlinge blickten scheu auf den Gefürchteten und mit

heuchlerischer Devotion scholl ihm allerseits ein „Ruku líbám,

milostpane“ (Küss’ die Hand, gnä’ Herr) entgegen. Alle kannten ihn. Aber

auch er kannte alle. Sein Blick durchschnitt das rauchgeschwängerte

Lokal. Schon hat er einen erspäht, der aus Prag für immer ausgewiesen

ist. Er winkt ihm und ohne ein Wort der Widerrede zu dulden, nimmt er

den Liebhaber Prags bis zum nächsten Wachposten mit. Oder er schaut

jemanden an, den er nie zuvor gesehen: „Sie sind der R. S.!“ Aus den

Worten eines Steckbriefes hat er sich das Bild des R. S. konstruiert und

nun den Gesuchten erkannt. Das war seine Spezialität, Spürsinn oder

Routine?

Aber die Unbeliebtheit in den Verbrecherkreisen hätte ihm in den Kreisen

der gesetzmäßig lebenden Bürgerschaft Sympathie gesichert, wenn sich der

Detektivinspektor Lederer nicht aus beruflicher Pflicht auch in ein

Gebiet hätte einmischen müssen, in welches eine Einmengung spürender

Behörden mit vielem Rechte von der Allgemeinheit sehr angefeindet wird:

Das Gebiet der Politik. Für diese Idiosynkrasie gegen „Spitzeltum“ in

der Politik hat der alte Lederer am meisten leiden müssen. Erst während

der letzten Grabenkrawalle ist er in der Nähe des Spinka von einer

Gruppe tschechisch-nationaler Sozialisten erkannt und bedroht worden,

die Sozialdemokraten haben gegen ihn Gerichtsprozesse angestrengt und

sogar von deutscher Seite ist der eifrige Geheimpolizist einmal weidlich

durchgeprügelt worden. Noch dazu auf reichsdeutschem Boden. Das war am

Sonntag, den 12. Juli 1897. Die österreichischen Behörden hatten den

Egerer Volkstag verboten, aber damit nichts erreicht. Denn die

Teilnehmer zogen in hellen Scharen nach dem nahen bayrischen Städtchen

Waldsassen, um hier — von keinem „landesfürstlichen Kommissär“ gehört

und gestört — zu beraten und zu beschließen. Aber man hatte „oben“ um

so größeres Interesse an der Versammlung jenseits der schwarz-gelben

Grenzpfähle und — so zog Herr Lederer mit einer Kornblume im Knopfloch,

als unentwegter Alldeutscher gleichfalls nach Waldsassen. Aber er wurde

erkannt, und er, der was erfahren wollte, hat nur Schlimmes erfahren.

Auch sonst hat er zahlreiche Reisen in politischer Spürmission

unternommen, aber er muß hiebei von einem Mißgeschick à la Waldsassen

verschont geblieben sein, denn nur der eine tragikomische Fall ist

bekannt geworden. U. a. hat Inspektor Lederer bei Kaiserreisen in der

ganzen Österreichisch-ungarischen Monarchie als Auge des Gesetzes

fungiert und ist spähend auf den Spuren Wilhelm des Redseligen, King

Edwards und Milans des weiland Lebenslustigen gewandelt. Sogar ein

Sonnen- oder Löwenorden wurde ihm verliehen, zum Dank dafür, daß er den

Beherrscher des Perserreiches vor eventuellem Mißgeschick behütete.

Bei der Ausmittlung von Verbrechern hat er gute Dienste geleistet.

Freilich von moderner Kriminalistik, von Daktyloskopie und

Anthropometrie, von Kopfzirkeln, Meßkreuzen, Narbenmaßen und dem übrigen

Instrumentarium der beiden Bertillons verstand er ebensowenig wie seine

Klienten von Ehrlichkeit. Aber er erkannte seine Prager, Weinberger und

Žižkower Einbrecher an der Art, wie der Einbruch ausgeführt war.

Und verstand sie zu finden. Besonders in der Josefstadt, die vor ihrer

Assanation das Heim der Prager Kamorra gewesen war, kannte sich Lederer

— er war dort jahrelang Polizei-Wachkommandant gewesen — in jedem

Schlupfwinkel aus und jeden einzelnen Bewohner und jede einzelne

Bewohnerin der zahllosen Beisel mit Namen.

Aber auch in besserem Milieu ließ den Detektivinspektor sein Spürsinn

nicht im Stich. Da ließ er sich auch durch Eleganz und weltmännisches

Auftreten nicht blüffen. So hat er aufs Geratewohl einmal im Kaffeehaus

einen gutgekleideten Herrn nur deshalb festgenommen, weil er

champagnisierte und freizahlte. Der Herr protestierte. Aber der alte

Lederer ließ sich nicht irre machen. Im Sicherheitsdepartement wollte

man ihn schon ausschimpfen, daß er jemanden grundlos festgenommen habe.

Man forschte aber nach der Provenienz des Geldes und da stellte sich

heraus, daß der Arretierte ein eigenes Telegraphenamt in Nusle

inszeniert, aus diesem Geld angewiesen hatte und beheben ließ. Der Name

dieses Mannes ist seither in der Geschichte des Postbetruges Europas

geläufig: Plocek.

„Ich hab’ gleich gesehen, daß der das Geld nicht schwer verdient hat,“

sagte der alte Lederer, als er die Prämie für seinen Fang ausbezahlt

erhielt.

Er war bei allen Morden der letzten Jahre zur Stelle: beim Mord am

Omladinisten Mrwa, an der Juwelierin Gollerstepper, an den Mädchen Hruza

und Klima im Polnaer Walde, am Hotelier Wolf, am Liebespaar

Takacz-Hanzely zu Krtsch, am Schulmädchen Smrček, am Portier des

Gewerbemuseums Schaněl, am Gefangenaufseher Kaucky und an der

neuvermählten Frau Novotny in der Böhmerwaldgasse. Immer machte er sich

als einer der ersten auf die Suche. Manchmal mit Glück, manchmal mit

Unglück. Sein Name war in den Berichten über Prager Kriminalfälle

stereotyp. Darum geziemt es sich, das heutige Datum als das des Tages zu

registrieren, da der alte Lederer aufhört, seines Amtes zu walten.

Aus Prager Gassen und Nächten · 第 8 / 37 题