25. April 1893.

=A. G. Bianchi.=

Es konnte nicht die Aufgabe der Übersetzung sein, die Mängel,

welche die ungenügende allgemeine und litterarische Bildung des

M... seiner Darstellung anhaften ließ, zu beschönigen. Wenn der

Herausgeber die Selbstbiographie mit Recht ein wissenschaftliches

Dokument nennt, so durfte der Übersetzer sich Kürzungen und

Milderungen des Ausdrucks nur in mäßigem Umfange gestatten. Von

einer Übersetzung der Dichtungen des M... ist Abstand genommen,

weil die pathologische Persönlichkeit des Verfassers aus dem

Gebotenen hinlänglich erhellt, und das eingehende litterarische

Studium, dessen das Werk des M... nach dem Hinweise Bianchi's wert

ist, derselben entbehren kann.

Dr. F. R.

Antonino M...

Selbstbiographie.

Erster Teil.

Mein erstes Unglück.

Vorbemerkungen.

Wer rund geboren wird, kann nicht viereckig sterben.

Der Stern, der Dir im Mutterleibe strahlte, wird Dir ins Grab folgen.

Wer blind geboren wird, der wird nie den Himmel schauen.

Wenn Du Dir heute den Arm brichst, wirst Du morgen zum Galgen geschickt.

Der erste Fehler führt zu einem Abgrund von Unheil.

Wer den Verstand nicht zu beherrschen weiß, kommt gar rasch ins

Gefängnis.

Meinem lieben Söhnchen Fernando Antonio.

Mein geliebter Junge!

Ich bin sehr unglücklich geworden und das rauhe Schicksal hatte niemals

Mitleid mit mir, nie wurde es müde, mich zu verfolgen, und von der Wiege

bis zum Grabe ist mir dieses elende und traurige Leben eine ständige

Marter.

Dir erzähle ich die Verhängnisse meines bejammernswerten Lebens, und

wenn Betrug und die Schmach dieser bösen Welt Dir die Schritte zu dem

rauhen Pfad in der menschlichen Gesellschaft erschließen werden, dann

weine keine Thräne um das Andenken Deines unglücklichen Erzeugers, nein,

denn Weinen kommt den schwachen, feigen Herzen zu. -- Deines muß stark

und ruhig sein bei dem Anblick meines Unglücks; stark, stolz und

weltverachtend; aber lerne, o Sohn, auf dem geraden Weg der Tugend und

der Ehre wandeln, =lerne, mein süßes Söhnchen=[9] geduldig, ruhig und

kalt sein, im Einverständnis und im Gegensatz mit der menschlichen

Gesellschaft, lerne, vorausschauend für die Zukunft sein, ein Verächter

der Feigen, ein Spötter der Heuchler, eifere den großen und edlen Thaten

nach, sei ein liebreicher Bruder der Bekümmerten, ein Freund der

Gerechten und Ehrenhaften, gesittet und ehrfurchtsvoll gegen alle,

besonders gegen alte und rechtschaffene Leute, ein Freund der Armen, und

Deine Hand strecke sich gerne aus zum Trost der Elenden. Sei ehrlich und

anständig im Sprechen und bilde Dir aus der Erziehung eine zweite Natur.

Liebe und achte Gott den Höchsten, bete zu ihm von Herzen in nächtlicher

Stille und mit der Stirn im Staube, bete zu ihm an den heiligen Stätten;

denn er, unser Gott, der Herrgott unserer Väter, wird Dir ein Führer und

ein Tröster sein in den Widerwärtigkeiten des Lebens. Wende Dich an ihn

in Deinen Nöten, in Deiner Bedrängnis, und Du wirst Trost, Kraft und

Ergebung finden.

Liebe, achte und habe Mitleid mit Deinem Nächsten, er ist von Deinem

Fleisch und Blut, er ist unglücklich und betrübt wie Du.

Wolle Deinen Schwestern wohl, ich lege es Dir an's Herz, und ich

beschwöre Dich bei der Liebe, die ich zu Dir habe, bei den Thränen, die

ich um Dich vergossen habe, bei den Küssen voll unaussprechlicher

Zärtlichkeit, die ich Dir gegeben, liebe sie von Herzen, hilf ihnen in

ihren Nöten und sei ihnen ein zärtlicher Vater. Ja, nicht wahr, mein

lieber Junge, Du wirst Deine armen Schwestern lieben! Liebe sie, denn

ich liebe sie, so wie ich Dich nur lieben kann, und um sie vor Schande

zu bewahren, sollst Du Dein Leben auf's Spiel setzen, und tausend und

abertausend Mal wagen; wenn nicht, +verfluche+[10] ich Dich!!

Lerne aus meinem Leben ein Mensch sein, lerne geduldig leiden und Deine

Schritte zum Schönen, Guten, Besten lenken.

Führe Deine Seele zur Ehre, zur Tugend, zur Weisheit.

Lies oft meine Briefe und klage mich der Übertreibung, der

Überspanntheit, der Unverschämtheit, der Tollheit an, wie es die thaten,

die mich kannten, und ich will Dir alles verzeihen; alles will ich Dir

vergeben, Dir, der Du der köstliche Edelstein meiner Seele warst, Dir,

dem Atem meines Lebens, dem Traum meiner Träume.

Parghelia, im Januar 1889.

Dein Vater

Antonino M...

[9] Die gesperrt gesetzten Stellen sind im Manuskript unterstrichen.

[10] Die fett gedruckten Stellen erscheinen im Manuskript größer und

auffälliger geschrieben, als ob M... durch dieses Mittel den Worten

mehr Nachdruck verleihen wollte.

Der Mord.

Am Mittage des 17. September des Jahres 1868 habe ich auf einem

öffentlichen Platze einen armen Menschen ermordet. Ich war damals

achtzehn Jahre alt, von erregbarem Temperament, von heißem Sinn, und ob

aus Antrieb des Zornes oder nicht[11], das schlechte Betragen jenes

Dummkopfes, meines Bruders, ist die Ursache gewesen, daß ich einen

Menschen ermordete und mich kopfüber in ein Meer von Schmach stürzte.

[11] Bemerkenswert ist der Zweifel über die psychologische

Beschaffenheit, in der der Totschlag vollbracht wurde. Dies ist

lehrreich für die Unterscheidungen in unserer Rechtsprechung.

Die rauchende Pistole in der Hand, mit verzerrtem Gesicht und klopfendem

Herzen schlich ich in das Haus des Herrn Francesco Antonio Calzona, der

mich mit dem Ausdruck der Achtung und des Mitleids empfing. Er gab mir

einen Strohhut, denn meiner war an dem Ort des blutigen Ereignisses

abgefallen, während ich mit dem Sohne des Ermordeten rang. Ich nahm

einen derben Knotenstock in die Hand, kletterte über eine

Einfassungsmauer des Gartens und fing an, wie Kain über das Feld zu

laufen, verfolgt von dem Gebell der Hunde, während ein entsetzliches

Röcheln mir zu folgen schien, das mir sagte:

»Was hast Du gethan, Du +Mörder+?!«

Am Abend jenes verhängnisvollen Tages begab ich mich nach Tropea zu

meinem Onkel, dem Doktor V..., der mich aufnahm und mich in einem

kleinen Schlupfwinkel hinter der Treppe versteckte; dort

zusammengekauert beschmutzte ich mich mit Spinnengewebe und Staub; man

schloß mich in meinem Versteck ein, so daß ich in völliger Dunkelheit

blieb; bald hörte ich eilige Schritte auf der Treppe, es waren die

Karabinieri, die, nachdem sie eine gründliche Haussuchung angestellt

hatten, davongingen, die Handschellen mit sich tragend.

Spät am Abend ließ man mich aus dem engen Loch heraus, zog mir die

Uniform eines Fußjägers an und mit meinen beiden Vettern zog ich in der

Richtung nach Coccorino ab. In jenem elenden Dorf, das fast von lauter

Verwandten von mir mütterlicherseits bewohnt wird, wurde ich mit Liebe

aufgenommen und man brachte mir alle erdenkliche Rücksicht entgegen.

Acht Monate lang blieb ich dort zwischen den Feigenbäumen, öfter machte

ich nächtliche Ausflüge nach den benachbarten Dörfern und nach

Parghelia, Nachts schlief ich auf Strohbündeln oder am Fuße eines

Feigenbaumes.

Wollt ihr ein Bild von jenem Dorfe? Mit zwei Worten ist es rasch

geschildert. Dreißig schlecht gebaute und gedeckte Hütten, alt und von

elendester Bauart, die Straßen ein Haufen tierischen Unrats, so daß man

sich den Hals bricht, wenn man nicht Acht giebt, wo man den Fuß

hinsetzt; wie ein Riese beherrscht das ganze der Schloßturm des Barons

Fabiani, des Herrn und Beschützers der ländlichen Hütten und ihrer

Bewohner.

Nichts anderes sieht man als einen Hain von Feigenbäumen, deren

schmackhafte Früchte sehr beliebt sind; nicht weit von diesem

erbärmlichen Wohnort sieht man Coccorinello, an Leib und Seele jenem

verwandt. Die Einwohner beider Dörfer sind elende Ackerarbeiter, zwei

oder drei Familien ausgenommen, die ein kleines Stück Land besitzen, mit

Feigenbäumen von allen Arten, blutfarben, naturfarben und weiß,

bepflanzt.

Der Pfarrer dient als Arzt und als Apotheker, er betrügt die armen

Kerle, schindet hier ein altes Huhn, da ein Paar Eier und dort einen

Korb mit Früchten.

Die Einwohner sind gutherzig, ehrerbietig und liebenswürdig gegen

Fremde, aber unwissend und abergläubisch.

Während ich in Coccorino im Hause meines Onkels Domenico weilte, eines

guten Alten, der dem Bacchus sehr ergeben war, waren mir diese

Verwandten sehr gewogen und wetteiferten darin, mir mein Versteck

weniger unerträglich zu machen; meine Base Caterinuzzo, das Faktotum der

Lagerräume und des Hauses des Barons Fabiani, regalierte mich oft mit

schmackhaftem Kuchen oder Käse oder anderen Sachen; sie hatte mich sehr

gerne und ich konnte aus dem Wohlwollen entnehmen, daß ein wenig

=irdische= Liebe darin steckte. Sie war jung und nicht häßlich, aber in

meiner kritischen Lage konnte ich mich um ihre bangen Seufzer wenig

kümmern.

Eines Tages kam meine Tante Domenica an, eine Schwester meiner Mutter,

mit ihrer Tochter Vincenzina, einer achtzehnjährigen Jungfrau, schön wie

die Sonne, schön und verführerisch in der That, und wer sie kennt, wird

mich nicht Lügen strafen; sie kamen Geschäfte halber aus Parghelia

hierher; mir kommt es nicht zu, die Nase in die Angelegenheiten der

Mutter und der Tochter zu stecken, die mir etwas launisch, aber durchaus

ehrbar schienen.

Vincenzina verliebte sich, so viel ich sehen konnte, in einen Vetter von

mir, Antonino del V... aus Coccorino; als ich sie sah, so frisch und

rosig, kam mir die Laune, ihr den Hof zu machen; wir sahen uns, wir

lächelten uns an, und unsere Herzen krampften sich zusammen; eines

Tages, als wir gerade allein waren, sagte ich ihr zitternd:

»Vincenzina, ich liebe Dich!«

»Ich liebe Dich auch,« antwortete sie errötend.

»So wollen wir uns immer lieben?« fragte ich.

»Immer, immer,« antwortete sie mit Thränen in den Augen; »aber Du wirst

nicht fortgehen, nicht wahr, Antonino?«

Eine dichte Wolke flog über meine Seele, mein Herz wurde kalt, ich war

vernichtet und stotterte:

»Die Zeit ... die Wechselfälle des Lebens ... es wäre möglich ...«

Wir liebten uns die Tage, die sie in Coccorino blieb, und ihre Mutter

war mit unserer Liebe zufrieden. Und wollt ihr es glauben? Niemand

dachte daran, daß ich vom Gesetz verfolgt wurde, der Gefahr ausgesetzt,

eine Verurteilung zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit zu erhalten, niemand

dachte daran, nicht einmal ich.

Nach einigen Tagen reisten meine Tante und ihre Tochter wieder ab, ich

will nicht von der bitteren Trennung sprechen; wir reichten uns die

Hände; Vincenzina und ich küßten uns und unsere Wangen bedeckten sich

mit heißen Thränen. Wir setzten unsere Liebe im Briefwechsel fort. Heiß

und zärtlich waren die Briefe Vincenzinas, und heißer und verliebter

waren die meinen, die ich ihr täglich zukommen ließ. Es entstand eine

mächtige Eifersucht zwischen mir und meinem Vetter Antonino, dem ersten

Liebhaber Vincenzinas, den sie plötzlich verließ, indem sie mich an die

Stelle ihres ersten Liebhabers treten ließ. Wenn nicht die Verhältnisse

gewesen wären, wer weiß, was zwischen den leidenschaftlichen Liebhabern

vorgekommen wäre.

Ich begab mich Nachts einige Male nach Parghelia in das Haus

Vincenzinas, dort in einem Winkel der Kammer neben einander sitzend,

schworen wir uns ewige Liebe, ewige Treue.

Eines Tages gelangte ein Freibrief auf acht Tage an mich, den mir Herr

Bruno Chimirri, mein Anwalt in Catanzaro schickte. Von einigen meiner

Vettern begleitet, begab ich mich nach meinem Hause in Parghelia.

Ich vergaß mitzuteilen, daß während meiner Verborgenheit meine beiden

Schwestern sich mit zwei Spilingoten verheirateten, Antonio M... und

Giuseppe M..., beides Vettern. Die beiden Ehen wurden geschlossen, ohne

daß ich etwas davon wußte. Mein Onkel, der Priester Girolami M...,

Bruder meines verstorbenen Vaters, ein sehr gelehrter und

wissenschaftlicher Mann, aber unkundig der Ränke dieser Welt und

einfältig wie ein Kind, möchte ich sagen, willigte in die Ehe ein; man

lockte ihn dadurch, daß man ihm zu verstehen gab, jene gewaltthätigen

Männer seien Mordkerle und von allen gefürchtet, und daß dadurch, daß er

mit ihnen verwandt würde, er und die Familie geachtet und gefürchtet

sein würde. Armer blinder Herr!!...

Doch zu mir zurück und man verzeihe die Abschweifung.

Zu Hause fand ich Domenico M..., den Vater des eben erwähnten Antonio,

der trotzdem die Mütze eines Kapitäns der Nationalgarde trug. An jenem

Tage aßen und tranken wir vergnügt, aber am Abend gingen meine Vettern

von Coccorino weg. Am folgenden Tage nach dem ersten Aufenthalt in

meinem Hause begab ich mich zu meiner Geliebten Vincenzina, und an jenem

Tage blieb ich bei ihnen zum Essen. Eine Tante von mir, eine Nonne, dumm

und boshaft wie Proserpina, brachte uns ein fettes Huhn, um mein letztes

Mahl mit Vincenzina zu feiern.

Jener Tag ist ein Tag der Freude und der Liebe für mich gewesen; die

hübsche, rosige Hand meiner Geliebten reichte mir einen Flügel des

Huhnes dar, dann einen Becher voll schäumenden Weins, indem sie mit der

größten Anmut von der Welt sagte:

»Trink, Antonino, trink auf mein Wohl.« Und ich trank begeistert,

berückt, indem ich ihr in die schwarzen leuchtenden Augen schaute.

Nachdem das Liebesmahl beendet, trat Vincenzina, ihre Mutter und ich zu

einer geheimen Ratssitzung zusammen und begannen zu erwägen, wie

Vincenzina und ich uns durch unlösbare Banden knüpfen sollten. Nach

verschiedenen Meinungsäußerungen wurde beschlossen, den Pfarrer zu rufen

und uns in Gegenwart zweier Zeugen heimlich zu verbinden. So geschah es.

Nachdem der ehrwürdige Erzpriester Don Girolamo Toccane gerufen war, ein

alter und hinfälliger Mann, und zwei Zeugen, wurde er veranlaßt, sich zu

setzen. Kaum saß er, so pflanzte ich mich vor ihm auf und sagte mit

fester, deutlicher und lauter Stimme zu ihm:

»Hochwürden, diese« -- indem ich Vincenzina zeigte, »ist meine

rechtmäßige Gattin.«

Vincenzina erhebt sich und sagt mit gleicher Stimme:

»Dies, Hochwürden,« -- indem sie auf mich zeigte, »Antonino M... ist

mein rechtmäßiger Gatte.«

Wütend erhebt sich der Hochwürdige und fluchend und gestikulierend geht

er seiner Wege.

Ich verehrte Vincenzina einen Ring mit Diamanten und sie gab mir einen

Ring mit ihrem goldenen Haar.

Es nahte sich der Tag, wo ich nach Catanzaro abreisen und mich dem

Präfekten vorstellen mußte.

Es wurde beschlossen, daß Domenico M... _alias_ Stadtvorsteher und

Vincenzo M... _alias_ Beigeordneter mich nach Catanzaro begleiten

sollten. Es giebt in jenem Parghelia einige Bürschchen, die sich als

Helden, als Mordkerle ersten Ranges aufspielen, die sich für Wunder was

halten und nachher der Polizei Hülfe leisten, sie verteidigen und

beschützen: gemeine, dumme, falsche Seelen! Sage ich unrecht, meine

teuren Landsleute?

Folgen wir dem Faden unserer Erzählung und beschäftigen wir uns nicht

mit jenen Dummköpfen, jenen Kanaillen von Spionen.

Von den Karabinieri begleitet, mußte ich mitten durchs Dorf gehen, um zu

Vincenzina zu kommen und ihr das letzte Lebewohl zu sagen: wir küßten

uns und unsere Thränen flossen zusammen, sie fiel ohnmächtig in meine

Arme ...

Ich durchwanderte die ganze Gegend, von den Bewaffneten begleitet. In

Tropea empfing ein vierspänniger Wagen Domenico M..., Vincenzo M... und

mich, im Galopp fuhren wir durch Monteleone, ohne daß jemand den Mund

aufthat.

In Catanzaro begeben wir uns zu meinen Anwälten, den Herren Bruno

Chimirri und Giacinto Oliverio.

Ich wurde dem Herrn Präfekten vorgeführt, und nachdem dieser den

Haftbefehl ausgefertigt hatte, wurde ich durch einen Wächter der

öffentlichen Sicherheit in das Gerichtsgefängnis S. Giovanni geleitet.

Der Wachtmeister, Luigi S..., früher ein berüchtigtes Mitglied der

Camorra, jetzt ein wütender Verfolger derselben, zeichnet mein

Signalement, Namen und Vornamen in ein großes Register ein, ein

Gefangenenwärter befiehlt mir, mich auszuziehen und eine sorgfältige und

gründliche Untersuchung ergeht über meine Kleider und über meine Person;

dann kleide ich mich wieder an und werde in das sogenannte Neue

Gefängnis geführt, wo man mich im Kassenzimmer läßt. Es waren drei

Zimmer, von ungefähr zehn Gefangenen bewohnt, darunter ein alter Mönch

und zwei Priester, die wegen Beihülfe zum Raub angeschuldigt waren und

mehrere andere Bürger wegen anderer Anschuldigungen. Unter dem Fenster,

wo ich weilte, und das durch ein vergittertes Mauerwerk gesichert war,

war ein kleiner Hofraum, wo ungefähr zwanzig berüchtigte Briganten Luft

schöpften, da waren die berüchtigten Pietro Bianchi, Bulfalaro, Pietro

Lo Monaco, Perelli und andere, alle von den Assisen in Catanzaro zum

Tode verurteilt, die sich hier während der Berufung befanden, um nach

Bestätigung des Urteils durch den Kassationshof nach Reggio Calabria

überführt zu werden, wo sie die sanfte Schneide des Henkerbeils zu

kosten bekommen, als Strafe für ihre Räuberei[12].

[12] Beachtenswert ist der Abscheu, den M... vor denjenigen zeigt, die

nicht mehr und nicht weniger thaten, als er. Und bemerkenswert ist

auch, wie er sein Vergehen vergessen hat, als ob es gar nicht

geschehen wäre.

Ich blieb zwei Monate in jenem Labyrinth des Jammers und erinnere mich,

daß ich in eines der Fenster die Worte eingeschnitten hatte:

»Antonino M..., zum Tode verurteilt.«

Aus dem Neuen Gefängnis kam ich ins Alte Gefängnis, das demselben

benachbart ist; dort fand ich eine zweite Hölle, eine neue Brut elender

Gefangener.

Ich mühe mich ab, einen Begriff davon zu geben, aber es würde die Feder

eines Eugène Sue oder eines Francesco Mastriani nötig sein, um hundert

dicke Bände zu schreiben, um die Leidenschaften, die Charaktere und die

Herzen der Menschen zu schildern.

Ein großer und geräumiger Hofraum, der sechshundert Gefangene aufnehmen

konnte, und ringsum elf Zimmer wie feuchte dunkle Höhlen. Ein einziges

enges und niedriges Fenster mit zwei dicken Eisengittern liefert ein

fahles, trübes Licht, und wenn man mit dem Blick sucht, sieht man

draußen nichts als eine hohe massive Mauer; Läuse und andere ekelhafte

Insekten kriechen scharenweise an den feuchten Wänden herum, ein

widriger Fäulnisgeruch entströmt dem Pflaster. Am Eingang der Höhle

waren zwei große Gitter, eins von Eisen, das andere von Holz, und wenn

im rauhen Winter der Sturm raste, dann wurde in dem ekelhaften Loch ein

höllischer Tanz aufgeführt. Die Bewohner der traurigen Gruft waren

hagere, dürre, schimmelige, leichenhafte Gestalten, das Auge, der

Spiegel der Seele, war erloschen und lag tief in der Höhle.

Schlecht gekleidet, schlecht ernährt, unsauber -- trotzdem waren diese

elenden Geschöpfe des lieben Gottes lustig, die Feinde Gottes und seiner

gütigen Vorsehung.

Da waren zum Tode Verurteilte, zu zwanzig-, zehn-, fünfjähriger, zu

lebenslänglicher Zwangsarbeit Verurteilte, solche, die zu sechs Monaten,

zu einer Woche, zu einem Tage, zu einer Stunde verurteilt waren,

Angeschuldigte, die entsetzt dem Ende ihres Dramas entgegenschauten,

alles in buntem Gemisch durcheinander; zusammengekauert, eingeschlossen

in einen eisernen Ring, unter der unerbittlichen Hand des Unglücks und

unter der schweren Geißel der Gefängniswächter. Das war der Raum zu

ebener Erde.

Der obere Raum setzte sich aus fünf großen Zimmern zusammen, die an

dreihundert Gefangene enthalten konnten. Ein großer Säulengang mit

langen Eisengittern in Hufeisenform diente dazu, die Gefangenen der

oberen Wohnung aufzunehmen, wenn sie ihre Stunde frische Luft schöpften,

und diente als Durchgang für die Wärter und die Gefangenen; zur linken

des Eingangs war das Krankenzimmer, in zwei höher gelegenen Zimmern

wohnten die Wärter. Um die oberen Räume kennen zu lernen, braucht man

nur die unteren zu vergleichen, die ihnen gleich waren, was Schmutz und

Lebensführung betrifft; jedoch mit dem Unterschied, daß man zu ebener

Erde mit dem Strohsack auf dem nackten Boden, oben dagegen auf Pritschen

lag; je zwei der fauligen und stinkigen Strohsäcke nahmen drei Gefangene

auf.

Die Nahrung war sehr schlecht; die Suppe ein ranziger, bitterer,

ekelhafter Brei, das Brot trocken, schwarz, widerlich; aber man achtete

diese Nahrung wenig oder gar nicht, denn Donnerstags und Sonntags

brachte jede Familie ihren verwandten Gefangenen einen gut gefüllten

Quersack und Geld mit, das in der unten gelegenen Schenke ausgegeben

wurde.[13]

[13] Um die Strafe exemplarischer und sittenbessernd zu machen.

Eines Morgens, als wir auf dem Hofe waren, zur Zeit der Freistunde,

befand ich mich im Säulengang, denn ich war in eines der oberen Zimmer

geschickt; es ertönt die Glocke als Zeichen, daß die zum Luftschöpfen

gewährte Stunde vorbei war und jeder Gefangene in sein Gemach zurück

mußte. Beim gewohnten Geräusch rührt sich keiner, als ob man das

Klingeln der Glocke nicht gehört hätte; es läutet zum zweiten Mal;

dieselbe Gleichgiltigkeit bei den Gefangenen; nun stellten sich die

Wächter mit ihrem Oberhaupt im Kreise auf, schreiend und drohend. Ein

Schrei, ein drohendes Gebrüll erscholl aus tausend Kehlen.

»Nieder mit der Kanaille, nieder die Polizisten, schlagt den

Wachtmeister tot, schlagt die Wächter tot!« Und zweitausend Augen

funkelten im Dunkeln und tausend spitze Eisen erhoben sich drohend in

die Luft. Der Wachtmeister und seine Untergebenen flohen schleunigst,

vernagelten die Eisengitter, eine Abteilung Soldaten mit aufgepflanztem

Bajonnett bewachte den Ausgang, zwei Kanonen wurden aufgefahren, die

Mündung nach dem Schloß S. Giovanni gerichtet.

Der Präfekt, von zwei anderen obrigkeitlichen Personen begleitet, kommt

hinzu, und alle gehen zusammen mit dem Wachtmeister auf den Säulengang,

dem wütenden Haufen gebietend, daß jeder sich in seine Zelle begeben

solle.

»Herunter!« so ertönte es, »hinaus mit dem Schurken!« und tausend Eisen

leuchteten drohend zu dem Präfekten empor. Nun ersuchte der Beamte die

Menge einen Augenblick um Ruhe; er ließ den Gefangenen Diogene Pierre

rufen und sprach mit ihm, während ein triumphierendes Lachen seine

trockenen Lippen umspielte.

»Brüder und Freunde«, rief Pierre der schweigenden Menge zu, »geht alle

hinein!«

Schweigen folgte diesen Worten, die Menge zog sich zurück, wie eine

Viehherde in den Stall geht. Tags darauf wurde Diogene Pierre, der zum

Tode verurteilt war, ein berüchtigter Räuber und Mitglied der Camorra,

seiner Anstalt übergeben, um die heimatliche Luft zu genießen; wenige

Tage später durchbrach er ein Gitter des Gefängnisses und entfloh auf

das Land, in der Hoffnung, etwas zu seiner Zerstreuung zu finden, aber

er fand nur eine gute Kugel von dreiviertel Lot Blei, die ihm ins

Rückgrat gejagt wurde, sodaß er alsbald vor seinem Teufel stand, eine

Rechnung über seine Heldenthat abzulegen. Nachdem Pierre aus dem

Gefängnis fort war, verlor die Verschwörung ihre Kraft und Kühnheit; die

Camorristen, ungefähr vierzig an der Zahl, wurden in schrecklichen

düsteren Zellen in Eisen gelegt und ihrem Schicksal überliefert, wenn

sie verurteilt waren; unter scharfe Aufsicht gestellt, wenn sie in

Untersuchung waren. Mehr als alle hatte Francesco Pantano, dem die

Knochen tüchtig mit der Zwangsjacke geschnürt wurden, zu leiden.

Meine Verteidiger kamen einige Male, um mich zu sehen; sie gaben mir

wenig Hoffnung über den Ausgang meiner Sache; umsoweniger, da die

Anklage auf Mord mit Vorbedacht und mit Nachstellung lautete.

Ich blieb acht Monate in der Misthöhle zu Catanzaro, bis eine Abteilung

der Karabinieri in schleunigem und besonderem Auftrag mich fesselte, um

mich nach Monteleone zu bringen; dort war eine besondere Sitzung der

Assisen eröffnet und wurden alle, welche an der Ueberführung teilnahmen,

in öffentlicher Verhandlung abgeurteilt und ich mit ihnen.

Es war der 1. August des Jahres 1869; gefesselt ging ich zwischen zwei

Karabinieri nach Tiriolo ab, zu Fuß. In diesen Hundstagen mußte ich

sechs Stunden marschieren, der Sonnenglut ausgesetzt; um Mittag kam ich

in Tiriolo an, müde und matt, ohne Geld und halb tot vor Hunger und

Durst; ich hatte nur Schwarzbrötchen, die man mir gegeben hatte, als ich

den Kerker zu Catanzaro verließ, aber was nützten sie mir?

Mir war die Kehle zugeschnürt, ausgetrocknet, daß ich mit Mühe und Not

etwas salziges Wasser schlucken konnte; die Nacht habe ich auf einer

groben Pritsche geschlafen; Tags darauf wurde ich von den Bewaffneten in

der Richtung nach Maida geführt und machte wieder fünf oder sechs

Stunden angestrengten Marsches; dort warfen sie mich in eine Höhle,

welche die Höhle von Maida genannt wird. Ein breites langes Fenster mit

zwei ungeheueren Gittern versehen, öffnet sich nach einer Terrasse hin,

gegenüber lag eine =Spinnerei=; dieses Fenster war brusthoch, sowohl von

innen wie von außen. Da lag ich in der finsteren Höhle, gewiß würde ich

sterben, ehe ich nach Monteleone kam; seit zwei Tagen war mein armer

Magen völlig leer, die Kehle geschlossen und so ausgetrocknet, daß ich

kaum sprechen konnte. Von unserm Herrgott und den Heiligen verlassen,

wie konnte ich die Nacht durchleben, um morgen wieder fünf oder sechs

Stunden Wegs zu machen. Und ich beklagte mich über Gott und seine

Vorsehung.

Ich Dummkopf!

Die Vorsehung Gottes verläßt die Geschöpfe nie, nein, sie verläßt sie

nicht, der irregelenkte Mensch wird von dem Blick des göttlichen

Schöpfers verfolgt.[14]

[14] Dieser asketische Fatalismus begegnet sich mit dem

abergläubischen Fatalismus, von dem M... eine Probe in den

Vorbemerkungen zum ersten Teil giebt, wie z. B.: »Der Stern, der Dir

im Mutterleibe strahlte, wird Dir ins Grab folgen.«

Beide kontrastieren dann mit dem nicht seltenen Hinweise auf die

Möglichkeit einer Entwicklung des Intellekts, durch Arbeit und

Anstrengung des Verstandes, in welche M..., man möchte sagen durch

unbewußte Intuition, verfällt. In denselben Vorbemerkungen sagt er:

Wer den Verstand nicht zu beherrschen weiß, kommt gar rasch ins

Gefängnis, und in dem Brief an seinen Sohn fügt er hinzu: Bilde Dir

aus der Erziehung eine zweite Natur.

Unter meinem Fenster ging eine gute Alte vorbei, sie sah mich und

lächelte mich an, indem sie sagte: »Du hier! Dein Papa und Deine Mama

wissen nichts! O, ich eile zu ihnen, ich werde es ihnen sagen!« Und

hinkend lief sie davon. Ich hielt sie für verrückt oder albern, und gab

nichts auf das, was sie mir gesagt hatte.

Es vergingen keine zwei Stunden, als ein edler Greis mit langem weißen

Bart sich vor mein Fenster stellte und mich lächelnd ansah. Ich fragte

ihn:

»Herr! wünschen Sie etwas von mir?«

»Nichts«, antwortete er freundlich, »aber bitte, könnten Sie mir sagen,

woher Sie sind und wie Sie heißen?« Nachdem ich ihn befriedigt hatte,

fragte ich ihn:

»Würden Sie mir den Grund Ihrer Fragen nennen?«

»Wissen Sie, braver Jüngling«, sagte er, »Sie ähneln vollständig meinem

Sohne Peppino, wenn Sie in mein Haus kämen, würden meine Frau und meine

Söhne Sie für ihn halten; ich wundere mich, wie die Natur Sie meinem

Sohne so ähnlich hat machen können; wissen Sie«, fügte er hinzu, nachdem

er mich aufmerksam angesehen hatte, »ich beglückwünsche mich dazu, ich

bin darüber froh; was ich für Sie thun kann, werde ich thun, wie meinem

Sohn; nachher werde ich ihn hierher führen, ich will, daß er Sie

umarme.«

Er ging dann, nachdem er mir die Hand gereicht hatte, indem er kaum die

Thränen zurückhielt, die ihm in seine himmlisch schönen Augen traten.

Nicht lange darauf ließ der Wärter mich in sein Zimmer treten, ein

Jüngling und jener edle Greis waren da, sie sahen mich zwei Minuten lang

an, dann wandte sich der Vater an den Sohn und sagte:

»Wohlan, Peppino, umarme ihn!«

Der liebe junge Mann warf sich in meine Arme, wir küßten uns wiederholt

innig, der Greis, dem die Thränen über die blassen Wangen rannen, küßte

mich mehrere Male, indem er sagte:

»Mein Sohn, ich segne Dich!«

Sie wollten von meinem Unglück hören, und als sie erfuhren, daß ich seit

drei Tagen nichts gegessen hatte, waren sie sehr betrübt. Ich sagte zu

ihm:

»Herr, könnte ich Ihren Namen wissen, damit er sich meiner Seele

einpräge, weil ich Ihnen heißen Dank schulde?«

»Ja, mein Sohn, ich heiße Francesco R..., dies«, auf seinen Sohn

zeigend, »ist mein geliebter Sohn Peppino, wir stehen ganz zu Ihrer

Verfügung.«

»Dank, Herr, Dank für Ihr edles Herz; mir genügt die väterliche

Zärtlichkeit, die Sie mir erwiesen haben und zu wissen, daß die

Vorsehung ihre elenden Geschöpfe nicht verläßt.«

Sie gingen, indem sie sagten, daß sie bald zurückkehren würden.

Am Mittag kamen sie mit einem Diener zurück, der einen großen Korb auf

dem Kopf trug.

Herr Francesco sagte zu mir:

»Mein Sohn, ich gehe zu meiner Familie zurück, ich habe heute viel zu

thun, wir werden uns heute Abend wiedersehen; mein Sohn bleibt hier, um

mit Dir zu speisen und zu plaudern.« Er drückte mir die Hand und ging.

Der Gefangenenwärter machte eine schöne Tafel zurecht, wir setzten uns

zu Dreien nieder und fingen heiter an zu essen und von dem

ausgezeichneten Wein zu trinken. Eine schöne Geflügelsuppe, zwei

gesottene Hühner, ein Kalbsbraten, gebratene Eier, Käse und viel Obst

machten unser Mahl aus. Wir sprachen von vielerlei Dingen und Peppino

sagte oft zu dem Wärter:

»Geben Sie mir diesen teuren Gefangenen, damit er heute Abend bei mir

schläft und daß ich ihn meiner lieben Mama zeigen kann.«

Der Wärter wollte es nicht zugeben.

Peppino schenkte mir ein Paket toskanischer Cigarren.

Abends kam der edle Herr wieder und sagte zu mir:

»Ich habe mit dem Offizier der Karabinieri, einem guten Freunde von mir,

gesprochen, und habe ihn gebeten, alles daran zu setzen, daß Sie morgen

nicht abreisen müssen und ein paar Tage hier bleiben können. Wir begaben

uns zu der Station der Karabinieri, wo er, nachdem man meine Papiere

untersucht, mich zu seinem Leidwesen wissen ließ, daß er mir nicht

dienlich sein könne, da es unmöglich sei; Sie müssen übermorgen auf dem

Gericht zu Monteleone sein, da Ihre Sache verhandelt wird. Das schmerzte

mich nicht wenig, denn ich hatte den Vorschlag gemacht, morgen meine

Frau mitzubringen; da ich ihr von Ihnen erzählt hatte, äußerte sie den

lebhaftesten Wunsch, Sie zu sehen.«

Er erkundigte sich, ob ich gegessen und getrunken habe; wenn ich etwas

benötigte, solle ich es ihn wissen lassen.

»Herr«, sagte ich, »ich mißbrauche Ihre Menschenfreundlichkeit, aber die

absolute Notwendigkeit, in der ich bin, läßt mich anspruchsvoll sein ...«

»Nein, nein«, antwortete er erregt, »sprechen Sie, sprechen Sie, wir

stehen ganz zu Ihrer Verfügung.«

»Ich brauche fünf Lire, um den dringendsten Bedürfnissen zu begegnen,

wenn ich in Pizzo und in Monteleone sein werde.«

»Peppino«, sagte der Vater zu dem Sohn, »geh' nach Hause und versorge

den braven Jüngling mit Geld.« Peppino steckt die Hand in die Tasche,

leert seine Geldtasche, nimmt zwei Fünflirenoten und giebt sie mir.

»Nein, nein«, ruft der Vater, »mein Sohn, das ist zu wenig, geh' nach

Hause und versorge Deinen Bruder mit Geld.«

»Ich danke, Herr«, sage ich, »ich danke, das ist zu viel, fünf Lire

genügen mir.«

»Und ich sage, daß es zu wenig ist«, sagte Herr Francesco erregt, »geh'

nach Hause, sonst ...«

»Herr, ich nehme nicht einen Centesimo mehr an; wenn Sie auf Ihren

Vorschlag bestehen, bin ich gezwungen, die zehn Lire zurückzugeben.«

»Nun wohl, dann nehmen Sie dies kleine Geschenk an, als Pfand meiner

Liebe für Sie«, und indem er einen goldenen Ring vom Finger nahm,

steckte er ihn an meine Hand -- »und ich bitte Sie, ihn oft anzusehen

und sich meiner zu erinnern. Wenn Sie etwas bedürfen sollten, so

erinnern Sie sich an Francesco R..., und wenn ich die wenigen Tage, die

mir noch verbleiben, vollendet habe, dann werde ich es meinen Söhnen als

Vermächtnis lassen, Ihrer zu gedenken, um Ihnen bei jeder Not

beizustehen. Morgen werden Sie nach Pizzo abreisen, mein Sohn wird Sie

vor dem Gefängnis mit einem Wagen und einem Kutscher erwarten, ich habe

Sie den Karabinieri warm empfohlen und hoffe, Sie werden keine

unangenehme Reise haben.« Er umarmte mich und küßte mich mehrere Male,

mich mit väterlicher Zärtlichkeit an die Brust drückend.

Tags darauf in der Frühe reiste ich, nachdem ich Peppino umarmt hatte,

von dannen.

In Monteleone kam ich am Abend des vierten August an, am folgenden Tage

sollte ich den Assisen vorgeführt werden.

Der Anwalt Herr Chimirri kam zu mir und sagte mir, daß er in Geschäften

in Monteleone sei und daß er aus reinem Zufall erfahren habe, daß meine

Sache verhandelt werden solle. Meine Verwandten waren nicht gekommen,

Entlastungszeugen waren nicht vorhanden; so erwarteten mich denn zwanzig

Jahre Zwangsarbeit.

Herr Chimirri kam nicht in Verlegenheit, die Schlauheit der Advokaten

geht weit.

»Geben Sie mir rasch vier Personen aus Ihrer Heimat an, die entweder tot

oder im Ausland sind.«

»Pasquale Colace fu Francesco, Leonardo Calzona di Francesco Antonio,

Marco Colace fu Francesco Antonio, Antonino Mazzitelli di Vincenzo.«

Er schrieb die armen Verstorbenen in sein Notizbuch und ging.

Ich werde in den Gerichtssaal geführt, nehme auf der Anklagebank Platz,

die Geschworenen werden ausgelost, als alles in Ordnung ist und ich

verhört worden bin, werden die Belastungszeugen gerufen, deren acht

waren, die Rache gegen mich schnoben und mich als einen wahren Mörder

hinstellten. Es werden die Entlastungszeugen gerufen, der Gerichtsdiener

öffnet die Thür des Zeugenzimmers und ruft:

»Pasquale Colace fu Francesco.«

»Nicht erschienen.«

»Marco Colace fu Francesco Antonio.«

»Nicht erschienen.«

»Leonardo Calzona di Francesco Antonio.«

»Nicht erschienen.«

»Antonino Mazzitelli di Vincenzo.«

»Nicht erschienen.«

»Beim Aufruf fehlen alle, Herr Vorsitzender.«

Wer weiß, ob diese armen Toten wissen, daß sie vor dem Gericht zu

Monteleone eine lächerliche unsinnige Macht darstellen.

Mein Verteidiger erhebt sich und protestiert.

»Die Entlastungszeugen fehlen, ich kann die Verhandlung nicht

fortsetzen.«

»Herr Präsident!« ruft einer der gegnerischen Partei, »diese Zeugen sind

lange vorher gestorben, ehe der Angeklagte das Verbrechen beging.«

»Sie sind tot?« sagte mein Verteidiger, »so werden wir sehen, ob sie auf

Kosten des Angeklagten aus dem Höllenrachen gezogen werden sollen, um

ihre Aussage abzugeben, oder ob ein anderer Entlastungsbeweis angetreten

werden soll.«

Alle lachten bei dieser Rede des Herrn Chimirri, der Vorsitzende läutet

und sagt:

»Die Verhandlung ist geschlossen.«

Alle blieben mit langer Nase sitzen und ich wurde ins Gefängnis geführt.

Ich erinnere mich nicht, welcher Streit sich zwischen mir und einem

Gefangenenwärter entspann, -- ich geriet in Zorn und gab ihm eine

Ohrfeige, wodurch ich mir vierzehn Tage Wasser und Brot zuzog, während

der Oberwächter De Cola, der halb blind war, mir sagte:

»Das haben Sie gut gemacht, der Wärter war eine Kanaille.«

Fünf Jahre.

Am Mittag des 17. November 1869, vierzehn Monate nach dem blutigen

Ereignis, verurteilte der Hof der Assisen zu Monteleone mich zu der

Strafe von fünf Jahren Gefängnis und zu den Kosten des Urteils, wegen

Totschlags, begangen im Zorn und infolge schwerer Aufreizung.

Ich schrieb an Herrn Francesco R... in Tiriolo, teilte ihm die gegen

mich erkannte Strafe mit und schickte ihm eine Anweisung über zehn Lire,

das Geld, welches er mir geliehen hatte, als ich das dortige Gefängnis

verließ.

Ich bewahre noch seinen Brief auf, als heiliges Pfand meiner Dankbarkeit

gegen ihn.

Folgendermaßen lautet der Brief des Herrn R...:

Mein gottgesegneter Sohn!

»Ihre Verurteilung hat mich nicht wenig betrübt, und betrübt sind

auch meine Frau und meine Söhne.

Ich danke Ihnen für die Empfindungen edlen Wohlwollens, die Sie in

Ihrem Schreiben bekunden und bitte Sie zu glauben, daß unsere Liebe

zu Ihnen immer dieselbe ist wie in dem Augenblick, da wir zuerst

das Glück hatten, Sie zu sehen. Ich schicke Ihnen die Anweisung

über zehn Lire zurück, und mir mißfällt Ihre Handlungsweise; ich

hatte den Wunsch, Ihnen Geld zu schicken, aber ich möchte Ihr

Ehrgefühl nicht verletzen, da ich Sie als sehr zartfühlend erkannt

habe; doch bitte ich Sie, sich in jedem Augenblick an mich zu

wenden, wo Sie etwas nötig haben, mit Vergnügen und ohne jeden

Eigennutz werde ich Ihnen schreiben, wie nur ein zärtlicher Vater

es vermag.

Bewahren Sie uns immer Ihre Liebe, wie auch wir Sie immer lieben

werden. Ihr zärtlicher Brief ist wiederholt von mir gelesen worden

und unsere Herzen sehnen sich danach, Sie zwischen uns zu sehen.

Fassen Sie Mut, fünf Jahre vergehen schnell, verlassen Sie sich auf

die göttliche Vorsehung, die, wie Sie selbst sagen, ihre Geschöpfe

nie verläßt.

Wenn Sie frei sind, vergessen Sie nicht den Alten in Maida, kommen

Sie und überraschen Sie uns, ja? Und werde ich unter der Zahl der

Lebenden sein, um Sie wieder zu umarmen? Wenn ich fehlen sollte,

werden meine Söhne Sie statt meiner umarmen.

Geben Sie oft Nachricht von sich und Ihrem Aufenthalt, fordern Sie

immer etwas von mir. Meine Frau ist betrübt, Sie nicht gesehen zu

haben, sie weint bei Ihrem Brief.

Empfangen Sie die Grüße meiner Familie, Peppino umarmt Sie und

sagt, daß er Sie dort besuchen will.

Ich küsse Sie von Herzen und segne Sie.

Maida, den 2. Dezember 1869.

Ihr zärtlicher Vater

Francesco R...«

In der Zwischenzeit, während ich mich im Gefängnis zu Catanzaro befand,

heirateten meine Schwestern, und mein Bruder verheiratete sich mit

Micheline M..., einer Spilingotin, der Schwester eines von denen, die

meine Schwestern geheiratet hatten. Während diese Brut und der Dummkopf,

mein Bruder, sich auf den Festen Hymens ergötzten, Wein tranken und das

halbe Erbteil verpraßten, das mein unglücklicher Vater ihnen

hinterlassen hatte, seufzte ich Ärmster in den finsteren Höhlen zu San

Giovanni in Catanzaro.

Ich weiß nicht, wie lange ich im Gefängnis zu Monteleone blieb. Jener

gute Alte, mein Onkel, der Priester Girolamo M... kam oft, mich

besuchen, wobei er Micheline, das Weib meines Bruders als einen Engel

schilderte, und er pflegte sie einen »himmlischen Engel« zu nennen, und

sagte, daß sie schön und kräftig sei. Ich konnte daraus entnehmen, daß

er an der famosen Micheline etwas fand, das ihn erregte und ihm einen

heimlichen Kitzel verursachte, so alt er war, oder daß er etwas

elastisches gesehen habe, worüber er den Kopf verlor. Der arme Thor!

Micheline M..., die Tochter des Schurken Betta, die verbissene Schülerin

der Grundsätze des berüchtigten +Ruina+, ein Engel an Leib und Seele!!

Wir werden seiner Zeit von diesem Engel sprechen und dann werden die

Spilingoten und meine Landsleute mir Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Es kam Befehl vom Ministerium, daß achtzig Gefangene aus dem Gefängnis

Calabriens nach Lucera do Puglia geführt werden sollten, um dort ihre

Strafe zu verbüßen, und in dieser Zahl war ich mit inbegriffen.

In meiner Abteilung waren wir neun in einem Zuge. Wir reisten über Pizzo

und in jenem Gefängnis sollten wir den Tag erwarten, wo der Dampfer kam,

der uns nach Neapel bringen sollte. In Pizzo beauftragte meine Familie

meinen Verwandten, Michela M..., damit, alles mögliche zu thun

vermittelst ärztlicher Zeugnisse, daß ich an jenem Tage nicht mit

abreiste. Ich blieb einen Monat im Gefängnis zu Pizzo, alle andern

Gefangenen waren in Lucera angekommen, ich allein fehlte. Im Gefängnis

zu Pizzo waren in dem Zimmer, wo ich wohnte, noch fünfzehn oder zwanzig

Gefangene, meistens zu Kettenstrafen verurteilt, die nach dem Bagno

geführt werden sollten, die andern waren Angeklagte und standen unter

schwerem Verdacht.

Man kam überein, einen Fluchtversuch zu machen, und im Fall des

Gelingens auf das Land zu fliehen. Man fing an, an dem Abtritt zu

arbeiten, es war nur nötig, das Loch in der Mauer so zu erweitern, daß

ein Mann knapp hindurch ging. Wir verschafften uns die zu dieser Arbeit

geeigneten Eisen und begannen in aller Ruhe zu arbeiten, und wenn Abends

der Wärter kam, um die Gefangenen zu zählen, dann leuchtete er auch mit

einer Laterne auf den Abtritt, um die Mauer zu inspizieren; aber wir

waren schlauer als er, und wenn wir einen Teil des Tages gearbeitet

hatten, brachten wir alles wieder mit Kot und Erde in Ordnung, daß es

aussah, als sei nichts zerstört; nachher, nach der abendlichen

Inspektion, gingen wir wieder mit unseren Eisen ins Werk. Wir arbeiteten

fünf oder sechs Tage, so daß an der Außenseite nur noch der Kalk an der

Mauer blieb, der nach einem Hammerschlag nachgegeben hätte.

Wir hielten Rat: diese Nacht mußten wir fliehen, aber ein starkes

Hindernis stellte sich uns entgegen, denn nahe dem Ort, wo die Flucht

statthaben sollte, stand die Schildwache.

Was war zu thun?

Wir beschlossen, das Los zu werfen, und wer herauskam, sollte die Mauer

sprengen, sich rasch auf die Schildwache stürzen und sie niederschlagen,

ohne daß sie Alarm machen konnte. Nachdem wir gelost hatten, wollte das

Schicksal, daß ein gewisser Luigi Martelli aus Catanzaro bestimmt wurde,

der zu zwanzigjähriger Zwangsarbeit verurteilt war; der zweite sollte

ich sein, dann die andern der Reihe nach.

Den ganzen Tag beratschlagten wir, jeder von uns war mit einem langen

dreieckigen Dolch bewaffnet.

Abends kam der Wärter zu dem gewöhnlichen Besuch, zählte die Gefangenen,

und als er vor dem Gefangenen Farabella vorbeikommt, öffnet dieser die

Tabaksdose, die er in der Hand hatte und sagt zu dem Wärter:

»Herr Ciccio, nehmen Sie eine Prise?«

Ciccio nahm die Prise und sagte:

»Ich danke, Farabella.«

Er ging auf den Abtritt, untersuchte die Mauern und entfernte sich.

Es konnte ungefähr sechs Uhr sein, als eine Abteilung Soldaten mit

aufgepflanztem Gewehr und Karabinieri das Haus umstellten. Die Thür

unseres Zimmers öffnet sich, es tritt der Chef mit zehn Karabinieri mit

aufgepflanztem Bajonett herein, wir müssen uns paarweise in Reihen

aufstellen, wir werden untersucht und es wird entdeckt, daß wir mit

langen Dolchen bewaffnet sind.

Der Anführer stößt von außen mit einem Gewehrkolben gegen die Mauer des

Abtritts und die schwache Kalkkruste geht in Stücke.

Der Abtritt wird untersucht, unsere Arbeit entdeckt, man findet die

Meißel, die Stangen und Hämmer, die im Kot begraben lagen. Wir werden

mit Eisen und Handschellen und starken Ketten gebunden und der Chef der

Wache frägt:

»Wer heißt hier Antonino M...?«

»Ich, Herr«, antwortete ich.

»Wächter«, befiehlt der Anführer, »lassen Sie den Gefangenen M... in das

obere Zimmer gehen, aber bewachen Sie ihn gut!«

Dank meinem Verwandten Michele Accorinti ging ich frei aus, denn nachher

habe ich erfahren, daß die armen Teufel tüchtig geprügelt wurden und als

am folgenden Tage der Dampfer auf der Rhede vorbei kam, mußten sie unter

strenger Aufsicht nach ihrem Bestimmungsort abreisen; die

Angeschuldigten nach Monteleone mit warmen Empfehlungen von dem Direktor

und dem Chef.

Ich vergaß dem Leser mitzuteilen, daß ich während der Zeit, da ich in

dem Gefängnis zu Catanzaro war, eine lebhafte Korrespondenz mit

Vincenzina unterhielt und daß, als ich in Monteleone ankam, mein Onkel,

der Priester und meine Verwandten mir drohten, daß sie mich meinem

Schicksal überlassen würden, wenn ich Vincenzina nicht verließe -- alles

nur Verschwörung der Schurken aus Spilinga, die hofften, daß ich mit der

Zeit eine ihrer Töchter heiraten würde, um mich in Schimpf und Schande

zu bringen, wie sie es mit dem Laffen, meinem Bruder, gemacht hatten.

Ich war gezwungen, mich zu fügen, und dann dachte ich: Ich komme vor

Gericht unter einer nicht leichten Anschuldigung, wer weiß, was für

Folgen mir in der Hinsicht begegnen können. Die arme Vincenzina mußte

inzwischen warten, wer weiß wie lange. Wer kann die Wechselfälle des

Lebens erforschen?

Wenn ich die Strafe verbüßt hatte, mußte ich Soldat werden und zwar

erster Klasse des Jahrgangs 1850. Was konnte mir beim Militär begegnen?

Unter einem so strengen Regiment war es bei meinem erregbaren

Temperament leicht möglich, daß ich neuer Schande entgegenging.

Ich schrieb Vincenzina einen Brief, in welchem ich ihr mein trauriges

Mißgeschick und die harte Folgezeit, die mir bevorstand, mitteilte; ich

bat sie, mir meine Schwäche zu verzeihen, und sagte, daß wenn die

Vorsehung mir geholfen hätte, bald in meine Heimat zurückzukehren, ich

nicht verfehlt haben würde, ihr die Hand zu reichen, und daß ich sie

noch immer liebte.

Ich sandte ihr ihren Ring zurück, indem ich sie bat, den meinen meiner

Familie zuzustellen, um meine Verwandten zu befriedigen, die so empört

gegen uns seien.

Die arme Vincenzina antwortete mir, daß sie alles so gemacht, wie ihr

befohlen, daß sie meine traurige Lage beklage, daß sie mich als ihren

Vetter immer lieben werde und daß für mich, als ihren Verlobten, ihre

Liebe ewig, unerschütterlich sei, daß sie über mein trauriges

Mißgeschick weine und daß sie für meine Befreiung bete.

Jetzt wollen wir den Faden meiner Erzählung wieder aufnehmen. Am Sonntag

nach dem, an welchem meine Gefährten abgereist waren, reiste ich nach

Neapel ab, begleitet von drei Karabinieri und einem Genossen, der zu

fünfzehnjähriger Zwangsarbeit verurteilt war. Er war nach dem Bagno in

Favignana bestimmt und hieß Luigi Perrone aus der Provinz Cosenza und

war aus wohlhabender Familie; als Angehöriger der Camorra war er wegen

gewisser Vergehen, die er im Gefängnis zu Cosenza verübt hatte, von

dieser Sekte dazu verurteilt, daß ihm das Gesicht zerschnitten werde,

aber bis zu diesem Augenblick hatte noch kein Picciotto die Ehre gehabt,

das fertig zu bekommen.

Er gestand mir, daß er in Neapel im Gefängnis del Carmina nicht mit mir

in das Durchgangszimmer kommen wollte, aus Furcht, daß ich ihn

verunstaltete, weil die Camorristen von seiner Durchreise benachrichtigt

waren und daß er dem Oberwächter davon Mitteilung machen wolle.

Ich bat ihn mit mir zu kommen, da ich dafür einstehen würde, daß ihm

nichts begegnen soll, es sei nicht schicklich für einen anständigen

Picciotto, sich mit dem Oberwärter ins Einvernehmen zu setzen; eine noch

schlimmere Sache könne für ihn eintreten, wenn er im Bagno sein würde;

daß es meine Sorge sein solle, ihn der Gesellschaft in Favignana zu

empfehlen, wo ich verschiedene Mitglieder kannte, und ich nannte ihm

einige gute Camorristen von Ruf, die meine engsten Freunde waren.[15]

[15] Hieraus geht hervor, daß der Mord, wegen dessen M... unter

Berücksichtigung aller mildernden Umstände verurteilt war, nicht seine

einzige Unthat war, so gerne er auch seine Beziehungen zur Camorra

übergeht.

Auf mein Zureden willigte er ein; in Neapel angekommen, im Gefängnis del

Carmina, traten wir in das Durchgangszimmer ein: ein großes Gemach mit

gewölbten Bogen und Säulen, ich glaube, in alten Zeiten ist es eine

Klosterkirche gewesen; hier waren ungefähr zweihundert Passagiere, die

Tag für Tag, ja Augenblick für Augenblick nach ihrem Bestimmungsort

abreisten, während andere Züge von dreißig oder fünfzig Gefangenen, ihre

Stelle einnahmen -- es war ein höllisches Kommen und Gehen.

Ich fand in diesem Raum einen gewissen Sansosti da Serra S. Bruno, einen

berüchtigten Camorristen und ein Haupt der Gesellschaft, der zu

lebenslänglichem Kerker verurteilt war und noch die Entscheidung eines

anderen Prozesses erwartete, wegen eines im Bagno zu Piombino begangenen

Mordes. Er war wie ein zum Galgen Bestimmter gekleidet: rote Jacke und

Mütze und grüne Hosen; an den Füßen schleppte er mühsam zwei lange

Ketten und große eiserne Ringe, die ein höllisches Geräusch machten.

Sansosti war ein alter Bekannter von mir, der, nachdem er mich kaum

gesehen hatte, herbeieilte, um mich zu umarmen und mir ins Ohr zu

flüstern:

»Das Stichwort?«

»Liebe und Achtung den Gefährten, blinder Gehorsam dem Masto.«

»Liebe und Achtung hast Du, blinden Gehorsam wirst Du mir gegenüber

beobachten.« Wir küßten uns, er gab mir zwei Cigarren und wir setzten

uns auf die Pritsche.

»Nun, teurer Genosse«, sagte er, »erzähle mir, wie es den Gefährten in

Catanzaro und Monteleone geht, ich möchte über gar vieles unterrichtet

sein.«

»Lieber Sansosti, die Gefährten sind zerstreut, jener Verräter Diogene

Perri hat sie verraten.«

Dann erzählte ich ihm das ganze Abenteuer mit Perri, seinen Tod und wie

es den Camorristen in Catanzaro gegangen war, indem ich ihn genau über

viele andere Angelegenheiten der Camorra unterrichtete. Dann sagte er:

»Und jener elende Perrone, hat man ihn nicht vorbeikommen sehen?«

Es muß erwähnt werden, daß Sansosti den Perrone nur dem Namen nach

kannte; denn als Perrone sich im Gefängnis zu Catanzaro befand, war er

allein in einer Zelle eingeschlossen, aus Furcht, daß die Camorristen

ihn ermordeten, und Sansosti hatte ihn niemals gesehen.

»Mir scheint, er ist abgereist«, antwortete ich Sansosti.

»Das glaube ich nicht, bei Gott nicht. Seit sechs Monaten erwarte ich

ihn schon, jeden Gefangenenzug, der ankommt, beobachte ich und erkundige

mich nach jedem, der ankommt und abgeht; man sagte mir, daß er noch

nicht fort sei und Du M..., hol's der Teufel, hast ihn in keinem

Gefängniß getroffen? Weißt Du, was unsere Brüder im Gefängnis zu Cosenza

beschlossen haben? »Wer den Picciotto Luigi Perrone verstümmelt, wird,

wenn er =nicht Camorrist= ist, sofort =Picciotto di mala vita=; gehört

er zur Camorra, so avanziert er zwei Grade; ist er Picciotto, so wird

er =Camorrist=, ist er Camorrist, so wird er eigentlicher Camorrist; ist

es der =Masto= oder auch ein Haupt der Gesellschaft, so soll er von

allen und für alles unantastbar sein und überall in seinem Kreise als

Haupt der Gesellschaft anerkannt werden.« Noch hat keiner von uns das

Glück gehabt, aber beim Blute der Madonna, er muß hier vorbei, noch ist

er nicht zurück ..., und jener Jüngling, der mit Dir kam, wer ist er?«

»Ein Freund von mir, ein braver Junge, Nicht-Mitglied der Camorra; zu

zehn Jahren Gefängnis verurteilt und nach der Anstalt in Aversa

bestimmt.«

»Aber sage mir, M..., glaubst Du, daß dieser ehrlose Perrone noch lange

hat, ehe er hier durchkommt?«

»Ich glaube, daß er mit einer anderen Abteilung kommen wird, denn in

Pizzo habe ich erfahren, daß er in Catanzaro krank lag.«

»Sehr wohl; jetzt, wenn Du etwas brauchst, verfüge auch über uns; wir

sind hier elf Genossen, mit Dir sind wir zwölf.«

»Lieber Sansosti, würdest Du mir einen Gefallen thun, wenn ich Dich

darum bitte?«

»Sicher, bei Gott, mein Bruder!«

»Wohlan, höre mich an, und dann mach' mit mir, was Du willst. Ich,

lieber Sansosti, bin nicht mehr der, als welchen Du mich einst gekannt

hast; ich bin zu fünf Jahren verurteilt und habe mir vorgenommen, in

Frieden in mein Haus zurückzukehren. Jetzt bin ich es müde, von der

Camorra sprechen zu hören, von Picciotti, von Rechten und Pflichten. Der

wahre Camorrist, der wahre Picciotto ist der, welcher geduldig seine

Strafe verbüßt und dann zurückkehrt, um seine Freiheit zu genießen,

anstatt in diesen entsetzlichen unheilvollen Höhlen alt zu werden.«

»Mir recht, mein lieber M..., ich habe Mitleid mit Dir, thu' was Du

willst; ich will Dir Deinen schönen Entschluß nicht von der Seele

reißen; aber heute Abend wirst Du mit mir speisen, damit ich Dich der

Gesellschaft vorstellen kann.«

»Mach' was Du willst, Sansosti, aber es würde besser sein, mich von

dieser Vorstellung zu entbinden.«

»Nein, nein; ich will es.«

Wir erhoben uns und schritten durch das von Schmutz und Ungeziefer

starrende Zimmer. Perrone, der Ärmste, saß in einem Winkel, in seinem

Mantel eingehüllt und zitterte bis in das Mark seiner Knochen, doch

nicht vor Kälte, sondern vor Furcht.

Kaum hatte ich dem berüchtigten Camorristen entfliehen können, dem

Verächter der Menschen und der Natur, als ich mich Perrone näherte; ich

fand ihn bleich, entsetzt; ich sprach ihm Mut zu und teilte ihm mit, daß

er von niemand gekannt sei und daß die Dinge eine gute Wendung nähmen.

Der Ärmste küßte mir die Hände und umklammerte meine Knie, während zwei

heiße Thränen auf meine Finger niederfielen.

Abends, um die achte Stunde, wurde eine Tafel auf einer Pritsche

errichtet; wir acht Gefangenen setzten uns, denn ein Picciotto konnte

nicht die Ehre haben, mit den Camorristen zusammen zu essen; am unteren

Ende der Tafel wurde ihnen etwas gereicht. Während die Zähne und die

Magen arbeiteten, sagte Sansosti:

»Ich stelle der Gesellschaft einen neuen Genossen, M..., vor, meinen

Landsmann, den ich genau kenne; er ist hier auf der Durchreise.« Die

Camorristen drückten mir die Hände und küßten mir die Wange, dasselbe

that ich. Wir aßen vergnügt und tranken viel, das Mahl war reichlich,

der Wein vorzüglich; dann zündeten wir die Cigarren an, gingen im Zimmer

umher und sprachen von Schandthaten der Camorra.

Und wer trug die Kosten dieser ungeheuerlichen Komödie? Es waren die

armen Unglücklichen, die nicht der berüchtigten Sekte der Camorra

angehörten.

Ich könnte viele Episoden mitteilen, welche die verhärtetsten Gemüter

erschauern machen würden, aber meine Absicht, meine Pflicht, und weil

ich nicht meineidig werden will, erlauben es mir nicht, und ich übergehe

sie, um nicht den Menschen und seinen Schöpfer zu verfluchen.[16]

[16] Was für moralische Widersprüche in diesem Manne! Erst sagte er,

daß er sich anständig halten wolle, um ruhig nach seinem Hause

zurückzukehren, dann ißt und trinkt er vergnügt und spricht von den

Schandthaten der Camorra. Er enthüllt unter Namensnennung

camorristische Beschlüsse und verschanzt sich dann hinter seiner

Pflicht als Camorrist und hinter der Ehrfurcht vor Gott, um nicht von

weiterem zu erzählen.

Vielleicht ist seine Ascetik nur eine Folge der Camorra. Die alte

Camorra war in der That sehr abergläubisch und religiös; ihre

Mitglieder trugen Medaillen und Rosenkränze und eine der

camorristischen Zeremonien, nämlich die, um sich unsichtbar zu machen,

vollzog sich in der Weise, daß man sich eine Wunde am Arm beibrachte

und die geweihte Hostie darüber legte.

Nachts berieten Perrone und ich, was am folgenden Tage geschehen sollte,

wenn er mit lauter Stimme von dem Gefangenenwärter zum Aufbruch

aufgerufen werden würde.

Am Morgen näherte ich mich dem Ausgangsgitter und sprach mit dem Wärter,

den ich fragte, ob er heute beim Aufruf der Gefangenen, die fort müssen,

zugegen sein werde. Er antwortete bejahend; darauf teilte ich ihm mit,

daß ein Gefährte von mir, der heute abreisen müßte, sich großer Gefahr

aussetzte, wenn er entdeckt würde, und ich bat ihn, mir den Gefallen zu

thun, wenn der Name Perrone an die Reihe käme, statt dessen den meinigen

zu rufen, worauf Perrone, der von dem Plan unterrichtet sei, das Zimmer

verlassen würde; auf diese Weise würde er für heute gerettet sein. Der

Wärter gab meiner Bitte gern nach, er vermerkte mit Bleistift die Namen

auf der Karte und sagte:

»Es ist in Ordnung, fürchten Sie nichts, Sie sind ein heller Kopf.«

Mittag kam heran, das Gitter wird geöffnet, der Wärter tritt mit einer

Abteilung von zwanzig Gefangenen herein, er hält ein Blatt Papier in den

Händen und ruft drohend:

»Ruhe, Ruhe!«

Als die Ruhe hergestellt ist, hält er sich das Blatt vor Augen und liest

laut das Verzeichnis der Gefangenen vor, die abreisen mußten. Perrone

stand an dem Ausgangsgitter, der Wärter rief ungefähr zehn Namen auf,

dann rief er:

»M...«

Perrone stürzte hinaus und stieg eilig die Treppe hinauf, während ein

anderer Wärter unten rief:

»Hierbleiben! Wohin? Hierbleiben, zum Teufel!«

Die aufgerufenen Gefangenen gingen hinaus, das Gitter wird geschlossen,

ich ging mit Sansosti auf und ab, der zu mir sagte:

»Jetzt glaube ich's; er ist noch nicht durchgekommen, soviel ist sicher.

Der elende Perrone, hier muß er durch; hier werden wir unsere Rechnung

glatt machen, da es in Calabrien nicht möglich war, was sagst Du, M...?«

»Ich glaube es, ich glaube es gern; wenn er noch nicht durch ist, muß er

noch kommen, -- wenn er nicht mit der Eisenbahn transportiert wird.«

»Mit der Eisenbahn? Du meinst, daß ihn die Regierung zum Vergnügen in

Italien herumreisen lassen wird?«

»Wenn er noch nicht durch ist«, erwiderte ich, »muß er sicher hier

vorbei -- aber, lieber Sansosti, was geht es Dich an, daß Perrone dem

Haupt der Gesellschaft, dem Guardavalle, das Gesicht mit einem Messer

aufschnitt? Was für ein Interesse hast Du daran, Dich in diese Dinge zu

mischen! Genügen Dir nicht die traurigen Strafen und die Leiden, die er

jetzt duldet?«

»Welche Strafen, welche Leiden? Und bist Du M..., der so spricht? Hast

Du Dich seit den zwei Jahren so verändert? Haben wir nicht geschworen,

die Schmach zu bekämpfen? Habe ich Dir nicht die Worte auf die Brust

eingeschnitten: Tod der Schmach! Hast Du nicht mit Deinen Genossen

geschworen, die Schmach auszurotten!?«

»O, damals waren andere Zeiten, ein anderes Herz schlug mir damals in

der Brust, und glaube mir, Sansosti, nachdem ich die Strafe erhalten

habe, habe ich Mitleid mit allen Unglücklichen und Entehrten, ich liebe

sie alle wie meine Brüder, die Guten und die Bösen, die Armen und die

Reichen, ob sie Genossen der Camorra sind oder nicht.«

»Nein, M..., nein; die Schmachvollen sind immer schmachvoll, sie

verdienen keine Rücksicht und kein Mitleid. Erinnerst Du Dich, als ich

Dir im Gefängnis zu Catanzaro einen Stoß gab? Damals kannte ich Dich

nicht; und Du, der Du die Beleidigung empfandest, verschafftest Dir ein

scharfes Eisen, um mich zu ermorden, während ich auf dem Abtritt meine

Bedürfnisse verrichtete. Und warum? Weil ich Dich beleidigt hatte, und

heute willst Du nicht, daß ein Elender, der die ganze Camorra beleidigt,

verstümmelt wird.«

Das waren die Gespräche, die ich mit diesem Galeerenhunde führte in den

drei Tagen, die ich im Gefängnis del Carmine war.

Ich allein, gefesselt und von zwei Karabinieri begleitet, fuhr mit der

Eisenbahn in einem Wagen dritter Klasse nach Foggia, machte in Benevento

Rast und setzte Tags darauf meine Reise fort. Im Gefängnis zu Foggia

wurde ich in ein Zimmer zu ebener Erde gebracht; hier traf ich einige

dreißig Gefangene.

Man muß wissen, daß ich ein großes dickes Buch bei mir trug, in dessen

Einband eine lange Messerschneide verborgen war, ähnlich der, mit

welcher die Lämmer geschlachtet werden; dieses Buch und das Messer hatte

mir ein Camorrist im Gefängnis zu Pizzo geschenkt. Ich trug es bei mir,

um unter Umständen Gebrauch davon zu machen ... Kaum war ich in dem

Zimmer, als ich mir einen halben Liter Wein bringen ließ, den ich mit

zwei Soldi bezahlte, denn der Liter kostete vier Soldi, ein

ausgezeichneter Barlettawein, denn damals war die Traubenkrankheit noch

nicht in Apulien aufgetreten.

Ich habe mich auf eines der Fenster gesetzt, das von außen mit

Holzfachwerk verkleidet ist, damit man nicht sehen soll, was draußen

vorgeht; ruhig und friedlich trinke ich meinen halben Liter Wein, um den

Magen zu wärmen, der seit zwölf Stunden trocken war. Während ich den

Göttertrank schlürfte, freute ich mich, daß ich müde war und mich an

einem mir unbekannten Ort befand. Ein hübscher bartloser Jüngling von

sechszehn bis siebzehn Jahren, anständig gekleidet und aufgeputzt wie

ein Dämchen, mit einer schief auf den Kopf gestülpten roten Kappe, wie

sie im Gefängnis zu Catanzaro angefertigt werden, mit Flittern von

verschiedener Farbe geschmückt, nähert sich mir und sagt:

»Freund, könnte ich die Ehre haben, Ihnen zwei Worte sagen zu dürfen?«

»Auch hundert,« antwortete ich mit verdrießlicher Stimme.

»Hier ist die Societa del Diritto, sie möchte etwas von Ihnen

beanspruchen.«

»Haben Sie ein wenig Geduld, mein lieber Picciotto, nachher werden Sie

bedient, aber sagen Sie mir, wer sind Sie?«

»Ich bin ein Picciotto di sgarro.«

»Schön. Haben die das Amt des Picciotto _du jour_?«

»Zu dienen.«

»Dann thun Sie mir den Gefallen und sagen Sie dem Camorristen _du jour_,

daß ich um eine Unterredung mit ihm bitten lasse.«

»Wir haben hier keinen Camorristen _du jour_, das Haupt der Gesellschaft

macht hier alles.«

»Wie?« rief ich verwundert aus, »eine Societa del Diritto, die aus mehr

als zwei Genossen besteht, hat keinen Camorristen _du jour_? Das ist mir

neu, sehr neu, trotzdem ich nicht gerade wenig weiß.«

»Wir machen hier alles selbst, wir beraten alles zusammen, und je mehr

einer weiß, desto besser ist es für ihn.«

»Bravo, mein Picciotto, bravo, tausendmal bravo! Wir machen alles selbst

-- also alles macht ihr selbst! Ihr braucht niemand Rechenschaft zu

geben von dem, was ihr thut. Was für eine Bande seid ihr denn? Nicht

übel: »wir machen alles selbst«. Dann werden also auch die Picciotti bei

Euch zur Versammlung zugelassen?«

»Natürlich; der Picciotto wird zuerst zugelassen.«

»Nun sagen Sie mir, lieber Picciotto, welches sind die Pflichten eines

Picciotto di sgarro, seine Funktionen und die Beziehungen, die er zur

Gesellschaft haben soll?«

»Das weiß ich nicht, denn ich kann weder lesen noch schreiben, ich

gehorche den Befehlen, die mir meine Genossen geben.«

»Nun, dann will ich es Ihnen sagen. Die Pflichten eines Picciotto di

sgarro sind, entweder zu betrügen oder betrogen zu werden; haben Sie

verstanden?... Aber nun marsch! Nachher werden wir uns wiedersehen!«

Er ging verdrießlich ab. Fünfzehn Gefangene nahmen ihn in die Mitte und

umringten ihn. Es waren die Camorristen, welche die Gesellschaft

ausmachten und ich glaube, daß der elende Picciotto erzählte, was ihm

bei mir begegnet war.

Ich maß den Kreis mit den Blicken und schätzte die Hallunken ab. Ich bin

allein, dachte ich, aber ich habe ein Messer, ich bin bewaffnet, kann

ich es darauf ankommen lassen, ich allein, es mit jenen fünfzehn

Hallunken aufzunehmen? Und wenn jene auch bewaffnet seien, und bessere

Waffen haben als ich? Sie sind fünfzehn, ich allein; wenn ich einen

Genossen hätte, der mir den Rücken decken würde -- ja, dann würde sich

das Schauspiel ändern. Dann könnte man es wagen; aber allein, allein

geht es nicht; ich muß die Klugheit siegen lassen und abwarten.

Der Picciotto erscheint wieder und sagt:

»Die Gesellschaft möchte sich von Ihnen etwas spendieren lassen.«

»Sagen Sie mir, lieber Picciotto, sind Sie verurteilt?«

»Noch nicht.«

»Sind Sie angeschuldigt?«

»Zu dienen.«

»Wo wird Ihre Sache verhandelt?«

»In Lucera.«

»Schön, könnte ich die Ehre haben, Ihren Namen zu erfahren?«

»Paolo Pescari, zu dienen.«

»Sehr schön.«

Ich knöpfte meine Weste auf, öffnete das Hemd und zog ein Amulet der

Madonna del Carmine hervor, das ich um den Hals trug. Ich öffnete es und

nahm eine Fünflirenote heraus, die ich dem Picciotto mit den Worten

reichte:

»Bitte, das genügt für Ihre Gesellschaft; aber Sie, erinnern Sie sich,

daß sie Ihnen ein Calabreser Namens M... gegeben hat.«

»Ich danke, ich werde es nicht vergessen.«

Man glaubt nicht, was in meinem Herzen vorging und was ich auf den

Lippen hatte, die Nacht ergriff mich ein heftiges Fieber mit

Delirien.[17]

[17] Diese Thatsache ist von großem diagnostischen Wert und läßt in

M... einen Epileptiker vermuten. Man muß beachten, daß er nicht empört

ist, weil er sich der Camorra beugen muß, sondern weil es sich um eine

falsche Camorra handelt.

Ich blieb fünf Tage in jenem Flecken und dachte: Was werden meine

Gefährten sagen und die, welche mich gekannt haben, wenn sie erfahren,

daß ich im Gefängnis zu Foggia für die Camorra habe bezahlen müssen?

Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M... · 第 10 / 24 题