Wiederherstellung

Sollten aber die energischen Gewalten, welche in den großen Mächten

hervorgetreten waren, so mit einem Mal erstickt und vernichtet sein?

Der Krieg, sagt Heraklit, ist der Vater der Dinge. Aus dem

Zusammentreffen entgegengesetzter Kräfte, in den großen Momenten der

Gefahr -- Unglück, Erhebung, Rettung -- gehen die neuen Entwickelungen

am entschiedensten hervor.

Frankreich war nur dadurch zu seiner Übermacht gelangt, daß es mitten in

seiner wilden Bewegung das Gemeingefühl der Nation lebhafter als je zu

erhalten, die nationalen Kräfte in einer so ungemeinen Ausdehnung zu dem

einzigen Zweck des Krieges anzustrengen gewußt hatte.

Wollte man ihm widerstehen oder je diese Übermacht noch einmal zu

brechen die Hoffnung fassen dürfen, so war da nicht mit Mitteln

auszureichen, wie sie bisher genügt hatten; selbst eine Verbesserung

der Militärverfassung allein hätte noch nicht geholfen; es gehörte eine

gründlichere Erneuerung dazu, um alle Kräfte zusammenzunehmen, in deren

Besitz man sein mochte; man mußte sich entschließen, jene schlummernden

Geister der Nationen, von denen bisher das Leben mehr unbewußt getragen

worden, zu selbstbewußter Tätigkeit aufzuwecken.

Es müßte eine herrliche Arbeit sein, dieser Verjüngung des nationalen

Geistes in dem ganzen Umfange der europäischen Völker und Staaten

nachzuforschen, die Ereignisse zu bemerken, die ihn wieder erweckten,

die Zeichen, die seine erste Erhebung ankündigten, die Mannigfaltigkeit

der Bewegungen und Institutionen, in denen er sich allenthalben

aussprach, die Taten endlich, in denen er siegreich hervortrat. Doch

ist dies ein so weit aussehendes Unternehmen, daß wir es hier auch nicht

einmal berühren könnten.

Gewiß ist, daß man erst dann mit einiger Aussicht auf Erfolg zu streiten

anfing -- 1809 --, als man hierin der Forderung des Weltgeschickes

ein Genüge zu leisten begann. Als in wohlgeordneten Reichen ganze

Einwohnerschaften ihre althergebrachten Wohnsitze, an die sie selbst die

Religion knüpfte, verließen und sie den Flammen preisgaben, -- als große

Bevölkerungen, von jeher an ein friedlich bürgerliches Leben gewöhnt,

Mann bei Mann zu den Waffen griffen, -- als man zugleich des ererbten

Haders endlich wirklich vergaß und sich ernstlich vereinigte, -- erst

da, nicht eher gelang es, den Feind zu schlagen, die alte Freiheit

herzustellen und Frankreich in seine Grenzen einzuschließen, den

übergetretenen Strom in sein Bette zurückzutreiben.

Wenn es das Ereignis der letzten hundert Jahre vor der Französischen

Revolution war, daß die großen Staaten sich erhoben, um die

Unabhängigkeit von Europa zu verfechten, so ist es das Ereignis der

seitdem verflossenen Periode, daß die Nationalitäten selbst sich

verjüngt, erfrischt und neu entwickelt haben. Sie sind in den Staat mit

dem Bewußtsein eingetreten, er würde ohne sie nicht bestehen können.

Man ist fast allgemein der Ansicht, unsere Zeit habe nur die Tendenz,

die Kraft der Auflösung. Ihre Bedeutung sei eben nur, daß sie den

zusammenhaltenden, fesselnden Institutionen, die aus dem Mittelalter

übrig, ein Ende mache; dahin schreite sie mit der Sicherheit eines

eingepflanzten Triebes vorwärts; das sei das Resultat aller großen

Ereignisse, Entdeckungen, der gesamten Kultur; ebendaher komme aber auch

die unwiderstehliche Hinneigung, die sie zu demokratischen Ideen

und Einrichtungen entwickele; und diese bringe dann alle die großen

Veränderungen, deren Zeuge wir sind, mit Notwendigkeit hervor. Es

sei eine allgemeine Bewegung, in der Frankreich den anderen Ländern

vorangehe. Eine Meinung, die freilich nur zu den traurigsten Aussichten

führen kann. Wir denken indes, daß sie sich gegen die Wahrheit der

Tatsachen nicht zu halten vermögen wird.

Weit entfernt, sich bloß in Verneinungen zu gefallen, hat unser

Jahrhundert die positivsten Ergebnisse hervorgebracht; es hat eine große

Befreiung vollzogen, aber nicht so durchaus im Sinne der Auflösung;

vielmehr diente ihr dieselbe, aufzubauen, zusammenzuhalten. Nicht genug,

daß es die großen Mächte allererst ins Leben gerufen; es hat auch das

Prinzip aller Staaten, Religion und Recht, es hat das Prinzip eines

jeden insbesondere lebendig erneuert.

Eben darin liegt das Charakteristische unserer Tage.

In den meisten Epochen der Welthistorie sind es religiöse Verbindungen

gewesen, was die Völker zusammengehalten hat. Doch hat es zuweilen auch

andere gegeben, die man mit der unseren eher vergleichen kann, in denen

mehrere größere, durch ein politisches System verknüpfte Königreiche

und freie Staaten nebeneinander bestanden. Ich will nur die Periode der

mazedonisch-griechischen Königreiche nach Alexander erwähnen. Sie

bietet manche Ähnlichkeit mit der unsrigen dar: eine sehr weit

gediehene gemeinschaftliche Kultur, militärische Ausbildung, Wirkung und

Gegenwirkung verwickelter auswärtiger Verhältnisse; große Bedeutung

der Handelsinteressen, der Finanzen, Wetteifer der Industrie, Blüte der

exakten, mit der Mathematik zusammenhängenden Wissenschaften. Allein

jene Staaten, hervorgegangen aus der Unternehmung eines Eroberers und

der Entzweiung seiner Nachfolger, hatten keine besonderen Prinzipien

ihres Daseins weder gehabt noch sich anzubilden vermocht. Auf Soldaten

und Geld beruhten sie. Eben darum wurden sie auch so bald aufgelöst,

verschwanden sie zuletzt völlig. Man hat oft gefragt, wie Rom sie so

rasch, so vollkommen bezwingen konnte. Es geschah darum, weil

Rom, wenigstens solange es Feinde von Bedeutung hatte, mit

bewunderungswürdiger Strenge an seinem Prinzipe festhielt. Auch bei uns

schien es wohl, als sei nur noch der Umfang der Besitzungen, die Macht

der Truppen, die Größe des Schatzes und ein gewisser Anteil an der

allgemeinen Kultur für den Staat von Wert. Wenn es je Ereignisse gegeben

hat, geeignet, einen solchen Irrtum zu zertrümmern, so sind es die

Ereignisse unserer Zeit gewesen. Sie haben die Bedeutung der moralischen

Kraft, der Nationalität für den Staat endlich einmal wieder zur

Anschauung in das allgemeine Bewußtsein gebracht. Was wäre aus unseren

Staaten geworden, hätten sie nicht neues Leben aus dem nationalen

Prinzip, auf das sie gegründet waren, empfangen. Es wird sich keiner

überreden, er könne ohne dasselbe bestehen.

Nicht ein solch zufälliges Durcheinanderstürmen, Übereinanderherfallen,

Nacheinanderfolgen der Staaten und Völker bietet die Weltgeschichte

dar, wie es beim ersten Blicke wohl aussieht. Auch ist die oft so

zweifelhafte Förderung der Kultur nicht ihr einziger Inhalt. Es sind

Kräfte, und zwar geistige, Leben hervorbringende, schöpferische Kräfte,

selber Leben, es sind moralische Energien, die wir in ihrer Entwickelung

erblicken. Zu definieren, unter Abstraktionen zu bringen sind sie nicht;

aber anschauen, wahrnehmen kann man sie; ein Mitgefühl ihres Daseins

kann man sich erzeugen. Sie blühen auf, nehmen die Welt ein, treten

heraus in dem mannigfaltigsten Ausdruck, bestreiten, beschränken,

überwältigen einander; in ihrer Wechselwirkung und Aufeinanderfolge, in

ihrem Leben, ihrem Vergehen oder ihrer Wiederbelebung, die dann immer

größere Fülle, höhere Bedeutung, weiteren Umfang in sich schließt, liegt

das Geheimnis der Weltgeschichte.

[Schlußworte nach dem Texte der Historisch-politischen Zeitschrift

2. Band, 1833]

Sind wir nun von einer geistigen Gewalt angegriffen, so müssen wir ihr

geistige Kräfte entgegensetzen. Dem Übergewichte, das eine andere Nation

über uns zu bekommen droht, können wir nur durch die Entwickelung

unsrer eigenen Nationalität begegnen. Ich meine nicht einer erdachten,

chimärischen, sondern der wesentlichen, vorhandenen, in dem Staate

ausgesprochenen Nationalität.

Wie aber, wird man mir erwidern, ist nicht die Welt gerade in der

Ausbildung einer immer engern Gemeinschaft begriffen? Würde nicht

diese Richtung, die sie genommen, durch den Gegensatz der Völker

und Volkstümlichkeiten, der Staaten und ihrer Prinzipien gehindert,

eingeengt werden?

Es verhält sich damit, wenn ich mich nicht täusche, wie mit der

Literatur. Nicht damals hat man von einer Weltliteratur geredet, als

die französische Europa beherrschte; erst seitdem ist diese Idee gefaßt,

ausgesprochen und verbreitet worden, seit die meisten Hauptvölker von

Europa ihre eigene Literatur selbständig und oft genug im Gegensatz

miteinander entwickelt haben. Ist es mir erlaubt, ein kleines Verhältnis

mit den großen zu vergleichen, so möchte ich daran erinnern, daß nicht

diejenige Gesellschaft Genuß und Förderung gewährt, wo einer das Wort

führt und die Unterhaltung leitet, noch auch die, wo alle auf gleicher

Stufe oder, wenn man will, in gleicher Mittelmäßigkeit nur immer

dasselbe sagen. Da erst fühlt man sich wohl, wo sich mannigfaltige

Eigentümlichkeiten, in sich selber rein ausgebildet, in einem höhern

Gemeinsamen begegnen, ja wo sie dies, indem sie einander lebendig

berühren und ergänzen, in dem Momente hervorbringen. Es würde nur

eine leidige Langeweile geben, wenn die verschiedenen Literaturen ihre

Eigentümlichkeit vermischen, verschmelzen sollten. Nein! die Verbindung

aller beruht auf der Selbständigkeit einer jeden. Auf das lebendigste

und immerfort können sie einander berühren, ohne daß doch eine die

andere übermeistere und in ihrem Wesen beeinträchtige.

Nicht anders verhält es sich mit den Staaten, den Nationen.

Entschiedenes positives Vorwalten einer einzigen würde den andern zum

Verderben gereichen. Eine Vermischung aller würde das Wesen einer jeden

vernichten. Aus Sonderung und reiner Ausbildung wird die wahre Harmonie

hervorgehen.

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Diese Abhandlung Leopold von

Rankes gelangt hier mit Genehmigung

des Verlages von Duncker & Humblot

in München und Leipzig zum Abdruck.

Der Druck erfolgte in der Piererschen

Hofbuchdruckerei in Altenburg.

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Fußnote:

[1]: Historisch-politische Zeitschrift II. Band. 1833.

[ Hinweise zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext

beibehalten.

Änderungen:

Seitenangabe

originaler Text

geänderter Text

Seite 26

das eigentliche nationale Motiv zu dem Spanischen Erfolgekriege

das eigentliche nationale Motiv zu dem Spanischen Erbfolgekriege

Seite 35

Böhmen und Öberösterreich waren nicht viel minder

Böhmen und Oberösterreich waren nicht viel minder

]

Die großen Mächte · 第 8 / 9 题