»Das Maul reißt es mir auseinander, den Schlund zerschneidet es mir!«
fluchte der Dullhäubel.
»Friß den dritten!«
»Gelts Gott tausendmal, Sulpiz! Ich kann nimmer. Ich mag mich nit
vergiften.«
»Verstehst du jetzt, Junggesell, wie es mir notgedrungenem Ehemann
dreimal ergangen ist? Die erste ist lang und hager gewesen, die zweite
kurz und dick, die dritte nit klein, nit groß, nit dick, nit dünn. Es
ist aber ein Teufel wie der andere gewesen. Das bravste Weib heißt
Luder, den andern ihre Namen darf ich nit verraten, sonst zerreißen sie
mich.«
Ein altes Männlein schlüpfte in die Werkstatt herein.
»Grüß Gott, Hammer und Amboß! Ich hab gerad jetzt dein Feuer
aufleuchten sehen. Eine Bitt hab ich.« Er knöpfte den Brustfleck auf
und zog einen Ziegel herfür. »Wärme mir ihn, Schmied! Ich trag allweil
den lauwarmen Ziegel am Bauch, das tut mir so gut für mein inwendiges
Leiden.«
Der Sulpiz Schlagendrauf legte den Ziegel an die Glut. Und wieder in
die alten Zeiten versunken, brummte er: »Das größte Leiden ist ein
Weib. Es ist ein Höllhaken, es zischt wie das Fegfeuer.«
Das Männlein luchste hin. »Willst du wieder heiraten, Meister Ruß? Oder
du, Dullhäubel?«
»Ich nit,« ächzte der Schmied.
»Ich schon gar nit, Didelmann!« rief der Dullhäubel.
»Kasper, dich juckt es,« redete der Sulpiz. »Aber hör auf mich! Es
gibt keinen Mann, der das Heiraten nit tausendmal bereut. Der Pfarrer
Hurneyßl selber hat gepredigt, daß so mancher bei seiner Hochzeit
glaubt, er greift nach der Zuckerbüchse, aber derweil erwischt er die
Pfefferbüchse.«
»Der Pfarrer hat leicht schelten,« antwortete der Dullhäubel, »der hat
eine steinrabenalte Köchin bei sich.«
»Kasper, du bist ein lediger Bursch, du kennst die Weiberleut nit. Die
kennst du erst, wenn du mit ihnen verheiratet bist. Vor der Hochzeit
ist eine jede wie eine zugedeckte Schüssel.«
Der Didelmann nahm den Ziegel vom Feuer, schob ihn wieder unter den
Brustfleck und erzählte dabei: »Anno eins, wie der große Wind gegangen
ist, haben wir einen Bären gefangen. Der hat uns viel Schaden getan,
drum haben wir uns beraten, was die grausamste Straf für das Vieh wär.
Da ist ein uralter Mann aufgestanden, Irg Kolroß hat er sich geheißen,
und der hat gesagt: ›Laßt den Bären heiraten!‹ Der Alte ist nit der
Dümmere gewesen.«
Kichernd schlüpfte der Didelmann aus dem Gewölb.
»Der eine redet hü, der andere hott,« seufzte der Dullhäubel, »ich kenn
mich nit aus mit dem Heiraten.« --
Das Frühjahr kam, die Bauern legten die Fäustlinge ab und schnitten das
Moos von den Bäumen. Das Gras nahm zu. Da rannen die Maibrünnlein, der
Hahn balzte und krugelte, der Wendehals rief schmachtend »woid, woid«
und verrenkte sich vor Verliebtheit schier den Kragen. Der Guckauf
raufte und hochzeitete. Lau wurden die Nächte, und der Mond schaute
scheinheilig drein.
Wenn der Dullhäubel nachts auf den Schemel stieg, das hochgerüstete
Bett zu erklettern, seufzte er: »Das Himmelbett ist mir viel zu breit.«
Er wälzte sich ohne Schlaf, und das Blut zuckte ihm. --
Einmal ging die Spuchtin an seinem Hof vorbei, sie schleppte einen Korb
Klaubholz aus dem Vogeltänd.
Der Dullhäubel stürzte ihr nach, den Atem verschlug es ihm schier.
»Holzhackerin, komm heut noch einmal in den Wald, ich schenk dir einen
dürren Baum. Komm aber allein! Ich helf dir ihn abschneiden.«
Sie sah ihn mitleidig an. »Bauer, ich dank schön für den Baum. Ich hol
ihn morgen mit meinem Mann. Aber du, Bauer, brauchst eine, die dir
das Bett schön macht und emsig und zutätig deine Wirtschaft zusammen
haltet. Heirat bald! Dann wachst dir ein nagelneues Herz.«
»Ich weiß mir keine,« sprach er betrübt.
»Nimm die Ogath!« --
Der Dullhäubel träumte wieder schwer. Ein sagenhafter Urvater erschien
ihm, auf dem Kopf eine kleine rote Haube mit einer baumelnden Dulle
daran, und der gebot ihm, das Geschlecht der Dullhäubel schleunig
fortzupflanzen.
Und wenn der Bauer nächtens heimkam und der Mond im Vollschein stand,
da war ihm, es stünden auf dem Lichtboden des Gehöftes die verstorbenen
Vorfahrer Pankraz, Servaz und Bonifaz, die Bärte bereift wie die
Eismänner, und der Isidor mit der kupfernen Nase, und sie drohten herab
auf den unfruchtbaren Nachkömmling.
* * * * *
Die Ogath verlebte trübe Zeiten.
Der alte Müller war jetzt Herr im Haus. Mit kalten Augen, mürrischem
Maul schlich er durch die Mühle und raunzte den lieben Tag über Wind
und Wetter, es mochte heiter sein oder trüb. Und immer härter geizte
er, sie und ihr Kind sollten nur Erdäpfel essen und sauere Milch, und
wenn sie im Winter die eisige Stube heizen wollte, riß er ihr das
Scheitlein Brennholz aus der Hand.
Die Mühle ging immer öder und grämlicher, ewig gleich hob sich das
Geschäufel aus der Tiefe, mühselig, in schwerfälliger Gewalt, grünlich
triefend, und versank wieder.
Immer öder kamen und sanken der Ogath die Tage. Sie wurde des Lebens
verdrossen.
Als sie dem Alten einmal vorwarf, er lasse sie und das Kind hungern,
lachte er hämisch. »Seltsam, seltsam, wie malefizblond dein Dirnlein
ist! Schier wie dem Dullhäubel sein Bart.«
Da ward sie still und schaute das Kind lange in Gedanken an.
Am selben Tag noch machte sie sich gegen Kaltenherberg auf, sie wollte
sich mit den Eltern beraten. In der Mühle hielt sie es nimmer aus.
Am Weg begegnete ihr der Narr. Eine bunte Schürze, die er um den Hals
gebunden hatte, hing ihm am Rücken nieder. Er breitete die Arme aus wie
der Pfarrer am Altar und sang lateinisch.
Die Ogath duckte sich hinter einer Kranwitstaude. Sie wußte, daß er
kürzlich seine Mutter gezwungen hatte, in den Kleiderkasten zu steigen,
den Kasten hatte er dann umgeworfen und die Frau drin besungen wie
eine Leiche im Sarg.
Doch seine gefährlichen Augen hatten die Ogath schon erspäht. Mit ein
paar lächerlichwilden Sprüngen stand er vor ihr und krächzte: »Knie
dich hinein in den Dorn, Maria!«
Zitternd folgte sie ihm. Sie fürchtete die flackernde Unruhe in seinem
Blick. Und als sie mitten im stechenden Busch kniete, raunte er: »Jetzt
bin ich der Erzengel. Ich will dich segnen unter den Weibern. Aber
zuerst schneid ich dir das sündhafte Haar ab.«
Er wetzte sein Messer am Knie.
Furchtbar schrie sie auf vor Angst. Was mochte der irre Mensch vorhaben?
Da kam der Dullhäubel den Hang vom Vogeltänd herunter gelaufen. Von
weitem schrie er: »Stocknarr, ich erschlag dich!«
Der Zusch warf sich ihm zu Füßen und winselte, er möge ihn leben lassen.
Totenblaß kroch das Weib aus dem Strauch. »Händ und Knie sind mir wund,
der Kittel ist zerrissen,« weinte sie. »Alle Bitternis muß man sich
gefallen lassen, wenn man keinen Mann mehr hat. Fallt ein Stein vom
Himmel, so fallt er auf eine Wittibin.«
Der Dullhäubel senkte die Augen. »Wie geht es dir, Ogath? Ich hab dich
schon lang nimmer gesehen.«
»Es ist redlich drei Jahr her, daß ich im Wittibstuhl sitz,« erzählte
sie. »Dem Alten muß ich den Mühlknecht machen, und in der Nacht kann
ich nit schlafen, so arg treiben es die Ratzen. Ich will davon, mit
Zähren feucht ich meinen Weg. Zu meinem Bruder will ich, will das
Herrgottelschnitzen lernen.«
Verlegen striegelte sich der Bauer durchs Haar, er schrumpfte fast
zusammen vor dem großen, ernsten Weib. Er stammelte: »Heut wär mir
schier die Scheuer abgebrannt, die Dirn hat die glühende Asche
hinausgeworfen. Ogath, mein Hof braucht eine Bäurin.«
»Willst du wieder einen Heiratsbrief schreiben?« antwortete sie herb.
Sie kehrte zur Mühle zurück, in zerrissenem Gewand wollte sie nicht vor
die Ihren treten. Der Bauer schlich neben ihr her und redete nichts.
Über den Steg kam ihr das Dirnlein entgegen.
Die Ogath atmete schwer auf, als sie den roten Zopf ihres Kindes
glänzen sah. »Dullhäubel,« sagte sie, »nur einmal in deinem Leben red
die Wahrheit! Ist das dein Kind?«
»Ja!« wisperte er zerknirscht.
»Die Schand muß zugedeckt werden,« sprach sie. »In drei Wochen heiraten
wir.«
[Illustration]
Der graue Sünder.
Der Dullhäubel hatte die Ogath heimgeführt. Sie war fleißig und ernst,
hielt den Hof fest in der Hand und gebar ihm zu dem ersten Dirnlein
noch elf andere, allesamt rothaarig.
Er war ein Mann in den besten Jahren worden. Das Haar hing ihm tief
in die pfiffig gerunzelte Stirn, über den kleinen Augen hafteten die
Brauen wie rote, borstige Raupen, der Fuchsbart deckte ihm Kinn und
Lippen. Die Nase war ein wenig schief gebogen. Denn er schnupfte weit
eifriger als früher, und der Tabak, wie er ihn vormals genossen,
schmeckte ihm nimmer, er war ihm zu mild. Drum mischte er ihn jetzt
nicht nur mit Schmalz, daß er sich binde und nicht so leicht zerstäube,
sondern er rieb auch Glasscherben drein, daß er die Nase schärfer
angreife und das Hirn aufrüttle.
Der also verstärkte Schmalzler scheuchte ihm die Sorgen, die ihm seine
Schelmenstücke eintrugen, und tröstete ihn, wenn ihm die Bäurin das
Gewissen riegelte, oder wenn ihn der Blaumantel mit seinem höllischen
Blick durchbohrte.
Denn trotz seiner Jahre kam der Dullhäubel nicht aus der Bubenhaut
heraus, sein Kopf wimmelte voll schabernackischer Pläne, und die
Lust, dem lieben Nächsten ein Schwänklein und Schwänzlein anzubinden,
verringerte sich ihm nicht.
* * * * *
Einmal schlachteten sie im Dullhäubelhof eine Sau. Da wollte sich der
Bauer von der Arbeit wegschrauben und meinte, er habe in der Stadt
zu tun, er müsse dort in die Steuerstube schauen und dem Marktpreis
nachfragen, und am Heimweg wolle er das Kalb mitbringen, das die Bäurin
in Blaustauden gekauft hatte.
In Hirschenbrunn kehrte er in jedem Haus ein, wo der Herrgott den Arm
herausstreckte, horchte scheinheilig den Reden der Stadtleute zu und
ließ sich erzählen, was in den Zeitungen gedruckt war.
Eine hübsche Weile stand er vor einem Arzneiladen und überlegte.
Hernach trat er ein, den Schmalzler auf dem Handrücken, schaute sich
lange um, starrte einfältig das Krokodil an, das, an die Decke
gekettet, scheußlich nach ihm herabfletschte, schnupfte ausgiebig,
schaute sich wieder um und wackelte tölpisch mit dem Kopf.
Geschäftig fragte der Apotheker: »Was begehrt Ihr? Dachsschmalz?
Regenwurmöl? Mausohrsaft? Pfefferminz?«
»Du hast es wohl nit, Wurzelkrämer,« sagte der Bauer schüchtern und
drehte den Hut in der Hand.
»Wollt Ihr Schwefel? Kupferwasser? Ein Quintel Weinsteinöl? Salniter?
Salarmoniak? Eine Wagenschmiere? Eine Handsalbe?«
Der Dullhäubel sah den Apotheker tiefsinnig an. »Ich krieg es wohl nit
da herin,« murmelte er.
»Besinnt Euch, Vetter! Hat Euch der Doktor einen Giftzettel
geschrieben? Braucht Ihr eine Kropfschmiere? Eine Laussalbe? Ein
Windsäftlein fürs Kind?« sprudelte der Mann hinterm Ladentisch.
Der Dullhäubel horchte ihm ehrfürchtig zu, und als dem Apotheker der
Atem ausging, faßte er die Klinke, schnitt ein Koboldsgesicht und
sagte: »Also behüt dich Gott, Wurzler! Einen Peitschenstecken hätt ich
gebraucht.« --
Gemächlich ging er heim.
In Blaustauden suchte er den Burgermeister auf, von dem hatte die Ogath
ein Kalb, dessen braunscheckiges Fell ihr wohl gefiel, zur Aufzucht
erstanden.
Als der Mittag ausgeläutet ward, zog der Dullhäubel, den Burgermeister
am Arm und das Kalb leitend, durchs Dorf. Auf der Brücke hielt er an
und begann grell zu singen:
»Die Blaustaudner läuten,
sie läuten vor Not,
sie fangen den Bettelmann
und nehmen ihm 's Brot.«
Der Burgermeister vermahnte ihn: »Sing das nit, Freund! Sing ein
anderes! Und überleg dir, mit wem du gehst! Ist dir nix heilig?«
Dem Dullhäubel war nichts heilig. Er packte das Kalb am Ohr und redete
ihm hinein: »Merk auf, Burgermeisterlein! Wie der Teufel den Heiland
versucht hat, hat er ihn auf den Lusen geführt, und von dem Berg aus
hat er ihm die ganze Welt gezeigt. Aber Blaustauden ist ihm zu rußig
gewesen, das hat er verstecken wollen und hat geschwind seinen Schweif
darauf gelegt.«
Da schellte der Burgermeister dem Spottvogel eins hinter die Ohren, daß
dem der Hut in den Bach flog, und lief schleunig davon. Der Dullhäubel
stand da, das Kalb am Strick, und mußte den Widersacher rennen und den
Hut schwimmen lassen.
Als er am Freithof vorüber trieb, stieg gerade der Totengräber aus
einem Grab. Der versuchte, einen breitkrempigen Filzhut auf den Kopf zu
setzen, aber der Hut war ihm zu weit und sank ihm bis zum Maul herunter.
»Staches, zu dem Hut mußt du dir einen größern Schädel anschaffen!«
riet der Dullhäubel.
»Ich hab den Filz jetzt gefunden,« sagte der Staches, »in deinem Ähnel
seiner Grube ist er gelegen. Ja, der Bonifaz muß heraus, er hat lang
genug gerastet. Unserm Rauchfangkehrer muß er Platz machen.«
Der Bauer band das Kalb an einen Stein, darein das Bild einer
Pfarrersköchin gemeißelt war, den Kochlöffel in der Hand.
Aus dem geöffneten Grab grinste der Schädel des Bonifaz herauf, die
Pfeife war ihm noch unverwest ins falsche Gebiß geklemmt, das der Ähnel
selber sich aus einem Rindsknochen geschnitzt hatte.
Der Dullhäubel setzte den Hut auf, der der Verwesung so tapfer
widerstanden, und er paßte ihm wie angemessen. »Der Alte braucht ihn
nimmer,« sagte er, »ich nehm ihn mit. Die Pfeife drunten aber kannst du
dir nehmen, Staches.«
Dem Totengräber grauste. »Vergelts Gott, ich trag kein Verlangen
darnach.«
Der Bauer zerrte das Kalb weiter, und oft tappte er nach dem Hut, den
ihm der Ähnel zur gelegenen Zeit aus der Ewigkeit geschickt hatte.
Ein Haus sperrte ihm den Weg, das trug den einladenden Spruch überm Tor:
Das ist das Wirtshaus an der Straßen;
wer einen Durst hat, kann hier einen lassen.
Und weil der Dullhäubel himmelblau gelaunt war, zog er das Kalb mit
sich in die Stube und band es an den Tischfuß.
Die Wirtin saß gerade beim Nähzeug und riß die Augen auf ob der
seltsamen Gäste.
»Siebenkittelwirtin, schenk ein! Dem Zöpfel da,« der Bauer deutete auf
das Kalb, »gibst du einen Kirschgeist!«
Auf der Bank unter dem schräg vorhängenden Spiegel lungerte der
Lippenlix und strich sich den stolzen Schnurrbart. »Sitz her, Kasper!«
sagte er. »Geld hab ich wie ein Sautreiber. Spiel mir es ab!«
»Ich mag nit, Schönbart.«
»Wirtin, schaff Karten her!« begehrte der Lix. »Spielen wir
Grünoberfangen um drei Zündhölzer! Oder willst du färbeln? Oder
lampeln?«
Er fuhr ganz wild über die Karten her, mischte sie, ließ abheben und
gab aus.
Sie trumpften auf den Tisch. »Und da hast du eine Eichel!« »Und da friß
den König!« »Und heraus mit der Schellensau!« So flog es hin und zurück.
Die Karten aber, die der Lix wie einen Fächer in der Hand faltete,
malten sich in dem Spiegel ab, der über ihm sanft geneigt hing, und der
Dullhäubel luchste heimlich empor und sah droben alle Trümpfe, die der
andere in der Hand hielt, und gewann darum Spiel auf Spiel.
»Wie geht das heut zu?« staunte der Lix. »Aber ich hör nit auf, und
wenn ich meine hundshäutenen Hosen ausziehen und nacket heimrennen muß.«
Es wurde finster. Die Wirtin zündete die Kerze an. Das Kalb wurde
unruhig und blökte.
Der Lix setzte das letzte Sechserlein dran und verlor. Er schalt Gott
und alle Heiligen. »Du Raubersknecht, keinen zerbrochenen Groschen hast
du mir lassen, das ganze Geld schatzt du mir ab. Der Teufel soll dich
vom Abtritt wegholen! Es ist Zauberei dahinter. Gib das Kalb weg, oder
ich erstech es!«
»Dem Zöpfel tust du nix, Schönbart,« sagte der Dullhäubel und strich
den Gewinst ein. »Ich bin satt. Ich geh heim.«
»Oho, weil ich jetzt gewinnen könnt, gehst du davon, du Fuchs aus
Fuxloh? Noch einmal spiel mit mir! Die Haut zieh mir auch noch ab!
Wirtin, streck Geld für!«
»Dir nit,« schnippte sie.
Er setzte seine Uhr ein samt der Kette. Unwillig tickte sie am Tisch.
Das Kalb plärrte, der Dullhäubel gewann.
Der Lix ließ das Maul hangen. Auf einmal starrte er wild unter den
Tisch. »Hast du nit einen Roßfuß? Du gewinnst ja wie der Teufel
selberst. Und noch einmal spielen wir. Meinen Bart setz ich ein, es ist
niemanden in der Pfarre ein schönerer gewachsen.«
Mit zitternden Fingern mischte er. Herz war Trumpf.
Der Dullhäubel hielt alle Trümpfe in den Händen und warf sie kichernd
auf den Tisch. Dann griff er in das Nähzeug der Wirtin um die Schere.
Der Lix riß die Augen auf wie eine gestochene Geiß. »He, willst du
meinen Leib schänden, jetzt, wo du mich ausgeraubt hast?«
Der Dullhäubel ergriff den schönen Schnurrbart. »Halt dich, Lix!
Zahl deine Schuld! Zahlen bringt Frieden.« Und ehe sich der Lix aus
seiner Versteinerung erholte, hatte er ihm den Bart links und rechts
weggeschnitten und ins Kerzenlicht gehalten, wo das Haar mit übelm
Geruch verbrannte.
Jetzt heulte der Verstümmelte auf und ward inne, was er verloren hatte.
Der Dullhäubel war mit dem Kalb schon an der Luft, und weil er ein
wenig schwankte, riß er einen Stecken aus dem Zaun und stützte sich
darauf.
Hoher Sommer war es. Der Hundsstern ging auf, verschlafen schaute der
Mond in die Welt.
Im Wald drin rastete der Bauer, er stieß den Stecken in den Grund und
band das Zöpfel dran. Dann warf er sich neben dem Weg ins Moos.
Er mochte wohl ein wenig eingenickt sein, als er aufschrak. Eine Dirne
kam daher, jung und flink wie ein Wiesenwasser.
»Wohin denn in aller Nacht, du Allerschönste?« fragte er.
»Zum Bader um einen Blutegel,« erwiderte sie. »Ist das der richtige
Weg?«
»Schleun dich nit so! Wer ist denn krank?«
»Dem Vater schwärt der Zahn. Du wirst ihn ja kennen, den Lukas. Ein
Musikant ist er. Er haltet es nimmer aus vor Weh.«
»Der Lukas soll zum Fuxloher Schmied gehen, der reißt ihm zwei Zähne
mit einem Griff,« riet der Bauer.
»Mein Vater hat schon alles versucht. Mit einem glühenden Nagel hat er
sich den Zahn ausgebrannt. Es hat nit genutzt. Den Bart hat er sich
wachsen lassen gegen das Weh. Mit einem Strick hat er den Zahn dem
Stier an den Schweif gebunden; der Zahn hat sich nicht geruckt, eher
wär dem Vieh der Schweif abgerissen.«
»Setz dich her, Dirn!« lud er sie ein. »Wie heißt du denn?«
Sie ließ sich zu ihm ins Moos hin, sittsam deckte sie die Füße mit dem
Kittel zu. Der Mond lugte ihr in das derbe, frische Gesicht.
»Müd bin ich,« sagte sie, »übers Gebirg hab ich müssen. Mechel heißen
sie mich daheim, der Schulmeister hat mich Mathilde Schellnober
geschrieben. Und wer bist denn du?«
Er dachte ein wenig nach. Dann sagte er unschuldig: »Aus Blaustauden
bin ich. Ein Tischlergesell. Franz bin ich getauft. Nach dem heiligen
Franziskus.«
Er tastete nach ihrer Hand, sie zuckte nicht zurück.
»Bist du brav, Tischler?« fragte sie.
»Freilich. Bei Tag und Nacht bin ich brav. Nur mit den Weibern bin ich
ungeschickt. Ich kann nit lügen, drum mag mich keine.« So redete er
sanft und traurig.
»Das ist kein Fehler,« tröstete sie.
»Mein Geschäft braucht ein Weib, ich möcht mich selbständig machen.
Weißt du mir keine, Mechel?«
»Ich wüßt genug, aber ich sag dir sie nit.«
»Warum denn nit, Mechel?« Er drehte den Kopf wie ein girrender Tauber
und schmeichelte: »Du bist so sauber, dein Bild will ich auf alle
Truhen malen.«
»Es sind schon noch schönere Dirnen im Wald,« antwortete sie kurz.
Unruhig rückte sie hin und her.
Schnell legte er ihr den Arm um die Hüfte.
Sie stieß ihn von sich. »Ich muß zum Bader. Sonst verzieht sich der Weg
hoch in die Nacht. Und das hab ich von der Mutter sagen hören, daß die
Mannsleut alle falsch sind. Du drehst dich um und liebst eine andere.«
Er legte die Hand auf den Brustfleck. »O, du kennst mich nit. Ich bin
treu wie der Tauber der Tauberin.«
Sie musterte ihn scharf. »Ganz jung bist du nimmer,« sprach sie.
»Im besten Saft steh ich, Mechel. Schön bin ich nit, aber heikel.«
»Mein Heiratsgut ist gering, Tischler,« meinte sie zaghaft. »Der Vater
ist ein Musikant; was er verdient, vertut er.«
»Wenn du nur eine buchsbaumene Bettstatt mitbringst!« spaßte er. Das
Kopftuch zog er ihr herab und krauelte ihr lind das krause Haar.
»Meine Zöpfe sind gelb,« lächelte sie, »ich wasch sie jedes Frühjahr
mit Märzenschnee.«
Er packte das baumfrische Kind fester. »Mechel, spreiz dich nit!«
bettelte er.
»Du bist aber hitzig, Franz,« lispelte sie verschämt.
Schneidiger griff er nach ihr. Da blitzte das Mondlicht an seinem
Finger.