Unterdessen ritt Wasili Andrejitsch, das Pferd mit den Füßen und den Enden
der Zügel antreibend, in der Richtung dahin, wo er aus irgendwelchem
Grunde den Wald und das Wächterhäuschen vermutete. Der Schnee verklebte ihm
die Augen, und der Wind schien ihn zurückhalten zu wollen; aber er trieb,
sich ganz vornüber beugend, unaufhörlich das Pferd an. Dabei schlug er
fortwährend seinen Pelz zusammen und schob ihn zwischen seinen Körper und
das kalte, mit Nägeln beschlagene Rückenpolster, das ihm beim Sitzen
hinderlich war. Das Pferd ging gehorsam, wiewohl nur mit großer Mühe, im
Paßgang dahin, wohin er es lenkte.
So ritt er ungefähr fünf Minuten, immer geradeaus, wie er meinte, ohne
etwas anderes zu sehen als den Kopf des Pferdes und die weiße Wüste, und
ohne etwas anderes zu hören als das Pfeifen des Windes um die Ohren des
Pferdes und um den Kragen seines Pelzes.
Plötzlich zeigte sich vor ihm etwas Dunkles. Das Herz in der Brust begann
ihm freudig zu pochen, und er ritt auf dieses Dunkle zu, in welchem er
bereits die Wände von Bauernhäusern zu erkennen glaubte. Aber dieses Dunkle
war nicht unbeweglich, sondern schwankte fortwährend und war kein Dorf,
sondern ein Grenzrain, der mit hohen, aus dem Schnee herausragenden
Beifußstauden bewachsen war, welche der durch sie hindurchpfeifende Wind
immer nach einer Seite bog. Und ohne eigentlichen Grund schauderte beim
Anblicke dieser vom Winde unbarmherzig mißhandelten Beifußstauden Wasili
Andrejitsch zusammen und trieb eilig das Pferd weiter, ohne zu beachten,
daß er beim Heranreiten an die Beifußstauden die frühere Richtung
vollständig verändert hatte und jetzt das Pferd nach einer ganz anderen
Seite trieb, immer noch in der Vorstellung, daß er nach der Seite ritte, wo
sich das Wächterhäuschen befinden müsse. Aber das Pferd strebte immer nach
rechts, und deshalb lenkte er es die ganze Zeit über mehr nach links.
Wieder erblickte er etwas Dunkles vor sich. Er freute sich, überzeugt, daß
es diesmal nun sicher ein Dorf sei. Aber es war wieder ein mit Beifuß
bewachsener Rain. Und wieder schwankten die Stauden wild hin und her und
flößten dem einsamen Reiter eine unerklärliche Angst ein. Und nicht genug
damit, daß dies ebensolche Beifußstauden waren; es führte an ihnen auch
eine vom Winde fast verwehte Pferdespur vorbei. Wasili Andrejitsch hielt
an, beugte sich hinunter und blickte scharf hin: es war eine leicht mit
Schnee überdeckte Pferdespur, und sie konnte von keinem anderen Pferde
herrühren als von seinem eigenen. Er war offenbar im Kreise herumgeritten,
und zwar auf einem kleinen Raume. »So gehe ich zugrunde,« dachte er; aber
um nicht ganz von der Furcht übermannt zu werden, trieb er das Pferd noch
heftiger an und starrte immer in den weißen Schneenebel hinein, in welchem
er nichts sah als ab und zu aufschimmernde und sofort wieder verschwindende
leuchtende Punkte. Einmal glaubte er, das Bellen von Hunden oder das Heulen
von Wölfen zu hören; aber diese Laute waren so schwach und unbestimmt, daß
er nicht wußte, ob er wirklich etwas höre oder es sich nur einbilde. Er
hielt das Pferd an und horchte mit größter Spannung.
Plötzlich ertönte nicht weit von seinen Ohren ein furchtbares, betäubendes
Schreien, und alles erzitterte und erbebte unter ihm. Wasili Andrejitsch
klammerte sich an den Hals des Pferdes; aber auch dieser ganze Hals
zitterte, und das furchtbare Geschrei wurde noch entsetzlicher. Einige
Sekunden lang vermochte Wasili Andrejitsch gar nicht zur Besinnung zu
kommen und sich darüber klar zu werden, was eigentlich geschehen war. Aber
was geschehen war, bestand nur darin, daß der Braungelbe, sei es um sich
Mut zu machen, sei es um jemand zur Hilfe herbeizurufen, ein lautes,
schallendes Gewieher ausgestoßen hatte.
»Zum Teufel noch einmal! Was hast du mir für einen Schreck eingejagt,
verdammtes Vieh!« sagte Wasili Andrejitsch vor sich hin.
Aber auch nachdem er die wahre Ursache seiner Angst erkannt hatte, konnte
er sich von dieser Angst nicht mehr frei machen.
»Ich muß mich sammeln, muß meine Gedanken zusammennehmen,« sagte er zu
sich, konnte sich aber dabei doch nicht zur Ruhe zwingen und trieb das
Pferd unaufhörlich an, ohne zu bemerken, daß er jetzt mit dem Winde ritt,
und nicht mehr gegen den Wind. Sein Körper fror, schmerzte und zitterte,
namentlich zwischen den Beinen am Schritt, wo er ungeschützt war und das
Rückenpolster berührte. Der Gedanke an das Wächterhäuschen war ihm ganz aus
dem Sinn gekommen, und er wünschte jetzt nur noch eines: zu dem Schlitten
zurückzukehren, um nicht so einsam und allein wie diese Beifußstauden
mitten in dieser furchtbaren Schneewüste zugrunde zu gehen.
Auf einmal sank das Pferd unter ihm weg; es war in eine Schneegrube
hineingeraten und begann nun mit den Beinen um sich zu schlagen, fiel aber
zur Seite. Wasili Andrejitsch sprang herunter, wobei er den Umlaufriemen,
auf den er sich mit dem Fuße gestützt hatte, ganz seitwärts verschob und
das Rückenpolster, an dem er sich beim Abspringen gehalten hatte, schief
zog. Sobald er vom Pferde heruntergesprungen war, kam das Pferd wieder mit
sich zurecht, tat einen Ruck nach vorn, machte einen Sprung, dann noch
einen, stieß wieder ein Gewieher aus, und indem es den auf dem Boden
schleifenden Sack und den Umlaufriemen hinter sich her schleppte,
verschwand es seinem Herrn aus den Augen und ließ diesen allein in der
Schneemasse zurück. Wasili Andrejitsch lief ihm nach; aber der Schnee war
so tief und seine Pelze so schwer, daß er nicht mehr als zwanzig Schritte
machen konnte, wobei er mit jedem Beine bis über das Knie einsank; dann
blieb er atemlos stehen. »Der Wald, die Hammel, die gepachteten Güter, der
Laden, die Schenken,« dachte er, »was wird nun aus alledem werden? Was
geschieht denn hier mit mir? Das kann doch nicht sein!« fuhr es ihm durch
den Kopf. Und infolge einer eigenartigen Gedankenverknüpfung erinnerte er
sich an die vom Winde gepeitschten Beifußstauden, an denen er zweimal auf
seinem Ritte vorbeigekommen war, und es überkam ihn ein solches Grauen, daß
er an die Wirklichkeit dessen, was mit ihm vorging, gar nicht zu glauben
vermochte. Er dachte: »Ob mir auch nicht etwa das alles nur träumt?« und
wollte aufwachen; aber da war kein Schlaf, aus dem er hätte erwachen
können. Das war wirklicher Schnee, der ihm das Gesicht peitschte und ihn
beschüttete, und das war eine wirkliche Einöde, in der er jetzt allein
geblieben war, wie jenes Beifußgestrüpp, und einem unvermeidlichen,
baldigen, allen Sinnes und Verstandes baren Tode entgegensah.
»Königin des Himmels, wundertätiger Nikolaus!« rief er aus, indem er sich
an die gestrigen Kirchengebete erinnerte und an das Heiligenbild mit der
schwarzgewordenen Malerei und dem goldenen Rahmen, und an die Kerzen, die
er zum Anzünden vor diesem Heiligenbilde verkaufte, und die ihm sofort
wieder zurückgebracht wurden, und die er dann, da sie kaum angebrannt
waren, wieder in seinem Kasten verwahrte. Und nun betete er zu ebendiesem
wundertätigen Nikolaus um seine Rettung und gelobte ihm einen
Dankgottesdienst und Kerzen. Aber zugleich war er sich in zweifelloser
Weise darüber klar, daß dieses Heiligenbild und sein Rahmen und die Kerzen
und die Geistlichen und die Gebete, daß das alles zwar dort in der Kirche
sehr wichtig und nötig sei, ihm aber hier nichts helfen könne, und daß
zwischen diesen Kerzen und Gebeten einerseits und seiner jetzigen
jammervollen Lage andrerseits keinerlei Zusammenhang bestehe und auch nicht
bestehen könne.
»Ich darf nicht den Mut verlieren,« sagte er sich. »Ich muß den Spuren des
Pferdes folgen, sonst werden die auch noch verweht.« Und er setzte sich
wieder in Bewegung. Aber trotzdem er eigentlich beabsichtigte ruhig zu
gehen, begann er doch zu laufen, fiel fortwährend, erhob sich wieder und
fiel von neuem. An solchen Stellen, wo der Schnee nicht tief lag, war die
Spur des Pferdes kaum noch zu erkennen. »Es ist um mich geschehen,« dachte
Wasili Andrejitsch; »ich verliere auch diese Spur noch.« Aber in diesem
Augenblicke bemerkte er, als er nach vorn sah, etwas Dunkles. Das war der
Braungelbe, und der Braungelbe nicht allein, sondern auch der Schlitten mit
der aufgerichteten Deichsel. Der Braungelbe, dem das Rückenpolster und der
Umlaufriemen und der Sack ganz schief gerutscht waren, stand jetzt nicht
auf seinem früheren Platze, sondern näher bei der Deichsel und schlug mit
dem Kopfe hin und her, den ihm der Zügel, auf welchen er getreten war, nach
unten zog. Es stellte sich heraus, daß Wasili Andrejitsch in derselben
Vertiefung stecken geblieben war, in welcher ihm vorher mit Nikita zusammen
das gleiche begegnet war, und daß das Pferd ihn zum Schlitten
zurückgebracht hatte, und daß die Stelle, wo er vom Pferde gesprungen war,
von dem Standorte des Schlittens nicht mehr als fünfzig Schritte entfernt
gewesen war.