Die Bauernwirtschaft, in welcher Wasili Andrejitsch eingekehrt war, war
eine der reichsten im Dorfe. Die Familie hatte fünf ihr zugewiesene
Landparzellen inne und pachtete außerdem noch Land dazu. In der Wirtschaft
waren sechs Pferde, drei Kühe, zwei Kälber und gegen zwanzig Schafe. Die
Zahl der Familienmitglieder, die zu der Wirtschaft gehörten, belief sich im
ganzen auf zweiundzwanzig: vier verheiratete Söhne, sechs Enkel, von denen
einer, Peter, schon verheiratet war, zwei Urenkel, drei Waisen und vier
Schwiegertöchter mit kleinen Kindern. Es war eine der seltenen
Wirtschaften, die noch ungeteilt geblieben waren; aber auch hier war im
Innern schon längst die stille Wühlarbeit der Zwietracht im Gange, die, wie
immer, unter den Weibern ihren Anfang genommen hatte und unvermeidlich in
Bälde zur Teilung führen mußte. Zwei Söhne lebten in Moskau als
Wasserfahrer, einer war Soldat. Zu Hause waren jetzt der Alte, seine Frau,
ein in der Wirtschaft tätiger Sohn und ein Sohn, der aus Moskau zu den
Feiertagen auf Besuch gekommen war, ferner Peter, sowie Weiber und Kinder.
Außer den Familienangehörigen war noch ein Gast da, der Nachbar
Dorfschulze.
In der Stube hing über dem Tische eine Lampe mit einem Schutzschirm darüber
und warf ihr helles Licht auf das darunter stehende Teegeschirr, die
Flasche mit Schnaps, die kalten Speisen, sowie auf die mit Ziegeln
bekleideten Wände in der Ehrenecke, wo mehrere Heiligenbilder und zu beiden
Seiten davon andere Bilder hingen. Auf dem Ehrenplatze am Tische saß, nur
im schwarzen Halbpelz, Wasili Andrejitsch, der an seinem gefrorenen
Schnurrbart sog und mit seinen hervorstehenden Habichtsaugen um sich herum
die anwesenden Leute und die Stube musterte. Außer Wasili Andrejitsch saß
am Tische der weißbärtige, kahlköpfige alte Hausherr in weißem,
hausgewebtem Hemde, neben ihm der aus Moskau zu den Feiertagen gekommene
Sohn, mit kräftigem Rücken und starken Schultern, in einem feinen
Kattunhemde, ferner jener andere Sohn, der breitschultrige älteste Bruder,
der im Hause die Wirtschaft führte, und endlich der hagere, rothaarige
Dorfschulze.
Die Männer, die bereits gegessen und Branntwein dazu getrunken hatten,
wollten gerade zum Tee übergehen, und der Samowar, der beim Ofen auf dem
Fußboden stand, summte bereits. Auf den Schlafgerüsten und auf dem Ofen
lagen eine Anzahl von Kindern. Auf einer Pritsche saß, über eine Wiege
gebeugt, ein Weib. Die alte Hausfrau, deren Gesicht nach allen Richtungen
hin von kleinen Fältchen überzogen war, durch die sogar ihre Lippen
gerunzelt waren, versorgte Wasili Andrejitsch mit Speise und Trank.
In dem Augenblicke, als Nikita in die Stube trat, hatte sie gerade ein aus
sehr dickem Glase bestehendes Gläschen mit Branntwein gefüllt und trug es
zu Wasili Andrejitsch hin.
»Nimm fürlieb, Wasili Andrejitsch,« sagte der Alte. »Das geht schon nicht
anders: dem Feiertag zu Ehren muß man ein Gläschen trinken.«
Der Anblick und der Geruch des Branntweins, namentlich jetzt, wo er
durchgefroren und ermattet war, versetzten Nikita in starke Erregung. Er
machte ein finsteres Gesicht, schüttelte sich den Schnee von der Mütze und
vom Mantel ab, trat vor die Heiligenbilder und bekreuzte und verbeugte sich
dreimal vor ihnen, als ob er keinen der im Zimmer Anwesenden überhaupt
gewahr würde; dann erst wandte er sich zu dem alten Hauswirt, verbeugte
sich zuerst vor ihm, dann vor allen übrigen, die am Tische saßen, dann vor
den am Ofen stehenden Weibern, und nachdem er gesagt hatte: »Ich wünsche
Glück zum Feiertage,« begann er, ohne nach dem Tische hinzublicken, seinen
Mantel auszuziehen.
»Na, du bist aber mal gut bereift, Onkel,« sagte der älteste Sohn mit einem
Blick auf Nikitas Gesicht, Augen und Bart, die ganz mit Schnee gepudert
waren. Nikita legte den Mantel ab, schüttelte ihn noch einmal aus, hängte
ihn an den Ofen und trat an den Tisch. Man bot ihm ebenfalls Branntwein an.
Es war ein Augenblick qualvollen Kampfes: beinahe hätte er das Gläschen
genommen und die verlockend duftende, helle Flüssigkeit in den Mund
gegossen; aber er blickte Wasili Andrejitsch an, erinnerte sich an sein
Gelöbnis, erinnerte sich an die vertrunkenen Stiefel, erinnerte sich an den
Böttcher, erinnerte sich an seinen Jungen, dem er versprochen hatte, ihm
zum Frühjahr ein Pferd zu kaufen; er seufzte und lehnte den Branntwein ab.
»Ich danke ergebenst; ich trinke nicht,« sagte er mit finsterer Miene und
setzte sich an das zweite Fenster auf die Bank.
»Warum denn nicht?« fragte der älteste Sohn.
»Das ist nun mal so: ich trinke eben nicht,« antwortete Nikita; er hob
seine Augen nicht auf, sondern schielte nach seinem Schnurr-und Kinnbart
und brachte die darin befindlichen Eisstückchen zum Schmelzen.
»Es bekommt ihm nicht,« bemerkte Wasili Andrejitsch und aß zu dem Gläschen
Schnaps, das er getrunken hatte, einen Fastenkringel hinterher.
»Nun, dann ein Täßchen Tee,« sagte die freundliche alte Frau. »Du bist
gewiß tüchtig durchgefroren, guter Mann. Was trödelt ihr denn so lange mit
dem Samowar, ihr Weiber?«
»Er ist fertig,« antwortete eine junge Frau, fächelte mit einem Vorhang dem
überkochenden, zugedeckten Samowar Luft zu, trug ihn mit Mühe heran, hob
ihn in die Höhe und setzte ihn mit einem lauten Stoß auf den Tisch.
Unterdessen hatte Wasili Andrejitsch erzählt, wie sie vom Wege abgekommen
seien, wie sie zweimal zu demselben Dorfe gelangt wären, wie sie irre
gefahren und wie sie mit den Betrunkenen zusammengetroffen seien. Die Leute
vom Hause wunderten sich, setzten ihm auseinander, wo und warum sie vom
Wege abgekommen seien, und wer die Betrunkenen gewesen wären, und belehrten
ihn, wie er fahren müsse.
»Von hier nach Moltschanowka kann ein kleines Kind fahren; man braucht nur
auf die Stelle aufzupassen, wo der Weg von der großen Landstraße abbiegt;
da ist ein Gebüsch. Wunderlich, daß ihr euch nicht hingefunden habt!« sagte
der Schulze.
»Ihr solltet die Nacht über hierbleiben. Die Frauen werden euch ein
Nachtlager zurechtmachen,« redete ihnen die Alte freundlich zu.
»Morgen früh fahrt ihr dann weiter; das wäre schon das Beste,« fügte der
Alte bekräftigend hinzu.
»Es geht nicht, Bruder. Die Geschäfte!« erwiderte Wasili Andrejitsch. »Was
man in einer Stunde versäumt hat, bringt man in einem Jahre nicht wieder
ein,« fuhr er fort und dachte dabei an den Wald und an die Händler, die ihm
bei diesem Kaufe zuvorkommen konnten. »Wir werden ja doch wohl hinkommen?«
wandte er sich an Nikita.
Nikita gab lange keine Antwort und tat, als wäre er mit dem Auftauen seines
Bartes vollauf beschäftigt.
»Wenn wir nur nicht wieder den Weg verfehlen,« sagte er endlich mürrisch.
Nikita war mißgestimmt, weil er ein leidenschaftliches Verlangen nach
Branntwein hatte; das Einzige, was ihm über dieses Verlangen hätte
hinweghelfen können, war Tee; aber Tee war ihm noch nicht angeboten worden.
»Wenn wir nur glücklich bis dahin kommen, wo der Weg abzweigt,« sagte
Wasili Andrejitsch. »Dann können wir uns ja nicht mehr verirren; dann geht
es durch Wald bis zu unserem Ziele.«
»Sie haben zu bestimmen, Wasili Andrejitsch, ob wir fahren sollen oder
nicht,« sagte Nikita, indem er ein ihm hingereichtes Glas Tee in Empfang
nahm.
»Wir wollen tüchtig Tee trinken, und dann vorwärts!«
Nikita schwieg und wiegte nur den Kopf hin und her. Behutsam goß er den Tee
in die Untertasse und wärmte an dem Dampfe seine durchgefrorenen Hände.
Darauf biß er von einem Stück Zucker eine kleine Ecke ab, verbeugte sich
vor den Wirtsleuten, sagte: »Auf Ihr Wohl!« und schlürfte dann die wärmende
Flüssigkeit ein.
»Wenn uns doch jemand bis an den Scheideweg bringen könnte,« sagte Wasili
Andrejitsch.
»Gewiß, das kann geschehen,« antwortete der älteste Sohn. »Peter kann ja
anspannen und euch bis an den Scheideweg begleiten.«
»Nun, dann spann an, liebster Freund. Ich werde dir dafür sehr dankbar
sein.«
»Was redest du, lieber Mann!« sagte die freundliche Alte. »Wir freuen uns
von Herzen, dir behilflich sein zu können.«
»Geh, Peter, und spanne die Stute an,« sagte der älteste Sohn.
»Schön,« erwiderte Peter lächelnd, nahm sofort seine Mütze vom Nagel und
lief hinaus, um anzuspannen.
Während das Pferd angeschirrt wurde, ging das Gespräch wieder zu dem
Gegenstande über, um den es sich zu der Zeit gedreht hatte, als Wasili
Andrejitsch vor das Fenster gefahren kam. Der Alte beklagte sich bei seinem
Nachbar, dem Dorfschulzen, über seinen dritten Sohn, der zu den Feiertagen
ihm selbst gar nichts und seiner Frau ein französisches Tuch als Geschenk
geschickt hatte.
»Das junge Volk entzieht sich ganz der elterlichen Zucht,« sagte der Alte.
»Ganz und gar,« erwiderte der Dorfschulze. »Es ist nicht mehr zum
Aushalten. Sie sind gar zu klug geworden. Da zum Beispiel dieser
Demotschkin, der hat seinem Vater bei einem Streite den Arm gebrochen. Das
kommt alles von der großen Klugheit her; da ist kein Zweifel.«
Nikita hörte zu, blickte den Redenden ins Gesicht und hätte sich offenbar
gern ebenfalls an dem Gespräche beteiligt; aber er war von dem Teetrinken
vollständig in Anspruch genommen und nickte nur beistimmend mit dem Kopfe.
Er trank ein Glas nach dem andern, und es wurde ihm immer wärmer, immer
behaglicher. Im weiteren Verlaufe blieb das Gespräch lange bei ein und
demselben Gegenstande stehen, bei den schädlichen Folgen der
Wirtschaftsteilungen, und das Gespräch hatte offenbar nicht etwa einen
theoretischen Charakter, sondern es handelte sich dabei um die Teilung in
diesem Hause, eine Teilung, die der zweite Sohn forderte, der hier mit
dabei saß und mürrisch schwieg. Augenscheinlich war dies ein wunder Punkt,
und diese Frage war für alle Hausgenossen von größtem Interesse; aber aus
Anstandsgefühl mochten sie in Gegenwart Fremder ihre Privatangelegenheit
nicht erörtern. Indes konnte sich der Alte schließlich doch nicht halten
und erklärte mit einer Stimme, der man anhörte, daß ihm die Tränen nahe
waren, solange er lebe, werde er in keine Teilung willigen; jetzt habe er,
Gott sei Dank, ein wohleingerichtetes Haus; wenn aber die Wirtschaft
geteilt würde, dann könnten sie allesamt betteln gehn.
»So wie es bei den Matwejews gegangen ist,« sagte der Schulze. »Es war ein
schönes Anwesen; aber da haben sie es geteilt, und nun hat keiner etwas.«
»Dahin möchtest du es auch bringen,« wandte sich der Alte an seinen Sohn.
Der Sohn antwortete nichts, und es trat ein unbehagliches Stillschweigen
ein. Dieses Stillschweigen unterbrach Peter, der das Pferd angespannt hatte
und vor einigen Minuten wieder in die Stube gekommen war. Er hatte, seit er
in der Stube war, dem Gespräche zugehört und dabei fortwährend gelächelt.
»Eine solche Geschichte steht auch im Paulson,« sagte er. »Ein Vater gab
seinen Söhnen ein Rutenbündel zum Zerbrechen. Das Bündel konnten sie nicht
zerbrechen; aber jede einzelne Rute zerbrachen sie leicht. So ist es hier
auch,« sagte er und lächelte über das ganze Gesicht. »Es ist fertig,« fügte
er hinzu.
»Nun, wenn's fertig ist, dann wollen wir fahren,« sagte Wasili Andrejitsch.
»Und was die Teilung betrifft, Großväterchen, so gib du nur nicht nach. Du
hast alles erworben, und du bist Herr darüber. Mach eine Eingabe an den
Friedensrichter; der wird schon Ordnung stiften.«
»Immer macht er Randal, immer macht er Randal,« fuhr der Alte mit
weinerlicher Stimme in seinen Klagen fort. »Es ist gar nicht mehr mit ihm
auszukommen. Rein des Teufels ist er.«
Unterdessen hatte Nikita sein fünftes Glas Tee ausgetrunken, stellte aber
sein Glas auch jetzt noch nicht umgekehrt hin, sondern legte es auf die
Seite, in der Hoffnung, es werde ihm auch noch ein sechstes eingegossen
werden. Aber es war kein Wasser mehr im Samowar, und die Hausfrau goß ihm
nicht mehr ein; auch begann Wasili Andrejitsch sich anzuziehen. So war denn
weiter nichts zu machen. Nikita stand gleichfalls auf, legte sein Stück
Zucker, von dem er auf allen Seiten abgebissen hatte, in die Zuckerdose
zurück, wischte sich mit dem Schoße seines Halbpelzes den Schweiß vom
Gesichte und ging an den Ofen, um sich seinen Mantel anzuziehen.
Als er damit fertig war, seufzte er schwer auf, bedankte sich bei den
Wirtsleuten und verabschiedete sich von ihnen; dann ging er aus der warmen,
hellen Stube in den dunklen, kalten Flur, wo der eindringende Wind tobte
und heulte und der durch die Türritzen getriebene Schnee den Fußboden
bedeckte, und trat von da auf den dunklen Hof hinaus.
Peter, in einem Pelz, stand mitten auf dem Hofe bei seinem Pferde und sagte
lächelnd eine Strophe aus dem Paulson her:
»Der Schneesturm verdunkelt den Himmel schier,
Wild wirbeln die Flocken im Wind;
Bald klingt's, als heulte ein wildes Tier,
Und bald, als weinte ein Kind.«
Nikita nickte beifällig mit dem Kopfe und brachte die Lenkseile in Ordnung.
Der Alte, welcher Wasili Andrejitsch hinausbegleitete, kam mit einer
Laterne in den Flur, um ihm zu leuchten; aber die Laterne erlosch sofort.
Und auf dem Hofe konnte man sogar spüren, daß der Schneesturm noch ärger
geworden war als vorher.
»Na, das ist einmal ein Wetter!« dachte Wasili Andrejitsch. »Da kommen wir
womöglich gar nicht hin. Aber es muß sein; die Geschäfte! Und ich habe mich
ja auch schon fertig gemacht. Und das Pferd des Wirtes ist auch schon
angespannt. Mit Gottes Hilfe werden wir schon hinkommen.« Der alte Hauswirt
dachte gleichfalls, daß es nicht rätlich sei zu fahren; aber er hatte schon
einmal zum Bleiben zugeredet, ohne daß der Gast auf ihn gehört hatte.
»Vielleicht ist es auch nur mein Alter, was mich so ängstlich macht; sie
werden schon hinkommen,« sagte er bei sich. »Und wenigstens können wir uns
dann rechtzeitig schlafen legen und haben keine Mühe und Umstände.«
Auch Peter sah, daß es gefährlich war zu fahren, und hatte seine
Besorgnisse; aber das hätte er um keinen Preis gezeigt; vielmehr spielte er
den Couragierten und tat, als hätte er nicht die geringste Furcht; auch
hatten ihn wirklich die Verse über den Schneesturm dadurch einigermaßen
ermutigt, daß sie so vollständig das zum Ausdruck brachten, was draußen
vorging. Nikita hatte schlechterdings keine Lust zu fahren; aber er hatte
sich schon längst daran gewöhnt, keinen eigenen Willen zu besitzen und
anderen zu gehorchen. So hielt denn niemand die Abfahrenden zurück.
V
Wasili Andrejitsch trat zu seinem Schlitten (er konnte in der Dunkelheit
nur mit Mühe unterscheiden, wo dieser stand), stieg hinein und ergriff die
Leine.
»Na, dann fahr voran!« rief er.
Peter, der in seinem Schlitten kniete, trieb sein Pferd an. Der Braungelbe,
der schon lange gewiehert hatte, da er die Stute vor sich witterte, rannte
ihr nach, und sie kamen auf die Dorfstraße hinaus. Wieder fuhren sie durch
die Ortschaft, auf demselben Wege, an demselben Gehöfte mit der
aufgehängten, steif gefrorenen Wäsche vorbei, die jetzt nicht mehr zu sehen
war, vorbei an derselben Darre, die bereits fast bis zum Dache verschneit
war, und von der unaufhörlich der Schnee herunterrieselte, vorbei an
denselben traurig raschelnden, pfeifenden, sich biegenden Weidenbäumen, und
fuhren nun wieder hinein in das von oben und unten her tobende Meer von
Schnee. Der Wind war so stark, daß, da er von der Seite kam und gegen die
Fahrenden wie gegen ein Segel drückte, er den Schlitten aufkippte und das
Pferd zur Seite legte. Peter fuhr mit seiner flott austrabenden tüchtigen
Stute voran und stieß von Zeit zu Zeit einen ermunternden Schrei aus. Der
Braungelbe lief hinter ihr her.
Als sie so etwa zehn Minuten lang gefahren waren, wandte sich Peter um und
rief ihnen etwas zu. Weder Wasili Andrejitsch noch Nikita konnte es bei dem
Winde verstehen. Aber sie vermuteten, daß sie bei der Wegscheide angekommen
seien. Und wirklich bog Peter links ein, und der Wind, der bisher von der
Seite gekommen war, blies ihnen jetzt wieder entgegen, und da wurde auch
durch den Schnee hindurch etwas Dunkles sichtbar. Das war das Gesträuch an
der Wegscheide.
»Nun, dann fahrt mit Gott weiter!«
»Vielen Dank, lieber Peter!«
»Der Schneesturm verdunkelt den Himmel schier, wild wirbeln die Flocken im
Wind,« rief Peter und verschwand.
»Ei sieh mal, was das für ein Dichter ist,« sagte Wasili Andrejitsch und
schüttelte mit der Leine.
»Ja, es ist ein tüchtiger Bursche, so ein richtiger Bauer,« erwiderte
Nikita.
Sie fuhren weiter. Nikita hatte sich tief eingemummt und den Kopf so in
die Schultern hineingezogen, daß sein kleiner Bart ihm den Hals bedeckte;
so saß er schweigend da, darauf bedacht, die durch den Tee in seinem Körper
angesammelte Wärme nicht wieder zu verlieren. Vor sich sah er die geraden
Linien der Gabeldeichsel, die ihn fortwährend in die Täuschung versetzten,
als ob da ein vielbefahrener Weg sei, und das hin und her schaukelnde
Hinterteil des Pferdes mit dem nach einer Seite gewendeten, in einen Knoten
gebundenen Schwanze, und weiter vorn das hohe Krummholz und den auf und ab
gehenden Kopf und Hals des Pferdes mit der auseinanderflatternden Mähne.
Mitunter fiel sein Blick auf Merkstangen, so daß er wußte, daß sie noch auf
dem Wege fuhren und es für ihn nichts zu tun gab.
Wasili Andrejitsch führte die Zügel, überließ aber meist dem Pferde, selbst
dafür zu sorgen, daß sie auf dem Wege blieben. Aber trotzdem der Braungelbe
sich im Dorfe ausgeruht hatte, lief er doch nur ungern, und es machte den
Eindruck, als ob er vom Wege abbiegen wollte, so daß Wasili Andrejitsch ihn
einige Male zurechtlenken mußte.
»Da rechts ist eine Merkstange, da die zweite, da die dritte,« zählte
Wasili Andrejitsch im stillen. »Und da vorn ist auch der Wald,« dachte er,
da er etwas Dunkles vor sich erblickte. Aber was er für einen Wald gehalten
hatte, war nur ein Strauch. Sie fuhren an dem Strauche vorbei, sie fuhren
noch etwa sechzig Schritt weiter: aber es war weder von der vierten
Merkstange noch vom Walde etwas zu sehen.
»Der Wald muß doch gleich kommen,« dachte Wasili Andrejitsch, und erregt
durch den genossenen Branntwein und Tee, trieb er unaufhörlich das Pferd
mit den Zügeln an, und das folgsame, gute Tier gehorchte und lief bald im
Paßgang bald in kurzem Trabe dahin, wohin es gelenkt wurde, obwohl es
wußte, daß sein Herr es ganz und gar nicht nach der richtigen Seite lenkte.
Es vergingen noch zehn Minuten; der Wald wollte immer noch nicht kommen.
»Da haben wir ja wieder den Weg verloren!« sagte Wasili Andrejitsch und
hielt das Pferd an.
Nikita stieg schweigend aus dem Schlitten, und seinen Mantel haltend, der
infolge des Windes ihm bald dicht am Körper klebte, bald sich bauschte und
von ihm weg wollte, machte er sich daran, durch den Schnee zu waten; er
ging nach der einen, er ging nach der anderen Seite. Dreimal verschwand er
ganz aus der Sehweite. Endlich kehrte er zurück und nahm seinem Herrn die
Leine aus der Hand.
»Nach rechts müssen wir fahren,« sagte er kurz und in bestimmtem Tone und
wendete das Pferd.
»Na, wenn du das meinst, wollen wir nach rechts fahren,« erwiderte Wasili
Andrejitsch, überließ ihm die Leine und schob seine frierenden Hände in die
Ärmel. »Und wenn wir auch nur nach Grischkino zurückkommen.«
Nikita antwortete nicht.
»Nun, Freundchen, leg dich mal ordentlich ins Zeug!« rief er dem Pferde zu;
aber das Pferd ging trotz alles Schüttelns mit der Leine nur im Schritt.
Der Schnee lag stellenweise knietief, und der Schlitten kam bei jeder
Bewegung des Pferdes nur mit einem Ruck vorwärts.
Nikita griff nach der Peitsche, die am Vorderteile des Schlittens hing, und
schlug das Pferd. Das gute, an solche Behandlung nicht gewöhnte Tier machte
ein paar heftige Sätze und setzte sich in Trab, ging dann aber sogleich
wieder in Paßgang und in Schritt über. So fuhren sie etwa fünf Minuten. Es
war so dunkel, und der Schnee stiebte so dicht von oben und von unten, daß
mitunter nicht einmal das Krummholz zu sehen war. Manchmal schien es, als
ob der Schlitten auf einem Fleck stillstände und das Feld nach hinten hin
liefe. Plötzlich machte das Pferd kurz halt; offenbar witterte es vor sich
irgend etwas Unheimliches. Nikita sprang, die Leine hinwerfend, wieder
behende hinaus und ging vor das Pferd, um nachzusehen, weshalb es stehen
geblieben sei; aber kaum hatte er einen Schritt über den Kopf des Pferdes
hinaus gemacht, als ihm die Füße ausglitten und er einen Abhang
hinunterrutschte.
»Halt, brr, halt!« rief er sich selbst zu, während er hinabsank und einen
Halt suchte; aber es gelang ihm nicht eher, zum Stillstand zu kommen und
festen Fuß zu fassen, als bis er mit den Beinen in eine am Grunde der
Schlucht zusammengewehte tiefe Schneeschicht hineingefahren war.
Eine am oberen Rande der Schlucht überhängende Schneewachte war durch
Nikitas Fall erschüttert worden, stürzte auf ihn herunter und schüttete ihm
Schnee in den Nacken.
»Aber was ist das für ein Benehmen von euch,« sagte Nikita vorwurfsvoll,
sich an die Schneewachte und an die Schlucht wendend, und schüttelte sich
den Schnee aus dem Kragen.
»Nikita! He! Nikita!« rief Wasili Andrejitsch von oben. Aber Nikita
antwortete nicht auf den Ruf.
Er hatte keine Zeit; er mußte sich den Schnee abschütteln und dann die
Peitsche suchen, die er beim Herunterrutschen von dem Abhange verloren
hatte. Als er die Peitsche gefunden hatte, wollte er geradeswegs wieder da
hinaufklettern, wo er herabgeglitten war; aber dies war ein Ding der
Unmöglichkeit; er rutschte immer wieder zurück, so daß er unten umhergehen
mußte, um eine geeignete Stelle zum Aufstieg zu suchen. Ungefähr acht
Schritte entfernt von der Stelle, wo er heruntergerutscht war, kroch er
mühsam auf allen vieren die Anhöhe hinauf und ging nun am Rande der
Schlucht nach der Stelle zu, wo das Pferd sein mußte. Indessen Pferd und
Schlitten waren nicht zu sehen; aber da er gegen den Wind ging, so hörte
er, bevor er noch etwas sah, das Schreien Wasili Andrejitschs und das
Wiehern des Braungelben, die ihn riefen.
»Ich komme, ich komme. Was schreist du so?« sagte er vor sich hin.
Erst als er schon ganz dicht beim Schlitten war, erblickte er das Pferd und
den neben dem Schlitten stehenden Wasili Andrejitsch, der übermäßig groß
erschien.
»Zum Teufel, wo warst du denn geblieben?« schalt dieser ärgerlich den
Herankommenden. »Wir müssen zurückfahren. Meinetwegen wollen wir nach
Grischkino zurückkehren.«
»Zurückfahren möchte ich schon ganz gern, Wasili Andrejitsch; aber nach
welcher Seite sollen wir fahren? Hier ist eine so zerklüftete Gegend, wenn
wir da irgendwo mit dem Schlitten hineinfallen, kommen wir nicht wieder
heraus. Ich bin da so hinuntergeschurrt, daß ich mich nur mit Not und Mühe
wieder heraufgearbeitet habe.«
»Na, aber wir können hier doch nicht stehen bleiben; irgendwohin müssen wir
doch fahren!« sagte Wasili Andrejitsch.
Nikita gab keine Antwort. Er setzte sich auf den Schlitten, mit dem Rücken
gegen den Wind, zog sich die Stiefel aus und schüttelte den Schnee heraus,
der ihm da hereingekommen war; dann nahm er etwas Stroh und verstopfte
damit sorgfältig von innen ein Loch im linken Stiefel.
Wasili Andrejitsch schwieg, als ob er jetzt alle weiteren Entscheidungen
seinem Knechte anheimstelle. Nachdem Nikita seine Stiefel wieder angezogen
hatte, nahm er die Beine in den Schlitten herein, zog seine Fausthandschuhe
wieder an, ergriff die Leine und lenkte das Pferd an der Schlucht entlang.
Aber sie waren noch nicht hundert Schritte weit gefahren, als das Pferd
wieder jählings stehen blieb. Es hatte wieder eine Schlucht vor sich.
Nikita stieg wieder aus und begann wieder im Schnee umherzuwaten. Das
dauerte ziemlich lange. Endlich erschien er wieder, und zwar von derjenigen
Seite, welche der, nach der er sich entfernt hatte, gerade entgegengesetzt
war.
»Wasili Andrejitsch, wo sind Sie?« rief er.
»Hier,« antwortete Wasili Andrejitsch. »Nun, wie steht's?«
»Es ist nichts zu unterscheiden. Es ist zu dunkel. Überall Schluchten. Wir
müssen wieder gegen den Wind fahren.«
Wieder fuhren sie eine Strecke; wieder ging Nikita im Schnee umher und fiel
dabei; wieder setzte er sich in den Schlitten; wieder ging er und fiel; und
endlich blieb er, keuchend vor Erschöpfung, bei dem Schlitten stehen.
»Nun, was gibt's?« fragte Wasili Andrejitsch.
»Ja, was gibt's! Ich bin ganz matt. Und das Pferd kann auch nicht mehr.«
»Was sollen wir nun also tun?«
»Warten Sie einen Augenblick.«
Nikita ging nochmals weg und kehrte bald zurück.
»Fahren Sie hinter mir her,« sagte er und ging vor dem Pferde voran.
Wasili Andrejitsch hatte ganz darauf verzichtet, irgendwelche Weisungen zu
geben, sondern tat gehorsam, was ihm Nikita sagte.
»Hierher, mir nach!« rief Nikita, sich schnell nach rechts wendend,
ergriff den Braungelben am Zügel und lenkte ihn in eine Schneewehe hinein.
Das Pferd sträubte sich anfangs, machte aber dann einen starken Satz, in
der Hoffnung, über die Schneewehe hinüberzuspringen; jedoch reichte seine
Kraft nicht dazu aus, und es versank in den Schnee bis an das Kumt.
»Steigen Sie doch aus!« schrie Nikita seinen Herrn an, der im Schlitten
sitzen geblieben war, faßte unter die eine Deichselstange und versuchte,
den Schlitten an das Pferd heranzuschieben. »Ja, es geht ein bißchen
schwer, Brüderchen,« wandte er sich an den Braungelben. »Aber was ist zu
machen? Gib dir mal rechte Mühe! Zu! Zu! Noch ein bißchen!« schrie er. Das
Pferd zog einmal und noch einmal an, vermochte aber trotzdem nicht, sich
herauszuarbeiten, und blieb wieder stecken. Es machte eigentümliche
Bewegungen mit den Ohren und legte schnuppernd den Kopf auf den Schnee, wie
wenn es über etwas nachdächte. »Na aber, Brüderchen, so ist das nicht gut,«
sagte Nikita ermahnend zu dem Braungelben. »Los, noch einmal!« Wieder zog
Nikita auf seiner Seite an der Deichselstange. Wasili Andrejitsch tat auf
der andern Seite dasselbe. Das Pferd drehte den Kopf hin und her; dann gab
es sich auf einmal einen starken Ruck.
»Na, zu! zu! Keine Angst, du wirst nicht ertrinken!« rief Nikita.
Ein Sprung, ein zweiter, ein dritter -- endlich hatte sich das Pferd aus
der Schneewehe herausgearbeitet und blieb nun, schwer atmend und sich
schüttelnd, stehen. Nikita wollte es weiterführen; aber Wasili Andrejitsch
war in seinen zwei Pelzen so außer Atem gekommen, daß er nicht imstande war
zu gehen und sich in den Schlitten warf.
»Laß mich erst wieder zu Atem kommen,« sagte er und knüpfte das Tuch auf,
das er sich in dem Dorfe um den Kragen seines Pelzes gebunden hatte.
»Hier macht das nichts aus; hier können Sie im Schlitten liegen,« erwiderte
Nikita. »Ich will das Pferd führen.«
Und während Wasili Andrejitsch im Schlitten lag, führte Nikita das Pferd am
Zaum etwa zehn Schritte abwärts, dann ein wenig aufwärts und machte halt.
Die Stelle, wo Nikita halt gemacht hatte, lag nicht in einer Mulde, wo sich
der Schnee hätte anhäufen können; aber sie war doch teilweise durch eine
Anhöhe gegen den Wind geschützt. Es gab Augenblicke, wo man im Schutze der
Anhöhe glauben konnte, der Wind habe sich ein wenig gelegt; aber das
dauerte nicht lange, und als wollte er diese Ruhepause wieder einbringen,
brauste darauf der Sturm mit verzehnfachter Gewalt einher, raste noch ärger
als vorher und brachte noch dichtere Schneewirbel mit sich. Ein solcher
Windstoß erfolgte gerade in dem Augenblicke, als Wasili Andrejitsch, der
sich wieder erholt hatte, aus dem Schlitten gestiegen und zu Nikita
herangetreten war, um mit ihm zu besprechen, was nun weiter zu tun sei.
Beide bückten sich unwillkürlich und warteten mit ihrem Gespräche, bis die
Wut dieses Windstoßes vorüber sein würde. Auch der Braungelbe drückte
unzufrieden die Ohren an und schüttelte mit dem Kopfe. Sobald der Windstoß
einigermaßen vorbei war, zog sich Nikita die Handschuhe aus, steckte sie in
seinen Gurt, hauchte in die Hände und machte sich daran, das Lenkseil vom
Krummholz abzulösen.
»Was tust du denn da?« fragte Wasili Andrejitsch.
»Ich spanne das Pferd aus; was sollen wir denn noch weiter tun? Meine Kraft
ist zu Ende,« antwortete Nikita; es klang, als ob er sich entschuldigen
wollte.
»Können wir denn nicht irgendein Obdach erreichen?«
»Nein, wir können kein Obdach erreichen; wir quälen nur das Pferd zunichte.
Das liebe Tier ist ja schon jetzt ganz erschöpft,« sagte Nikita und wies
auf das Pferd, das gehorsam und zu allem bereit dastand und schwer keuchend
die von Schweiß feuchten Weichen bewegte. »Wir müssen hier übernachten,«
erklärte er, in demselben Tone, wie wenn er sich anschickte, in einer
Herberge über Nacht zu bleiben, und begann den Kumtriemen aufzubinden. Die
beiden Bügel des Kumts sprangen auseinander.
»Werden wir aber auch nicht erfrieren?« fragte Wasili Andrejitsch.
»Was ist zu machen? Wenn wir erfrieren, müssen wir's eben hinnehmen,«
antwortete Nikita.