Ein Fürst soll also nichts Anderes zu seinem Augenmerk nehmen, auf nichts
Anderes denken, und zu seiner eignen Beschäftigung erwählen, als das
Kriegswesen und die Einrichtung desselben; denn dies ist die einzige eigne
Sache dessen, der befehlen will, und vermag so viel, daß sie nicht allein
geborne Fürsten erhält, sondern auch manche Privatpersonen zur Herrschaft
erhebt. Und im Gegentheil haben manche Fürsten die Herrschaft verloren,
sobald sie die Wollüste dem Kriegshandwerke vorzogen. Die erste Ursache,
die Herrschaft zu verlieren, ist es, wenn man den Krieg verachtet: das
Mittel, sie zu erwerben, ist die Erfahrenheit in der Kriegskunst.
Francesco Sforza ward durch seine Geschicklichkeit in derselben Herzog von
Mailand; seine Söhne fielen durch ihre Abneigung gegen die Mühseligkeiten
des Kriegs von der herzoglichen Würde wieder zurück in den Privatstand.
Unter andern Uebeln, die die Abneigung gegen den Krieg mit sich führt, ist
dies, daß sie Verachtung erregt: und dieses ist etwas, wofür sich der
Fürst am allermeisten hüten muß, wie weiter unten mit Mehrerem gezeigt
werden wird. Denn zwischen einem Bewaffneten und einem Unbewaffneten ist
gar kein Verhältniß. Es ist unvernünftig zu erwarten, daß der Bewaffnete
dem Unbewaffneten gehorchen werde, und daß der Unbewaffnete unter seinen
bewaffneten Dienern sicher sein solle. Auf einer Seite Verachtung, auf der
andern Argwohn: das kann zusammen unmöglich gut gehen. Ein Fürst, der den
Krieg nicht versteht, ist außer andern Uebeln, wie gesagt, auch noch
diesem unterworfen, daß er auf die Achtung seiner Leute keinen Anspruch
machen und ihnen nicht trauen kann. Er darf daher dieses Kriegshandwerk
niemals vernachlässigen, und muß es im Frieden noch mehr üben, als im
Kriege selbst; welches auf zweierlei Art geschehen kann: durch Thätigkeit
und durch Nachdenken. Was das Erste betrifft, so muß er seine Mannschaft
immer in guter Ordnung und in Uebung halten; selbst aber seinen Körper
durch die Jagd abhärten, welche ihm außerdem Gelegenheit gibt, die
verschiedene Beschaffenheit der Gegenden zu beobachten: zu lernen, wie die
Berge sich erheben und die Ebenen laufen, wie Flüsse und Seen beschaffen
sind, und dies Alles auf das Genaueste zu bemerken. Diese Kenntniß hat
zweierlei Nutzen. Erstens lernt er sein eignes Land besser kennen, und die
Mittel es zu vertheidigen. Zweitens erlangt er durch diese praktische
Kenntniß die Fertigkeit, unbekannte Gegenden zu erforschen, an denen ihm
gelegen ist; denn die Hügel, Berge, Thäler, Flüsse und Seen, z. B. in
Toscana, haben einige Aehnlichkeiten mit denen in andern Ländern, so daß
man durch die Bekanntschaft mit jenen auch diese leichter kennen lernt.
Der Fürst, dem diese Geschicklichkeit fehlt, ermangelt eines
Haupterfordernisses des Feldherrn; denn hierdurch lernt man den Feind
aufsuchen, Lager auswählen, Armeen führen, Schlachten anordnen und mit
Vortheil Belagerungen anfangen. Unter andern Lobsprüchen, welche die
Schriftsteller dem achäischen Feldherrn Philopömen ertheilen, ist auch
dieser begriffen, daß er im Frieden immer an den Krieg dachte, und wenn er
sich mit seinen Freunden im freien Felde befand, oft mit ihnen
Betrachtungen darüber anstellte, wer im Vortheile sein würde, wenn der
Feind auf jenem Hügel stände, und wir hier mit unserm Heere wären? Wie er
alsdann mit Beibehaltung der Schlachtordnung sicher anzugreifen sei? Was
müßte geschehen, wenn wir uns zurückziehen wollten? Was hätten wir zu
thun, um ihn zu verfolgen, wenn er sich zurückzöge? Auf Spaziergängen
legte er ihnen alle Fälle vor, die bei einem Heereszuge vorkommen können,
hörte ihre Meinung, sagte ihnen die seinige und unterstützte diese mit
Gründen: so daß nach so vielen Betrachtungen fast kein Zufall im Felde
sich ereignen konnte, der nicht zum Voraus erwogen wäre. Was die Bildung
des Geistes anlangt, so muß der Fürst die Geschichte lesen und die
Handlungen ausgezeichneter Männer betrachten; erwägen, wie sie sich im
Kriege benommen haben, die Ursachen ihrer Siege und Niederlagen
erforschen, um diese zu vermeiden, jene nachzuahmen; und vor allen Dingen
es so zu machen suchen, wie irgend ein großer Mann, den er sich zum Muster
vorgestellt hat, vor ihm gehandelt; so wie man sagt, daß Alexander der
Große den Achilles, Cäsar den Alexander, Scipio den Cyrus zum Vorbilde
gewählt habe. Wer Xenophons Leben des Cyrus gelesen hat, wird im Leben des
Scipio erkennen, wie viel Ruhm diesem die Nachahmung gebracht, und wie
sehr Scipio sich bemüht hat, in der Enthaltsamkeit, Leutseligkeit,
Menschlichkeit und Freigebigkeit das zu erreichen, was Xenophon vom Cyrus
meldet. Auf solche Art muß ein weiser Fürst die Muße benutzen; nicht aber
im Frieden müßig gehen, sondern sich durch Anstrengung einen Schatz
sammeln, den er im Unglücke gebrauchen könne, damit das Glück, wenn es
sich wendet, ihn vorbereitet finde, seinen Schlägen zu widerstehen.