In einer jüdischen Stadt des Gouvernements war bei den Juden im Handel
eine schmutzige Geschichte passiert. Ich kann Ihnen nicht genau sagen,
ob sie falsches Geld gehabt oder ein unredliches Geschäft gemacht
hatten, jedenfalls mußte die Obrigkeit die Sache aufdecken und hatte
eine bedeutende Belohnung dafür ausgesetzt. Die Gnädige ging also zu
unserem Pimen und sagte:
»Pimen Iwanowitsch, hier gebe ich Ihnen zwanzig Rubel für Kerzen und Öl.
Befehlen Sie den Ihrigen, so eifrig wie möglich zu beten, daß man meinen
Mann mit dieser Sache beauftragt.«
Das machte ihm wenig Kummer! Er hatte schon Geschmack an diesen
Opfergaben gefunden und antwortete:
»Gut, Gnädige, ich werde es befehlen.«
»Aber daß sie auch tüchtig beten, die Sache ist für mich sehr wichtig.«
»Die werden sich nicht unterstehen, schlecht zu beten, wenn ich es
befehle,« beruhigt Pimen, »ich werde ihnen Fasten auferlegen, bis sie es
erfleht haben.« Er nahm das Geld und ließ es dabei bewenden, ihr Gemahl
aber erhielt noch in derselben Nacht den von ihr gewünschten Auftrag.
Bei diesem Segen genügte ihr aber unser Gebet nicht mehr, und sie wollte
unbedingt selber unserem Heiligtum ihre Lobpreisung darbringen. Sie
sagte es Pimen, und er bekam Angst, weil er wußte, daß wir sie nicht in
unser Heiligtum einlassen würden. Die Gnädige gab jedoch nicht nach.
»Ich werde,« sagt sie, »was Sie auch sagen mögen, heute gegen Abend ein
Boot nehmen und mit meinem Sohne zu Ihnen kommen.«
Pimen redet ihr zu:
»Es ist besser,« sagt er, »wenn wir selber beten. Wir haben einen
Schutzengel, dem weihen Sie ein Licht, und wir werden ihm den Schutz
Ihres Gemahls anvertrauen.«
»Ach, das ist vortrefflich,« antwortet sie, »ganz vortrefflich! Ich bin
sehr froh über diesen Engel; hier ist etwas Geld für Öl, zünden Sie
unbedingt drei Lämpchen vor ihm an, und ich werde dann kommen, um es mir
anzusehen.«
Pimen gefiel das gar nicht; er kam zu uns und begann zu jammern, daß die
Sache so und so stünde.
»Ich habe,« sagte er, »der abscheulichen Ketzerin nicht widersprochen,
als sie ihr Begehren äußerte, weil wir ihren Mann notwendig brauchen.«
Und so log er uns ganze Körbe voll vor, aber von all dem, was er getan
hatte, sagte er nichts. Nun, so unangenehm es uns auch war, es war
nichts zu machen. Wir nahmen unsere Heiligenbilder möglichst schnell von
der Wand und legten sie in ihre Kisten, aus denen wir die Ersatzbilder
holten, die wir aus Furcht vor Beamtenüberfällen bei uns hatten. Diese
setzten wir auf die Gestelle und erwarteten unseren Gast. Sie kam und
war so aufgeputzt, daß es zum Erschrecken war. Sie fegte mit ihren
langen, breiten Bändern nur so hin, schaute alle unsere vertauschten
Heiligenbilder durch die Lorgnette an und fragte: »Sagen Sie, bitte,
welcher ist hier der wundertätige Engel?«
Wir wissen schon nicht mehr, wie wir sie von dem Gespräch abbringen
sollen.
»Wir haben keinen solchen Engel« sagen wir.
Und wie sie auch in uns drang und Pimen schalt, wir zeigten ihr den
Engel nicht, sondern führten sie möglichst schnell zum Teetisch und
setzten ihr vor, was wir hatten.
Sie mißfiel uns schrecklich, Gott weiß warum: sie sah irgendwie
abstoßend aus, obwohl man sie sonst für schön hielt. Wissen Sie, so eine
lange Hagere, mit zusammengewachsenen Augenbrauen.
»Solch eine Schönheit gefällt Ihnen nicht?« unterbrach der Bärenpelz den
Erzähler.
»Erlauben Sie, was kann einem an einer solchen schlangenähnlichen
Gestalt gefallen?« antwortete jener.
»Bei euch hält man wohl eine Frau für schön, wenn sie wie ein Erdhaufen
aussieht?«
»Ein Erdhaufen!« wiederholte unser Erzähler lächelnd und ohne gekränkt
zu sein. »Warum nehmen Sie das an? Nach unserer echt russischen
Auffassung bevorzugen wir einen Typus, der, unserer Meinung nach, viel
ansprechender ist, als der, den die jetzige Leichtfertigkeit schätzt,
aber durchaus nicht, was man einen Erdhaufen nennen kann. Wir schätzen
nur die langen, mageren nicht, sondern lieben es, wenn die Frau nicht
auf langen, sondern auf kräftigen Beinen steht, damit sie nicht konfus
herumrennt, sondern wie eine Kugel überall hinrollt und auch hinkommt,
während die Lange hin und her läuft und stolpert. Die schlangenhafte
Schlankheit schätzen wir ebenso wenig, sondern fordern, daß die Frau
erdhafter sei und einen Busen habe, denn wenn er auch für die Figur
nicht so schön ist, so spricht er doch von der Mutterschaft; die Stirne
muß bei der echten russischen Frauenart voll und fleischig sein, weil in
ihr dann mehr Lust und Freundlichkeit liegt. Ähnlich ist es mit der
Nase. Wir mögen die Hakennasen nicht, sondern die Nase soll wie ein
Pfeifchen sein, denn so ein Pfeifchen ist, wenn Sie erlauben, für die
Familie viel freundlicher als eine trockene, stolze Nase. Und ganz
besonders die Brauen: die Brauen offenbaren den Ausdruck im Gesicht, und
deshalb dürfen sie bei der Frau nicht zusammenstoßen, sondern müssen
einen offenen Bogen bilden, weil man mit einer solchen Frau viel
umgänglicher sprechen kann und sie auf jeden einen ganz anderen, für das
Haus einnehmenden Eindruck macht. Freilich der jetzige Geschmack ist von
diesem guten Typus abgekommen und bevorzugt beim Frauengeschlecht
ätherische Luftigkeit, aber das ist eben schade. Indes, gestatten Sie,
wir sprachen nicht davon, und ich fahre lieber in meiner Erzählung fort:
Wie wir die Frau hinausbegleitet haben, merkt unser Pimen als eitler
Mensch, daß wir sie abfällig kritisieren, und sagt:
»Was habt ihr denn? Sie ist doch gut.«
Aber wir antworten: »Die soll gut sein, wo sie schon im Gesicht nichts
Gutes hat! Aber Gott sei mit ihr: wie sie ist, so wird sie auch
bleiben.« Wir waren schon froh, daß wir sie hinausbegleitet hatten, und
räucherten gleich mit Weihrauch, damit bei uns auch kein Hauch von ihr
zurückbleibe. Danach befreiten wir das Stübchen von den letzten Spuren
des Gastes. Die Ersatzbilder legten wir in die Kisten zurück in den
Verschlag und holten unsere richtigen Bilder wieder hervor. Wir hoben
sie auf die Gestelle, wie vorher, und besprengten sie mit Weihwasser.
Dann ging ein jeder zu seinem Schlafplatz, und wir legten uns nieder.
Aber Gott allein weiß, warum wir alle in dieser Nacht nicht schlafen
konnten und wie ängstlich und unruhig es uns zumute war.