Zehnter Auftritt

Lisette. Christoph.

Lisette (hält ihn auf). Nein, mein Herr, ich kann es unmöglich über

mein Herz bringen, Sie so unhöflich sein zu lassen--Bin ich denn nicht

Frauenzimmers genug, um einer kurzen Unterhaltung wert zu sein?

Christoph. Der Geier! Sie nehmen die Sache genau, Mamsell. Ob Sie

Frauenzimmers genug oder zuviel sind, kann ich nicht sagen. Wenn ich

zwar aus Ihrem gesprächigen Munde schließen sollte, so dürfte ich

beinahe das letzte behaupten. Doch dem sei, wie ihm wolle; jetzt

werden Sie mich beurlauben;--Sie sehen, ich habe Hände und Arme voll.

--Sobald mich hungert oder dürstet, werde ich bei Ihnen sein.

Lisette. So macht's unser Schirrmeister auch.

Christoph. Der Henker! das muß ein gescheuter Mann sein: er macht's

wie ich!

Lisette. Wenn Sie ihn wollen kennenlernen: er liegt vor dem

Hinterhause an der Kette.

Christoph. Verdammt! ich glaube gar, Sie meinen den Hund. Ich merke

also wohl, Sie werden den leiblichen Hunger und Durst verstanden haben.

Den aber habe ich nicht verstanden; sondern den Hunger und Durst der

Liebe. Den, Mamsell, den! Sind Sie nun mit meiner Erklärung

zufrieden?

Lisette. Besser als mit dem Erklärten.

Christoph. Ei! im Vertrauen:--Sagen Sie etwa zugleich auch damit so

viel, daß Ihnen ein Liebesantrag von mir nicht zuwider sein würde?

Lisette. Vielleicht! Wollen Sie mir einen tun? im Ernst?

Christoph. Vielleicht!

Lisette. Pfui! was das für eine Antwort ist! vielleicht!

Christoph. Und sie war doch nicht ein Haar anders, als die Ihrige.

Lisette. In meinem Munde will sie aber ganz etwas anders sagen.

Vielleicht, ist eines Frauenzimmers größte Versicherung. Denn so

schlecht unser Spiel auch ist, so müssen wir uns doch niemals in die

Karte sehen lassen.

Christoph. Ja, wenn das ist!--Ich dächte, wir kämen also zur Sache.

--(Er schmeißt beide Mantelsäcke auf die Erde.) Ich weiß nicht, warum

ich mir's so sauer mache? Da liegt!--Ich liebe Sie, Mamsell.

Lisette. Das heiß ich, mit wenigen viel sagen. Wir wollen's

zergliedern--

Christoph. Nein, wir wollen's lieber ganz lassen. Doch,--damit wir

in Ruhe einander unsre Gedanken eröffnen können;--belieben Sie sich

niederzulassen!--Das Stehn ermüdet mich.--Ohne Umstände!--(Er nötiget

sie auf den Mantelsack zu sitzen.)--Ich liebe Sie, Mamsell.--

Lisette. Aber,--ich sitze verzweifelt hart.--Ich glaube gar, es sind

Bücher darin--

Christoph. Darzu recht zärtliche und witzige;--und gleichwohl sitzen

Sie hart darauf? Es ist meines Herrn Reisebibliothek. Sie besteht

aus Lustspielen, die zum Weinen, und aus Trauerspielen, die zum Lachen

bewegen; aus zärtlichen Heldengedichten; aus tiefsinnigen Trinkliedern,

und was dergleichen neue Siebensachen mehr sind.--Doch wir wollen

umwechseln. Setzen Sie sich auf meinen;--ohne Umstände!--meiner ist

der weichste.

Die Juden Ein Lustspiel in einem Aufzuge verfertiget im Jahre 1749. · 第 20 / 48 题