Sie schauerte plötzlich zusammen, so heftig, daß der Oberst der neben
ihr stand, sich überrascht zu ihr neigte.
»Gnädige Frau, Sie sollten sich in acht nehmen -- es ist nicht mehr
Sommer! Sie sind zu leicht gekleidet! Es kommt verdammt kühl von den
Bergen herunter!«
Die Leutnants drängten sich heran, bereit, der Hausfrau eine wärmende
Umhüllung zu holen.
»Danke Ihnen tausendmal, meine Herren, Sie würden doch nicht finden,
was ich brauche! -- Übrigens muß ich mich ohnehin mal um die Damen
bekümmern -- ich weiß gar nicht, wo die eigentlich stecken! Verzeihen
Sie einen Moment, meine Herren!«
Gott sei Dank, daß sich ein Anlaß fand, einen Augenblick zu
verschwinden! -- Nur ein paar Minuten allein sein ... nur rasch einmal
die schmerzende Stirn, die brennenden Lider mit einem feuchten Tuch
kühlen ... nur ein paar Minuten still im Dunkeln sitzen und die Augen
schließen ... allein sein ... ganz allein ...
Cäcilie schritt durch den Speisesaal, wo die drei dienstfreien Burschen
leise mit den beiden Mädchen schwatzten, befahl, daß Bier herumgereicht
werden solle, und stieg langsam, schleppenden Schritts, zum Oberstock
empor.
Es trieb sie, sich langhin aufs Bett zu werfen und den Kopf tief, tief
in die Kissen hineinzuwühlen.
Mit müdem Griff öffnete sie die Klinke zu ihres Mannes Zimmer und
fuhr nervös zusammen, als statt der erwarteten Dunkelheit der volle
Glanz des elektrischen Lüsters ihr entgegenströmte, der sie für einen
Augenblick blendete.
Natürlich hab' ich vergessen, das Licht auszudrehen vorhin, dachte sie
und griff mechanisch nach dem Schalter rechts von der Tür --
Auf einmal fuhr zur Linken aus der Tiefe des Klubsessels in der Nische
die Gestalt eines Mannes empor ...
Martin und Cäcilie standen einander gegenüber ...
Starr standen sie beide ... beider Augen schlossen sich einen
Augenblick lang ...
»Noch hier -- Herr Flamberg?« sagte Cäcilie matt und heiser.
»Wie Sie sehn, gnädige Frau ...!«
»Sie ... legen keinen Wert auf das Feuerwerk --?«
Nur ein zuckendes Lächeln, eine entschuldigende Handbewegung brachte
Martin zustande.
»Und Sie, gnädige Frau --?«
»Ich ... ich wollte mich einen Augenblick ausruhn --!«
»Ich gehe!«
»Nein ... nicht ... ich hab' Sie heut ja noch gar nicht recht begrüßt
... Sie sind mir ja ... förmlich ausgewichen ...«
»Sie mir nicht, gnädige Frau --?«
Cäcilie senkte die Augen und schwieg.
Durch die halbe Zimmerbreite getrennt, standen die beiden Menschen
regungslos ...
Das Knattern des Feuerwerks draußen schwieg ... magisch leuchtete das
ruhige Licht bengalischer Flammen auf in den Gartenbosketts und zeigte
das Ende des bunten Schauspiels an.
In unverwelklicher Glorie thronte droben Martin Flambergs Bild ...
unergründlich tief und ruhevoll schauten die Augen des gemalten Weibes
da droben hernieder auf die zitternde Hand, die schweratmende Brust
seines lebenden Urbilds drunten, auf die zusammengepreßten Lippen, die
straff angespannte Gestalt seines Schöpfers ...
»Leben Sie wohl, Martin Flamberg --« flüsterte Cäcilie.
Tief gesenkten Hauptes wandte sie sich zur Tür des Ehegemachs.
»Cäcilie --!« schrie Martin auf.
Da zuckte sie jäh zusammen ... stand mit hängenden Armen abgewandt
einen Augenblick ...
Dann kam der Sturm, warf ihre Leiber zusammen, stieß ihre Lippen
zusammen ...
Und wie sie sich küßten, da hatte jedes von ihnen die Vision eines
bleichen, todesstarren Menschenangesichts.
Cäcilie sah Fritz, wie sie ihn gesehen hatte im Traum der vorletzten
Nacht, im Manöveranzug, die Linke auf die Brust gepreßt, ein zähes Naß
rieselnd zwischen den braunbehandschuhten Fingern hindurch ...
Und Martin war's, als hielte er Agathe im Arm wie beim letzten
Wiedersehn daheim, als sie sich leise stöhnend an seine Brust geworfen
hatte ... jetzt aber erstarrte, erkaltete sie an seinem Herzen ...
schwand hin ... sank in sich zusammen ... eine jählings welkende
bleiche Rose ...
Mit einem wilden Schluchzen befreite sich Cäcilie aus Martins Arm.
»Leb wohl, Martin ... leb wohl --«
Sie hastete zur Tür, ihre Röcke raschelten ... aus dem Dunkel des
Nebenzimmers blinkten die gelben Messingstangen und der weiße
Spitzenhimmel ...
Die Tür fiel ins Schloß.
Und Martin strich mit dem Handrücken über die Stirn ... kalte Tropfen
standen darauf ...
Dann wandte er sich bewußtlos der Korridortür zu ... seine Schritte
wurden Flucht ... er riß die Tür auf und prallte im Rahmen mit Fritz
von Brandeis zusammen.
* * * * *
Aha -- grinste Oberleutnant Menshausen in sich hinein, als die
Gastgeberin sich plötzlich aus der Schar der Zuschauer des Feuerwerks
zurückzog -- aha, also wirklich!
Er gönnte ihr einen kleinen Vorsprung, zog sich dann gleichfalls
langsam aus der Gruppe heraus, die am Rande der Gartenbastion stand,
und schob sich am Saum der Bosketts entlang hinter Frau Cäcilie her ...
Er stockte, als in diesem Augenblick von der Treppe her, die aus dem
Schloßgarten zu den dunkeln Gehegen des Parks hinanführte, ein Paar
herniederstieg ...
Schau, schau ... der Landwehrfritze -- und das ältere Majorsmädel --
und -- -- zog sich nicht in diesem Augenblick langsam ihr Arm aus dem
seinen ...? Sah sie nicht empor zu ihm mit einem Blick, ordentlich
butterweich?
Und sieh -- aus der Tür, die zum Seitenflügel führte, schlich sich da
zu gleicher Zeit das jüngere Fräulein heraus und gesellte sich ganz
harmlos zu den Zuschauern des Feuerwerks -- woher kam denn die --?! Na,
selbstverständlich auch von einem Rendezvous! --
War denn das ganze Schloß des Teufels --?!
Keine Zeit, weiter zu beobachten ... er durfte die Fährte nicht
verlieren ... er trat in die Veranda, ging zu dem Tisch, auf dem
Zigarren und Zigaretten aufgestapelt waren, zündete auch wirklich ein
Papyros an ... beobachtete, wie Frau Cäcilie drinnen Befehle erteilte
...
Im Augenblick, als sie auf die Diele hinaustrat, schlenderte er
harmlos, nachlässigen Ganges durch den Speisesaal, gab seinem Burschen,
der eben mit einem Brett voll Biergläser aus der Küche kam, einen
Auftrag wegen des Sattelns für andern Morgen ... und folgte der
Hausfrau ...
Er hörte ihre müden, unsichern Schritte sich die Treppe hinaufschleppen
... horchte, wie sie eine Tür öffnete und schloß ... und wollte eben
hinterhersteigen, als plötzlich mit hastigen Schritten der Leutnant
Quincke aus dem Küchenflur schoß. Er erblickte den Kameraden und
stürzte auf ihn zu:
»Menshausen, Sie müssen mir einen Rat geben --!«
»Gern -- nachher! Erst müssen Sie mich einen Augenblick entschuldigen
... ich muß schleunigst auf mein Zimmer ... der Oberst, wissen Sie ...
ich soll ... ich soll die Brigadebefehle für morgen früh holen ... bin
im Moment wieder da!«
»Aber so hören Sie doch nur eine Sekunde -- ich hab' eben einen
schauderhaften Auftritt mit der kleinen Molly Sassenbach gehabt! --
Bitte, sagen Sie mir doch bloß, wie ich mich verhalten soll ... Sie
haben mich doch in diese Schweinerei hineingebracht, haben mir doch den
Auftrag gegeben, die Damen ein wenig zu beobachten ...!«
Teufel -- dachte Menshausen ... sollte der dämliche Geselle eine
Taperei gemacht haben und nun die Verantwortung auf mich selber
abwälzen wollen --?!
»Na -- so erzählen Sie schon schnell!«
Quincke berichtete.
Menshausen platzte hell heraus: »Sie sind eine Kraft, Quincke --
allerhand Hochachtung! Sie verdienen, Obereunuch beim Padischah zu
werden! -- Ich hatte Sie gebeten, ein wenig zu beobachten -- und Sie
platzen dazwischen, ehe überhaupt was passiert ist! Na, weiter kein
Unglück --!«
»Aber die Kleine hat mich tödlich beleidigt! Ich werde mich bei ihrem
Vater beschweren!«
»Sie sind komplett wahnsinnig, Herr! -- Danken Sie Ihrem Schöpfer, wenn
die Kleine nicht anfängt! -- Sich beschweren -- hahaha! Das Gesicht von
Sassenbach!! Ne, mein Lieber, die kleine Gardinenpredigt, die stecken
Sie man ruhig ein! Die haben Sie rechts und links 'rum verdient! --
Und nun lassen Sie mich nach oben! -- -- Donnerwetter, da ist der
Hauptmann!«
Munter summend kam Herr von Brandeis aus dem Küchenkorridor: »Na meine
Herren, wie hat Ihnen das Feuerwerk gefallen? -- pompöse Sache, was?«
»Glänzend, Herr Hauptmann -- ganz pyramidal!«
»So -- und Sie stehn hier auf der Diele 'rum und machen offizielle
Gesichter? -- Marsch in den Garten -- jetzt gibt's Münchener! --
Übrigens -- weiß einer von Ihnen, wo meine Frau steckt?«
So, schöne Frau --! Jetzt kommt die Rache des Negers!
»Die gnädige Frau ist soeben die Treppe hinaufgegangen -- ich glaube,
sie äußerte, sie wolle sich etwas wärmer anziehn!«
»Oho -- wärmer anziehn? -- werde mal nach ihr schauen!«
Der Hauptmann schritt die Treppe hinauf. Mit angehaltenem Atem lauschte
Menshausen.
Jetzt also platzte droben die Bombe ...!
»Was horchen Sie denn so gespannt?« flüsterte Quincke.
»Halten Sie den Mund!«
In dem Augenblick, als der Hauptmann die Tür öffnete, war's, als würde
diese von drinnen aufgerissen ...
Ein Ton klang ... ein dumpfer Naturlaut, wie ein Knurren der
Überraschung und des Schreckens ...
Dann hörten die Lauscher, wie der Hauptmann eintrat. Die Tür fiel ins
Schloß. Nichts weiter vernehmbar.
Menshausen fühlte, wie seine Hände flogen vor Erregung ... in dieser
Sekunde überfiel ihn auf einmal eine jähe Scham ... ein angstvolles
Grausen ...
Herrgott -- was geschah jetzt da droben --? Morgen früh würde Blut
fließen!
Und er -- er hatte die Sache zum Klappen gebracht.
Pah -- was ging's ihn schließlich an? Einmal wäre der Krach ja doch
gekommen!