War denn dem guten Einjährigen, den man zum Dichten kommandiert hatte,
nicht etwas weniger Verschlissenes eingefallen?!
Und um diese drei Bilder herum ein Dialog zwischen dem »Krieg« --
Leutnant Blowitz -- dem »Frieden« -- Molly von Sassenbach -- und dem
»Genius des Regiments« -- Frau Cäcilie von Brandeis! --
Zunächst tritt der Krieg auf, spricht dem Genius des Regiments seinen
Glückwunsch zur Wiederkehr des Ruhmestages von Gravelotte aus, mahnt an
alte Schlachtenherrlichkeit und beklagt die endlose, flaue Friedenszeit
... Schon erscheint der Friede, legt ebenfalls seine Glückwünsche dem
Genius zu Füßen und behauptet, das Regiment leiste auch im Frieden
nützliche Arbeit für die menschliche Gesellschaft ...
Alsdann führt der Krieg die Bilder der großen Vergangenheit herauf:
Bild eins und zwei.
Der Friede ist natürlich erschlagen, preist aber mit einem längeren
Erguß das treue Schaffen des Regiments an der Wehrhaftmachung des
Volkes und kommt mit einem Übergang von haarsträubender Kühnheit auf
die Huldigung an die neue Kommandeuse ... im Frieden blühe nämlich die
holde Geselligkeit ... der Friede sei der Bereich der Frau ... und so
weiter ...
Der Krieg ist galant genug, das zuzugeben; aber das Soldatenhandwerk,
erklärt er, sei nun doch einmal Männerhandwerk, und schließlich ruft er
die Germania zur Entscheidung auf ...
Die erscheint in der Person von Nelly von Sassenbach, erklärt
selbstverständlich, das Regiment sei ihr in Krieg und Frieden gleich
wert, und endigt mit einer Huldigung an den erhabenen Schirmherrn des
Friedens, dessen Gipsbüste alsdann erscheint, umgeben von Soldaten des
Regiments in den historischen Uniformen von 1870 und den heutigen,
sowie von Offizieren und Ehrenjungfrauen -- bengalische Beleuchtung --
Kaiserhymne -- Tusch -- aus --!
Diese erhabene Generalidee mußte sich der unglückliche Einjährige im
Schweiße seines Angesichts abgerungen haben.
Cäcilie von Brandeis meinte ihn ordentlich zu sehen -- den ihr noch
unbekannten jungen Herrn -- wie er, als Wachhabender auf Pulverhaus-
oder Schießstandswache, keuchend diese Banalitäten zusammenleimte --
Und doch -- wenn sie von dem Gedankengang des Ganzen absah, der ja
schließlich für seinen Zweck wohl kaum anders hätte konstruiert werden
können, und sich an die Ausführung hielt --
Was sie da las: das waren doch immerhin Verse ... Verse, in denen hin
und wieder ein besonderes Wort, ein eigentümliches rhetorisches Glänzen
verrieten, daß ein feiner Kopf hinter dem handwerksmäßigen Gestammel
stand, das er vielleicht selbst verlachte, während er es aufs Papier
geschludert -- --
Und an einigen Stellen brach's hervor: ein harnischblinkendes
Geschlecht klirrender Worte und Rhythmen, der Heerbann einer Seele, die
ihre Kräfte zu künftigen Schlachten zusammenzog --
Frau Cäcilie freute sich dessen, was sie da ahnte ... freute sich, daß
es ihr gegeben war, solches zu ahnen ... ihr, der Tochter der heitern
rheinischen Künstlerstadt ... dem Sprößling einer altpatrizischen
Fabrikantenfamilie, die es immer für einen Ehrentitel ihres Namens
gehalten hatte, sich mit Kunst zu umgeben, Kunst zu fördern, mit der
Kunst zu leben ...
Und ein wenig spöttisch ... ein wenig bitter mußte sie lächeln,
wenn sie sich erinnerte, wie ihr guter Fritz ihr das Manuskript des
Einjährigen gebracht mit den Worten:
Na, das lies mal, Kindchen! Da wirst du staunen ... einfach begeisternd
so was ... einfach niederschmetternd schön! -- Jawoll, das ist der
Geist des Regiments Prinz Heinrich der Niederlande ...
So dichten bei uns die Einjährigen ... stell' dir vor, wie erst die
Leutnants dichten ...!
Ihr guter Fritz -- wie er sie vergötterte ... Kunststück! -- Er
verdankte ihr ja auch ein überaus behagliches Dasein --
Aber nein ... das war ein häßlicher Gedanke ... Er war ihr wirklich von
Herzen ergeben ... na, das konnte sie schließlich ja doch auch wohl
verlangen ...!
Sie trat vor den großen, bis zum Fußboden herabgehenden Spiegel ...
reckte ihre Arme ... und freute sich des flimmernden Widerscheins, den
ein verirrter Sonnenstrahl in ihrem rötlich braunen Haar weckte ...
O ja -- Cäcilie Imhof wäre auch ohne ihre halbe Million des heißen
Umwerbens würdig gewesen, das Fritz von Brandeis ihr zu Füßen gelegt
hatte ...
Das Fräulein meldete die Schwestern Sassenbach.
Die schlanken Mädels, beide fast um einen ganzen Kopf größer als
Cäcilie, stürmten herein, voran mit Dragonerschritten die smarte Nelly,
um die es immer witterte wie ein leiser Hauch von Stallparfüm.
Tränenlachend versetzten die Schwestern der Hausherrin die Geschichte
von dem Landwehrleutnant im Froschpfuhl ... da lachte auch Cäcilie laut
und herzlich mit.
Dann aber, als die Mädchen den Namen des Unglücksraben nannten,
wurde sie stutzig ... »Haben Sie eine Ahnung, was der Herr seines
bürgerlichen Zeichens ist --?«
»Irgend sowas bei der Universität, hat Papa gesagt!«
»So, vielleicht in -- Bonn?«
»Ganz richtig, ja, ich glaube wohl,« meinte Nelly.
Schweigend ging Frau Cäcilie aus dem Salon in ihr anstoßendes
Damenzimmerchen und holte einen stattlichen Folioband aus ihrer
Bibliothek; den schlug sie auf und hielt den Titel den Besucherinnen
hin:
Schiller.
Ein Gedenkbuch für das deutsche Volk
zu des Dichters hundertjährigem Todestage
von
Wilhelm Frobenius.
Fünfzehntes bis zwanzigstes Tausend.
»Donnerwetter!« sagte Nelly erstaunt, »ist das von dem Herrn aus dem
Froschtümpel?«
»Na, jedenfalls werden wir uns danach erkundigen müssen!« erklärte Frau
Cäcilie.
Mit einer seltsamen, unverstandenen Empfindung entsann sich Nelly in
diesem Augenblick des heißen Leuchtens, das plötzlich aufgeglüht war
hinter den großen Brillengläsern, als der fremde Mann sie angeschaut,
den sie heute zum ersten Male gesehen ...
Ihr war's in der Erinnerung, als habe sie da hineingeschaut in eine
Welt, die ihr ganz unbekannt geblieben war bis auf diesen Tag ... ihr,
dem Soldatenkinde, das von nichts wußte als von hartem Dienst ... von
eiserner Pflichterfüllung ... von engumzirkelter Gesellschaftsfron ...
In diesem Augenblick erschollen lustige Klänge auf der Promenade, die
rasch näher und näher kamen ...
Die Pfeifen schrillten ... rasselnd knarrten die taktmäßigen Wirbel der
Tambours ...
Wie der Blitz waren die Majorstöchter am Fenster, zogen die Rolläden
auf und schossen auf den Balkon hinaus -- langsamer folgte die schöne
Frau --
Aha, der Papa -- und hinter ihm der Herr dieses Hauses ... den
Säbelknauf auf der Hüfte ... die gleißende Stahlklinge dicht neben dem
scharfgeschnittenen Profil ... und dahinter glitzernd und blinkend der
Heerwurm ...
Aus seiner Mitte aufragend, hoch zu Roß wie die Herren an der Tête, die
unfrohe, nüchterne Gestalt des Hauptmanns Goll ... ganz hinten noch
zwei andere berittene Offiziere, jetzt noch nicht erkennbar ...
Die erste Kompagnie, vom stumpfen Graugrün der schilffarbenen
Helmbezüge überlagert ... dahinter die zweite, überflirrt von den
leuchtenden Reflexen der Helmspitzen ...
Tütt tüttelü tütt tüttütü ...
Rum, plum, plumbidibum ...
so gellte, so schmetterte das die lindenumsäumte Promenade hinab ...
Nun hatte der Major die drei Damen auf dem Balkon erblickt und Leutnant
Blowitz auch, sein getreuer Adjutant, der zu seiner Linken ritt ...
die rostbraunen Handschuhe flogen an die Mützenschirme -- lächelnd
nickten die Damen ...
Hauptmann von Brandeis hatte natürlich schon längst die Herrin seines
Hauses erspäht ... die gleißende Klinge fuhr in die Luft und senkte
sich dann grüßend an der Flanke des Braunen nieder ... mit strahlendem
Lächeln winkten die wasserblauen Augen unter der blinkenden Helmschiene
herauf ...
Und hinter dem Hauptmann fuhr noch eine andere Klinge in die Luft und
senkte sich ... rechts neben dem baumlangen Flügelmann der Königlichen
Ersten marschierte ein stattlicher Offizier, den Frau Cäcilie nicht
kannte ...
»Wer ist denn das?«
Nelly wußte Bescheid: »Das ist der Leutnant der Reserve Flamberg -- ein
Maler aus Düsseldorf!«
Ein Maler aus Düsseldorf ... welch ein Heimatklang ... welch ein Klang
aus der blühenden, sprühenden Welt ihrer Jugend in die nüchterne,
kaltglänzende ihrer Gegenwart hinein.
Vorüber ... vorüber zog mit raschem, taktmäßigem Schritt die gewaffnete
Schar ... es grüßte der puppenzierliche, kleine Carstanjen ... es
grüßte mürrischen Gesichts der struppig umbartete Hauptmann Goll ...
es grüßten am Schluß des Zuges von ihren Pferden der Oberleutnant
Menshausen und der Leutnant Quincke. Vorüber, vorüber, und fernhin
verhallte der Trommelschall, der taktmäßige Schritt der Kompagnien.
Das ist deine Welt -- das heißt eine Welt -- -- so klang's in der
Seele der jungen Frau ... und dazwischen: Ein Maler ... ein Maler aus
Düsseldorf ...
Wieder saßen die drei Damen im gründämmerigen Salon und schwatzten.
Das ganze Festprogramm wurde durchgesprochen, ein Rollenverzeichnis
für die lebenden Bilder aufgestellt ... So verrann eine halbe Stunde;
da erschien Leutnant Blowitz: »Melde mich ganz gehorsamst zur Stelle,
gnädige Frau, und bitte tausendmal um Entschuldigung! -- Gnädige Frau
haben ja selbst gesehen -- --!«
»Allerdings, Herr Blowitz -- sehr erfreut, Sie nun auch persönlich
kennen zu lernen -- nun, wann kommt denn der Dichter?«
»Gnädige Frau meinen den Einjährigen -- ja, das wissen die Götter --
der ist abhanden gekommen!«
Sensation!
Und Blowitz berichtete.
»Na, er wird sich beim Kehren schon wiederfinden!«
»Vielleicht ist er auch in den Froschtümpel geraten,« meinte Nelly.
Die Hausfrau servierte Portwein und Gebäck, und munter plätscherte das
Gespräch ... die neue Kommandeuse ... das Fest ... die Verlobungen, die
etwa darauf zustande kommen könnten ...
In Frau Cäciliens Herzen aber klang's immer wieder wie eine frohe,
verheißungsvolle Heimatweise: Ein Maler ... ein Maler aus Düsseldorf
... und er steht bei Fritzens Kompagnie ... er wird seine Aufwartung
machen ...
Daß Fritz ihr davon noch gar nichts erzählt hatte! Aber freilich, als
er früh um fünf aufgestanden, hatten die Gatten ja nur wenige Worte
gewechselt ...
Auch Nelly war nicht ganz bei der Sache; von Zeit zu Zeit schlug sie,
wie spielend, den Deckel des Buches auf, das vor ihr auf dem Tischchen
liegen geblieben war ... Sie dachte an den Mann im Froschtümpel,
und wie seltsam seine Augen geleuchtet hatten hinter den goldenen
Brillengläsern. Daß vielleicht er dies Buch geschrieben hatte, das in
zwanzigtausend Exemplaren hinausgeflattert war in die Welt, um dem
deutschen Volke zu erzählen von der Herrlichkeit eines Dichters, dessen
sie selber sich nur noch dunkel entsann aus ihrer Schulzeit her ...
Ein Klassiker! Sie selber war seit zehn Jahren nur noch in Operetten
und Schwänke gegangen ...
Schiller! -- Was war ihr Schiller?!
Und über den hatte man ein Buch schreiben können, nach dem
zwanzigtausend Hände gelangt hatten!?
* * * * *
Eine halbe Stunde nach dem Einrücken der Ersten und Zweiten führte
der Unteroffizier Friesen sein trauriges Fähnlein Verirrter in den
Kasernenhof hinein.
Er hatte sich vorgenommen, seine zwei Gruppen nun wenigstens
vorschriftsmäßig in strammem Tritt auf den Kompagnieappellplatz
rücken zu lassen, und hatte sich die Kommandos genau überlegt, die er
abzugeben hätte, um mit seiner Schar in tadelloser Verfassung auf der
Bildfläche zu erscheinen.
Aber kaum hatte er: »Tritt gefaßt!« kommandiert, da erschien am Fenster
der Kompagniestube das zornwütige Gesicht des Feldwebels Düfke, der
den Unteroffizier anbrüllte, daß es über den ganzen Hof schallte:
»Herrgott, Sie Unglückswurm! Da sind Sie ja endlich! -- Nun machen Sie
bloß, daß Sie vom Kasernenhof 'runterkommen! -- Verschwinden Sie,
verschwinden Sie in Dreideubelsnamen!«
»In's Kasernentor, marsch marsch!« schrie Friesen voller Wut und Scham.
Und feixend stürmten die Füsiliere von dannen.
Nun kam das Donnerwetter Nummer eins vom Feldwebel. Kaum war das
überstanden und der Einjährige entlassen, da lief er draußen seinem
Kompagniechef, dem Hauptmann Goll, in den Weg, und das Donnerwetter
Nummer zwei prasselte auf seinen sündigen Scheitel nieder.
Ganz begossen schlich er sich auf die Stube, auf der sein Putzer lag,
um die feldmarschmäßige Ausrüstung abzulegen.
Da trat ihm, treuherzig schmunzelnd, der wackere Füsilier Zilles
entgegen, sein liebster Kamerad unter den Mannschaften: »Herr
Unner'ffzier, warum hann Se mich denn nit mitgenomme uff Pattrollje!
Dann wär dat Mallör nit passiert!«
»Ja, Zilles, wie sollt ich das anfangen!? Sie stehn doch beim zweiten
Zuge, und ich bekam die beiden Flügelgruppen vom ersten! -- Na, nun
machen Sie mal schnell, daß ich instand komme: erste Garnitur, Helm und
Extrastiefel!«
Einer der ersten Regimentsbefehle des neuen Kommandeurs war der
gewesen, daß Unteroffizieren, Einjährigfreiwilligen und Mannschaften
das Tragen unvorschriftsmäßiger Extrauniformen außer Dienst verboten
sei.
So mußte denn Hans Friesen seinen Besuch bei Frau von Brandeis in
seiner bessern Kommißgarnitur bewerkstelligen, dem Waffenrock aus
grobem Mannschaftstuch mit dem schmalen, goldbetreßten Kragen,
daraus die schwarze Halsbinde fast einen Finger breit hervorschaute.
Der Besuchsanzug war dadurch betont, daß die Beine, statt in den
sackartigen, weiten, schwarzen Tuchhosen, in den sogenannten
»Porzellanbuchsen« steckten, den weißen Paradehosen, die auch nicht
viel anders aussahen denn zwei riesige weiße Säcke. Auf dem Kopf
den Diensthelm mit dem häßlichen, schwarzen Ledersturmriemen, das
ungeschlachte Seitengewehr am gewichsten Dienstkoppel um die Hüften
geschnallt ...
So zog Hans Friesen, der Königlich preußische Gerichtsreferendar,
Doktor beider Rechte, Poet und Unteroffizier, zur Leseprobe seines
ersten Dramas. --
Unterwegs überlegte er, wie er sich nun bei der Hauptmannsfrau zu
benehmen hätte. Wahrscheinlich würden Offiziere da sein -- mußte er nun
zuerst vor den Offizieren strammstehen oder vorher, ganz Kavalier, die
Frau des Hauses begrüßen --?
Das waren Etikettefragen, die in keiner Instruktionsstunde beantwortet
wurden ...
Aber wenn Hans Friesen sich erinnerte, daß er heute morgen schon
zwei Ungewitter über sich hatte ergehen lassen müssen und heute
nachmittag in der Einjährigeninstruktion bei Oberleutnant Menshausen
das allertollste noch bekommen würde ... daß die Qualifikation
wahrscheinlich doch bereits verratzt sei ...
Da kam eine ungeheure Wurstigkeit über den jungen Soldaten.
Ach, jetzt war schon alles ganz egal ... jetzt wollte er den Offizieren
zeigen, was für ein Kerl im Tressenrock steckte ... er wollte sie auf
dem Standpunkt völliger gesellschaftlicher Gleichberechtigung behandeln
... mochten sie schimpfen ...! Was konnte ihm noch passieren!
Aber etwas benommen war ihm doch zumute, als er sich im Korridor der
koketten Villa unterm elektrischen Licht, das eine zierliche Zofe
angeknipst hatte, noch einmal im Spiegel betrachtete ...
Verdammt ruppig sah man doch aus ...!
Wären nicht die schwarz-weißen Schnüre um die Achselklappen gewesen
... und die Schmisse auf Stirn und Wange wer hätte ihn von einem
Kapitulanten unterscheiden sollen ...?!
Die Tür flog auf ... da standen drei plaudernde Damen ... ach -- Damen!
Wesen aus einer höhern Welt --!
Und mit ihnen im Gespräch drei Offiziere, Hauptmann von Brandeis,
Oberleutnant von Schoenawa, der finstere, unnahbare Regimentsadjutant,
und Leutnant Blowitz, der einflußreiche Bataillonsadjutant ... Die
Herrgötter des Kommißhimmels!
Und nun schlug Hans Friesen doch die Absätze zusammen, daß es knallte,
und stand zuerst vor den Offizieren stramm ...
Erst als diese unter Lachen und Entschuldigungen bei der Hausfrau
abwinkten, ging er auf die Damen zu und beugte sich auf die duftende
Hand nieder, die sich ihm entgegenstreckte ...
»Schau, schau ... so sieht also ein Dichter aus ... den hatte ich mir
eigentlich anders vorgestellt! Aber freilich, Herr Friesen, zu der
Königlich preußischen Dienstpoesie, die Sie sich da geleistet haben,
paßt Ihr Kostüm ganz ausgezeichnet!«
Hans Friesens braunes Gesicht konnte wohl nicht tiefer sich färben ...
aber in die weiße Stirn stieg das heiße Erröten ...
Und nun lachte Hauptmann von Brandeis: »Na, Herr Friesen, wo haben Sie
denn eigentlich während des Gefechts gesteckt?«
Die Leutnants lachten ... die Damen lachten ...
Nur eine nicht ... Ein rosiges Mädchengesicht, zwei dunkelblaue Augen
lächelten ihn mitleidsvoll aufmunternd an ... die jüngere der beiden
Majorstöchter. -- Herrgott, wie gut das tat!
Die Vorstellung war erfolgt, man hatte Platz genommen um den runden
Tisch im Salon, und die Hausfrau forderte den Poeten auf, sein
Festspiel vorzulesen.
Und mit dem Klang der eigenen Verse überkam Hans Friesen wieder die
fröhliche Wurstigkeit, die er sich vorgenommen ...
Teufel ja! Wenn's auch verschlissene Gedanken und konventionelle
Vorstellungen waren, die er da zusammengebraut ... die Verse ...
wahrhaftig, die konnten sich sehen lassen ...! Das klang und klirrte
wie der Schritt marschierender Bataillone ... das grollte und brauste
wie rollende Salven und dröhnendes Hurra beim Sturm ... Und war's
auch keine himmelstürmende Poesie ... Poesie war's eben doch ...
Soldatenpoesie ...
Und er fühlte, wie sie wirkte.
Als er geendigt, konnte er wohl bemerken, daß die Offiziere in ganz
verändertem Ton mit ihm sprachen ... Und die Damen lachten auch
nicht mehr über ihn ... obwohl er doch heute morgen den richtigen
Gefechtsmoment verpaßt hatte ...
Gern ließen sich alle gefallen, daß er als Regisseur nun frei und
ungezwungen mit ihnen schaltete.
Ja, der Bataillonsadjutant fand es vollkommen in der Ordnung, daß
der Unteroffizier ihn sehr von oben herab zurechtwies, wenn eine
verständnislose Betonung unterlief, oder wenn es galt, die an näselndes
Schnarren gewohnte Kommandostimme für das Pathos des Kriegsgottes
umzufärben ...
Und nun erst die Damen ... wie glühten sie vor Eifer, es dem Dichter
recht zu machen ...
Am holdseligsten aber erglühte eine von ihnen ... und ihre
veilchenblauen Augen funkelten nicht nur dem Poeten, funkelten dem
straffen, feurigen Jüngling ...
Molly hieß sie ...
Hans Friesen ahnte, daß er an diese Molly viele, viele Verse dichten
würde ... bessere Verse als die im Festspiel ... echtere ...
Hatte nicht schon einmal ein Poet eine Molly besungen -- --?!
Siebentes Kapitel.
Über dem Leben des Füsilierregiments Prinz Heinrich der Niederlande
lagerte die Stille vor dem Sturm ... die satte, friedliche
Sommerstille.
Die großen Besichtigungen waren überstanden. Auch die fatalen vier
Wochen auf dem Truppenübungsplatz lagen bereits hinter dem Regiment,
als die letzte Gruppe der Reserveoffiziere eingerückt war. Und alles
rastete nun ein wenig bis zum Beginn der Herbstübungen, in denen
die Arbeit des ganzen Jahres, der Ausbildungsgang mit seiner weise
berechneten, allmählichen Steigerung der Ansprüche und Leistungen
alljährlich gipfelte.
Die stille Zeit vor dem Manöver wurde hauptsächlich durch fleißiges
Schießen und durch kleinere und größere Felddienstübungen ausgefüllt.
So hatten die Reserveoffiziere über allzu starke dienstliche
Inanspruchnahme nicht zu klagen. Von den aktiven Herren waren viele
beurlaubt; die übrigen atmeten nach der Schinderei des Frühjahrs und
Hochsommers ein wenig auf.
Mit Feuereifer stürzten sich die Beteiligten auf die Vorbereitungen
zum Regimentsfest. Alle zwei bis drei Tage fanden nachmittags unter
Leitung des Festspielpoeten Proben für die Aufführung statt, entweder
bei Frau von Brandeis oder bei der Protektorin des Abends, Frau Major
von Sassenbach.
Für Hans Friesen bedeuteten diese Proben eine schattige,
blumendurchduftete Oase in der dürren Wüste seines Kommißdaseins ... Er
lebte nur noch für diese Stunden ...
Was galt's ihm, daß sein Instruktionsoffizier ihn vor versammeltem
Kreise seiner Kameraden für den unfähigsten Tappelhans erklärt hatte,
der jemals das Regiment verschimpfiert habe?
Was war ihm daran gelegen, daß sein Feldwebel Düfke ihm die
Sonderstellung, die sein Talent ihm den Offizieren gegenüber verschafft
hatte, täglich durch um so kommissigere Behandlung vergalt, ihm
mit dienstlichen Plackereien, wo es nur irgend möglich war, ins
Gedächtnis rief, daß er nicht mehr und nicht weniger sei als eben ein
Unteroffizier ...
Mochte er ihn den ganzen Tag und die halbe Nacht schikanieren und
kommandieren, soviel er wollte ... die Nachmittagsstunden der Proben
mußte er ihm freilassen -- laut Bataillonsbefehl!
Übrigens hatte Hans auch sonst dienstlich schlechte Tage. So gut er
von den Offizieren im allgemeinen zurzeit behandelt wurde, die Herren
seiner eigenen Kompagnie machten eine Ausnahme.
Da war Hauptmann Goll, ein alter Junggesell und notorischer
Weiberfeind, übrigens ein Verächter alles dessen, was nicht königlicher
Dienst war ... und der Künste und Wissenschaften noch ganz besonders.
Da war der Oberleutnant Menshausen ... da war endlich auch der Leutnant
Quincke, der, im dunkeln Gefühl der überaus mangelhaften Entwicklung
seiner eigenen Geistesgaben, jeden mit seiner grundsätzlichen Abneigung
beehrte, der irgend etwas leistete.
Da war schließlich auch der gestrenge Bataillonskommandeur. Wenn der
auf der Bildfläche erschien, dann konnte der einjährigfreiwillige
Unteroffizier Friesen sicher sein, irgendwie »aufzufallen«.
»Auffallen« war nämlich gleichbedeutend mit »unangenehm auffallen« ...
dienstlich irgend etwas versehen haben -- die ~gute~ dienstliche
Leistung verstand sich von selbst und fiel also nicht auf.
Es war, als ob der Major den unglücklichen Einjährigen im Dienst dafür
bestrafe, daß er sich außer Dienst der Gunst der Frau von Sassenbach
erfreute.
Ach, wenn Hans gewußt hätte, daß er die unverhohlene Auszeichnung,
mit der Frau von Sassenbach ihn behandelte, vor allem dem Umstande
verdankte, daß er nach ihrer Auffassung auch nicht im entferntesten als
Bewerber um eine ihrer Töchter in Frage kam -- --
Ein bürgerlicher Gerichtsreferendar, der noch nicht einmal die
Qualifikation zum Reserveoffizier besaß -- in dem sah auch Mama von
Sassenbachs Argwohn nur den harmlosen, völlig ungefährlichen jungen
Menschen, der sich mit Wonne nützlich machte beim Arrangement des
Regimentsfestes und überaus korrekte Verse von einer vollendeten
Loyalität der Gesinnung zu drechseln verstand --
Wenn Hans Friesen das geahnt hätte --!?
Er faßte die liebenswürdige, fast mütterliche Behandlung, welche die
Frau Majorin ihm angedeihen ließ, in einem viel schmeichelhafteren
Sinne auf --
Und hatte er dazu nicht eine gewisse Berechtigung --?
Denn daß die Nächstbeteiligte -- daß Molly von Sassenbach ihn
mit gnädigen Augen ansah ... das durfte er sich in Augenblicken
schwellenden Hoffnungsglücks denn doch gestehen ...
Geschehen war ja selbstverständlich eigentlich gar nichts zwischen
ihnen beiden ... sah man sich doch nur im Kreise der »Schmiere«, wie
die kleine Schar der Komödianten des Festspiels sich bereits benannte,
und unter den wachsamen Augen der gestrengen Frau Mama ... zudem
unter den noch gestrengeren Blicken der Offiziere, für die man zwar
außer Dienst »Herr Friesen«, im Dienst aber sofort wieder nur der
Unteroffizier Friesen war ...
Und dennoch ... wenn Hans Friesen nach der Probe zur Kaserne
zurückeilte, wo seine Anwesenheit dringend notwendig war im Interesse
seiner Korporalschaft ... dann war er doch immer in einer wahren
Weltumarmungsstimmung ...
Zwei-, dreimal war es ihm doch gelungen, einen Blick aus den
veilchenblauen Augen zu erhaschen ... einen Blick! ... all ihr Götter!
nach solch einem Blick war's dem guten Jungen jedesmal zumute, als
müsse er den engen Tressenkragen aufreißen ... aufspringen, ans Fenster
stürmen, mit tiefen Atemzügen die laue Sommerluft in die glühende Brust
eintrinken ...
Statt dessen mußte man ruhig und gemessen sitzen bleiben, von scharfen,
wachsamen Augen unermüdlich beobachtet und kontrolliert ...
So waren diese Stunden seines außerdienstlichen Daseins auch wieder ein
Qual! --! ach -- ein süße Qual --!
Sonst nichts als Dienst -- Dienst -- Dienst! Morgens um vier in die
Kaserne ... abends um neun aus der Kaserne ... dazwischen nur eine
Mittagspause von einer Stunde, verbracht in Gesellschaft der übrigen
Einjährigen in einem benachbarten Speisehause ...
Die Kellnerinnen, die hier bedienten, waren seit einem Jahre der
einzige weibliche Umgang gewesen, den Hans Friesen gehabt hatte ... Nun
hatten Rosel und Suse plötzlich für ihn jedes Interesse verloren ...
Sie schmollten und rächten sich, indem sie's beim Servieren immer so
einrichteten, daß Hans Friesen zuletzt an die Reihe kam und nehmen
mußte, was die Kameraden übrig gelassen hatten ...
Hans Friesen merkte es nicht.
* * * * *
Wenige Tage nach Beginn der Übung hatten sich die Reserveoffiziere
wieder vollständig im Regiment eingelebt, und jeder von ihnen suchte
und fand seinen nähern Verkehr da, wohin sein Wesen ihn wies.
Hielt Professor Brassert sich an die ältern und friedlichern Elemente,
so war der Referendar Dormagen der Mittelpunkt einer Gruppe, die nach
dem Mittagessen stets endlos beim Skat zusammenhockte, abends auf
der Kasinoterrasse einen Syphon Münchener nach dem andern vertilgte,
Sonntag nachmittags beim Sekt kleben blieb und nachts gar häufig im
Rauchzimmer beim Tempeln. Oder man zog auch Zivil an und suchte die
Variétés oder noch verschwiegenere Orte nächtlicher Ergötzung auf.
Dieser Gruppe schloß sich auch meist Herr Klocke an, den es nur grämte,
daß er nicht so flott mit dem Gelde um sich werfen konnte wie der
wohlhabende Jurist. Die Beliebtheit, die jener durch Ansetzen zahlloser
»kalter Enten« sich zu verschaffen suchte, strebte er dadurch zu
gewinnen, daß er freigebig von seinem unerschöpflichen Vorrat an
zweideutigen Anekdoten spendierte oder seine schier unglaubliche
Geschicklichkeit in Kartenkunststücken produzierte, was vor dem
Verfahren seines Kameraden entschieden den Vorzug der Billigkeit hatte.
Wieder ein ganz anderer Kreis war es, dem sich der Forstassessor
Troisdorf angeschlossen hatte. Man hätte ihn die Gruppe der
Mißvergnügten nennen können. Ihm gehörten alle jene jungen Herren
an, die es aus irgendeinem Grunde nicht verstanden hatten, sich die
Gunst der höheren Vorgesetzten zu erringen. Es waren nicht nur die
Schlechtesten im Regiment. Hier wurde unablässig geschimpft, auf
die Vorgesetzten, auf die erfolgreichern Kameraden, die als Streber
gebrandmarkt wurden, als Leute, die »über Leichen gingen«. Auch in
diesem Kreise wurde scharf gezecht, aber mehr aus Wut und Enttäuschung
denn aus Liebe zur Sache.
Frobenius war ziemlich allein geblieben. Unter den aktiven Offizieren
hatte er keinerlei Anschluß gefunden. Man behandelte ihn mit korrekter
Liebenswürdigkeit und beständiger höflicher Zurückhaltung. In der
Öffentlichkeit vermied es jeder, sich mit ihm zu zeigen. Und freilich,
ein Vergnügen war es auch nicht, an seiner Seite durch die Straßen der
Garnison zu spazieren. Wo er ging, da geleitete ihn ein beständiges
Schmunzeln auf allen Gesichtern der Passanten, die Straßenjugend rief
ihm freche Bemerkungen nach, ja, es war, als ob selbst die Pferde und
Hunde scheuten und stutzten, wenn sie die lange Gestalt im schwarzen
Überrock aus der Zeit Albrechts des Bären einherwandeln sahen ...
Frobenius merkte das natürlich sehr wohl. Er wußte sehr gut, daß der
größte Teil des ungünstigen Eindrucks, den er hervorrief, auf die
Verfassung seiner Equipierung zurückzuführen sei, und ging lange mit
sich zu Rate, ob er nicht doch seinem Herzen einen Stoß geben und sich
von Kopf bis zu Füßen bei dem ersten Uniformschneider der Garnison neu
einkleiden lassen solle. -- Aber das hätte ihn wenigstens vierhundert
Mark gekostet, und er hatte sich nun einmal, seinen bescheidenen
Verhältnissen entsprechend, fest vorgenommen, bei den Neuanschaffungen
für die Übung nicht über die hundertzwanzig Mark Equipierungsgelder
hinauszugehen, die ihm zustanden. Die aber waren bereits für die
inzwischen eingeführten Uniformänderungen sowie für Reithosen und
Reitstiefel draufgegangen ...
So trotzte er denn weiter dem Schmunzeln des Straßenpublikums wie der
Zurückhaltung seiner Kameraden.
Sein einziger außerdienstlicher Umgang war Flamberg. Und das
entschädigte ihn vollkommen -- in ihm verehrte er, der Kunstgelehrte,
den schaffenden Künstler, wie dieser seinerseits in dem Kritiker den
idealen Adressaten seiner Lebensarbeit. Gar manche Stunde verbrachten
die beiden Gleichgesinnten im Café, in einer Weinstube drunten in der
Stadt oder auf der Stube des einen oder des andern bei kaltem Abendbrot
und Flaschenbier in ernstem Geplauder über die zeitbewegenden Fragen
der Malerei ... der Dichtkunst ... der Kunst überhaupt.
Dennoch füllte dieser Umgang die Mußestunden des Privatdozenten nicht
völlig aus; denn Flamberg legte Wert darauf, auch außerdienstlich viel
mit den aktiven Kameraden zusammen zu sein. Es war sein Grundsatz,
während der acht Wochen Übungszeit ganz und gar sich in einen Soldaten
zu verwandeln, und so wußte er auch mit der ganzen proteischen
Wandlungsfähigkeit seiner Künstlerseele sich der Sprache, den
Umgangsformen, der Weltanschauung des Kreises anzupassen, welchem er
für diese kurze Zeit durch den Rock angehörte, den er trug.
Wilhelm Frobenius wußte sich zu trösten. Die dienstfreien Nachmittage,
die kurzen Abendstunden benutzte er, um den Grundriß seiner Vorlesung
für das künftige Wintersemester zu skizzieren, die das Drama des
Naturalismus zum Gegenstande haben sollte.
Von Tag zu Tag hatte er die peinliche Pflicht aufgeschoben, sich bei
seiner Retterin, der Tochter seines Bataillonskommandeurs, für den
siegreichen Kampf mit Kuno dem Schrecklichen zu bedanken.
Für einen Menschen, der, wie er, so sicher im Kreise seines Wirkens und
Schaffens zu stehen gewohnt war, mußte es ein peinlicher Gedanke sein,
eine gesellschaftliche Komödie zu spielen, die für sein inneres Leben
keine Bedeutung hatte und ihm doch eine Reihe von Empfindungen bringen
mußte, welche die Ruhe seines Herzens gefährdeten -- diese schöne Ruhe,
die ihm um so wertvoller war, seitdem er eine neue Arbeit begonnen ...