Die Eiszeit

[Illustration: Abb. 5

I. Weißköpfige Schwanzmeise aus Ostpreußen

II. Streifenköpfige Schwanzmeise aus der Rheingegend

III. Mischling von I und II aus Mitteldeutschland

]

Einen sehr bedeutenden Einfluß auf die Verteilung der heutigen

Tierwelt hat die _Eiszeit_ mit ihren Folgeerscheinungen gehabt,

obgleich es verkehrt ist, nun alles auf sie zurückführen zu wollen.

Wir wissen aus der Erdgeschichte, daß Europa sich zur Tertiärzeit

eines außerordentlich milden, subtropischen Klimas erfreute, und

aufgefundene Versteinerungen beweisen uns, daß damals, z. B. im

Pariser Becken, bunte Papageien sich auf rauschenden Palmenwipfeln

schaukelten. Dann aber trat eine starke Abkühlung ein, die weithin

alles Leben vernichtete oder verdrängte und in den Sagen aller

Völker als »Sintflut« wiederkehrt. Schweden und Finnland hüllten

sich in einen Eispanzer, und von da aus drangen die Gletscher

siegreich nach Mitteleuropa vor bis zum Harz und zum Riesengebirge,

wo wir noch heute das von ihren Endmoränen abgesetzte Felsgeröll

antreffen. Ebenso setzten sich die Gletscher unserer Hochgebirge in

Bewegung und bedeckten von den Hochalpen aus die ganze Schweiz und

Süddeutschland bis zum Jura sowie einen großen Teil der lombardischen

Ebene. Damals kamen im Gefolge der Kälte so ausgesprochen nordische

Tiere wie Vielfraß, Polarfuchs und Renntier nach Deutschland, und

die Gemsen, Steinböcke und Murmeltiere der Alpen stiegen in die

Ebene hinab. Die wärmegewöhnte tertiäre Tierwelt aber wurde durch

diese wahrscheinlich dreimal wiederholten Eisvorstöße entweder

vernichtet oder verdrängt, soweit sie sich nicht den so gründlich

veränderten Verhältnissen anzupassen wußte. Die Abwanderung erfolgte

naturgemäß nach zwei Seiten hin, nach Südwesten und nach Südosten,

und so wurden viele Arten durch die wie ein Keil ins Herz Europas

vordringenden Eismassen in zwei Stämme gespalten, die Jahrtausende

hindurch völlig voneinander getrennt blieben. Während dieser Zeit

wirkten auf jeden Stamm die Einflüsse der neuen Heimat ein, die

also auch verschiedenartige Abänderungen hervorrufen mußten. Beim

späteren Zurücktreten und Abschmelzen der Eismassen rückten dann die

Verdrängten von beiden Seiten her auf verschiedenen Wegen allmählich

wieder in die alten Wohngebiete ein und mußten hier schließlich

wieder mit den früheren Artgenossen zusammentreffen. Nun kam es

darauf an, wie weit die durch die Isolierung und durch die Eigenart

der neuen Heimat bewirkten Veränderungen schon vorgeschritten

waren. Waren sie so stark geworden, daß darüber die gegenseitige

geschlechtliche Anziehungskraft verloren gegangen war, so daß eine

geschlechtliche Vermischung trotz räumlicher Wiedervereinigung nicht

mehr oder nur ausnahmsweise stattfand, so hatten sich neue Arten

(Realgattungen, Formenkreise) gebildet. Ein gutes Beispiel dafür

ist unser Baumläufer, der durch die Eiszeit in zwei Arten gespalten

wurde, nämlich den langkralligen und kurzschnäbligen Waldbaumläufer

(~Certhia familiaris~) und den kurzkralligen und langschnäbligen

Gartenbaumläufer (~Certhia brachydactyla~), die jeder für sich

wiederum verschiedene geographische, in den einzelnen Teilen des

Verbreitungsgebietes sich vertretende Rassen bilden. Beide Arten leben

heute in Deutschland neben- und untereinander, ohne sich aber zu

vermischen. Waren dagegen die Veränderungen so geringfügig, daß die

Tiere bei ihrem Wiederzusammentreffen auch geschlechtlich sich wieder

vermischten und fruchtbare Bastarde erzeugten, so ist die Art als

solche geblieben, und es sind nur verschiedene Rassen (~conspecies~)

von ihr entstanden. Dies ist z. B. der Fall bei unserer Schwanzmeise,

die im Osten eine rein weißköpfige, im Westen eine streifenköpfige

Form ausgebildet hat, während Mitteldeutschland von einem Mischmasch

aller nur erdenklichen Bastardabstufungen zwischen beiden bewohnt

wird (Abb. 5). Bezeichnend ist auch, daß die einem rauheren Klima

ausgesetzte Ostform ein viel dickeres und pelzartigeres Gefieder

hat als die Westform. Bei manchen Arten ist die Wiederverschmelzung

schon vollständig geworden, so daß nur noch die starke individuelle

Variation des Gefieders die ursprünglich getrennten Stammeltern

verrät. So ist unser heutiger Mäusebussard meiner Meinung nach aus der

Verschmelzung einer weißlichen Ost- und einer bräunlichen Westform

hervorgegangen. Unverfälschte Reste der westlichen Stammform (~Buteo

vulgaris insularum Floer.~) fand ich noch auf den Kanarischen Inseln,

wo sie sich infolge der Absonderung reinblütig erhalten konnten. Bei

der schwarzen Raben- und der grauen Nebelkrähe vollzieht sich derselbe

Prozeß gerade in der Gegenwart, sozusagen vor unseren Augen. Solche

Tiere nun, die sich dem sibirischen Klima der Eiszeit angepaßt und

zwischen den beiden großen Gletscherwelten ausgeharrt hatten, fühlten

sich bei der Rückkehr der Wärme natürlich wenig behaglich und zogen

sich deshalb in die Gebirge zurück, wo die Verhältnisse doch noch

einigermaßen den angenommenen Lebensgewohnheiten entsprachen. Als die

Gletscher vollends weggeschmolzen waren, blieben sie als Überbleibsel

der Eiszeit auf ihren Bergen vereinsamt sitzen und bilden heute die

sogenannte _Reliktenfauna_. Hierher gehören z. B. der Schneehase

und das Schneehuhn der Alpen sowie gewisse Platt- und Schnurwürmer

der schweizerischen Seen, wohl auch der schöne Apollofalter mit

seinen vielen Abarten (Abb. 6). Man hat freilich auch viele Tiere zu

Eiszeitrelikten zu stempeln versucht, die es in Wirklichkeit gar nicht

sind, sondern die ihre Eigenart lediglich durch Anpassung an besondere

Verhältnisse der Umwelt erworben haben.

[Illustration: Abb. 6. Verbreitung des Apollofalters

Zwischen Pol und Äquator: Tiergeographische Lebensbilder · 第 48 / 59 题