Die Abhängigkeit von der Pflanzenwelt

Auch die _Pflanzendecke der Erde_ übt einen entscheidenden Einfluß auf

die Tierverbreitung und ihre Begrenzung. Steppe und Wald bergen eine

ganz verschiedene Tiergesellschaft, das parkartig bewachsene Gelände

pflegt am tierreichsten zu sein, die Bedeckung des Bodens mit dem

hohen, schilfartigen, scharfrandigen und harten Alang-Alang erstickt

fast alles Tierleben. Die großen Herdentiere der ostafrikanischen

Steppe wie Zebras, Antilopen, Gnus und Strauße wissen sich im

dichtverwachsenen Urwalde nicht zu bewegen, und deshalb bilden

die großen Tropenwälder Innerafrikas für sie eine unübersteigbare

Schranke, die jede Weiterausbreitung nach Westafrika verhindert.

Ebenso werden große Waldgebiete von den sie umgürtenden Steppen

für viele Tiere vollständig abgeschlossen. So ausgesprochene und

seßhafte Waldtiere wie z. B. Luchs und Bär, Spechte und Auerhühner

werden es sich nicht einfallen lassen, auf der Suche nach neuen

Wohngebieten weite Steppen zu durchziehen. Zwischen Au- und Berg-,

Laub- und Nadelwald bestehen hinsichtlich ihrer Tierwelt auch wieder

tiefgreifende Unterschiede. Von unseren Vogelarten sind z. B.

Auerhuhn, Goldhähnchen, Haubenmeise und Tannenmeise auf den Nadelwald

beschränkt, dessen Grenzen nicht leicht überschritten werden. Der

Wasserpieper hält sich durchaus an das Latschengestrüpp der höheren

Gebirgskämme, der Tannenhäher nach Möglichkeit an die Arvenbestände.

Kinder des Laubwaldes sind Haselhuhn und Pirol; Turteltaube und

Nachtigall haben eine starke Vorliebe für den Auenwald, der anmutige

Zwergfliegenfänger und der muntere Waldlaubsänger für den ragenden

Buchendom. Buchfink, Goldammer, Stieglitz, Girlitz, Grünspecht, die

Grasmücken, Meisen, Wendehälse und viele andere siedeln am liebsten

im parkartigen Gelände, während Lerchen, Rebhühner, Wachteln usw.

die Kultursteppe mit ihren Getreidefeldern und Wiesen bevorzugen.

Ändert sich das Landschaftsbild mit der Pflanzenbedeckung, wird etwa

Laubwald in Nadelwald verwandelt, Forst in Ackerland, Sumpf in Wiese,

so verschwinden viele bisher in der Gegend alteingesessene Tierarten,

und andere, bisher nicht vorgekommene treten an ihre Stelle. So gibt

es heute in Dänemark kein Auerwild mehr, obwohl es, wie zahlreich

aufgefundene Reste bezeugen, früher dort häufig war, solange nämlich

dieses Land mit Nadelwald bedeckt war, der später durch Laubwald

abgelöst wurde. Nur im Walde konnten die Baumkletterer zur vollen

Ausbildung gelangen, nur im Walde findet man bei uns das lustige

Eichhörnchen und seinen Todfeind, den sprunggewandten Edelmarder, nur

im Walde Südamerikas die Affen, Baumstachler, Faultiere usw. Weit

einschneidender als die Unterschiede zwischen unseren verschiedenen

Waldarten sind natürlich die zwischen dem mitteleuropäischen Wald

einerseits und dem Regenwald der Tropen andrerseits, selbst wenn wir

vom Klima ganz absehen. Der Tropenwald zeichnet sich durch eine schier

verwirrende Fülle von Baum- und Straucharten aus, und man muß oft lange

gehen, ehe man denselben Baum in einem zweiten und dritten Vertreter

wiederfindet, so daß demgegenüber unsere Wälder überaus gleichförmig

und eintönig erscheinen, insbesondere die vom Forstmann bevorzugten

Nadelholzbestände. Selbst in unseren Mischwäldern haben wir gewöhnlich

nur 10 bis 15 Baumarten, während z. B. der Wald von Kamerun deren 500

aufzuweisen hat, dazu noch 800 Straucharten. Irgendeiner dieser vielen

Bäume wird immer Blüten oder Früchte haben; so daß auch ausschließliche

Frucht-, Beeren- oder Blütenhonigfresser im Tropenwalde stets eine

reich besetzte Tafel vorfinden, während sie bei uns den größten Teil

des Jahres über Hunger leiden müßten. Im vollsten Einklang mit dieser

weitgehenden Zersplitterung der Pflanzenwelt steht nun aber auch

die Verteilung der Tierwelt, die ja mittelbar oder unmittelbar von

jener abhängt. Wir finden also eine überwältigende Fülle von Arten,

aber jede dieser Arten nur in verhältnismäßig wenigen Vertretern.

Die Forschungsreisenden versichern uns übereinstimmend, daß es dort

viel leichter sei, 100 verschiedene Insektenarten zu sammeln als 100

Stück der gleichen Art. Der berühmte Wallace fing in Borneo in einer

einzigen Nacht 158 Schmetterlinge, die sich auf 120 verschiedene Arten

verteilten, und sein Landsmann Bates erbeutete bei Para in wenigen

Stunden 46 Tagfalter, die 39 verschiedenen Arten angehörten. Im Umkreis

einer Stunde sind ebenda im ganzen 700 Tagfalter gesammelt worden,

während ganz Europa überhaupt nur 400 aufzuweisen hat. Nachstehend

noch einige weitere beweiskräftige Zahlen, die ich dem vortrefflichen

Werk Hesses entnehme: Südamerika beherbergt 4560 Tagfalter, das ganze

paläarktische Gebiet nur 716, die Insel Borneo hat 580 Landvögel,

Europa im ganzen auch nur 685 Vogelarten, von denen wir 257 zu den

Landvögeln rechnen können. Den 79 Fröschen Borneos hat Europa nur

13 gegenüberzustellen, den 536 Kriechtieren Vorderindiens nur 64,

also etwa den neunten Teil. Die Philippinen können mit 727 Arten von

Landschnecken dienen, in dem viel größeren, aber unter gemäßigten

Breiten liegenden Japan leben nur 193 Arten.

Zwischen Pol und Äquator: Tiergeographische Lebensbilder · 第 41 / 59 题