Die Natur hat im Laufe ungezählter Jahrtausende in den verschiedenen
Klimaten und Landschaftsformen des Erdballs durch Auslese und Anpassung
überall wunderbar abgestimmte Lebensgemeinschaften geschaffen,
deren Mitglieder, durch unsichtbare Fäden miteinander verbunden,
aufs engste aufeinander angewiesen sind. Deshalb pflegt sich die
Ausrottung einer Tierart auch für den Menschen früher oder später
zu rächen. Wo man z. B. die angeblich schädlichen Raubvögel völlig
vertilgt hat, da vermehren sich Hamster, Kaninchen und das vielartige
Mäusegezücht derart ins Ungemessene, daß diese Nager bald zur
Landplage werden. Moebius, der den Begriff der _Lebensgemeinschaft_
(Biozönose) zuerst aufstellte, ging dabei von der Austernbank aus:
in der Tat kein übles Beispiel, denn vielleicht herrscht nirgends
auf Erden so vielgestaltiges Leben, so verwirrende Formenfülle, so
bestechende Farbenpracht wie in der lauwarmen Uferzone tropischer
Meere. Man könnte aber auch ebensogut unseren _deutschen Wald_ mit
all seinen Pflanzen und all seinem Getier als vollendetes Beispiel
einer harmonisch ausgeglichenen Lebensgemeinschaft aufstellen,
und dabei würden sich noch die verschiedensten Abarten dieser
Lebensgemeinschaft widerspiegeln im Auenwald oder Gebirgswald, im Laub-
oder Nadelwald, im geschlossenen Forst oder im kleinen Feldgehölz.
Solche verschiedenartige Wohnplätze der Lebewesen bezeichnet man
wissenschaftlich als Biotope (Abb. 1). Auch dem Laien wird es
sofort klar sein, daß der mitteleuropäische Wald in bezug auf die
Tierwelt ein ganz anderes Gepräge haben muß als etwa der tropische
Regenwald, der keinen Winter kennt und das ganze Jahr über seine
Gaben in verschwenderischer Fülle darbietet. So erzeugt unser Wald
fast gar keine fleischigen Früchte, und die wenigen, die sich finden,
sind nur in einem sehr beschränkten Teile des Jahres vorhanden.
Ebenso fehlen im Winter die Blätter der Laubbäume. Ausgesprochene
tierische Frucht- und Laubfresser vermöchten also bei uns gar nicht
zu leben. Die Tierwelt unserer Forsten wird daher ärmer sein als die
der Tropenwälder. Wir sehen also hier sofort die unmittelbare oder
wenigstens mittelbare _Abhängigkeit der Tiergesellschaft von der
Pflanzenwelt_. Wo die Pflanze verschwindet, findet auch das Tier keine
Wohnstätte mehr. Selbst der kleine schwarze Gletscherfloh, der zu
den Springschwänzen gehört und im Schmelzwasser der Eisgrübchen der
höchsten Alpengletscher lebt, ein wahres Stiefkind der Natur, braucht
doch wenigstens die zerfallenen Reste von Alpenpflanzen, die ihm von
noch höheren Felsgraten her mit dem Schmelzwasser als Nahrung zugeführt
werden. Auch die Gazelle vermag völlig pflanzenlose Sandstrecken der
Wüste nur flüchtig zu durcheilen, der Zugvogel sie nur auf seinen
Wanderungen rasch zu überfliegen, und der Löwe ist durchaus nicht der
»Wüstenkönig«, zu dem Freiligrath ihn stempeln wollte.
[Illustration: Abb. 1. Biotope und Lebensgemeinschaften
I. Pampas mit Nandu, Klapperschlange, Puma, Gürteltier,
Präriehund, Steißhuhn, Prärieeule,
II. Europ. Hochgebirge mit Steinbock, Gemse, Bartgeier,
Steinadler, Alpenhase, Alpendohle, Schneefink, Mauerläufer,
III. Europ. Waldgebiet mit Edelhirsch, Reh, Fuchs, Marder,
Dachs, Bussard, Ohreule, Kuckuck, Singdrossel,
IV. Kultursteppe mit Feldhase, Kornweihe, Hamster, Rebhuhn,
Feldlerche, Haubenlerche, Sperling.
]
Die Erde allein zieht uns nicht an, sondern das Leben, das sich auf
ihr so mannigfach entfaltet. Darin beruht auch der vielbesungene
_Waldeszauber_, dem sich ein unverdorbenes Menschengemüt so gern
und mit tiefem Behagen hingibt. Es ist eigentlich grundfalsch,
von »Waldeseinsamkeit« zu sprechen. Nein – wie unter den wogenden
Wellen des Meeres ein buntes Gewimmel überraschend vielgestaltiger
Tiere sich drängt, so auch unter den rauschenden Wipfeln der
Waldbäume als eine unerschöpfliche Fundgrube für den Naturfreund,
als eine unversiegliche Quelle für den Forscher. Jede alte Eiche
oder Kiefer ist dabei wieder eine Lebensgemeinschaft für sich,
wimmelnd von allerhand Kleingetier. Aber so mannigfach die tierische
_Bewohnerschaft des Waldes_ auch zusammengesetzt sein mag, so ist
sie doch keineswegs vom launischen Zufall planlos zusammengewürfelt,
sondern in ganz bestimmter Weise abgeschlossen, scharf und planmäßig
begrenzt. Und wenn auch zahlreiche Tierarten den deutschen Wald
als Lebensherberge ansehen, so muß doch dessen Bewohnerschaft vom
vergleichend-wissenschaftlichen Standpunkte aus eigentlich als arm
bezeichnet werden. Jedenfalls halten die Wälder der gemäßigten Breiten
in dieser Beziehung keinen Vergleich aus mit denen der Tropen. Es
fehlt ihnen das lärmende Gaukelvolk der Affen, die kreischenden Flüge
bunter Papageien, die schimmernden Elfengestalten der Kolibris; es
fehlen die blutdürstigen Großkatzen und die riesigen Dickhäuter, die
gleißenden Schlangen und die mit den alten Baumknorren förmlich zu
einem Gebilde verschmelzenden Faultiere. Dabei wissen wir durch die
übereinstimmenden Berichte der Forschungsreisenden, daß eigentlich
auch der vielgepriesene Tropenurwald in seinem Inneren erschreckend
arm ist, daß sich regeres Tierleben nur an seinen Rändern und auf
seinen Lichtungen entfaltet. Sonst herrscht hier noch die Pflanze.
Ähnlich auch bei uns. Die Parklandschaft, mag sie nun von der Natur
oder künstlich vom Menschen geschaffen sein, ist jedenfalls sehr
viel tierreicher als der geschlossene Wald. Wenn wir trotzdem gerade
diesen mitsamt seinen Bewohnern so sehr lieben, so ist dies wohl
darauf zurückzuführen, daß er Wohn- und Zufluchtstätte ist gerade für
unsere edelsten, d. h. höchststehenden Tierarten, die uns natürlich
ganz besonders ans Herz gewachsen sind. Hier begegnen wir noch unserem
stolzesten Wild, dem herrlichen Edelhirsch, hier unserem wehrhaftesten,
dem ritterlichen Schwarzkittel; hier schleicht der geschmeidige
Edelmarder dem munteren Eichhörnchen nach, hier führt der Dachs sein
behäbiges Einsiedlerdasein, vollbringt der rote Freibeuter seine
Schelmenstreiche, fegt der zierliche Rehbock das werdende Gehörn,
probt die lustige Vogelschar ihre Stimmen zum großen Frühlingskonzert.
Zwischen Wald und Wald ist dabei freilich ein großer Unterschied.
Hirsch und Reh fühlen sich nicht heimisch in einem Wald, der des
Unterholzes entbehrt, keine Wiesen umschließt, nicht von Feldflächen
begrenzt wird. Das Tier hat eben nicht nur _Wohnraum_ nötig, sondern
auch _Ernährungsraum_, und erst die möglichst glückliche Vereinigung
beider verbürgt ihm ein gesichertes Dasein. Je mehr der Mensch den
Wald in Betrieb genommen und ihn zum regelrecht bewirtschafteten Forst
umgewandelt hat, desto ärmer wird dieser an größeren Säugetieren und
Vögeln sein. Bär und Wolf, Wisent und Elch, Luchs und Biber, Adler
und Uhu, Schwarzstorch und Kolkrabe – sie alle sind aus unseren nur
allzu zahm gewordenen Ländern entweder schon verschwunden oder in
winzigen Restbeständen in die entlegensten Winkel zurückgedrängt und
dem Aussterben nahe gebracht worden, während sich dafür das vielartige
Mäusegezücht breit macht und das böse Heer der waldvernichtenden Kerfe.
Dies ist die zweite und ungleich gefährlichere Tat, durch die der
Mensch verändernd in das große Gesamtbild des Naturganzen eingegriffen
hat. Als größtes und unersättlichstes Raubtier der Welt reißt er hier
in kurzsichtiger Habgier Lücken, die sich nie wieder schließen lassen.
Reicher als die Säugetiere sind im deutschen Walde die Vögel vertreten,
und sie fallen auch mehr auf, weil sie sich nicht so ängstlich dem
Auge des Menschen entziehen. Mag unser Wald in gewissem Sinne auch
tierarm sein, so stellt er doch wohl das Schönste dar, das die Natur
auf dem weiten Erdball geschaffen, eine abgerundete, durch keinerlei
Schroffheiten verzerrte Lebensgemeinschaft in höchster Vollendung (Abb.
2)!
[Illustration: Abb. 2. Biotope und Lebensgemeinschaften
I. Afrikanische Steppe mit Giraffe, Strauß, Kudu, Gnu,
Säbelantilope, Zebra, Löwe, Sekretär,
II. Sandwüste mit Geier, Wüstenfuchs, Dornschwanz,
Sandflughuhn, Springmaus, Skink, Knackerlerche,
III. Südamerik. Urwald mit Jaguar, Brüllaffe, Spinnenaffe,
Harpyie, Arara, Hokkohuhn, Pfefferfresser, Faultier,
Quesal, Kolibri,
IV. Polargebiet mit Walroß, Moschusochse, Eisbär, Renntier,
Alk, Eisfuchs.
]