Verzweiflungsvoll, wie vor den Kopf geschlagen, irren die ostjakischen
Besitzer der Herde zwischen den sterbenden und verendenden Tieren hin
und her, um in sinnloser Gier so viel zu retten, wie zu retten noch
möglich ist. „Obwohl nicht unkundig der furchtbaren Gefahr, der sie
sich aussetzen, wenn auch nur der geringste Teil eines Blutstropfens,
ein Stäubchen des blasigen Schleimes mit ihrem eigenen Blute sich
mischt, obschon vertraut mit der Tatsache, daß bereits Hunderte ihres
Volkes unter entsetzlichen Schmerzen der unheilvollen Seuche erlagen,
arbeiten sie doch mit allen Kräften, um die vergifteten Tiere zu
entfellen. Ein Beilschlag endet die Qualen der sterbenden Hirsche, ein
Pfeilschuß das Leben der Kälber, und einige Minuten später liegt das
Fell, das noch nach Wochen ansteckend wirken kann, bei den übrigen,
tauchen die blutigen Hände den vom Leibe der Kälber losgelösten Bissen
in das in der Brusthöhle des erlegten Tieres sich sammelnde Blut,
um ihn roh zu verschlingen. Schinderknechten gleichen die Männer,
scheußlichen Hexen die Frauen, im Aase wühlende, blutbeschmierte,
bluttriefende Hyänen sind die einen wie die andern; achtlos des über
ihrem Haupte schwebenden, nicht an einem Roßhaar, sondern an einer
Spinnwebe aufgehängten, toddrohenden Schwertes zerren und wühlen sie
weiter, unterstützt sogar schon durch ihre Kinder, von halberwachsenen
Knaben an bis zu den von Blut triefenden, kaum dem Säuglingsalter
entwachsenen Mädchen herab.“
Für fünf der gierigen Schlinger wurde dieses widerwärtige Schwelgen
zur Todesmahlzeit. Entsetzt verließ Brehm mit den Seinen diese Stätte
des Grauens. Einige anscheinend noch gesunde Renntiere nahm man mit.
Aber auch sie trugen schon den Todeskeim in sich und brachen unterwegs
zusammen. Wieder Fußmarsch mit all seinen Beschwerden durch weglosen
Morast bis zum nächsten Weideplatz. Das Gespenst des Hungers bedrohte
die bis zum Tod erschöpften Männer! Regelmäßige oder ausgiebige
Mahlzeiten gab es nicht mehr. Es war schon ein besonderer Glückstag,
wenn es einmal gelang, einen armseligen Regenpfeifer zu erlegen oder
eine Doppelschnepfe oder ein Moorhuhn. Gierig hockten dann die drei
ausgehungerten Deutschen um den Bratspieß herum und verzehrten die
wenigen schmalen Bissen. Endlich wurde der neue Weideplatz erreicht.
Auch hier dasselbe Bild! Auch hier wütete die Seuche! Es half alles
nichts: Brehm mußte sich zur Umkehr entschließen, ohne das ersehnte
Polarmeer erreicht zu haben, wollte er nicht leichtsinnig das Leben
der Gefährten aufs Spiel setzen. In sehr ernster Stimmung und unter
immer fühlbarer werdendem Mangel zog man wieder der Schtschutschja zu.
Unterwegs erlag noch einer der ostjakischen Begleiter, ein besonders
heiterer und williger Bursche, der furchtbaren Seuche und wurde nach
heidnischer Sitte in der weiten Tundra begraben. Brehm hatte einmal
das Glück, eine ganze Familie Wildgänse zu schießen, und an diesem
Tage konnte man sich zum ersten Male wieder satt essen, ohne um den
einzelnen Bissen zu kargen. Alle atmeten erleichtert auf, als sie die
Fluten des Ob wieder erblickten. Es war ihnen, als seien sie der Hölle
entronnen. „Nach der Tundra ziehe ich wenigstens nicht wieder,“ hat
Brehm später freimütig geäußert.
Im übrigen pflegte er zu sagen, daß die sibirische Reise, die er
mit Vorliebe in seinen herrlichen Vorträgen behandelte, mehr einer
Hetzjagd als einer Forschungsreise geglichen habe. In der Tat, soviel
ihm im Sudan das Fieber zu schaffen machte, soviel auf seinen späteren
Reisen der leidige Zeitmangel. Weder in Spanien noch auf der Donau,
weder in Sibirien noch in Abessinien verblieb ihm genügend Zeit, seine
Beobachtungen in der gewünschten Weise abzuschließen und abzurunden.
Gerade auf Forschungsreisen wird die Zeit zum kostbarsten aller Güter,
Mangel an Zeit aber zum schlimmsten Feinde des sammelnden Forschers.
Mehr als jeder andere Reisende muß er die Stunde, den Augenblick in
seiner Weise wahrnehmen können, ohne sonstwie behindert zu sein. Eine
einmal gebotene Gelegenheit kehrt oft niemals wieder. „Freie Zeit“
gibt es für den sammelnden oder beobachtenden Forscher nicht, denn die
Zeit ist es, die für ihn das alleinige, allzeit notwendige Mittel zur
Verständigung mit der Natur ist und bleibt.