Nach der Natur gezeichnet von O. Finsch im Jahre 1877]

Verzweiflungsvoll, wie vor den Kopf geschlagen, irren die ostjakischen

Besitzer der Herde zwischen den sterbenden und verendenden Tieren hin

und her, um in sinnloser Gier so viel zu retten, wie zu retten noch

möglich ist. „Obwohl nicht unkundig der furchtbaren Gefahr, der sie

sich aussetzen, wenn auch nur der geringste Teil eines Blutstropfens,

ein Stäubchen des blasigen Schleimes mit ihrem eigenen Blute sich

mischt, obschon vertraut mit der Tatsache, daß bereits Hunderte ihres

Volkes unter entsetzlichen Schmerzen der unheilvollen Seuche erlagen,

arbeiten sie doch mit allen Kräften, um die vergifteten Tiere zu

entfellen. Ein Beilschlag endet die Qualen der sterbenden Hirsche, ein

Pfeilschuß das Leben der Kälber, und einige Minuten später liegt das

Fell, das noch nach Wochen ansteckend wirken kann, bei den übrigen,

tauchen die blutigen Hände den vom Leibe der Kälber losgelösten Bissen

in das in der Brusthöhle des erlegten Tieres sich sammelnde Blut,

um ihn roh zu verschlingen. Schinderknechten gleichen die Männer,

scheußlichen Hexen die Frauen, im Aase wühlende, blutbeschmierte,

bluttriefende Hyänen sind die einen wie die andern; achtlos des über

ihrem Haupte schwebenden, nicht an einem Roßhaar, sondern an einer

Spinnwebe aufgehängten, toddrohenden Schwertes zerren und wühlen sie

weiter, unterstützt sogar schon durch ihre Kinder, von halberwachsenen

Knaben an bis zu den von Blut triefenden, kaum dem Säuglingsalter

entwachsenen Mädchen herab.“

Für fünf der gierigen Schlinger wurde dieses widerwärtige Schwelgen

zur Todesmahlzeit. Entsetzt verließ Brehm mit den Seinen diese Stätte

des Grauens. Einige anscheinend noch gesunde Renntiere nahm man mit.

Aber auch sie trugen schon den Todeskeim in sich und brachen unterwegs

zusammen. Wieder Fußmarsch mit all seinen Beschwerden durch weglosen

Morast bis zum nächsten Weideplatz. Das Gespenst des Hungers bedrohte

die bis zum Tod erschöpften Männer! Regelmäßige oder ausgiebige

Mahlzeiten gab es nicht mehr. Es war schon ein besonderer Glückstag,

wenn es einmal gelang, einen armseligen Regenpfeifer zu erlegen oder

eine Doppelschnepfe oder ein Moorhuhn. Gierig hockten dann die drei

ausgehungerten Deutschen um den Bratspieß herum und verzehrten die

wenigen schmalen Bissen. Endlich wurde der neue Weideplatz erreicht.

Auch hier dasselbe Bild! Auch hier wütete die Seuche! Es half alles

nichts: Brehm mußte sich zur Umkehr entschließen, ohne das ersehnte

Polarmeer erreicht zu haben, wollte er nicht leichtsinnig das Leben

der Gefährten aufs Spiel setzen. In sehr ernster Stimmung und unter

immer fühlbarer werdendem Mangel zog man wieder der Schtschutschja zu.

Unterwegs erlag noch einer der ostjakischen Begleiter, ein besonders

heiterer und williger Bursche, der furchtbaren Seuche und wurde nach

heidnischer Sitte in der weiten Tundra begraben. Brehm hatte einmal

das Glück, eine ganze Familie Wildgänse zu schießen, und an diesem

Tage konnte man sich zum ersten Male wieder satt essen, ohne um den

einzelnen Bissen zu kargen. Alle atmeten erleichtert auf, als sie die

Fluten des Ob wieder erblickten. Es war ihnen, als seien sie der Hölle

entronnen. „Nach der Tundra ziehe ich wenigstens nicht wieder,“ hat

Brehm später freimütig geäußert.

Im übrigen pflegte er zu sagen, daß die sibirische Reise, die er

mit Vorliebe in seinen herrlichen Vorträgen behandelte, mehr einer

Hetzjagd als einer Forschungsreise geglichen habe. In der Tat, soviel

ihm im Sudan das Fieber zu schaffen machte, soviel auf seinen späteren

Reisen der leidige Zeitmangel. Weder in Spanien noch auf der Donau,

weder in Sibirien noch in Abessinien verblieb ihm genügend Zeit, seine

Beobachtungen in der gewünschten Weise abzuschließen und abzurunden.

Gerade auf Forschungsreisen wird die Zeit zum kostbarsten aller Güter,

Mangel an Zeit aber zum schlimmsten Feinde des sammelnden Forschers.

Mehr als jeder andere Reisende muß er die Stunde, den Augenblick in

seiner Weise wahrnehmen können, ohne sonstwie behindert zu sein. Eine

einmal gebotene Gelegenheit kehrt oft niemals wieder. „Freie Zeit“

gibt es für den sammelnden oder beobachtenden Forscher nicht, denn die

Zeit ist es, die für ihn das alleinige, allzeit notwendige Mittel zur

Verständigung mit der Natur ist und bleibt.

Tiervater Brehm · 第 33 / 43 题