„Aus allen Ecken und Enden, von allen Winkeln und Vorsprüngen her,
aus allen Ritzen, Höhlen und Löchern wälzte es sich heraus, zur
Rechten wie zur Linken, ober- und unterhalb, in der Luft wie auf
dem Boden wimmelte es von Vögeln. Von den Wänden wie vom Gipfel des
Berges herab ins Meer stürzten sich ununterbrochen Tausende in so
dichtem Gedränge, daß sie dem Auge ein festes Dach vorzutäuschen
vermochten. Tausende kamen, Tausende gingen, Tausende saßen, Tausende
tänzelten unter Zuhilfenahme der Schwingen in wundersamer Weise dahin,
Hunderttausende flogen, Hunderttausende schwammen und tauchten, und
neue Hunderttausende harrten des auch sie aufscheuchenden Fußtritts.“
Es wimmelte, schwirrte, rauschte, tanzte, flog und kroch um Brehm
herum, daß ihm fast die Sinne vergingen; das sonst so scharfe Auge
versagte den Dienst, das Gewehr zitterte in der sonst so zielsicheren
Hand. Halb betäubt kam er endlich auf dem Gipfel an und blieb 18
Stunden auf ihm liegen, um das Leben der Alken recht genau kennen zu
lernen. Sie hatten bald alle Scheu vor ihm verloren; tänzelnden Ganges
näherten sie sich ihm so weit, daß er mit der Hand nach ihnen zu
greifen versuchte. Die Schönheit und der Reiz des Lebens zeigten sich
in jeder Bewegung der wunderlichen Vögel. Mit Erstaunen erkannte Brehm,
wie steif und kalt auch die besten Abbildungen dieser absonderlichen
Geschöpfe sind, denn er bemerkte eine Regsamkeit und eine Lebhaftigkeit
in den wundersamen Gestalten, wie er sie ihnen nie zugetraut hätte.
Nicht einen Augenblick saßen sie ruhig, bewegten mindestens Kopf und
Hals fort und fort nach allen Seiten hin, und ihre Umrisse gewannen
dabei wahrhaft künstlerische Linien. Es war, als ob die Harmlosigkeit,
mit der sich Brehm ganz der Beobachtung hingab, durch unbeschränktes
Vertrauen von ihrer Seite vergolten werden sollte. Er verkehrte mit
den Tausenden, als ob sie Haustiere wären, die Millionen schienen ihn
geradezu als einen der ihrigen zu betrachten.
Manch feinen Zug konnte Brehm dabei dem Leben der Alken ablauschen.
Ihre geselligen Tugenden erreichen während der Brutzeit eine
unvergleichliche Höhe. Während sonst in der Vogelwelt ein Mißverhältnis
der Geschlechter zu ununterbrochenem Streite führt, wird bei den Lummen
der Friede nicht gestört. Die beklagenswerten Hagestolze, die kein
Weibchen zu ergattern vermochten, wandern trotzdem in Verein mit den
glücklichen, unterwegs kosenden und tändelnden Paaren dem Brutberge
zu. Hat das Weibchen sein einziges, aber sehr großes, kreiselförmiges
und buntgetüpfeltes Ei gelegt und hat dessen Bebrütung begonnen,
dann wollen auch die armen Junggesellen wenigstens ihren guten Willen
bekunden und drängen sich den einzelnen Paaren als Hausfreunde auf.
Wachehaltend stehen sie vor den Bruthöhlen, aus denen das Männchen
sich entfernt hat. Wenn aber beide Eltern gleichzeitig zum Meere
hinabgeflogen sind, dann rutschen sie ohne Zögern ins Innere der Höhle
und wärmen inzwischen das verlassene Ei. Nur brüten, ein ganz klein
wenig brüten wollen sie: gewiß ein bescheidenes Verlangen für einen
Junggesellen! Diese selbstlose Hingabe hat eine Folge, um die wir
Menschen die Alken beneiden könnten: auf den Vogelbergen gibt’s kein
Waisenkind! Sollte der Gatte eines Paares verunglücken, so bietet
sich der Witwe augenblicklich Ersatz, und sollten gar beide Eltern
gleichzeitig umkommen, flugs sind die gutmütigen Junggesellen zur Hand,
um das Ei vollends auszubrüten und das Junge sorgfältig aufzuziehen.