Schon mehrmals war Thekla, die blühend schöne Tochter des Hauses, in
der Türe erschienen und hatte dringend zum Essen gebeten, aber ihr
Vater meinte nur unwirsch, essen könne der Baron daheim im schönen
Land der „Spätzleschwaben“ genug, hier bei ihm aber müsse er alle
verfügbare Zeit der Vogelkunde widmen. Endlich ließ er sich doch
bewegen, auch das leibliche Wohl seines Gastes zu berücksichtigen.
Bei Tisch erzählte der Baron viel und anschaulich von seiner großen
Afrikareise. Mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen trank
ihm Alfred sozusagen jedes Wort von den Lippen. Seine lebhafte
Einbildungskraft schaute mit durstigen Augen die öden Wüsten und die
weiten Steppen, die vogelreichen Urwälder und die fieberschwangeren
Sümpfe des schwarzen Erdteils, spiegelte ihm in leuchtenden Farben ein
freies Forscher- und Jägerleben vor. Er mußte sich gleich nach der
Mahlzeit verabschieden, um in achtstündigem Fußmarsch Altenburg zu
erreichen, wo er bei einer Baufirma untergebracht war und am nächsten
Morgen wieder zur Arbeit zu erscheinen hatte. „O Vater,“ flüsterte er
diesem beim Abschied zu, „wenn doch der Baron mich mitnehmen wollte!
Ich ginge gleich und wäre der glücklichste Mensch unter der Sonne.“
„Also acht Stunden hat Ihr Alfred zu laufen und muß doch morgen früh
im Büro frisch sein,“ begann der Baron, als er mit dem alten Brehm
wieder bei den Vogelbälgen saß, „wirklich eine tüchtige Leistung!“ --
„Oh, das macht dem Jungen nichts aus,“ erwiderte der Pfarrer, „daran
ist er gewöhnt. Ich habe meine Kinder frank und frei aufwachsen und
sie sich tüchtig in unseren schönen Wäldern tummeln lassen. Dadurch
sind sie kerngesund geblieben und frühzeitig abgehärtet worden.
Namentlich Alfred war schon von Kindesbeinen an mein unzertrennlicher
Begleiter auf tagelangen ornithologischen Ausflügen, auf denen es wenig
zu beißen und viel zu laufen gab. Wie glücklich war er, wenn er nur
meine Jagdtasche tragen durfte, und nie werde ich die selige Freude
vergessen, die er empfand, als ich ihm zu seinem 8. Geburtstage eine
kleine Vogelflinte schenkte. Er hat sich bald zu einem treffsicheren
Schützen ausgebildet, und meine Sammlung verdankt ihm manches schöne,
wertvolle Stück.“ -- „Ich war höchst erstaunt“, fügte der Baron
ein, „über die verblüffende Fachkenntnis eines so jungen, kaum dem
Knabenalter entwachsenen Mannes.“ „Ja, er ist mein ganzer Stolz,“
sagte der Pfarrer einfach, „und ich glaube selbst, daß das Zeug zu
einem tüchtigen Naturforscher in ihm steckt. Alle in unserer Gegend
vorkommenden Vögel kennt er heute schon nach Erscheinung, Aufenthalt
und Lebensgewohnheiten ebenso gut wie ich selbst; kein Vogelnest
entgeht seinem scharfen Auge, kein Lockton seinem wunderbar geschulten
Ohr.“ -- „Aber, Herr Pfarrer, das ist ja gerade der Mann, den ich
für meine neue Reise so sehr suche und brauche! Geben Sie mir Ihren
Alfred mit, und ich will ihn halten wie meinen eigenen Bruder!“ --
„Na, der Alfred selber wäre wohl gerne damit einverstanden; er hat
schon vorhin so etwas verlauten lassen, denn Sie haben ihm mit Ihren
afrikanischen Reiseschilderungen den Mund gehörig wässerig gemacht. Ich
wette, er träumt morgen schon über seinem Reißbrett von den wildesten
afrikanischen Jagdabenteuern und zerbricht sich den Kopf darüber,
welche Vogelarten wohl an dem großen Märchenstrome Nil vorkommen
könnten. Aber, Herr Baron, im Ernste gesprochen, der Bursche ist doch
für ein solches Unternehmen noch gar zu jung, denn er hat ja erst
vor wenigen Wochen sein 17. Lebensjahr vollendet. Außerdem würde
er durch eine solche Reise doch gar zu sehr aus seiner beruflichen
Laufbahn herausgerissen werden und womöglich gar den Geschmack an ihr
verlieren. Es ist ja jammerschade, daß ich ihn nicht zum Studium der
Naturwissenschaften nach Jena schicken konnte. Aber dort studiert schon
mein älterer Sohn Reinhold Medizin, und für zwei studierende Söhne
reicht das knappe Einkommen eines simplen Dorfgeistlichen nun einmal
nicht aus. So mußte ich eben Alfred beim Baufach unterbringen, damit er
früher ins Brot kommt.“ -- „Aber der Bursche ist ja doch der geborene
Naturforscher und wird sich deshalb auch nur als Naturforscher wahrhaft
glücklich fühlen. Also lassen Sie ihn ruhig mit mir nach Afrika gehen!
Nach der Heimkehr wird man dann schon sehen, nach welcher Richtung sein
Lebensschifflein weiter steuern wird. Ich meine, es kann doch wohl
keinem jungen Manne etwas schaden, wenn er sich den Wind tüchtig um
die Nase wehen läßt und ein gutes Stück von der Welt zu sehen bekommt,
noch ehe er sich für einen bestimmten Beruf entscheidet. Er ist ja auch
weit über seine Jahre gereift, würde also nicht wie ein dummer Junge
ins schwärzeste Afrika hineintappen, sondern von vornherein nach einem
ganz bestimmten wissenschaftlichen Plane arbeiten.“ -- „Das würde er
allerdings sicherlich, und ich glaube, auch in jeder anderen Beziehung
könnten Sie sich voll und ganz auf meinen Alfred verlassen. Aber was
würde meine Frau zu der Sache sagen? Es würde ihr doch ungeheuer schwer
fallen, ihren Liebling in so weiter Ferne einem ungewissen Schicksale
und tausenderlei Gefahren preisgegeben zu wissen.“ -- „Nun, Herr
Pfarrer, wir stehen alle in Gottes Hand, und überflüssige Gefahren
will ich nicht aufsuchen. Das verspreche ich Ihnen. Die größte und
unvermeidlichste Gefahr im Sudan ist wohl das klimatische Fieber, aber
gerade ein so jugendfrischer Körper wie der Ihres Sohnes wird ihm
am ehesten gewachsen sein. Und dann bedenken Sie den großartigen und
wissenschaftlich unendlich wertvollen Zuwachs, den Sie durch Alfreds
Mitkommen für Ihre Sammlungen zu erwarten hätten.“
Damit hatte der Baron den schwachen Punkt des alten Brehm getroffen,
denn über seine Vogelbalgsammlung ging ihm nichts. „Das ist allerdings
wahr,“ rief er ganz begeistert aus, „denn keiner weiß mit solchem
Verständnis für mich zu sammeln, keiner kennt so genau das Material
und die Grundlagen, die mir für meine wissenschaftlichen Arbeiten
nötig sind, wie mein Alfred. Ich sammle ja nicht blindlings drauf
los und suche nicht aus bloßer Raffgier Tausende von Vogelbälgen
zu ergattern, sondern ich will von jeder paläarktischen Vogelart
sämtliche Federkleider zusammenbringen, die ja oft nach Geschlecht,
Alter und Jahreszeit sehr verschieden sind und überdies Stücke oder
womöglich gepaarte Pärchen aus den verschiedensten Ländern ihres
Verbreitungsgebietes, um so über die geographische Abänderung der Art
Klarheit zu gewinnen. Die Art ist ja nicht ein so festumrissener und
starrer Begriff, wie der große Linné glaubte. Ich weiß, daß viele
Zeitgenossen mich wegen meiner vielen Subspezies auslachen, aber ich
weiß auch, daß später einmal eine Zeit kommt, die mir Recht geben wird.“
Ein Wort gab das andere. Die Dämmerung senkte sich hernieder. Und
in dieser Stunde wurde über die Lebensbahn Alfred Edmund Brehms
entschieden. Die nächsten Wochen verstrichen unter allerlei
Reisevorbereitungen. Am 6. Juli 1847 trat Baron Müller von Triest
aus mit seinem jungen Gefährten hoffnungsfroh die Ausreise an. Damit
begann für Alfred Brehm ein neuer und wohl der abenteuerlichste
Abschnitt seines Lebens. Der Abschied von Renthendorf, von Eltern und
Geschwistern mag dem Jüngling schwer genug geworden sein, und der Vater
hätte seine Erlaubnis sicher noch zurückgezogen, wenn er hätte ahnen
können, daß der schwarze Erdteil seinen Liebling unter unsäglichen
Strapazen und Entbehrungen fünf volle Jahre zurückhalten und überdies
noch das Leben eines zweiten Sohnes fordern würde.
So war der alte Brehm, von dem später der Sohn schrieb: „Das Studium
der Natur war ihm Gottesdienst.“ Bei einem Besuche Renthendorfs
im Sommer 1908 konnte ich mich mit Freude überzeugen, mit welcher
Liebe und Verehrung noch heute die Leute von ihrem unvergeßlichen
„Vogelpastor“ sprechen, wie sie ihn mit gutmütigem Spotte nannten.
Man darf nicht etwa glauben, daß Christian Ludwig Brehm über seiner
leidenschaftlichen Hingabe an die Wissenschaft der Vogelkunde sein
Pfarramt vernachlässigte. Er war vielmehr ein ausgezeichneter und
allzeit opferwilliger Seelsorger; die Bauern waren deshalb mit ihrem
„Vogelpastor“ baß zufrieden, sahen ihm mancherlei Schrullen und
Eigentümlichkeiten gerne nach und überbrachten ihm für seine Sammlung
alle Vögel, die ihnen der Zufall in die Hände spielte, soweit sie sich
nicht etwa -- essen ließen. Der alte Brehm gehörte nicht zu denen, die
ihr Christentum stets auf den Lippen tragen, aber er wußte mit seinen
Bauern ein gar kräftig und erbaulich Wörtlein zu reden, ganz ihrer
einfachen Denkweise sich anpassend und seine christliche Nächstenliebe
mehr durch rasche Taten als durch lange Predigten bekundend. Deshalb
mochten sie ihn auch alle so gern, den Mann mit dem durchdringenden
Scharfblick, der offenen Hand und dem gütigen Herzen, ihn, der seine
Gemeinde ein halbes Jahrhundert hindurch getreulich behütet, ihn, der
zwei Geschlechterfolgen von ihnen getauft, konfirmiert, getraut und zu
Grabe geleitet hatte, ihn, der sie mit ihren kleinen Nöten und Sorgen
ebenso genau kannte wie die eigenen Kinder, ihn, der auch nie müde
wurde, ihnen die wundersame Herrlichkeit der Natur zu verkündigen.
Was dem Vater Liebhaberei und Ablenkung bedeutete, wurde -- ins Große
geweitet -- dem Sohne Alfred zum Beruf. Ein Bahnbrecher auf dem Wege
zur Tierseele, ein Vorkämpfer der Wissenschaft, der ihr neue Wege wies
und das vom Trümmergestein der Systematik verrammelte Tor zur Biologie
mit starker Hand öffnete, der die Kunde vom Tier+leben+ uns
erschloß -- das war Alfred Brehm.