Der Staatsanwalt verbeugte sich und sagte errötend: »Bitte?«

»Nein nein! Entschuldigen Sie . . . Sie sind natürlich vollkommen

unschuldig. Das Ganze ist ja nichts weiter als Zeitursache.«

Er wies mit schiefgeneigtem Kopf fragend zur Tür und ging voran.

Durch die Gänge, die von roten Gasflammen schwach erleuchtet waren.

Niemand sprach ein Wort. Nur das vielfüßige Getrampel war hörbar.

Der Dichter mußte die Augen schließen; niemand sah, daß er über die

Frühlingssonne heiter lächelte, die den ganzen Gefängnishof erhellte.

Der kahle Psychologieprofessor strich sich über den Kopf, als er aus der

Tür in den Hof trat, und setzte seinen Zylinder auf; denn es war trotz

des Sonnenscheins morgenkühl. Er war der einzige von den Geschworenen,

der sich als Zeuge für die Hinrichtung gemeldet hatte.

Während der Urteilsverlesung blickte der Dichter interessiert das Beil

auf dem in der Sonne stehenden Block an, der einen blauen Schlagschatten

warf. Wo das fünfzig Pfund schwere Beil am Ende des langen, weiß

gescheuerten Buchenstiels begann, war es schmal, dann lud es in edlem

Schwunge halbmeterbreit aus.

Der Priester kniete in der Nähe des Blockes und betete leise, tief zur

Erde gebeugt.

Der Scharfrichter, im Frack und weiß behandschuht, nahm das Beil vom

Block, hing es in sein Ellbogengelenk und stellte sich wieder gegenüber

den reglos und schwarz im Halbkreis stehenden zwölf Zeugen auf.

Da sah der Dichter, daß der Block eine Höhlung hatte für das Gesicht,

damit nur der Hals des Hinzurichtenden aufliege, und sagte nachdenklich:

»Die Nase muß ihm trotzdem zerquetscht werden.«

Über seine Stirne wetterleuchteten ferne Gedanken.

Mit einem Ruck wandte sich der Psychologieprofessor gerade noch zeitig

genug um und verließ eilig die Richtstätte.

Für ihn stellte sich ein Gefangener als Ersatzzeuge ein -- dumpfes

Gepolter ertönte aus einer Zelle des zweiten Stockes, wo ein wegen

Doppelmordes angeklagter Sträfling mit einem Riesensatz versuchte, das

Fenstergitter zu haschen, und immer wieder zurückfiel. Bis es ihm

endlich gelang. Sein bärtiges Gesicht zitterte vor Anstrengung, da er

sich ständig in ausgeführtem Klimmzug halten mußte, um die Hinrichtung

mit ansehen zu können.

Frauen können verlangen, daß sie auf dem Rücken liegend hingerichtet

werden . . . und Männer auf dem Bauch, dachte der Dichter.

Alle hatten die Zylinder abgenommen.

»Jetzt?« fragte der Dichter neugierig, als die Gehilfen auf ihn

zurraten.

Tiefes Nachdenken verschönte seine Augen. »Ich möchte wissen, ob die

Herren auch heute mittag den Suppenteller gewohnheitsmäßig mit der

zusammengerollten Serviette auswischen werden.«

Die Gehilfen packten den Dichter an den Schultern. Er sah sie erstaunt

lächelnd an, weil sie ihm weh taten. Dann preßten sie sein Gesicht in

die Höhlung.

Er roch etwas Süßsäuerliches, bekam keine Luft mehr. Plötzlich wurde er

noch einmal klar, wußte, was mit ihm geschehen sollte. Da sammelte sich

alle Kraft seines Lebens in den Schultern. Die Helfer wurden hin und her

geschleudert. Sein Gebrüll zischte aus der Höhlung heraus. Ein Helfer

glitschte aufs Knie; seine Lippen verschwanden vor Kraftanstrengung.

Alle Zeugen sahen zu, rührten sich nicht.

Der Scharfrichter nahm das hocherhobene Beil wieder zur Brust. Es war

dem Dichter gelungen, das Gesicht aus der Höhlung herauszubringen --

sein wortloser Brüllton prallte gegen die Gefängnismauern. Die Helfer

knallten sein Gesicht wieder in die Höhlung zurück, daß der Nacken

krachte. Das Gehirn des Dichters begann im Kopfe zu kreisen, schnellte

einen letzten Gedanken ab. Er wollte noch überlegen, ob der Mensch

vielleicht nur aus Gewohnheit böse sei. »Ist alles nur Gewohnheit?«

Da stürzte das Blut schon vom Halsstumpf weg, in großem Bogen sich

selbst nach, entsetzt, als wolle es sich wieder in den Körper

zurückholen. Das Sägemehl wurde rot.

Der Kopf fiel in den Kasten, kollerte und blieb liegen, machte noch eine

Viertelsdrehung und lag still, im Profil.

Erschrocken hoben die Zeugen die Gesichter, horchten auf den gurgelnden

Ton, den das Stimmband des Dichters noch abgab. Der Ton klang wie ein

Wort.

Da zuckten alle Köpfe nach der Seite herum und in die Höhe, wo das

Gesicht des immer noch im Klimmzug hängenden Doppelmörders zitterte. Der

rief noch einmal: »Bravo!« Dann verschwand das Gesicht.

Die Zeugen blickten den Rumpf des Dichters an, der am Block kniete. Der

Halsstumpf spie in der Mitte Blut aus, stoßweise, wie ein verkümmerndes

Springbrünnchen, trieb große rosa Blasen.

Der Kopf lag einen Meter weit entfernt schmal und blaß in der Mitte des

Kastens. Die Augen glänzten noch blau.

Der Helfer griff mit beiden Händen nach dem Kopf, zog eine langsam

wieder zurück, faßte so spitz wie möglich nur das Ohr und hob den

schweren Kopf daran hoch, legte ihn an die Stirnwand des Kastens. Der

andere Helfer schleppte den Rumpf herbei. Zusammen paßten sie

Schnittfläche an Schnittfläche, daß ein blutiger Schaumkranz hervorquoll

und der Dichter wieder ganz war.

Der Staatsanwalt setzte zuerst den Zylinder auf. Dann zogen alle

schweigend die Zylinder voreinander, verbeugten sich tief.

Sie verließen einzeln die Richtstätte.

Gedruckt

in der Roßberg'schen Buchdruckerei

in Leipzig

Die Ursache: Erzählung · 第 21 / 25 题