INHALT

1. Im Adlernest

2. Erster Flugversuch

3. Der alte Adler

4. Im Schatten

5. Aus dem Nest heraus

6. Der Solofänger Nummer Eins

7. Vulkans Schmiede

8. „Prüske Dickköppe“

9. Jena

10. Zwei Welten

11. Zwischen den Schlachten

12. Das heilige Donnerwetter

13. Das Fell des Löwen

14. Der größte Sieg

Bemerkungen zur Textgestalt

1

IM ADLERNEST

In schnellem Flug huschte dann und wann der schneeweiße Körper einer Möwe

vorüber und leuchtete grell gegen das von keinen Wolken bedeckte Blau des

Himmels auf. Aber keiner von den drei jungen Leuten, die nebeneinander auf

den zusammengerafften Segeln im Boote lagen, drehte auch nur den Kopf, um

die Kunststücke des gewandten Luftseglers zu beachten. Sie starrten

unentwegt nach dem kleinen dunklen Punkt, der, kaum noch wahrnehmbar, sich

hoch in den Lüften bewegte.

„Aufgepaßt!“ rief der eine halblaut, „seine Kreise werden enger! Er sieht

Beute!“

„Er zielt!“ rief der zweite.

„Er fällt!“

Der schwarze Punkt wurde schnell größer, breitete sich zur Fläche aus,

gliederte sich, wurde zum Körper, dessen Kopf, Rumpf, Flügel und Schwanz

sich scharf von der klaren Luft abzeichneten. Dann schoß er rasch tiefer,

hielt jäh an und stürzte pfeilschnell kopfüber in den See.

Mit einem Ruck schnellten die drei jungen Leute empor, standen da

kerzengerade im Boot und blickten dem goldbraunen Körper des Raubvogels

nach, der ins Wasser hineinschoß, daß der Schaum hoch aufspritzte. Bald

kam er wieder zum Vorschein, hob sich zum Flug und steuerte mit ruhigen,

kraftvollen Schlägen seiner mächtigen Schwingen in flacher Bahn der Küste

zu, einen großen, silberweißen Fisch in den Krallen mit sich führend.

„Der Adler von gestern!“ rief der längste von den dreien. „Ich kenne ihn

genau! Die gleiche Größe und Zeichnung! Nicht zu verkennen!“

„Er wird wohl hier in der Gegend nisten!“

„Sicherlich! Denn als er gestern drüben bei Hiddensee fischte, stieg er

mit seinem Raub jäh in die Höhe und flog nach Nordost, hierher. Jetzt

steuert er flach gegen das Land. Dort auf den Kreidefelsen wird es sein!“

„Schauen wir nach!“

Im Nu saßen zwei an den Riemen, der dritte am Steuer, und von kräftigen

Schlägen getrieben, glitt das Boot dem Ufer zu, wo hoch oben auf dem weiß

leuchtenden Kreidefelsen ein paar uralte Kiefern wie vorweltliche Riesen

ihre knorrigen Kronen aus der saftig grünen Masse des Laubwaldes

emporhoben.

Auf diese Bäume setzten sie Kurs. Und lange dauerte es nicht, bis das

braungeteerte Boot sich am Geröll des Ufers scheuerte.

Bald war es an Land gezogen, Segel und Ruder versteckt, und die drei

Freunde sprangen von Stein zu Stein auf das Gemengsel von Sand,

Schlemmkreide und Feuersteinen hinauf, aus dem der schmale Uferstreifen

gebildet war, der den Felsenrand vom Wasser trennte.

„In einer der alten Kiefern da oben wird er sein Nest haben!“

„Klettern wir hinauf!“

„Wozu klettern? Weiter nach links weiß ich einen Pfad, der bequem zu

steigen ist!“

„Der gerade Weg ist der beste!“ antwortete der, der zuerst geredet hatte –

ein lang aufgeschossener Jüngling mit Adlernase und dunklen, blauen Augen.

Und ohne sich um die anderen zu kümmern, nahm er entschlossen Anlauf,

packte mit kräftigem Griff den nächsten Busch, stemmte die Füße gegen die

Spalten und Vorsprünge des Felsens, nahm im ersten Ansturm die halbe Höhe

und blieb da auf einem breiteren Vorsprung stehen und blickte hinauf.

„Da ist er wieder!“ schrie er und zeigte auf den Adler, der in raschem

Flug wieder seewärts steuerte. „Was sagte ich? Sein Nest ist hier!“

„Vorwärts nur!“

Ein paar kräftige Klimmzüge, ein Keuchen und Fluchen, wenn der Fuß einmal

ausglitt und Steine und Sand prasselnd in die Tiefe schickte, dann waren

sie oben und fanden da den Dritten im Bunde lachend vor. Denn der

bequemere, wenn auch längere Pfad hatte ihn doch zuerst ans Ziel geführt.

„Lache nur!“ rief der Lange. „Hier wärest du nimmermehr heraufgelangt!“

„Wozu denn Wände hochsteigen, wenn es auch so geht?“ antwortete der

andere, ohne sich aus der guten Laune bringen zu lassen.

„Um auf dem geraden Weg zu bleiben! Umwege sind Abwege!“

Damit drang er den anderen voran durch den Laubwald nach der Anhöhe, wo in

einsamer Majestät eine alte Kiefer thronte. Das Adlernest hatte er bald

herausgefunden. Aber wie hinaufkommen? Der riesige, mannsdicke Baum, der

es trug, hob sich wie eine Säule zu mächtiger Höhe. Sein von Wind und

Wetter glattpolierter Stamm bot dem Kletternden fast gar keine

Stützpunkte.

„Wo du da einen bequemeren Umweg finden willst, möchte ich nur wissen!“

rief der Lange.

„Freund Diercks klettert auf die Bäume wie ein Affe, Bruder!“ antwortete

der zweite der beiden Bergsteiger. Und Diercks, der seine Kräfte vorhin

geschont hatte, spuckte in die Hände, packte den Baumstamm, umschlang ihn

mit Armen und Beinen und schob sich so langsam daran hoch, jede Muskel des

stämmigen Körpers auf das Äußerste anspannend. Endlos schien es den

Untenstehenden, bis sie ihn den Arm über den ersten Ast der Krone schieben

sahen, um mit Aufbietung der letzten Kraft den Körper hinaufzuziehen.

Einen Augenblick blieb er sitzen, um Atem zu schöpfen, dann ging es weiter

von Ast zu Ast, bis an das Adlernest heran. Ein Blick hinein, ein

Aufschrei!

„Gebhard! Siegfried! Ein ausgewachsener Adler!“

„Schon flügge?“

„Sicher! Aber er scheint noch keine Ahnung davon zu haben! Er liegt ganz

still!“

„Wirf ihn herunter!“

Einen Augenblick wurde es still da oben. Dann kam ein Aufschrei:

„Verflucht! Den Schnabel weiß er schon zu brauchen!“

Dann hörte man nichts mehr als das Geräusch eines zähen Kampfes. Trockenes

Reisig und Grasbüschel flogen aus dem Neste zu den Wartenden hinunter, und

zuletzt sauste, mit kräftigem Schwung geschleudert, ein fast

ausgewachsener junger Adler herab. Zunächst fiel er in schwindelnder

Fahrt, dann auf einmal breitete er mit gellendem Aufschrei die Flügel aus,

und zum ersten Male trugen sie den Körper in sanftem Flug hinunter und

landeten ihn unweit der unten Harrenden. Einen Augenblick blieb er betäubt

liegen, dann wurde er von vier kräftigen Fäusten gepackt und ihm eine

Kappe über den Kopf gezogen.

Sein Bezwinger war unterdessen heruntergerutscht und kam jetzt heran.

„Den Vogel nehme ich mit nach Hause!“ sagte er. „Da ich ihn fing, ist es

nur billig, daß ich ihn behalte!“

„Wo willst du ihn bei euch hintun?“

„In den Hühnerstall, bis ich ihm einen Käfig gebaut habe!“

„Einen Adler in den Hühnerstall tun?“ rief Gebhard, der längere von den

beiden Brüdern, entrüstet. „Das geschieht nie und nimmer!“

Und ehe die anderen es sich versehen konnten, riß er die Kappe vom Kopf

des Adlers fort und warf den Vogel in die Luft.

„Gebrauche deine Flügel, jetzt wo du weißt, wozu sie taugen!“ rief er.

Der Adler machte ein paar ungelenke Bewegungen mit den Schwingen und

setzte sich in einiger Entfernung wieder auf den Rasen, nahm aber dann,

von seiner Angst getrieben, noch einmal Anlauf. Zwei, drei Schläge nur mit

den Flügeln, und die Unsicherheit war verschwunden, er wagte den Flug und

schraubte sich in sanftem Bogen um den Baum herum, bis er ins Nest

hineinblicken konnte. Dann war er mit einer schnellen Bewegung darüber und

ließ sich rasch hineinsinken.

„So!“ sagte Gebhard und zog seine frei gewordene Kappe wieder über die

Locken. „Vor dem Hühnerstall wären wir bewahrt!“

„Du bist nur neidisch,“ murrte sein Freund, „weil du ihn nicht selbst

fangen konntest!“

„Dafür konnte ich ihm die Freiheit geben!“ sagte Gebhard, und es

wetterleuchtete vor trotzigem Stolz in seinen dunklen Augen. „Frei wie die

Luft, die er atmet, muß der König der Lüfte sein! Ich mußte ihm da helfen.

Und ich täte es nochmals, ob’s dir paßt oder nicht! Da“ – er zeigte

landwärts auf die Wiese unterhalb des Berges –, „da fliegen andere Vögel,

die nicht dem Himmel so nahe kommen. Fang’ dir die ein!“

„Die schwedischen Husaren!“ rief Diercks und vergaß über dem Anblick den

Adler und seinen Ärger über Gebhards eigenmächtigen Eingriff in seine

wohlerworbenen Rechte. Er jauchzte laut den blaugelben Reitersleuten zu,

die aus dem Wald heraufsprengten, um in wildem Galopp über die Ebene

hinwegzusausen.

„Den Flug machen wir mit!“ rief er. „Die holen wir noch ein! Rasch, fangen

wir ein paar von Vaters Pferden unten auf der Wiese ein und setzen wir

ihnen nach!“

Gesagt, getan! Die drei unternehmungslustigen jungen Leute hatten sich

bald je ein Pferd eingefangen und ritten, statt den Reitern auf dem großen

Fahrwege über Altenkirchen zu folgen, auf ihren ungesattelten Pferden

querfeldein nach der Wittower Fähre hin, wo sie gleichzeitig mit den

Husaren anlangten.

Diercks fand unter ihnen seinen Bruder vor, der bei den Schweden diente,

und viele Bekannte und Freunde außerdem. Über den Zweck des Streifzuges:

nach dem Gang der Aushebung auf Rügen zu sehen, wurde er gleich

aufgeklärt, und bald plauderten sie über die Aussichten Schwedens, seine

pommerschen Grenzen im Kriege gegen Preußen zu verbessern. Denn als

Schirmherr des Westfälischen Friedens hatte Schweden sich den Feinden

Friedrichs des Großen angeschlossen, die ihn an seinem kühnen Unternehmen

hindern wollten, die Landkarte für sich bequemer zu gestalten. Er hob also

auch in seinen deutschen Provinzen Kriegsvolk aus. Und da waren die drei

waghalsigen Reiter kein unwillkommener Zuzug zu der Schar, durften sich

also ohne weiteres anschließen, und trabten vergnügt mit auf dem Wege nach

Bergen, bis Venz in Sicht kam. Dort verabschiedeten sich die beiden Brüder

von den anderen und ritten nach dem Gutshof hinauf, wo sie bei ihrem

Schwager zu Gast waren. Ihr Freund dagegen folgte den Husaren, nicht ohne

den lebhaften Neid seiner beiden Gespielen zu erregen, die gern noch

weiter mitgeritten wären.

„Weiß Gott,“ sagte der jüngste, „mir ist’s, als gehörte ich zu dem

Kriegsvolk und müßte mit, gleichviel wohin! Wäre ich schon siebzehn, wie

du, ich ließe mich anwerben!“

„Ich besorg’s dir, Gebhard und mir auch!“

„Die Schulbank zu drücken habe ich satt! Wozu auch, wo’s Pferde gibt? Aber

nichts dem Schwager verraten!“

„Ich werde mich hüten! Der schickt mich dann gleich zurück nach der

Schweriner Pagenschule, auf daß ich bei den Mecklenburgern graue Haare

kriege, ehe ich ein Offizierspatent bekomme! Da möchte ich nicht dienen!“

„Ich auch nicht!“

„Bei den Preußen aber noch weniger! Ich danke für die Fuchtel Fritzens!“

„Ich auch!“

„Bei den Schweden reitet sich’s viel freier und lustiger!“

„Gehen wir zu den Schweden!“

Nachdem sie so im Fluge mit echt jugendlicher Sorglosigkeit diese nicht

ganz unwichtige Lebensfrage erledigt hatten, sprangen sie von den Pferden,

trieben sie wieder auf die Weide und gingen zum Gutshof hinauf, um den

Rest des Tages irgendwie totzuschlagen.

*

In der darauffolgenden Nacht hatte Gebhard einen sonderbaren Traum.

Von scharfen Krallen an der Brust gepackt, wurde er plötzlich von der Erde

gehoben und hoch durch die Lüfte getragen. Schwindelnd schloß er die

Augen, sein Atem stockte, sein Herz schlug immer stärker und stärker.

Schließlich ging die Aufwärtsbewegung in ein langsames Sinken über, die

Krallen ließen ihn los; er fiel, stieß sanft auf den Boden auf, öffnete

die Augen und sah über sich den großen Adler kreisen, hörte dessen

gellende Schreie, die zu Worten wurden. Und die Worte wiederholten kurz,

schneidend, immer wieder seine beiden Vornamen: Gebhard Lebrecht, aber in

verkehrter Weise.

„Leb–hart! Geb–recht!

Leb–hart! Geb–recht!“ so kreischte es aus der Höhe. Und der Adler zog

immer weitere Kreise, stieg immer höher und verschwand schließlich im

tiefen klaren Blau des Himmels, das sich über ihm wölbte, von rotbraunen,

knorrigen Ästen und blaßgrünen Kiefernadelbüscheln umkränzt.

Er atmete befreit auf, streckte sich auf dem Lager aus und fand es ganz

wie es sein sollte, daß er da oben im Adlernest auf trocknem Gras und

Reisig ruhte, statt in seinem Bett.

Dann setzte er sich auf und blickte neugierig über den Rand des Nestes

hinaus, sah unter sich wogende Laubkronen, Felder und Wiesen, schneeweiße

Kreidefelsen und weit in der Ferne, mit dem Himmel zusammenfließend, das

endlose blaue Meer.

Und der Baum wuchs und schob seine Krone mit dem Adlernest immer höher in

die schimmernde, klare Luft hinauf. Immer weiter wurde der Rundblick, die

Insel ringsumher immer kleiner und kleiner. Frei und unbehindert sah

Gebhard über das jenseitige Land hinaus, sah Städte, Burgen, Häfen,

Wälder, Felder und Wiesen, Flüsse und Kanäle und weit in der Ferne

schneeige Gipfel in Sonnenlicht gebadet.

Sein Herz schwoll im starken Glücksgefühl, mit dieser ganzen Herrlichkeit

eins zu sein und fest in diesem Boden zu wurzeln. Wonnetrunken ließ er die

Blicke immer weiter schweifen, gen Morgen, über das Meer hinaus, wo

mächtige Knäuel leuchtenden Dunstes, zu einer gewaltigen Wolkenwand

zusammengeballt, in den Strahlen der sinkenden Sonne goldrot

aufleuchteten, während von Westen her ein stickiger, schwarzer Nebel

langsam herankroch und die ganze strahlende Herrlichkeit zu verdecken

begann. Immer mehr verschlang der Nebel von den gesegneten Gestaden, an

deren Anblick er sich soeben ergötzt hatte. Bald würde er den Baum

erreichen und sein Adlernest und ihn selbst mit einer undurchdringlichen

Nebelkappe überziehn.

Eine quälende Angst beschlich ihn. Er blickte hinauf, mit der letzten

Kraft seiner Augen das schwindende Licht trinkend. Da sah er den Adler

heransausen, hörte wieder sein gellendes Gekreisch:

„Geb–recht! Leb–hart!

Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman · 第 3 / 21 题