Das _Wien_ der Nachkriegszeit ist verwandelt wie nie in seiner
tausendjährigen Geschichte. Die Stadt, die neben der Welt gelebt hat, –
selbst ihre Rothschilds waren noch Träumer, – die Stadt der Sonderlinge,
Eigenbrödler, Sammler, die Stadt der verraunzten Genies, der
unausgenutzten Talente, die Stadt der Kammermusik und der Barockpaläste,
in der vor alldem wundervollen Toten kein Lebender atmen kann, die ewige
„Kaiserstadt“, weil sie, eine Seltenheit unter den alten großen Städten
Deutschlands, nie zur selbstherrlichen Verwaltung, nie zur freien
Reichsstadt gelangt war, – sie wird nun jäh überschwemmt von
Abenteurern, Glücksrittern, Condottieris des Geldes. Mühelose
Schlachten, gefördert durch die österreichische Lässigkeit der
Verwaltung, sichern Riesengewinnste, jähe Rückschläge zerstäuben sie
wieder. Namen tauchen aus Dunkelheit in goldenes Licht, Namen stürzen
aus Glanz in die Nacht. Es geht zu wie im Grunde überall nach dem
Kriege; nur das Tempo wird viel phantastischer genommen, die Kämpfe sind
erregender und wilder. Da ist einer, der kommt von einer Winkelbank, ein
anderer rettet sich aus einem Schiffbruch, ein dritter ersteht bei der
Demobilisierung Milliardenwerte mit Verträgen, die später vergeblich
angefochten werden, ein vierter, einst ein kleiner Händler, ist im
Kriege schon fett geworden an elendem Material, das er der
Heeresverwaltung für ihr wehrloses Schlachtvieh aufzuschwatzen verstand,
ein fünfter stellt ein Riesenwerk der Kriegszeit auf „Friedensbetrieb“
um; der Steckbrief kommt zu spät, – sie alle verschmähen dabei auch
nicht das winzigste Geschäft: Dem Tüchtigsten im Raffen freie Bahn!
Indessen rückt die Währung reißend zurück, geschwächt und verlassen von
denen, die sie zu stützen berufen gewesen wären. Im gleichen Maße
schwillt die Börse an, hetzen die Papiere zu Fieberkursen empor.
Plünderungen durchklirren die Stadt; Pogromdrohungen gellen wider die
von Bankinstituten überwucherten Nobelstraßen. Aber bei solchen
Auswüchsen eifert jede Rasse, jede Konfession, jeder Stand, um den
traurigen Vorrang; der Bauer noch tränkt seine Säue mit der Milch, die
er dem Städter verweigert, so ihren Preis zu treiben. Dabei zerwühlen
schwerste politische Krisen den Staat, an dessen Grenzen drei Mächte
bereit zum Einmarsch lauern, wenn die Verzweiflung zu kommunistischen
Evangelien greifen sollte. Die grüne und die rote Internationale, die
vorwiegend agrarische _christlich-soziale Volkspartei_ und die
_Sozialdemokraten_ verwalten in einer fort und fort mühsam gekleisterten
Koalition die hungernde Republik, die im Westen und im Osten, in dem von
Ungarn trotz Friedensvertrages bestrittenen Burgenland und in dem nach
der Schweiz strebenden Vorarlberg verdächtige Abbröckelungstendenzen
zeigt. Da geht – nach einer wütenden Philippika des sozialistischen
Abgeordneten Karl _Leuthner_ – das grünrote Bündnis in Fetzen, die
Regierung _Seipel’s_ beginnt, der den europäischen Mächten mit Auflösung
Österreichs droht, – das bedeutet: Krieg zwischen Italien, Jugoslavien,
Ungarn, Tschechoslovakei, um eine Beute, die schließlich doch
bei Deutschland landen wird, wohin die Alpenbevölkerung in
leidenschaftlichen Proklamationen drängt. Der kluge Prälat, mit Haltung
und Diplomatie einer tausendjährigen kirchlichen Zucht gesegnet,
verrechnet sich nicht. Die Angst aller leidend Beteiligten erhält den
gefährdeten Donaustaat; Wilsons problematischer Völkerbund tritt hier
zum erstenmal groß in Funktion. Unter Verzicht auf den deutschen
Anschluß, nach Bestallung einer scharfen Kontrollkommission bezieht
Österreich Unterstützung. Die Krone wird bei einem Vierzehntausendstel
ihres Friedenswertes gebremst; dem Kapital des Inlandes wie des
Auslandes ist ruhiges Betätigungsfeld durch den Genfer Vertrag
gesichert. Es schwebt nicht mehr in Gefahr sozialistischer oder
sowjetistischer Gegenmaßnahmen, es kann also das Tempo mäßigen und sich
zugleich seiner unbequemsten Mitläufer entledigen. Wie der Ararat aus
der Sintflut tauchen aus den verebbenden Wässern der Spekulation wieder
die Häupter des alten Reichtumes, die Herren der Schlöte, Schächte und
Forste, die noch nahe mit der Arbeit verknüpft waren, aus der sich ihre
Macht erhoben hatte. Die neue Generation der Plutokratie tat sich nun
ungleich schwerer: sie hatte ja nie aus den Dingen selbst geschöpft,
sondern aus der Spannung zwischen ihnen, sozusagen aus geladener Luft,
die sie gewitzt als Kraftfeld auszubeuten und in Bewegung umzusetzen
verstand; sie gewann allein am Kabeln und am Stecken von
Geschäftskontakten. Und aus solchem Unsicherheitsgefühl heraus suchte
sie den alten Reichtum nun in ihre Geschäfte zu verstricken oder sich an
den seinen zu beteiligen, kurz, was von dem österreichischen Raffke
scheinbar sicher blieb, – der grobe Nackenhieb traf ihn ja erst mit der
Frankkatastrophe, – mühte sich, aufgenommen zu werden in den Gotha des
früheren Großkapitales.
Diese Vorkriegsreichen waren ja wahrhaftig die Aristokratie jener Zeit
geworden. Hinter dem blendenden Goldschaum, den die nachgeborenen
Geldhelden schlugen, blieben sie fast unsichtbar. Nun, da er auf sein
wahres Maß zerrann und sie wenig versehrt und gelassen hervortraten,
erkannte man ihre Kraft, die den Zusammenhang mit ihren Quellen nie
verloren hatte, sondern weiter an den unermeßlichen Schätzen der ihr
dienstbaren Erde zehrte. Die Tradition begann als Faktor wieder
aufzuleben, der internationale Einfluß eines Namens von Kredit und
Bedeutung aus dem Frieden her eroberte sich neuerlich den einstigen
Geltungsbezirk. Im alten Glanze fanden sie sich, diese Familien, darin
Fleiß von Väter auf Söhne ungeschwächt weiterging, diese
Industriegewaltigen mit den Adelsbriefen jahrelanger Arbeit, diese
Finanzdynastien, zu denen Könige gekommen waren, – – wo blieb vor ihnen
das Nichts von gestern, das nun jäh „Generaldirektor“ hieß, um morgen
vielleicht wieder Nichts zu sein? Man zog es heran, insofern man es
brauchte, man erhörte seine Zudringlichkeit, – um von ihm zu lernen.
Denn man konnte ja selbst nicht mehr arbeiten wie vor dem Kriege. Die
Amerikanisierung des öffentlichen Lebens im üblen Sinne ging schon zu
weit. Die Methoden der neuen Zeit mußte man bei den Neuen erfahren; die
Metaphysik nebuloser Tochtergründungen, der Aktienvermehrungen, der
Steuerverschleierungen, der Geldtransfusion in andere Unternehmungen,
die so unmerklich in den Kreislauf der Geber gerieten, besaß dort ihre
gediegensten Lehrkanzeln. Wohl war der Krieg verloren, von dem sie, die
einstigen Mitberater und Mitgenießer an der nun zersplitterten
Monarchie, sich manches erhofft hatten, – aber schließlich fühlten sie
sich sogar stärker als ein verlorener Krieg. Elan und Unbedenklichkeit
der Jungen mußte man sich zu eigen machen und die durch nichts
einzuschüchternde Überzeugung von der letzten sakramentalen
Unantastbarkeit des Geldes. Was immer von ihrem Eigentume in dem nun
siegreichen Auslande lag, konnte, je umfangreicher es war, auf die Dauer
um so weniger beschlagnahmt bleiben. Industrie und Großgrundbesitz sind
die bevorrechtete Aristokratie aller konstitutionellen und
demokratischen Systeme, wie es für die absoluten die Adelsstände waren,
und so muß auch die internationale Solidarität einer kapitalistisch
orientierten Weltordnung rein gesetzmäßig alle jene verletzenden
Maßnahmen, wie etwa Enteignungen von kurzer Hand, möglichst vermeiden.
So zwingt einer die Regierung eines siegreichen Erben des alten
Kaiserreiches einen schon damals als höchst ungünstig befehdeten Vertrag
zu übernehmen, indem er nach eingetretenen Schwierigkeiten seitens der
neuen Herrscher in seinen dort liegenden Riesenbetrieben die Arbeit
durch drei Jahre einfach einstellt. Tausende werden brotlos, Bahnen
stocken, Not der Geschädigten pocht an das Parlament des Siegerstaates.
Da schäumen sie, – aber zur Übernahme oder zur Ablösung fehlt das Geld
und vor Expropriation scheut man zurück aus den genannten Gründen: Man
vergleicht sich also, erkennt zähneknirschend das Bestandene an. Eine
Gruppe Anderer verheert die Währung ihres Vaterlandes, um so in
stündlich entwerteten Papieren ihre Goldschuld einzulösen. Ein dritter
einigt sich mit seinem Konkurrenten im Feindesland, lange vor ihren
beiderseitigen Regierungen, die dann den Konturen solcher Abkommen
folgen müssen. Ein vierter lockt Strohmänner von drüben in die eigene
Leitung, die unter ihren Ententeflaggen seinem Geschäfte den
internationalen Freibrief sichern. Derlei Beispiele gibt es noch viele.
Gegenstandslos bleibt der Ausgang von Kriegen für die Gewaltigen des
Kapitales. Ihre Front lag ja nie an jenen in Blut und Dreck ersäuften
Gräben. Und im Inlande hatten nur jene verloren, die ihr Vertrauen in
die Habe des Staates oder der Einzelnen setzend es in irgendeiner Form
belehnten, die Banknoten- und Bargeldsammler, die Kriegsanleiheinhaber,
die Hypotheken- und Mündelgeldbezieher. Der in Liegenschaften jeglicher
Art verankerte Besitz büßte dabei nichts ein, im Gegenteil: Die
Verarmung der anderen schuf ihn oft schuldenfrei oder verringerte
zumindest seine Belastung. Nach Revolution und Gegenrevolution ging die
gelbe Flagge hoch. Der Aufruf „An Alle“, der 1917 vom Osten her Europa
erschüttert hatte, wurde 1924 zur Devise einer Nacktrevue im Variété.
Wie nach jeder Weltkatastrophe entwickelte sich auch nun ein
Biedermeiertum, das jene wilden zehn Jahre einfach nicht wahr wissen
wollte. Die Könige hatte es eingebüßt, nicht durch eigenen
revolutionären Geist, sondern durch die Konsequenz der Ereignisse. So
beugte es sich denn willig der neuen Diktatur, die über seinem
Sichverschweigenwollen des Gewesenen hart und kalt emporstieg. Ein Typus
Gewaltmenschen, von dem sachlichen Fanatismus Jener der Neuen Welt,
eroberte sich die Vormacht in Europa. Nur wenige Unbekannte waren
darunter, – sie hielten sich nicht lange, diese Reisläufer des neuen
Kapitals, – der Kern bestand doch aus den früheren Magnaten der
Industrie und des Bodens, aus Reedern, Kohlenfürsten, Hammerherren und
den Holzriesen des Friedens. Sie waren es, die jetzt in den Kampf um den
Cup des Lebens traten, der als Zeichen dieser vital-egoistischen Zeit
vor allen ihren Äußerungen stand, vom Boxermatch bis zur Literatur.