Mit Aufnahmen des Heimatschutzes

Ein Bild, von einem photographischen Verlag verbreitet, erregte in

den letzten Wochen bei allen Freunden heimatlicher Art und heimischen

Gewerbes viel Aufsehen. Man sah darauf den Nagelschmied Ludwig Beirer

in Augsburg, gemächlich und bedächtig, Beirer und Bayer zugleich, in

einer nett und sauber aufgeräumten Werkstatt vor dem Amboß stehen und

erfuhr dabei: daß dies die letzte Nagelschmiede Deutschlands sei.

Das aber ließen die übrigen Nagelschmiede, die es neben diesem

»einzigen« noch gab, nicht auf sich sitzen. Aus der Versunkenheit

ihrer verräucherten Arbeitsräume tauchten sie hervor, und die guten

Nachbarn, mit denen sie in langen Arbeitsjahren zusammenhausten, taten

das Übrige, sie ein wenig herauszustellen. Da hatte auf einmal Meißen

seinen Nagelschmied, irgendwo in einem der Ludwig-Richter-Winkel.

Aus Freital meldete man die betriebsame Anwesenheit des freundlichen

Rheinländers Philipp Colonnius, der da Tag für Tag seine Nägel im Feuer

schmolz und auf dem Amboß härtete. Es wurden Nagelschmiede hinter

Zinnwald, nahe der tschechischen Grenze, namhaft gemacht und einer,

ein Achtzigjähriger, in einer uralten Schmiede zu Magdeburg. Aber man

sprach von ihnen allen, wie man von einem alten Museumsstück redet oder

etwa von der mächtigen Eibe des Ortes. Mit Wehmut und Bedauern: Schade

drum, der Nagelschmied stirbt aus.

Nun, der in Schandau, Herr Oskar Otto auf der hintersten

Hindenburgstraße, hat sich damit abgefunden. Einmal schon fand er

sich ab: vor zweiundfünfzig Jahren, als das Schicksal zunächst dem

Vater Nagelschmied einen bösen Armschaden zufügte, der lebenslang

nicht wieder verschwand, und nun den schmächtigen Vierzehnjährigen

für den ausgeschiedenen Vater an den Amboß stellte. Der junge Oskar

hatte ganz andere Pläne gehabt, zum mindesten ein Handwerk lernen

wollen, das nicht durchaus und allenthalben in einer schwarz verrußten

Werkstatt ausgeübt werden mußte. Aber dann war er stille geworden, weil

er sah, es ging nicht anders. Und dann auch wieder stolz: als sein

Gewerbe so schön aufblühte, daß er es selbst mit vier Gesellen kaum

schaffen konnte, was die großen Holzkähne auf der Elbe alles an Nägeln

brauchten. Und jetzt – nun er ist sechsundsechzig Jahre alt geworden

und es gibt, vereinzelt, immer noch Leute, die für ihren Betrieb den

guten kantigen Handnagel bestellen.

Im übrigen aber: er hat es doch so schön in dieser ländlichen Idylle.

Der Wein sprießt um sein kleines Fachwerkhaus, der Kirnitzschmühlbach

läuft nebenhin, zwischen zart überhauchten Gartenbeeten und Obstbäumen,

aus denen die Knospen brechen. Es liegt eine alte Gerechtsame auf

diesem Stück Wasserlauf, denn früher war das Haus, das damals noch viel

weiter in die Gasse ragte, eine Mühle. So darf der Nagelschmied heute

noch seine Forellen und – zuweilen achtundzwanzigpfündige – Lachse

im Fischkasten fangen. Die Schloßbastei aber guckt mit ihren runden

Baumkuppen freundlich herein.

Hier also steht er am Amboß, zweiundfünfzig Jahre nun schon. In dieser

Werkstatt, die faustisch ist, mittelalterlich düster in die heitere

Straße hineingesetzt.

[Illustration: Abb. 1. =Meister Otto beim Schmieden seiner Nägel=]

Das Feuer schwelt im engen Backsteinofen. Und als der Meister jetzt

den Blasebalg bewegt, – noch mit dem Fuß, elektrischen Antrieb trägt

das Geschäft nicht – brennen die Flammen hell auf. Sanft rauscht der

mächtige schwarze Fledermausflügel, der die Luftwelle heranbringt.

Sanft, mit schwerem Flügelschlag rauscht Vergangenheit, rauscht die

Geschichte dieses in Treue und Arbeit gelebten Lebens durch den Raum.

[Illustration: Abb. 2. =Meister Otto in seiner Werkstatt am Arbeitstag=]

In die aufsprühende Glut hält der Meister – graubärtig, im grünen

Schurzfell, die Schirmmütze tief hereingezogen – seinen langen dünnen

Eisenstab. Jetzt glüht die Spitze. Jetzt wird die Butterweiche,

Schmiegsame mit dem Hammer gemodelt, zugespitzt, erhält so die Kanten,

die den Nagel dann so dauerhaft im Sitzen machen. Jetzt wird sie vom

Stabe getrennt, steckt schmal und scharf im Öhr des Nageleisens: der

Kopf wird aufgehämmert, erkaltend, grau und unscheinbar fliegt die erst

so Rosigschöne zu den übrigen Nägeln.

Wie lange noch? – Die Welt hat sich auf Fabrikware umgestellt. Auf

Fabriknägel, billige und glatte. Und die großen Elbkähne werden, bis

auf kleine Teile, aus Eisen gemacht. So verstauben die vielen

Nageleisen jeglichen Formats ungenützt an den Wänden.

[Illustration: Abb. 3. =Der Meister beim Befeilen der geschmiedeten

Haken=]

Jedes Jahr mindestens einmal setzt der Mühlgraben die Schmiede unter

Wasser. Wenn der Schnee droben in den Bergen schmilzt oder lange

Regenfälle kommen. Einmal aber, wohl in den siebziger Jahren, stieg

die schmutzige Flut über die Werkstatt hinaus ins obere Stock. Damals

haben die Schmiedeleute mit ihren vier Gesellen vier Wochen lang in den

Bodenkammern gehaust, haben die großen Burschen mit durchgefüttert,

um später die geschickten Leute nicht hergeben zu müssen. So drängte

damals die Arbeit in den Werkstätten.

Heute hängen die Nagelschmiede, einer nach dem andern, ihr Gewerbe an

den letzten dicken verrosteten Schiffsnagel ihrer verödenden Werkstatt,

wenden sich anderer einträglicherer Arbeit zu oder setzen sich aufs

Altenteil …

* * * * *

Der Himmel ist blau wie ein Riesenvergißmeinnicht über der blanken

Stadt Schandau. In den Gärten der Sendig-Hotels unten am Fluß werden

die Betten gesömmert, und über die Wege der Kurpromenade raschelt der

Rechen.

Der Nagelschmiedemeister Oskar Otto rechnet nicht mit den Fremden,

die – eine Auswirkung des Durchgangsverkehrs – spärlich genug in dem

Städtchen Herberge beziehen. Er wurzelt im Vergangenen, in jenen

Zeiten, da die festen Bürgerhäuser hier am Kirnitzschufer entstanden.

Neulich hat er ein paar Fahnenhaspen ins Fachwerk gegenüber treiben

müssen – das Holz, das doch viele, viele Jahre in diesem Bau steckt,

das zermürbt sein müßte vom Wetter und Wasser, hat sich widersetzt bis

aufs äußerste.

So fest, so solide war die alte Zeit und ihr Gewerbe. Aber die neue,

flüchtige und geschwinde räumt mit ihm auf.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVII, Heft 3–4 · 第 53 / 68 题