Ulrich und Jehle – wie reimt sich das zusammen? Beide Worte haben nur
den einen Buchstaben l gemeinsam. Und doch steckt der Name des großen
Bischofes von Augsburg (890–973) in dem Namen Jehle, und nicht nur in
diesem, sondern auch in zahlreichen heute sehr viel anders lautenden
deutschen Namen. Aus der Familie der späteren Grafen von Dillingen
entsprossen und zu St. Gallen gebildet, wurde Bischof Ulrich nicht
nur der Erneuerer, sondern auch der Retter seines Bistums, da er zu
der glänzenden Besiegung der Ungarn auf dem Lechfelde im Jahre 955
ganz wesentlich beigetragen. Schon zwanzig Jahre nach seinem seligen
Hingange durch Johann XV. auf der Lateranensischen Synode heilig
gesprochen (es war die erste feierliche Heiligsprechung überhaupt),
wurde der ehemalige Anwalt der Armen und Apostel des Friedens, der auch
als Bischof so einfach wie ein Mönch gelebt, nicht nur in den Bistümern
Augsburg und Konstanz (letzteres die größte deutsche Diözese), sondern
weit darüber hinaus vom christlichen Volke verehrt. So wurde sein Name
als Taufname beliebt. Letztere Übung erhellt z. B. daraus, daß in den
Registern und Kameralakten Klemens’ VII. von Avignon (Göller Emil,
~Repertorium Germanicum~ 1, Berlin 1916) aus den Jahren 1378–1394 nicht
weniger als vierzig Personen mit dem Taufnamen Ulrich genannt werden.
Daß diese Vorliebe auf die um jene Zeit allenthalben in deutschen
Landen eben vollendete Familiennamengebung von großem Einfluß war,
ist um so einleuchtender, als gerade die mittelalterlichen Taufnamen,
mögen sie nun, was zumeist der Fall war, dem germanischen oder dem
nichtdeutschen biblischen oder griechisch-römischen Sprachgebiete
entnommen sein, dabei eine Hauptrolle spielen. Dazu kommt, daß der
Taufname Ulrich auf schwäbisch-bayerisch-alemannischem Gebiete, wie
auch für Altbayern die ~Monumenta boica~ ausweisen, seit dem elften
Jahrhundert neben Heinrich und Konrad einer der allerhäufigsten
ist. Der hagiologische Einfluß berechtigt uns, auch die Kurz- und
Koseformen wie z. B. Ul und Uz zum Vollnamen Ulrich zu stellen, zumal
sie auch urkundlich so belegt sind. Die Volkstümlichkeit unseres
Heiligen erhellt auch daraus, daß er unter anderem gegen Rattenplage,
Gichtleiden und Übelkeit angerufen wurde. Daher die bekannte Redensart:
»den heiligen Ulrich anrufen«, d. h. sich erbrechen. Ich erinnere an
den Glauben, daß der von schwerer Beängstigung frei werde, welcher aus
dem vom hl. Ulrich im Schloß Firmian in Tirol gebrauchten Silberkelch
Wein (die sogenannte Ulrichsminne) trinkt.
Um nun auf das Thema überzugehen, sei zunächst festgestellt, daß
die verhältnismäßige Kürze des Namen Ulrich ohne volkstümliche
Vereinfachung dazu führte, ihn vielfach in voller Form, teils ganz
unversehrt, teils mit unwesentlichen Veränderungen zum Familiennamen
zu erheben: Ulrich, Ulrici, Uhlrich, Ulerich, Ullerich, Uldrich,
Ulreich. Aus all diesen Formen spricht noch klar der schöne altdeutsche
Personenname Udalrich, d. h. mächtig durch Erbgut. Das Bestimmungswort
udal lebt übrigens noch heute im Wort Kleinod, d. h. kleines, aber
wertvolles Gut. Da die ältere Form uodal nicht nur in udal, sondern
auch in odal verwandelt wurde, gehören aber auch die Familiennamen
Olerich, Oelreich, und Oellrich zu Uodalrich. Dieser stieg je nach
der Gegend regelmäßig in jener Form zum Familiennamen auf, wie er als
Rufname geläufig war. So sagt z. B. der Schweizer heute noch statt
Ulrich lieber Uelerich, oder Uelrech, aber auch mit mundartlicher
Lässigkeit Ueleri, Uerich und Ueri, während der Allgäuer die Formen
Uerich und Uere gebraucht. Hieraus erklärt sich auch der Familienname
Urich (Innsbruck).
Da es allgemein üblich ist, im familiären und gesellschaftlichen
Verkehr die Taufnamen zu kürzen und sich vielfach mit dem ersten Teile
zu begnügen, lauten z. B. die schweizerischen Rufnamen für Ulrich auch
Ueli und Üeli. Aus Flamms Ortsbeschreibung der Stadt Freiburg i. Br.
sind uns, was ja für diesen Zweck ungleich wichtiger ist, folgende
alte Formen des Taufnamens Ulrich bezeugt: Ul, Ulin, Uli, Yelin,
Yehle, Ihelin (letztere drei mit Betonung des Anfangsbuchstabens und
kurz nachklingendem e, also I–he–lin). Aus Iele (gesprochen I–ele
dreisilbig), wurde aber auch unter Verlegung des Tones auf das e
und Verwechslung des I (Vokal) mit Jod (Halbvokal) der Familienname
Jeh–le (zweisilbig). Diese Wandlung ist übrigens bei weitem nicht so
stark, als wenn z. B. aus Cyriacus und Hieronymus Zilk und Grolms sich
entwickelten, welche als Familiennamen heute noch im deutschen Norden
vorhanden sind. So verstehen wir nun auch die Familiennamen Uhl, Ohl,
Uhli, Hochuli, (d. h. der Ulrich auf der Höhe), Ule, Uhle, Uhlmann,
Ulmann (was ich ehestens als Mann, d. i. Besitznachfolger auf dem Hofe
des Ulrich deute), Ullemeyer (Ulrich der Erbpächter), Uehlin, Uhlin,
Uihlein, Uhlein, Ühle, Ühling, (d. h. des Ulrich Sohn), Ihli, Ihle
(beide Entrundungen auf alemannischem Gebiete häufig), Ihlée, Ille,
Jehl, Jehlein (letztere Form fränkisch) und Jehle (schwäbisch).
Diese Fruchtbarkeit des uralten Ulrich ist hiermit noch keineswegs
erschöpft. Aus der Koseform Odizo (mit Ton auf erster Silbe und kurzem
i) ergab sich die Rufform Uz, woraus folgende Namen flossen: Utz,
Utzmann, Uez und Uetz. Die Zusammensetzungen Hermanutz (auch einen
Hermanautz gibt es), sowie Schmidutz und Fleschutz (welch letztere zwei
mir in einer Stift Kemptischen Urkunde vom Jahre 1526 begegneten und
heute noch vorhanden sind), fasse ich als Inhaber der Hermannshofes
respektive als Ulrich der Schmied und Ulrich zur Flasche (Hausname).
Als echt sächsische Namen aber erscheinen die Formen Uhlitzsch und
Ultzsch.
Da der Norddeutsche die Koseform –iko (neuzeitlich –chen) beliebte,
ergaben sich in seiner Heimat auch die Familiennamen Ölke, Öllig, Uhlig
und Ullig.
Zum Schlusse sei noch angemerkt, daß die Schweizer Mundart noch eine
ganze Reihe uns höchst sonderbar anmutender Gebilde aus Ulrich schuf,
die jedoch meines Wissens entweder nie zu Familiennamen aufstiegen
oder schon bald wieder von der Bildfläche des Lebens verschwanden
(Innsbrucker Familienname Wule?): Uech, Uechel, Üeltsch, Üeltschi,
Uekk, Üelk, Worch, Orch, Wuli, Wultsch, Woli, Suechel, Süeri und
Nuechi. Zum Verständnis der letzten beiden Gruppen möchte ich einiges
anfügen. Der Alemanne spricht Worte und Silben, welche mit den
Buchstaben or anfangen, mit anlaufendem W aus (z. B. Worgel, Wordnung,
statt Orgel, Ordnung), also konnte Orich Worch und aus Uorli Wuli
werden. Ferner wurde nicht selten im Volksmunde der letzte Buchstabe
der lateinischen Bezeichnung für heilig, nämlich sant aus Unkenntnis
des Sachverhaltes mit dem Namen des Heiligen selbst verknüpft. Aus sant
Agatha wurde z. B. Datte (bei Burgberg). So scheint auch aus san (statt
sant vergl. San Sebastian) uechi kurz Nuechi und aus S. Üeri durch
Zusammenziehung Süeri entstanden zu sein.